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Die Vielfalt im Blick

Pflanze des Monats Februar 2024

Geflecktes Habichtskraut Hieracium maculatum Schrank

Die Evolution ist ein Prozess, der nach menschlichen Maßstäben sehr langsam abläuft. Es gibt jedoch einige Pflanzengruppen, bei denen die Entstehung neuer Arten im Zeitraffer beobachtet werden kann. Dazu gehört die große Gattung der Habichtskräuter (Hieracium). Ihr heutiger Artenreichtum ist vermutlich seit der letzten Eiszeit aus Kreuzungen verschiedener Habichtskräuter entstanden. Viele der so entstandenen Arten zeigen eine Besonderheit: Sie pflanzen sich durch Jungfernzeugung fort, bei der Samen ohne Befruchtung gebildet werden. Die Keimlinge sind also genetisch identisch mit ihrer Mutterpflanze. Das bedeutet aber nicht, dass auch alle Habichtskräuter identisch sind. Stattdessen hat sich ein überwältigender Formenreichtum entwickelt. Aktuell sind etwa 200 Arten und 1.500 Unterarten beschrieben, die an unterschiedlichste Lebensräume angepasst sind. Da sie sich aufgrund ihrer ungeschlechtlichen Fortpflanzungsweise nicht miteinander kreuzen können, betrachten viele Botaniker*innen die Unterarten als eigenständige Arten.

Deren Unterscheidung ist allerdings schwierig, so dass in der Praxis häufig doch auf das bekannte Konzept mit „nur“ 200 Arten zurückgegriffen wird. Auch bei unserer Pflanze des Monats Februar, dem Gefleckten Habichtskraut (Hieracium maculatum), handelt es sich eigentlich um eine Artengruppe, die allein in Deutschland 31 Unterarten umfasst. 

Gefleckt? Meistens schon!

Das Gefleckte Habichtskraut ist eine bis zu 80 cm große Pflanze, die einen ähnlichen Aufbau zeigt wie viele Habichtskräuter. Aus einer Blattrosette wachsen ein oder mehrere Blütenstände, welche die Blütenköpfchen mit den leuchtend gelben Zungenblüten tragen. Was es auf den ersten Blick von anderen Habichtskräutern unterscheidet, ist die rot-violette Fleckung der Blätter in der bodennahen Blattrosette und am Blütenstand. Auf den zweiten Blick ist es leider etwas schwieriger. So gibt es ab und zu Pflanzen, deren Blätter ungefleckt sind und es existieren verwandte Arten, die ebenfalls gefleckte Blätter zeigen können. Also müssen weitere Merkmale herangezogen werden. So trägt der fast immer behaarte Blütenstand mindestens zwei, meistens aber mehr Blätter und in der Blattrosette stehen bis zu acht lanzettliche Blätter, die deutlich in den Blattstiel verengt sind. Die Blüten zeigen sich von Mai bis Juli. Dann wächst ein rispenförmiger Blütenstand mit drei bis acht Ästen aus der Blattrosette, der bis zu 20 oder mehr gelb blühende Köpfchen trägt. Ein wichtiges Merkmal sind die schwarzen Drüsenhaare an den Hüllblättern der Köpfchen.

Eine Bestäubung der Blüten ist nicht nötig, da Hieracium maculatum zu den Habichtskräutern gehört, deren Samen ohne Befruchtung gebildet werden. Trotzdem werden die Blüten wegen ihres Pollens von Insekten besucht und auch Zikaden saugen gern an der Pflanze. Eine Vermehrung findet außerdem durch unterirdische Ausläufer statt, so dass bei guten Bedingungen nicht nur einzelne Pflanzen, sondern ganze Gruppen des Gefleckten Habichtskrauts zu beobachten sind.

Wärmere Standorte bevorzugt

Hieracium maculatum hat seinen Verbreitungsschwerpunkt im südwestlichen Europa, wo es von Spanien über Frankreich bis in die westlichen Alpen und Süddeutschland vorkommt. In Nordeuropa fehlt die wärmeliebende Art, während sie nach Osten hin immer seltener wird. Der Ostrand der Verbreitung befindet sich im Baltikum und der westlichen Ukraine. Einzelne Vorkommen finden sich auch in Südosteuropa, der Türkei und dem Kaukasus.

Der Lebensraum des Gefleckten Habichtskrauts sind wechseltrockene bis frische Standorte mit nährstoffarmen Böden. In der Natur kann es in lichten Eichen- und Kiefernwäldern und an deren Säumen gefunden werden, ebenso in Heiden und Halbtrockenrasen. Auch stärker durch Menschen geprägte Lebensräume sagen ihm zu, so z.B. Straßenböschungen, Bahnschotter oder Weinberge. Speziell in Berlin stellen alte Friedhöfe ein wichtiges Refugium für diese und andere seltene Arten dar.

Friedhöfe als Lebensretter

Solche Refugien sind sehr wichtig für den Bestand des Gefleckten Habichtskrauts in Berlin, da es hier vom Aussterben bedroht ist. Von den ursprünglich vier in Berlin vorkommenden Unterarten sind schon zwei verschwunden und auch die übrigen zwei sind nur von wenigen Standorten bekannt. Immerhin gibt es noch einige Vorkommen im Südwesten Deutschlands, so dass die Art in Deutschland insgesamt nicht gefährdet ist.

Die größte Bedrohung für das Gefleckte Habichtskraut sind menschliche Eingriffe in seinen Lebensraum. Da es immer wieder in Siedlungsbereiche vordringt, werden seine Standorte häufig überbaut. Wenn dies rechtzeitig bemerkt wird, können die Pflanzen noch gerettet werden. 2014 konnte ein großes Vorkommen in Schöneberg auf einen benachbarten Friedhof umgesiedelt werden, bevor die Bagger anrückten. Oft wird die eher unscheinbare Art aber übersehen. Dann können auch gut gemeinte Maßnahmen negative Folgen haben: In Schöneberg wurde ein weiteres Vorkommen dieser seltenen Art durch Urban Gardening zerstört.

Der Schutz des Gefleckten Habichtskrauts ist auch aus einem anderen Grund relevant. Viele Habichtskräuter sind evolutionär gesehen noch sehr jung und vermutlich befinden sich einige von ihnen mitten in der Phase der Artbildung. Es wäre ein erheblicher Verlust an biologischer Vielfalt, wenn sie schon im nächsten Moment durch menschliche Eingriffe wieder verschwinden.

Wenn Sie auf Ihren Spaziergängen das Gefleckte Habichtskraut entdecken, freuen wir uns sehr über eine Fundmeldung per E-Mail mit Fotobeleg. Vielen Dank!

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