Derk Ehlert, sag doch mal! Folge 6

Ja, es ist unausweichlich: Der Sommer ist zu Ende und heute ist der kalendarische Herbstanfang. Ein bisschen Spätsommer bleibt uns noch erhalten – in der Stadt aber auf besondere Weise.

Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Fahren Sie im Oktober aufs Land, sehen Sie dort oft schon kahle Baumkronen. In der Stadt dagegen beginnt gerade erst die farbenprächtige Färbung der Blätter. Warum ist das so?

Ein entscheidender Punkt ist die Temperatur. In Städten ist es fast immer ein paar Grad wärmer als im Umland. Asphalt, Beton und die dichte Bebauung speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts wieder ab. Für die Bäume bedeutet das: Der Herbst kommt hier später an. Die Prozesse, die zum Laubfall führen, werden verzögert.

Auch das Licht spielt eine Rolle. Straßenlaternen, Schaufenster oder andere künstliche Quellen verlängern für die Pflanzen den Tag. Blätter können dadurch noch länger Photosynthese betreiben, und der Baum „denkt“ gewissermaßen, es sei noch Sommer. Besonders auffällig ist das dort, wo Kronen direkt von Lampen angestrahlt werden: Diese Zweige bleiben länger grün, während schattigere Äste schon Farbe zeigen.

Hinzu kommt der Wind. Auf freiem Feld fegt er oft kräftig durch die Baumkronen, Blätter werden regelrecht heruntergerissen. In der Stadt dagegen stehen die Bäume geschützter. Gebäude brechen die Strömung, sodass die Blätter länger am Baum bleiben.

Natürlich folgt der Baum im Herbst einem festen inneren Programm: Er zieht das wertvolle Chlorophyll aus den Blättern zurück in Stamm und Äste, wo es eingelagert wird. Zurück bleiben die gelben und roten Farbstoffe, bevor das Blatt schließlich abfällt. In der Stadt setzt dieser Vorgang aber einfach etwas später ein – weil es wärmer, heller und geschützter ist.

Übrigens: Dasselbe Phänomen gibt es auch im Frühjahr, nur umgekehrt. Stadtbäume treiben meist ein bisschen früher aus als ihre Artgenossen auf dem Land. So verlängert sich für sie insgesamt die Vegetationsperiode – ein kleiner Vorteil des urbanen Lebensraums.

Derk Ehlert ist Berlins Wildtierexperte und kümmert sich bei der Senatsumweltverwaltung um alles, was kreucht und fleucht. Ob Füchse am Kanzleramt oder Waschbären in der Mülltonne – er kennt die wilden Bewohner der Stadt wie kein Zweiter und bringt Licht ins Dickicht der Stadtnatur.