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Die Vielfalt im Blick

Pflanze des Monats Juni 2023

Gefleckte Fingerwurz Dactylorhiza maculata agg.

(Artengruppe Dactylorhiza maculata)

Weltweit ist die Vielfalt der Orchideenarten mit 15.000 bis 30.000 enorm. Selbst Fachleute sind sich bei einigen nahe verwandten Arten nicht immer einig, welche Pflanze sie nun vor sich haben. Das ist auch bei unserer Pflanze des Monats, der Artengruppe Gefleckte Fingerwurz (Dactylorhiza maculata agg.), der Fall. Die Gefleckte Fingerwurz im engeren Sinne wird mit Fuchs’ Knabenkraut (Dactylorhiza fuchsii) zu einer Artengruppe zusammengefasst, da es Übergänge in wichtigen Merkmalen gibt. Allerdings unterscheidet sich die Form ihrer Blüten und Untersuchungen zufolge auch die Anzahl ihrer Chromosomen. Es gibt jedoch Hybriden, also gemeinsame Nachkommen, die die Unterscheidung der Arten erschweren.

Die in Berlin bekannten Wildvorkommen dieser Artengruppe wurden dem Fuchs’ Knabenkraut zugeordnet, da in Brandenburg bisher nur diese Sippe eindeutig nachgewiesen wurde. Da inzwischen in Berlin auch etablierte Verwilderungen aus ehemals angepflanzten Beständen zu finden sind, ist eine klare Zuordnung nicht immer möglich. Daher sprechen wir hier von der Artengruppe Gefleckte Fingerwurz.

Sie täuscht Bestäuber

Der Gattungsname Fingerwurz (Dactylorhiza) leitet sich von ihren zwei handförmig geteilten und verdickten Wurzelknollen ab. Das lateinische Wort maculata bedeutet gefleckt, was sich auf die meist kreisrund gefleckten Blätter bezieht. Das ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal. Auch das häufiger vorkommende Breitblättrige Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) besitzt gefleckte Blätter.

Die Pflanze ist mehrjährig. Im Frühjahr treiben aus den Wurzelknollen 3-10 zungenförmige, spitz zulaufende Blätter aus, die 7-20 cm lang und 0,7-1,5 cm breit sind. Der Blütenstand besitzt 2-6 kleinere Blätter am Stängel und endet in einer Ähre aus 15-20 Blüten. Beim ersten Aufblühen ist die Ähre kegelförmig, später zylindrisch. Die Blütenfarbe ist weißlich bis hell-lila mit einer lila Zeichnung aus Schleifen und Flecken. Drei der sechs Kronblätter bilden eine 10-14 mm breite „Unterlippe“ aus etwa gleich langen Lappen. Am Ende der Lippe sitzt ein 7-10 mm langer, hohler Sporn.

Von Ende Mai bis Ende Juli steht die Gefleckte Fingerwurz in voller Blüte und wird 20-70 cm hoch. Ihre Blüten sind sogenannte Täuschblumen, das bedeutet, sie bieten keinen Nektar als Belohnung. Käfer, Hummeln, Bienen und Schwebfliegen landen auf der Lippe und suchen im Sporn erfolglos nach Nektar. Beim Berühren des einzigen Staubblatts werden zwei Pollenpakete an die Insekten angeheftet, sodass sie der Pflanze dennoch bei der Bestäubung helfen. Da die Blüten so vielgestaltig sein können, lernen die Bestäuber nur langsam, diese Täuschung zu erkennen.

Ihre Frucht ist eine Kapsel, die bis zu 6000 winzige Samen enthält, die durch den Wind ausgebreitet werden. Die Keimlinge sind für ihr Wachstum auf die Symbiose mit Pilzen (Mykorrhiza) angewiesen, durch die sie über ihre Wurzeln mit Nährsalzen versorgt werden.

 

Flexible Standortansprüche und trotzdem selten

Zu finden ist die Gefleckte Fingerwurz auf feuchten Magerrasen, in Nieder- und Quellmooren und in lichten Wäldern. Sie ist in ihren Standortansprüchen breit aufgestellt und gedeiht auf kalkarmen sowie kalkreichem, trockenen und feuchten Böden in der Sonne und im Halbschatten.

Die Artengruppe Dactylorhiza maculata agg. ist in einem ausgedehnten Verbreitungsgebiet in Eurasien zu finden, welches von der Atlantikküste Spaniens bis zum Balkan und von Island über Skandinavien bis nach Sibirien reicht. Deutschland gehört zu ihrem Hauptverbreitungsgebiet. In Berlin ist sie allerdings inzwischen an ihren ursprünglichen Standorten verschwunden, sie gilt hier als verschollen. Zu finden ist sie aber seit einigen Jahren als Verwilderung in Grünanlagen.

Obwohl die Gefleckte Fingerwurz nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt ist – die Pflanzen also nicht entnommen und ihre Standorte nicht beschädigt werden dürfen –, ist sie bundesweit durch Trockenlegen oder Aufforstung von Feuchtwiesen gefährdet. Auch eine intensive Beweidung von Frisch- und Feuchtwiesen vermindert ihr Vorkommen. Hinzu kommen Grundwasserabsenkungen sowie Stickstoffeinträge durch Düngung und aus der Luft, die schnellwachsende Arten wie Schilf oder Brennnesseln fördern, welche Dactylorhiza maculata schließlich verdrängen.

Feuchtwiesen entstanden historisch durch die Rodung von Auwäldern und Erlenbrüchen, welche anschließend nur gelegentlich durch Mahd oder Beweidung genutzt wurden. Wird diese Nutzung aufgegeben, wachsen wieder Büsche und schließlich Wälder, wodurch die Standorte für die Gefleckte Fingerwurz zu stark beschattet werden. Um dagegen zu wirken, ist eine kontinuierliche, behutsame Bewirtschaftung vonnöten.

Sollten Sie auf Ihren Spaziergängen dieses Schmuckstück finden, freuen wir uns sehr über eine Fundmeldung per E-Mail mit Fotobeleg. Vielen Dank!

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