Derk Ehlert, sag doch mal! Folge 8

Wer im Winter an Berliner Seen, Flüssen oder Parks unterwegs ist, kennt das Bild: Gänse auf den Wiesen, Gänse auf dem Wasser, Gänse im Tiefflug überm Kiez. Und dann kommt oft die Frage: Müssten die nicht längst im Süden sein?

Kurz gesagt: Manche ja – viele nein. Und das hat gute Gründe.

Fangen wir erst einmal mit dem Sortieren an. „Die Gänse“ gibt es nämlich nicht. In Berlin treffen wir auf ganz unterschiedliche Arten mit ganz unterschiedlichen Lebensstrategien.

Die Heimische: Graugans

Die wichtigste Art für Berlin ist die Graugans. Sie ist unsere heimische Gans und gleichzeitig die größte, die wir hier haben. Ursprünglich sind Graugänse Zugvögel. Sie ziehen im Herbst Richtung Süd- bis Südwesteuropa, teilweise bis nach Spanien oder Südfrankreich.

Aber: Die Winter sind in den letzten Jahrzehnten deutlich milder geworden. Und milde Winter bedeuten für Graugänse, dass sie sich den anstrengenden Flug sparen können. Wer hier bleibt, hat einen echten Vorteil: Man ist früh im Brutgebiet, sichert sich die besten Plätze und kann zeitiger mit der Brut beginnen.

In Berlin kommt noch etwas Entscheidendes dazu: Die Stadt friert kaum noch richtig zu. Große Gewässer bleiben oft eisfrei, es gibt reichlich Grünflächen, und irgendwo findet sich immer Nahrung. Graugänse aus der Stadtnatur sind außerdem sehr vertraut – sie wissen genau, dass ihnen hier nichts passiert. Deshalb sehen wir sie inzwischen nicht nur am Stadtrand, sondern auch mitten im Zentrum.

Die Zugewanderte: Kanadagans

Dann hätten wir da noch die Kanadagans. Sie stammt ursprünglich aus Nordamerika und ist bei uns ein Gefangenschaftsflüchtling aus den 80er Jahren – also eine Art, die sich aus Parks, Zoos oder privaten Haltungen heraus in der freien Natur etabliert hat. 

Kanadagänse sind echte Stadtprofis. Ein ausgeprägtes Zugverhalten haben sie hier nicht mehr. Wenn sie sich bewegen, dann höchstens von Berlin nach Potsdam oder ins Umland. Im Winter bleiben sie in der Regel da, wo sie sind.

Problematisch wird es für sie nur, wenn wirklich alles zufriert. Denn sie brauchen sie offene Wasserflächen für die Nahrungssuche. Aber auch dafür finden sie meist Lösungen, sei es an Restgewässern oder durch Nahrungssuche auf Wiesen und Parks. Anpassungsfähig sind sie allemal.

Die Durchreisenden: Bless- und Saatgänse

Und dann gibt es die Gänse, die viele Berlinerinnen und Berliner nur hören, aber kaum sehen: Bless- und Saatgänse. Das sind echte Langstreckenzieher aus dem Norden und Osten Europas, teilweise aus der sibirischen Tundra.

Diese Gänse überfliegen Berlin meist nur. Ihr klassisches Winterquartier liegt an der deutsch-niederländischen Grenze, etwa am Dollart, oder zunehmend auch zwischen Oder und Elbe. Dort ist das Klima stark vom Meer beeinflusst und damit mild und nahrungsreich.

Spannend ist ihr flexibles Zugverhalten. Wird es im Winter oder zeitigen Frühjahr warm, fliegen sie schon einmal Richtung Osten vor – so weit, wie es Wetter und Nahrungsangebot zulassen. Kommt dann wieder Kälte, drehen sie um und fliegen zurück nach Westen. Deshalb kann man in Berlin im Winter manchmal mehrfach Gänsezüge in unterschiedliche Richtungen beobachten, mitunter sogar dieselben Tiere.

Die Selbstbewusste: Nilgans

Nicht unerwähnt bleiben darf die Nilgans. Auch sie ist ursprünglich ein Gefangenschaftsflüchtling, kommt aber in Berlin bisher noch vergleichsweise selten vor. Nilgänse sind sehr selbstbewusst und manchmal auch ziemlich kämpferisch.

In vielen Teilen Deutschlands haben sie sich bereits stark ausgebreitet und gelten dort als invasive Art. Für Berlin gehe ich davon aus, dass wir in den kommenden Jahren deutlich mehr Nilgänse sehen werden. Der Bestand nimmt zu und mit ihm neue Herausforderungen für die Berliner Stadtnatur.

Warum also bleiben manche Gänse?

Die Antwort ist eine Mischung aus Klimawandel, cleverer Anpassung und urbanem Komfort. Berlin bietet milde Winter, offene Gewässer, kurze Wege zur Nahrung und vergleichsweise wenig Störungen. Für viele Gänse ist das schlicht ein ziemlich guter Ort zum Überwintern.

Und für uns? Eine wunderbare Gelegenheit, Stadtnatur hautnah zu erleben.

Ihr Derk Ehlert

Derk Ehlert ist Berlins Wildtierexperte und kümmert sich bei der Senatsumweltverwaltung um alles, was kreucht und fleucht. Ob Füchse am Kanzleramt oder Waschbären in der Mülltonne – er kennt die wilden Bewohner der Stadt wie kein Zweiter und bringt Licht ins Dickicht der Berliner Stadtnatur.