Die Vielfalt im Blick

Archiv Pflanzen des Monats

Gebirgs-Hellerkraut Noccaea caerulescens (J. PRESL & C. PRESL) F. K. MEY.

Ein Schwerpunkt im Natur- und Artenschutz liegt auf der Wiederherstellung geschädigter Lebensräume. Diese Aufgabe ist zentral, unverzichtbar und notwendig, da in unserer stark überprägten Landschaft naturnahe Gebiete oft nur noch in kleinerem Umfang existieren. Gleichzeitig darf dabei nicht aus dem Blick geraten, die wenigen noch weitgehend intakten Lebensräume so zu erhalten und zu schützen, dass Tier- und Pflanzenarten gar nicht erst auf aufwendige Wiederherstellungs- oder Artenschutzhilfsmaßnahmen angewiesen sind. Denn nicht alles, was verloren geht, lässt sich später wieder zurückholen. 

Die Geschichte des Gebirgs-Hellerkrauts in Berlin ist eine besondere, denn es gilt als ein Neophyt. Hierher gelangte die Art wahrscheinlich erst bei der Anlage der Rasen des Glienicker Parks im 19. Jahrhundert. Als Grundlage für die Wiesengründung ließ man Wagenladungen mit Heu aus mitteldeutschen oder auch süddeutschen Bergregionen anliefern, um so möglichst das Ideal buntblumiger Bergwiesen nachzuempfinden. In dieser kleinteilig gepflegten Kulisse konnte sich die Art etablieren und lange Zeit halten. Aktuell gilt die Art in Berlin jedoch als verschollen. 

Ihr Verschwinden steht exemplarisch für eine Entwicklung, die viele seltene und spezialisierte Wildpflanzen betrifft: Gehen ihre Lebensräume verloren oder werden sie stark verändert, verschwinden auch die Arten – oft unbemerkt und dauerhaft.

Kleine Blüten, vielfältige Besucher und Hyperakkumulator

Noccaea caerulescens ist eine meist zwei- bis mehrjährige Pflanze, die den Großteil ihres Lebens unscheinbar in Form einer bodennahen Blattrosette verbringt. Erst nach einer längeren vegetativen Phase bildet sie Blüten aus, fruchtet ein einziges Mal und schließt anschließend ihren Lebenszyklus ab. 

Zur Blütezeit von April bis Juni erreicht die Pflanze Wuchshöhen von etwa 10 bis 30 Zentimetern. Mehrere kahle Stängel tragen kleine, sitzende, den Stängel umfassende Blätter in blaugrüner Farbe. Die Blüten sind zwar klein, stehen aber in auffälligen Trauben zusammen. Die Kronblätter erscheinen weißlich, mitunter rötlich überlaufen. Besonders markant sind die dunkelvioletten Staubbeutel. Trotz ihrer geringen Größe bieten die Blüten Nektar und werden von verschiedenen Insektengruppen besucht, darunter Schwebfliegen, Wildbienen und Tagfalter.

Die typischen Lebensräume von Noccaea caerulescens sind bodensaure, frische, lückige Rasen und Berg-Mähwiesen der Gebirgstäler – in sub- bis montanen Lagen und in den Stromtälern der Elbe. Außergewöhnlich ist ihre Fähigkeit, ein Vielfaches der üblichen Mengen an Nickel aufnehmen zu können, ein sogenannter Hyperakkumulator. Daher ist es ihr möglich, auf entsprechenden schwermetallhaltigen Böden, etwa auf ehemaligen Bergbauhalden, zu wachsen. Wichtig sind offene, lichtreiche Bedingungen und eine nur mäßige Nährstoffversorgung. 

In den Bergregionen Mittel- und Südeuropas verbreitet – lokal vielerorts verschwunden

Noccaea caerulescens ist eine ausschließlich in Europa vorkommende, subozeanische Art mit einem stark zergliederten Verbreitungsgebiet. Größere Vorkommensschwerpunkte liegen unter anderem in den Pyrenäen, den Alpen sowie in den mitteleuropäischen Mittelgebirgen. Ein größeres skandinavisches Vorkommen wird als synanthrop bewertet, das heißt, die Art ist vermutlich durch menschliche Aktivitäten verschleppt oder angesalbt worden und nicht Teil der ursprünglichen natürlichen Verbreitung der Art. In Schweden wurde die Art bereits 1943 als Grassamenankömmling eingestuft, eingeführt vermutlich mit Saatgut aus Deutschland.

In Deutschland ist die Art lückenhaft verbreitet, mit regionalen Schwerpunkten insbesondere in Sachsen, im Osten Sachsen-Anhalts, in Teilen Thüringens und in Südostdeutschland. Kleinere Vorkommensgebiete liegen unter anderem im Sauerland, im Harz, im Schwarzwald sowie vereinzelt im Alpenvorland.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind jedoch zahlreiche Fundorte des Gebirgs-Hellerkrauts in Deutschland verloren gegangen und die Art ist im Rückgang begriffen. Besonders ausgeprägt sind die Rückgänge in Ostdeutschland, in Rheinland-Pfalz und im Raum Berlin. In Berlin sind nach 1990 keine Vorkommen mehr bekannt. 

Früh handeln – und Chancen nutzen

In Berlin gilt das Gebirgs-Hellerkraut heute als verschollen. Eine Wiederansiedlung wäre nur mit Pflanzen aus Brandenburg möglich, wo die Art stark gefährdet ist. Solche Maßnahmen erfordern eine sorgfältige Planung, enge Abstimmungen und geeignete Flächen, die nicht gedüngt, spät gemäht und dauerhaft offengehalten werden. Solche Standorte sind in Berlin selten - inzwischen meist durch andere oder fehlende Nutzung so stark verändert oder vollständig überbaut, dass eine Wiederansiedlung kaum realistisch oder nachhaltig erscheint.

Bei anderen Arten jedoch, wo noch letzte Chancen auf eine Wiederetablierung oder Stabilisierung der letzten Populationen bestehen, sollte der Aufwand nicht gescheut werden. 

Das Gebirgs-Hellerkraut erinnert daran, dass erfolgreicher Natur- und Artenschutz frühzeitig ansetzen muss. Wiederherstellung ist ein wichtiges Instrument, doch sie kann den Verlust intakter Lebensräume nicht vollständig ersetzen. Deshalb sollte die Priorität weiterhin auf der Erhaltung von Lebensräumen mit ihrem Arteninventar liegen. Je früher gehandelt wird, desto größer sind die Chancen, Arten und ihre Lebensräume dauerhaft zu erhalten.

Sollten Sie auf Ihren Spaziergängen in Berlin eine solche Pflanze finden, freuen wir uns sehr über eine Fundmeldung über das Artenfinderportal mit Fotobeleg. Vielen Dank!

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