Filzkrautfunde in Pankow

120 Jahre verschwunden - jetzt zurück in Berlin!

Was wie ein botanisches Märchen klingt, ist in Pankow Wirklichkeit geworden: Dort ist eine unscheinbare und seltene Schönheit aus dem Dornröschenschlaf erwacht – und dank unseres eingespielten Teams aus Rangern, Freiwilligen, Fachleuten und Behörden ist es möglich, nun davon zu berichten. Der Fund ist nicht nur eine Sensation für die Berliner Pflanzenwelt, sondern auch ein Paradebeispiel dafür, wie wir als Stiftung Naturschutz Berlin im Netzwerk mit anderen Akteuren, vor allem der Obersten und den Unteren Naturschutzbehörden, effektive Naturschutzarbeit in der Großstadt leisten.

Der Beginn dieser besonderen Geschichte liegt bei den Pankower Stadtnatur-Rangern in Kooperation mit den Stadtnatur-Rangern der SNB. Bei einer Geländebegehung im Auftrag der bezirklichen UNB stießen sie auf einer brachliegenden Ackerfläche in Pankow, die potentiell Ausgleichsfläche der Gesamtstädtischen Ausgleichskonzeption (GAK) ist, auf eine recht große Population des Deutschen Filzkrauts (Filago germanica), eine in Berlin vom Aussterben bedrohte Art. Die Information gaben wir sofort an die Untere Naturschutzbehörde Pankow und an unsere Koordinierungsstelle Florenschutz (KO FLS) weiter, damit der Fund fachlich geprüft und weitere Schritte eingeleitet werden konnten.

Schnell entwickelten mehrere Akteure zusammen die Idee, Samen dieser seltenen Arten für die Dahlemer Saatgutbank zu sammeln – eine wichtige Kooperationspartnerin für den praktischen Artenschutz in Berlin. Denn die Saatgutbank hat das Ziel, genetisches Material von in Berlin gefährdeten Pflanzenarten langfristig zu sichern. Das macht es möglich, aus den gesammelten Samen bei Bedarf Vermehrungskulturen anzulegen, um die Bestände künftig zu stärken. Bei der Sammlung des Saatguts unterstützte unter Anleitung der KO FLS der Arbeitskreis Urbanität & Vielfalt (AK U & V) tatkräftig.

Gleichzeitig war klar, dass auch der Naturstandort gepflegt werden muss, um den Pflanzen am Fundort beste Überlebenschancen zu bieten. Um dabei Unterstützung zu finden, starteten wir einen öffentlichen Aufruf über die Plattform Freiwillick Grün der Stiftung Naturschutz Berlin. Daraufhin meldeten sich viele Ehrenamtliche, die unser Team aus Rangern, ÖBFDlern und Mitarbeitenden der Biotopmaßnahme von Steremat vor Ort verstärkten.

Der Pflegeeinsatz war erfolgreich: Die offene, konkurrenzarme Vegetationsstruktur, die Filzkräuter benötigen, konnten wir in der Umgebung der Filzkrautpopulation auf der Fläche herstellen. Zusätzlich wurden die Standorte markiert, damit sie bei der Pflegemahd umfahren werden und damit das Aussamen der Pflanzen an Ort und Stelle sichergestellt wird.

An dieser Stelle wäre es bereits eine Erfolgsgeschichte für den Berliner Naturschutz, doch schon bald erhärtete sich ein weiterer Verdacht: Eine intensive Recherche zu den Filzkrautarten in Berlin und weitere Untersuchungen des gesammelten Materials machten die Sensation komplett! Am Standort wuchs nicht nur das Gewöhnliche Filzkraut, sondern auch das Gelbliche Filzkraut (Filago lutescens) – eine Art, die in Berlin seit 120 Jahren (dem Jahr, in dem der Berliner Dom seine Eröffnung feierte) nicht mehr nachgewiesen worden war und auch in ganz Deutschland als stark gefährdet gilt. Die Unterscheidung der Arten innerhalb der Gattung der Filzkräuter ist schwierig. Das auffälligste Unterscheidungsmerkmal der Art sind die tiefrot gefärbten Spitzen der Hüllblätter in den Blütenkörben.

Pankower „Filzkraut-Quartett“ ist komplett

Die Filzkräuter breiten sich offenbar in den letzten Jahrzehnten zaghaft aus. Mit diesem sensationellen Wiederfund ist das „Filzkraut-Quartett“ in Pankow nun komplett: Neben den beiden Raritäten finden sich dort auch das Acker-Filzkraut (Filago arvensis) und das in Berlin ebenfalls stark gefährdete Zwerg-Filzkraut (Filago minima) – und damit alle potenziell anzutreffenden Filzkrautarten in Berlin. Somit ist die Fläche zu einem einzigartigen Refugium für diese spezialisierten Arten geworden – ein Gewinn für Berlin und die Region.

All das zeigt, wie eng und wirkungsvoll die unterschiedlichen Akteure des floristischen Naturschutzes in Berlin zusammenarbeiten: Vom Aufschlag sowie der organisatorischen Absicherung durch die UNB Pankow über die sorgfältigen Beobachtungen der Stadtnatur-Ranger, die fachliche Begleitung durch die KO FLS und die Unterstützung des AK U&V bei der Samensammlung, bis hin dem tatkräftigen Einsatz der Freiwilligen, unterstützt durch die SNB. Gemeinsam haben wir nicht nur den Naturstandort gepflegt, sondern auch einen Grundstein für die langfristige Sicherung dieser Arten in Berlin gelegt.

Unser Blick geht nun nach vorn: Die Nutzungsmöglichkeiten dieser naturschutzfachlich wertvollen Fläche werden nun im Rahmen der Erstellung des Pflege und Entwicklungsplanes und der GAK berücksichtigt. Mit den gesicherten Samen aus der Dahlemer Saatgutbank könnten künftig Vermehrungskulturen im Botanischen Garten Berlin angelegt werden, um der Art weiter beim Neustart in der Hauptstadt zu helfen.

Der Fund der verschiedenen Filzkräuter, insbesondere des Gelblichen Filzkrauts, ist für uns nicht nur eine botanische Rarität, sondern ein Symbol dafür, was mit Engagement, Fachwissen und guter Abstimmung möglich ist. Die unscheinbaren filzigen Pflanzen und ihre Begleiter wie Sandstrohblume und Mäuseschwanz Schwingel auf einem brachliegenden Acker erinnern uns auch daran: Es geht nicht nur um einzelne Arten, sondern um die Vielfalt und den Wert unserer Stadtnatur – und die ist jede Anstrengung wert.

Autor: A. Stier