Die Macht der Muscheln
Konkurrenzstarke Neulinge verändern Berlins Unterwasserwelt

Muscheln! Da schweifen die Gedanken gleich Richtung Meer, Strand, Sonne und Freizeit. Doch diese faszinierenden Lebewesen gibt es auch in den Berliner Gewässern. Eher verborgen leben Süßwassermuscheln an Bächen, Flüssen und Seen, wenn sie dort nicht zu trübes Wasser finden. Das macht sie zu sicheren Bioindikatoren für die Gewässergüte. Zum anderen sind Muscheln Ökosystem-Ingenieure: Sie können das Wasser und damit auch die Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren in ihm verändern. Wenn Milliarden von Muscheln an einem Ort zusammenwirken, wird das sichtbarer. Mit seinen positiven und negativen Auswirkungen.
Was sich wie ein Forschungsexperiment anhört, ist in Berlin Wirklichkeit: Vor etwa 15 Jahren ist die aus der Schwarzmeerregion stammende Quagga-Muschel (Dreissena rostriformis bugensis) über Schifffahrtswege oder auch den Überlandtransport von Sportbooten oder Wassersportequipment nach Berlin gelangt und hat sich massiv vermehrt. Sie traf dort auf die mit ihr nah verwandte Wander- oder Zebramuschel (Dreissena polymorpha), die bereits ca. 100 Jahre früher aus dem Schwarzmeerraum zuwanderte und vor allem flache Wasserbereiche und feste Untergründe stark besiedelte. Im Müggelsee wuchsen schon im Jahr 2017 auf einem Quadratmeter Fläche bis zu 4.000 Quagga- und Wandermuscheln (98 Prozent Quaggamuscheln).
Zusammen filtern sie im Müggelsee enorme Mengen Wasser: pro Tag bis zu zweimal das gesamte Wasservolumen! Heute lässt sich im durchschnittlich etwa fünf Meter tiefen Müggelsee im Winter bis auf den Grund schauen und auch im Sommer sind die Sichttiefen größer als zuvor, wie Messungen des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zeigen.
Wasserreinigung wie von selbst
Diese enorme Filterleistung ist ein Nebenprodukt der Nahrungsaufnahme der Muscheln. Dazu erzeugen sie mit dem Schlag feiner Wimpern im Inneren einen kontinuierlichen Wasserstrom durch ihren Körper. So strudeln Sauerstoff und Nahrungsteilchen an ihren Kiemen vorbei. Die Kiemenbögen produzieren einen Schleim, in dem Kleinstalgen hängenbleiben. Auf Wimpernbändern werden diese zum Mund transportiert. Ungeeignete oder zu große Teilchen werden hingegen nicht verschluckt, sondern in Schleim zu größeren Ballen zusammengerollt und mit dem ausströmenden Wasser nach außen abgegeben. Verdauungsreste werden natürlich auch in großer Menge ausgeschieden, wodurch sich Stoffkreisläufe im See verändern.
Hilfe gegen Blaualgen?
Erfreulicherweise „fressen” Quagga-Muscheln auch giftstoffbildende Cyanobakterien, oft Blaualgen genannt. Aber sie sind wählerisch dabei und von Umweltbedingungen abhängig. Bei Wassertemperaturen über 28 °C schließen die Muscheln ihre Schalen und filtrieren nicht mehr. Das Gleiche gilt, wenn sich das Wasser zum Beispiel durch Bootsverkehr zu stark bewegt oder wenn zu viele grobkörnige Teilchen darin herumschwimmen. Außerdem nehmen Quagga-Muscheln nicht alle Arten von Cyanobakterien gleich stark auf. Eine in sommerlichen Blaualgenteppichen weit verbreitete und potenziell giftige Art, Microcystis aeruginosa, wird beispielsweise nur sehr wenig aufgenommen. Das haben Forschungen von Jonas Mauch, Doktorand am IGB, gezeigt. Als natürliches Heilmittel gegen sommerliche Cyanobakterienblüten sind Quagga-Muscheln also nicht zuverlässig. Außerdem könnte die Filterleistung dann im Sommer auch geringer ausfallen, wenn durch die Klimaerwärmung das Wasser im See häufiger zu warm wird.
Wasserpflanzen wandern die Spree stadteinwärts
Der Einfluss der Muscheln auf das Ökosystem zeigt sich auch an anderer Stelle. Wenn das Wasser klarer ist, kann Sonnenlicht tiefer eindringen, sodass Unterwasserpflanzen besser wachsen können. Sie betreiben mehr Photosynthese und liefern somit mehr Sauerstoff, von dem andere Wasserlebewesen profitieren können. In der Folge kann sich die Gewässergüte weiter verbessern. Ein Effekt, der zusätzlich zu massiv reduzierten Nährstoffeinträgen seit den 90er Jahren positiv beiträgt. Der scheint auch in der Spree im weiteren Verlauf vom Müggelsee in Richtung Innenstadt neues Leben zu ermöglichen. Noch im Jahr 2000 galt die Stadtspree als ungeeigneter Lebensraum für Unterwasserpflanzen. Im Jahr 2021 haben unsere Stadtnatur-Ranger*innen genauer hingeschaut. Sie entdeckten am Ufer in Höhe Plänterwald neun verschiedene Wasserpflanzenarten, darunter drei Arten der Roten Liste sowie die bundesweit besonders geschützte Gelbe Teichrose.
„Es ist wahrscheinlich, dass diese Arten ursprünglich auch in der Stadtspree heimisch waren und nun vor Jahrzehnten aufgegebene Lebensräume wiederbesiedeln”, folgert Dr. Antje Jakupi, Fachrangerin Flora im Stadtnatur-Ranger-Team. Es sei sehr spannend zu beobachten, ob und wie sich diese Entwicklung weiter stadteinwärts fortsetze.
Schweres Leben für heimische Muscheln
Wo so viel Licht ist, ist natürlich auch viel Schatten. Quagga-Muschel und Wandermuschel sind Neubürger (Neobiota) in der Berliner Fauna. Sie bedrängen die heimische Muschelwelt und auch wasserlebende Tiere wie Kleinkrebse oder Fische im Ökosystem, indem sie ihnen Nahrung und Sauerstoff streitig machen. In der Konkurrenz um geeignete Lebensräume in Berlins größeren Gewässern sind Quagga- und Wandermuschel mächtige Gegner.
Hinzu kommt, dass es heimische Muschelarten in der Stadt generell nicht leicht haben: Kanalisierte Flussläufe erhöhen die Fließgeschwindigkeit und erschweren das Anheften. In stehenden Gewässern mit überreichem Nährstoffangebot und daraus folgendem dichten Algenbewuchs können Muscheln gar nicht leben. Mancherorts ist das Wasser schadstoffbelastet oder der Grundwasserspiegel ist so stark gefallen, dass die Flächen zumindest saisonal austrocknen. Von den etwa 30 in Berlin nachgewiesenen Muschelarten sind rund 40 Prozent bedroht, darunter zum Beispiel die Große Erbsenmuschel (Pisidium amnicum) oder die Abgeplattete Teichmuschel (Pseudanodonta complanata).
Konkurrenzvorteil Schlamm und Kaltwasser
Die Quagga-Muschel ist auch deshalb hier so erfolgreich, da sie nicht auf festen Untergrund angewiesen ist, sondern auch auf Sand oder Schlamm leben kann. Die heimischen Muscheln und auch die Wandermuschel – die übrigens in der Eiszeit aus unseren Gewässern in die Schwarzmeerregion verdrängt wurde – benötigen feste Anheftflächen. Quagga-Muscheln nutzen diese Nische im Ökosystem sehr schnell und sehr massiv. Sie können sich bereits ab einer Wassertemperatur von 4 °C fortpflanzen, also auch im Winter. Eine Muschel kann pro Jahr bis zu einer Million mikroskopisch kleiner Larven mit einem Durchmesser von etwa einem menschlichen Haar ausbilden. Die Larven lassen sich wie Plankton im Wasser treiben, wachsen noch ein bisschen und setzen sich dann als 1–3 mm kleine Muscheln auf einer Oberfläche irgendwo fest. Da sie auch aufeinander wachsen, bilden sich schnell dichte Ansammlungen und große Teppiche.
Schädliche Ausmaße
Für den Menschen werden die Muscheln lästig und teuer, wenn sie mit ihren scharfen Kanten den Badespaß trüben, Wasserfilteranlagen für Trinkwasser zusetzen oder den Boots- und Schiffsverkehr behindern, indem sie beispielsweise Propeller, Düsen oder Bootrümpfe zuwachsen. Auch Deutschlands größter See, der Bodensee, ist seit 2016 stark von der Quagga-Muschel betroffen und die wirtschaftlichen Schäden nehmen zu. Ein Augenmerk der begleitenden Forschungen liegt auch auf der Entwicklung des Fischbestands, von dem befürchtet wird, dass er durch die Veränderungen im Seeökosystem zurückgeht.
Ausbreitung verhindern helfen
Denn eins ist klar: Ist die Quagga-Muschel erst einmal in einem Gewässer etabliert, wird man sie nicht mehr los. Zwar können heimische Tauchenten wie Reiher- und Tafelente, Rallen wie Bless- und Teichhuhn oder auch Fische wie z. B. die Plötze die Muscheln aufknacken und fressen. „Das ist jedoch keine Möglichkeit, um sie ernsthaft im Bestand zu gefährden“, sagt Benjamin Wegner, Mitarbeiter der Koordinierungsstelle Fauna der Stiftung Naturschutz. Er sieht auch wenig Möglichkeit, ihre Ausbreitung in untereinander verbundenen Gewässern zu verhindern. Deshalb müssten Maßnahmen zum Schutz der vielleicht noch nicht besiedelten Gewässer an erster Stelle stehen. Um eine unbewusste Verschleppung von Larven oder angehefteten Muscheln zu verhindern, sollten Boote gründlich gereinigt werden, bevor sie in neue Gewässer eingesetzt werden. Auch Sportgeräte, Badesachen und Badezubehör sollten gründlich abgespült und getrocknet werden, bevor man sie in anderen Gewässern nutzt. Nicht nur die heimischen Muschelarten werden es danken!
Funde melden
Ein Tipp zum Schluss: Der Artenfinder Berlin freut sich immer über Beobachtungen von Muscheln und Wasserpflanzen. Machen Sie mit! Helfen Sie mit, die Entwicklungen an Berlins Gewässern zu dokumentieren und zu verstehen!
Quagga im Müggelsee
https://www.igb-berlin.de/news/suesswassermuscheln-und-die-invasive-quagga-muschel
Quagga und einheimische Muscheln
https://www.researchgate.net/publication/338490207_Neobiota_in_Berliner_Gewassern_im_Jahr_2018
Quagga im Bodensee und Alpenraum
https://www.eawag.ch/de/info/portal/aktuelles/news/quaggamuschel-prognose-fuer-betroffene-seen/
Text: J. Schaaff






