Derk Ehlert, sag doch mal! Folge 7

Haben Sie das auch schon mal beobachtet? Jemand steht mit dem Auto an einer Straßenkreuzung, wartet auf Grün und plötzlich fallen Walnüsse oder Haselnüsse vom Himmel. Ein kurzer Blick nach oben, und siehe da: Über einem kreisen Krähen, die offensichtlich etwas im Schilde führen. Denn diese Nüsse fallen keineswegs zufällig vom Baum – sie werden mit voller Absicht fallen gelassen.

Krähen gehören zu den intelligentesten Vögeln, die wir in unseren Städten beobachten können. Und das Beispiel mit den Nüssen zeigt eindrucksvoll, wie klug und anpassungsfähig sie sind. Die Schale der Nuss ist für den Schnabel oft zu hart. Aber anstatt aufzugeben, bedienen sich die Vögel einer genialen Strategie: Sie nutzen uns Menschen und unsere Autos als Werkzeug.

An vielen Kreuzungen kann man beobachten, wie Krähen gezielt Nüsse auf die Fahrbahn fallen lassen, und zwar nicht einfach irgendwann, sondern mit perfektem Timing. Sie warten, bis die Ampel für Autos rot ist, lassen die Nüsse so fallen, dass kein Fahrzeug direkt darunter steht (damit die Nuss nicht zu weit wegspringt), und warten dann ab. Sobald die Autos wieder losfahren, rollen sie über die Nüsse – knack! – und die Schale ist auf.

Nach der Grünphase, wenn wieder Ruhe einkehrt, fliegen die Krähen auf die Straße und holen sich ihren wohlverdienten Snack. Oft schauen dabei die Jungkrähen genau zu, wie die Alten das machen und lernen dadurch dieses Verhalten.

Doch das ist längst nicht alles. Krähen sind wahre Denker unter den Vögeln. In Experimenten hat man beobachtet, dass sie kleine Stöckchen oder sogar Drähte zu Haken biegen, um damit Futter aus engen Röhren zu holen. Einige Krähen gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie benutzen ein Werkzeug, um an ein anderes Werkzeug zu kommen, mit dem sie dann das Futter erreichen. Vorausplanendes Denken – das ist wirklich bemerkenswert.

Noch verblüffender ist ihr Gedächtnis: Krähen erkennen menschliche Gesichter wieder und merken sich, wer freundlich und wer gefährlich ist. In Studien in den USA erinnerten sich Krähen noch Jahre später an Forscher, die sie einmal gefangen hatten. Und das Wissen über diese „gefährlichen“ Menschen gaben sie an ihre Jungen weiter. Ein erstaunliches Beispiel für soziales Lernen bei Wildtieren.

Man kann also nur staunen: Krähen sind erfinderisch, lernfähig und anpassungsbereit. Sie beobachten, probieren aus, kombinieren und entwickeln Lösungen.

Ziemlich genial, diese Krähen!

Derk Ehlert ist Berlins Wildtierexperte und kümmert sich bei der Senatsumweltverwaltung um alles, was kreucht und fleucht. Ob Füchse am Kanzleramt oder Waschbären in der Mülltonne – er kennt die wilden Bewohner der Stadt wie kein Zweiter und bringt Licht ins Dickicht der Berliner Stadtnatur.