„Das Ziel muss immer die Auswilderung sein“
Eine Kollision mit einem Auto, ein Crash gegen eine Glasfassade bei der Jagd im Eifer des Gefechts, ein tiefer Fall aus einem sehr hoch gelegenen Nest – Berlins Greifvögel leben in der Hauptstadt zwar gut, aber oft auch gefährlich. In der Marzahner Wildvogelstation des NABU Berlin werden neben verschiedenen Vogelarten verletzte Habichte, Mäusebussarde, Turmfalken und andere Greifvögel gesund gepflegt – mit dem erklärten Ziel, nach der Genesung wieder ausgewildert werden zu können. Marc Engler, Wildtierbiologe und Leiter der Wildvogelstation, hat mit uns über seine Arbeit und die beflügelten Patienten gesprochen. Das Projekt „Pflege hilfsbedürftiger Greife und Falken“ fördern wir aus Mitteln der Jagdabgabe.
Nur wenige hundert Meter entfernt von einer Kindertagesstätte liegt die NABU-Wildvogelstation im Marzahner Wuhletal. Wo die Kleinen in der Mittagssonne laut toben, ist es ganz in der Nähe sehr still: Auf dem Stationsgelände brauchen die gefiederten Patienten, jeder für sich, Ruhe, Dunkelheit und genug Platz, um möglichst reizarm wieder gesund zu werden. „Aktuell wohnen zwei Mäusebussarde, zwei Waldohreulen und zwei Turmfalken bei uns in den Greifvogelvolieren“, sagt Wildtierbiologe Marc Engler, der die Station und das achtköpfige Team leitet.
50 bis 60 verletzte Greifvögel pro Jahr versorgen Marc Engler und sein Team in der NABU-Wildvogelstation, der einzigen ihrer Art in Berlin. In den Volieren stehen den verletzten Tieren je 22 bis 23 Quadratmeter zur Verfügung, vorgeschriebene Haltungsgrößen liegen bei etwa 13 bis 14 Quadratmetern. „Hier werden sie gepflegt, der Genesungszustand beobachtet, beringt und nach erfolgreicher Genesung wieder in die Freiheit entlassen“, sagt Marc Engler.
Berlin ist für zahlreiche Vogelarten, darunter viele verschiedene Greifvögel, als Mosaik aus urbanen Grün- und Brachflächen, Parkanlagen und Friedhöfen ein idealer Lebensraum. Greifvögel, die die Nähe zum Menschen tolerieren, können hier brüten und Nahrung finden. Insbesondere Habichte haben hier eine besonders hohe Siedlungsdichte, sodass man durchaus von Berlin als einer europaweiten Habicht-Hochburg sprechen kann. Neben vielen Chancen, die die Großstadt bietet, gibt es hier aber auch etliche Risiken und Gefahren für die Tiere.
Zahlreiche Bedrohungen für Wild- und Greifvögel
Was sind die häufigsten Ursachen für Verletzungen, mit denen die Vögel in die Station eingeliefert werden? „Das Risiko für Kollisionen mit anthropogenen Strukturen ist sehr groß“, erklärt Marc Engler. Vor allem Glasfronten stellen eine Bedrohung dar, weil sie für Vögel nicht sichtbar sind und sie bei der Jagd mit voller Geschwindigkeit darauf prallen können. Beim Flug über Straßen kollidieren Vögel oft mit Autos oder anderen Fahrzeugen. In ländlichen Regionen können bei Unfällen außerdem auch Strommasten und Windkraftanlagen eine Rolle spielen. Eine weitere Gefahr, die sich insbesondere bei Mäusebussarden immer häufiger zeigt, sind Gifte, die Nagetiere aufgenommen haben. Vergiftungen dieser Art können zu Leber- und Blutschäden, neurologischen Ausfällen und inneren Blutungen führen. „Frisst ein Mäusebussard eine mit Rattengift vergiftete Maus oder Ratte, stirbt er im schlimmsten Fall selbst schmerzhaft und leidvoll“, sagt Marc Engler.
Auch für Jungtiere kann es heikel werden, wenn sie aus ihren Nestern fallen – Turmfalken etwa brüten an Gebäuden und Kirchtürmen, oft in großer Höhe. Missglückt der Jungfernflug eines Jungtieres, werden durch den Aufprall auf dem Boden unter Umständen Verletzungen verursacht.
30 bis 40 Prozent aller eingelieferten Vögel haben Verletzungen und Einschränkungen, an denen jedoch gar nicht ablesbar ist, was sie verursacht haben könnte. „Wenn sich jemand bei uns meldet und sagt: „Ich habe einen Vogel beobachtet, der verletzt ist, tappen wir oft im Dunkeln“, sagt Marc Engler. „Wird zum Beispiel eine Waldohreule mit eingeschränkter Sicht ohne Informationen zu den Fundumständen zu uns gebracht, bleibt es eine Spekulation: Gab es vorher eine Kollision mit einer Scheibe oder einem Auto?“
Schnelle Vogelhilfe am Telefon
Sind Menschen plötzlich in der Situation, einen verletzten Vogel zu finden, wissen die wenigsten, wie man sich dann verhalten soll. Deshalb ist der telefonische Draht zur Wildvogelstation kurz: Hier geben die Mitarbeiter*innen den Anrufenden eine Einschätzung, was am besten zu tun ist. „Wichtig ist, zu wissen: Nicht jeder Vogel, der am Boden sitzt und nicht wegfliegt, wenn sich jemand nähert, ist per se auf Hilfe angewiesen“, sagt der Stationsleiter. Als Ästlinge werden viele junge Singvögel zum Beispiel noch eine Zeit lang außerhalb des Nestes von ihren Eltern versorgt, bevor sie vollständig flugfähig sind. Er und sein Team leisten mit der telefonischen Beratung sehr viel Präventionsarbeit und wägen in jedem einzelnen Fall ab, ob Hilfe überhaupt nötig ist. Der Bedarf an Beratung ist da – Tendenz steigend: „Im letzten Jahr haben wir in rund 6300 Fällen telefonisch beraten“, sagt Marc Engler. „Das waren rund 35 Prozent mehr als im Jahr 2024.“
Der Weg zur Wiederauswilderung
Was passiert ab dem Moment, in dem ein Anruf eingeht und am anderen Ende der Leitung jemand sagt: „Ich habe einen verletzten Vogel gefunden, was soll ich jetzt machen?“
Zunächst einmal muss sich ein*e Tierärzt*in das Tier anschauen. „Wir arbeiten eng zusammen mit der Klein- und Heimtierklinik der FU Berlin. Die Klinik und ihr Expertenteam leisten wirklich tolle Arbeit“, sagt Marc Engler. Zusammen mit der Klinik entscheiden er und sein Team, ob es für den verletzten Vogel eine realistische Auswilderungschance gibt und der Rehabilitationsprozess zu einer Wiederauswilderung führen kann.
„Ein sehr großer Teil der Tiere schafft es nicht. Es ist jedes Mal eine Einzelfallentscheidung, immer im besten Sinne für das Tier“, erklärt der Wildtierbiologe. Ist eine Behandlung nicht erfolgsversprechend, ist die Erlösung von Tierleid mit sehr seltenen Ausnahmen die einzige Option. „Entscheiden wir uns für eine Behandlung und Rehabilitation, muss die Auswilderung immer das Ziel sein.“ Hier müsse man ehrlich sein, so Marc Engler. „Ein Tier, das mit eingeschränkter Flugfähigkeit, reduziertem Jagdvermögen oder ohne arttypisches Verhalten ausgewildert wird, hat in der Natur kaum eine Überlebenschance.“ Das Tier würde verhungern oder schnell anderen Gefahren zum Opfer fallen. „Tierleid bestmöglich zu verringern fließt deshalb gleichwertig in die Entscheidung über den weiteren Umgang des Tieres ein.“
Pflege in der Wildvogelstation
Mehrere Wochen kann es dauern, bis ein Vogel bereit für seine Auswilderung ist. Bis dahin lautet das Credo: Viel Ruhe. Während des Aufenthalts der gefiederten Patienten in der Wildvogelstation ist es wichtig, den Kontakt mit ihnen auf ein Minimum zu reduzieren. „Das Tier sollte den Menschen als neutral oder sogar bedrohlich wahrnehmen, damit es sich nicht an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt“, erklärt Marc Engler. Das wäre für die Auswilderung fatal. Per Kameraüberwachung können die Mitarbeiter*innen sehen, wie sich die Tiere verhalten und auch, wie sie reagieren, wenn sich niemand in der Voliere befindet: Ist der Vogel gestresst, zeigt er arttypisches Verhalten, ist er uneingeschränkt flugfähig? Wie verhält er sich, wenn er alleine ist? Frisst das Tier? „Für eine akkurate Einschätzung muss man sehr feinfühlig sein und viel Erfahrung mitbringen“, sagt Marc Engler.
Rund ein Drittel der Wildvogelstationsbewohner sind Ringeltauben. „Sie sind sehr kompliziert in der Versorgung“, sagt Engler. „Sie reagieren stark auf Reize und die Unterbringung sollte für sie immer bestmöglich abgeschirmt sein.“ Für die längere Pflege von Wasservögeln wie Enten, Schwäne oder Gänse ist die Wildvogelstation nicht ausgelegt. „Dafür fehlt uns leider ein nötiger Wasserzugang und die notwendige Fläche für die Tiere.“
Ein Vogel will fressen
Die Aufgaben des Teams erstrecken sich über die tägliche Abfütterung, Visiten bis zur Telefonberatung. „Das Telefon klingelt ständig, vor allem im Sommer – da gibt es zwischen 10 bis 20 Anrufen pro Stunde“, sagt Engler. Er behält im großen Ganzen den Überblick: Wo liegen die Kapazitäten des Teams, ist alles gut verteilt, wo ist der Bedarf am größten?
Dabei kann sich das Team komplett aufeinander verlassen. „Wichtig sind bei uns vor allem Soft Skills, gute Kommunikation am Telefon und die Fähigkeit, vorausschauend zu denken.“ Täglich wird abgestimmt, wer in die Versorgung der verschiedenen Artengruppen geht. Dabei richtet sich alles nach einem elaborierten Hygieneschutzsystem. „Auf Seuchengeschehen wie die Vogelgrippe müssen Stationen zu jedem Zeitpunkt schnell reagieren können“, sagt Engler. Die Futtermittel unterliegen einem ausgeklügelten Management und müssen täglich individuell zubereitet werden. „Da sind die Wünsche und Ansprüche der Tiere tatsächlich ganz unterschiedlich – manche Habichte können zum Beispiel ziemlich wählerisch sein.“
Zurück in die Freiheit
Wenn der Zeitpunkt für die Auswilderung gekommen ist, werden die Greifvögel in der Regel direkt auf dem Gelände der Wildvogelstation freigelassen. „Wichtig ist zum Beispiel dabei der Tageszeitpunkt – je nachdem, ob der Vogel tag- oder nachtaktiv ist“, erklärt Marc Engler. Ebenso fließen das Alter, der Fundort und die klimatischen Umstände in die Entscheidung des Auswilderungsortes ein.
Der wichtigste Faktor ist jedoch die Freilassung in einem für den Vogel geeigneten Habitat. Ausgewilderte Greifvögel finden außerdem problemlos zu ihrem ursprünglichen Lebensort zurück - wenn sie dorthin zurück wollen. „Man unterschätzt, wie gut ein Vogel sich durch die Landschaft navigiert“, sagt Marc Engler. Jungtiere hingegen sind in der Regel noch nicht fest an einen Ort gebunden. Anhand eines Kennrings können die entlassenen Patienten überall wiedererkannt werden. So lässt sich nachverfolgen, wo die genesenen Tiere unterwegs sind, und auch, ob ein eingelieferter Vogel schon zuvor einmal in der Wildvogelstation untergebracht war. „Es ist schon vorgekommen, dass Patienten ein zweites Mal zu uns gebracht wurden“, sagt Marc Engler. Über die Beringung gibt es jedoch insgesamt wenig Rückmeldung über den Verbleib der Tiere, sodass die Wildvogelstation auf die moderne Besenderung von Tieren umsteigen wird. „Das Anbringen von GPS-Sendern beeinträchtigt die Tiere nicht in ihrer Flugfähigkeit und liefert extrem wertvolle Daten darüber, was mit dem Tier passiert und ob unsere Arbeit sich auszahlt.“
Über 200 Vögel entlässt die Wildvogelstation jährlich wieder in die Freiheit. Um an diesen Punkt zu kommen, ist großes Engagement und viel Leidenschaft für diese Aufgabe von allen nötig, die an dem Prozess einer jeden Wiederauswilderung beteiligt sind. Bei allen Abschieden, die Marc Engler schon begleitet hat, ist eine Auswilderung für ihn jedes Mal ein kurzes Innehalten: „Da fliegt ein Leben, das eine zweite Chance bekommt.“
Autorin: C. Koormann







