Einer, der mehr sieht

Alexis Tinker-Tsavalas ist enthusiastischer Naturfotograf und Artenkenner. Mit seinen 19 Jahren gehört er bereits zu den bekannten Berliner Experten und begeistert mit seinen eindrucksvollen Makro-Aufnahmen winziger Insekten auf internationaler Ebene. Am Langen Tag der StadtNatur gibt er Einblicke in einen für viele völlig unbekannten Mikrokosmos - und Tipps, diesen zu entdecken.

„Siehst du ihn?“ Alexis Tinker-Tsavalas steht mit beiden Beinen in hohen Gräsern am Wegesrand und stößt fast mit der Nase an einen schmalen Ast einer Hecke. Dort hat er, so scheint es, etwas entdeckt, das außer ihm wahrscheinlich niemand sonst ohne weiteres mit bloßem Auge erkennen kann. Auf dem Ast, verknubbelt und rauh, sieht man auch bei genauerem Hinschauen tatsächlich ganz einfach: Nichts. 

Kriecht da was? Hüpft da was? Oder schlängelt sich da vielleicht auch was? „Moment, ich hole das Clip-on-Objektiv raus“, sagt Alexis, denn was er mit seinem perfekt geschulten Blick erspäht hat, soll jetzt auch für den Laien erkennbar werden. Und siehe da: Auf dem Display seines Smartphones, hundertfach vergrößert, gelblich schimmernd und fast transparent, erscheint jetzt ein Insekt, das geschäftig auf dem Ast hin- und herläuft. „Ein Weißdorn-Blattfloh“, erklärt Alexis und strahlt dabei über das ganze Gesicht.

Immer unterwegs: 135.000 Naturbeobachtungen

Kleinste Lebewesen ganz groß zeigen – das ist auch für Alexis das Größte. Die Begeisterung, die der 19-Jährige für das Beobachten und Fotografieren von Insekten in sich trägt, spiegelt sich in seinem Blick und zeigt sich in jeder einzelnen Aufnahme, die er gut sortiert in seinem digitalen Speicher abgelegt hat. 

Der Schüler hat sich in den letzten Jahren nicht nur in Berlin, sondern bereits auf internationalem Terrain einen Namen als Artenkenner und Naturfotograf gemacht: Über 7.300 Arten und 135.000 Naturbeobachtungen meldete er bisher auf der Citizen-Science-Plattform iNaturalist, zeigt auf seinen erfolgreichen Instagram- und Youtube-Kanälen unglaubliche Fotografien der kleinsten Geschöpfe und begeistert so eine neue Generation für Biodiversität. 2021 organisierte er aus eigenem Antrieb zum ersten Mal die City Nature Challenge für Berlin, was er seitdem jährlich wiederholt. An einem einzigen Wochenende tragen die Teilnehmenden dann durchaus schonmal 2500 Arten zusammen. 

2024 wurde Alexis vom London Natural History Museum in der Jugendkategorie als Wildlife Photographer of the Year ausgezeichnet – ausgewählt aus 6000 eingereichten Beiträgen. „Das war ein besonderes Erlebnis“, erinnert sich Alexis. Die Daten, die er sammelt, fließen automatisch auch in den ArtenFinder Berlin, das Online-Meldeportal der Stiftung Naturschutz Berlin, ein. Die ehrte den Teenager im Jahr 2025 für sein außerordentliches Engagement mit dem Berliner Naturschutzpreis

„Ich will wissen: Was ist das überhaupt?“

Was begeistert den jungen Großstädter ausgerechnet an Insekten, die für viele mit dem bloßen Auge gar nicht sichtbar sind? „Mich faszinieren besonders die Dinge, die man nicht so kennt. Ich finde es toll, eine Seite von Tieren zu zeigen, von denen man sonst überhaupt nichts mitbekommt: Details, Strukturen, Persönlichkeit“, sagt Alexis. Das sei auch wichtig. Denn: „Insekten spielen so eine zentrale Rolle in allen Ökosystemen – beim Bestäuben zum Beispiel! Viele Menschen wissen aber nichts über sie und auch gar nicht, dass es überhaupt so viele Insekten gibt.“ Ein eigenes Verständnis ihrer Welt zu entwickeln, eine persönliche Verbindung zu diesen Tieren aufzubauen, helfe und unterstütze dabei, diese zu erhalten.

Dabei geht es Alexis aber eben nicht nur darum, schöne Bilder zu zeigen, sondern auch, Neues zu lernen. „Ich will nicht nur ein unbekanntes Insekt sehen, sondern auch wissen: Was ist das überhaupt und was macht es im Ökosystem?“ Die Faszination für das Kleine im Großen mit anderen zu teilen, macht dem angehenden Abiturienten besonders viel Spaß. „Ich liebe es, draußen zu sein, selbst diese Dinge zu sehen, und wenn andere es miterleben können.“

Röhrenspinnen und Kugelspringer – Alexis kennt sie alle

Mit Vogelbeobachtungen hat alles angefangen, da war Alexis sieben oder acht Jahre alt. „Meine Biologielehrerin war schon in der Grundschule oft mit uns draußen, sie hat uns da immer viel angeboten“, erinnert er sich. Schon im Schulgarten fiel sein Blick auf kleine, krabbelnde, surrende Wesen: „Damals habe ich dort 350 Insektenarten gefunden.“ Sein biologisches Interesse war früh da und liegt auch in der Familie. Mit zehn Jahren begann Alexis dann, mit einer kleinen Kompaktkamera seine Beobachtungen zu dokumentieren.  Zu Coronazeiten und mit viel damit verbundener unfreiwilliger Freizeit machte er sich aus dem Umfeld der direkten Nachbarschaft auf in die Stadtnatur und entdeckte die Makrofotografie für sich. „Insekten fand ich immer schon spannend, aber ich interessiere mich eigentlich für alles“, sagt der Berliner, „Vögel, Botanik, Kleintiere – alles, was man so finden kann!“ 

Und Alexis findet viel. Seit 2018 zeigen hunderttausende seiner Meldungen bei iNaturalist eindrucksvoll, was ihm alles vor die Linse gerät. In diesem Jahr, so hofft er, knackt er mit etwas Glück die 4000-Arten-Marke. „Wenn ich losgehe, suche ich normalerweise nach keiner bestimmten Art“, erzählt der 19-Jährige, der so gut wie jede freie Minute in der Natur unterwegs ist. 

Nach einer Art hielt er jedoch jahrelang Ausschau, denn diese hatte es ihm sehr angetan: Die Rote Röhrenspinne, roter Hinterleib, darauf vier schwarze Punkte, ist jedes Jahr nur ein paar Wochen aktiv und kommt unter anderem in Heidelandschaften vor. „Als ich dann endlich ein Exemplar gefunden habe, war das ein ganz besonderer Moment“, erinnert er sich. Seine persönlichen Lieblings-Insekten? „Kugelspringer“, sagt Alexis, ohne zu zögern. „Das sind Bodenorganismen und eine Art der Springschwänze – die sind total unbekannt, aber einfach überall!“ Das kann man mit Sicherheit jemandem glauben, der auch mit bloßem Auge einen Weißdorn-Blattfloh erkennt. 

Motive, perfekt in Szene gesetzt

Auch die leuchtenblaue Fledermaus-Azurjungfer, die das diesjährige Plakat des Langen Tags der StadtNatur ziert, hat Alexis fotografiert – ganz früh morgens, im Sonnenaufgang. Libellen und auch Schmetterlinge, so weiß er, lassen sich am besten nachts oder frühmorgens ablichten.  Für alle Aufnahmen gilt: Geduld haben! „Sonst kriegt man auch kein Foto“, sagt Alexis. „Außerdem: Respektvoll sein. Das Tier in seinem Habitat lassen, vorsichtig und ruhig annähern, möglichst nicht stören.“ So hat er es auch schon geschafft, die metallic-schillernde Goldwespe fotografisch einzufangen. „Auf einer Grünfläche der FU, mitten in Berlin.“

Mit Ruhe und Behutsamkeit geht Alexis seiner großen Leidenschaft nach, beides strahlt er aus und findet ebendiese gleichzeitig im Grünen. „Ich bin, so viel es geht, draußen, um Natur zu erleben, zu filmen, zu fotografieren. Der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle, ist die Natur, allein und mit anderen zusammen, mit denen ich diese Erlebnisse teilen kann.“ 

Sein Wissen hat er sich selbst angeeignet, sowohl biologisches als auch technisches. „Durch das Hochladen und Nachbestimmen bei iNaturalist und dem Austausch mit der Makrofotografie-Community habe ich wahnsinnig viel gelernt“, sagt er. Über den Jugendbund für Naturbeobachtungen (DJN), einem selbst organisierten Verein für Jugendliche, tauscht er sich auf Exkursionen und Seminaren über Artenkenntnis aus – mit anderen Gleichgesinnten. „Das macht mir sehr viel Spaß und das empfehle ich auf jeden Fall auch anderen“, sagt er.  Für die gestochen scharfen Bilder, die er im Netz teilt, arbeitet Alexis besonders viel mit der Technik des focus stacking („Fokus stapeln“): Bei einem einzelnen Makrobild ist nur ein ganz kleiner Bereich im Fokus. Werden mehrere Bilder mit unterschiedlichen Fokusebenen übereinandergelegt, entsteht eine immer stärkere Schärfe, sodass jedes noch so kleine Detail hervortritt. „Das Bild von der Roten Röhrenspinne besteht aus ungefähr 100 einzelnen Bildern“, erklärt der junge Experte.

„Stadtnatur ist so faszinierend!“

Auf den Langen Tag der StadtNatur freut sich Alexis sehr. Als kleiner Junge war er schon oft bei Veranstaltungen dabei und fand das sehr spannend. 2026 bietet er zum ersten Mal selbst eine Veranstaltung an. Dabei möchte er Kinder, Jugendliche und Familien in die Natur mitnehmen und dort unmittelbar Insekten zeigen. Auch einfache Fototechniken mithilfe von Clip-on-Objektiven, die sich auf Smartphones befestigen lassen, will er vermitteln und es die Leute ausprobieren lassen. „Selbst fotografieren ist cooler, als nur zuzusehen und zuzuhören“, findet Alexis. Der Weg mitten hinein in die Welt der Insekten ist kurz, denn er liegt direkt vor der Haustür. „Stadtnatur ist so faszinierend - es gibt einfach überall etwas zu sehen! Im Blumentopf, auf dem Grünstreifen, im Hinterhof, mitten in der Innenstadt!“

Autorin: Christina Koormann