Stumme Teiche

Berlins Amphibien verschwinden

Frösche, Kröten, Molche und Unken geraten in Berlin dramatisch unter Druck. Eine neue große Analyse der Stiftung Naturschutz Berlin (SNB) für die Senatsumweltverwaltung zeigt: Rund drei Viertel der großen Amphibienpopulationen aus den 1980er- und 1990er-Jahren sind verschwunden. Das Artensterben macht auch vor Schutzgebieten nicht halt. Das ist ein Zeiger für den Verlust an Lebensqualität für Mensch und Natur in Berlin, sagt SNB-Geschäftsführer Stefan Richter. Er fordert jetzt eine Kehrtwende.

Die Lebensqualität für die Menschen in Europa nimmt durch Klimakrise und Artensterben stetig ab. Das Ausmaß an Waldbränden, Hitzewellen und die Wasserknappheit sind nur die sichtbaren Zeichen. Doch ein Hauptgrund für den Verlust an Lebensqualität in Europa ist der Verlust an biologischer Vielfalt. Und wie sieht es in Berlin aus, einer der artenreichsten Städte Europas? 

Es gibt Momente, in denen Zahlen mehr sagen als tausend Worte. Der neue Berliner Amphibienbericht ist so ein Moment: Über 700 Gewässer haben wir als Stiftung Naturschutz Berlin mit unserer Koordinierungsstelle Fauna zwischen 2016 und 2023 untersucht. Mehr als 13.000 Amphibiennachweise sind dabei zusammengekommen. Mehr als 60 Kartiererinnen und Kartierer waren beteiligt – Fachleute, Studierende und Ehrenamtliche.

Hinter diesen Zahlen steckt eine enorme gemeinsame Anstrengung. Vor allem aber steckt darin eine Botschaft, die ich nicht beschönigen möchte: Berlins Amphibien verschwinden. Rund drei Viertel der größeren Amphibienpopulationen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren noch existierten, sind heute nicht mehr nachweisbar. Bei Gewässern mit großen Vorkommen von über 100 adulten Tieren ist die Zahl solcher Standorte von 162 auf gerade einmal 43 zurückgegangen. Das entspricht einem Verlust von 73,5 Prozent. Und dabei sprechen wir nicht nur über seltene Arten. Auch Erdkröte, Teichmolch und Teichfrosch – Tiere, die viele Berlinerinnen und Berliner für selbstverständlich halten – finden wir immer seltener in größeren Beständen.

Besonders eindrücklich wird der Rückgang, wenn man auf einzelne Orte schaut. Am Barssee im Grunewald wurden Anfang der 1980er-Jahre noch regelmäßig mehr als 2.000 erwachsene Moorfrösche erfasst. Mitte der 1990er-Jahre waren es noch 100 bis 200. Zuletzt wurde dort noch ein einziges Moorfroschmännchen dokumentiert.

Das sind keine abstrakten statistischen Kurven. Das sind Gewässer, an denen es still geworden ist, weil die Amphibien dort verschwunden sind.

Amphibien sind ein Frühwarnsystem

Dabei sind Amphibien keinesfalls verzichtbare Organismen unserer Umwelt, sondern sie sind sensible Bioindikatoren für deren Zustand. Denn ihre Bestandsentwicklung gibt uns Hinweise auf den ökologischen Status von Gewässern und ihren angrenzenden Landlebensräumen. 

Das liegt an ihren hohen Habitatansprüchen: Für eine positive Bestandsentwicklung benötigen sie geeignete Fortpflanzungsgewässer, Sommer- und Winterlebensräume, dazu Wanderkorridore, die diese Gebiete verbinden. Werden diese Strukturen beeinträchtigt oder voneinander isoliert, geraten Amphibienbestände unter Druck, schrumpfen oder verschwinden ganz. Genau das beobachten wir in Berlin.

Die Belastungen auf Amphibien sind erschreckend vielfältig: Gewässer trocknen aus, werden durch Nährstoffeinträge beeinträchtigt oder verlieren durch Fischbesatz ihre Eignung für die Fortpflanzung. Landlebensräume werden bebaut oder ungeeignet gepflegt. Der Wasserhaushalt verändert sich. Straßen und Entwässerungssysteme werden zu Barrieren und Fallen. Schadstoffe, invasive Arten und eingeschleppte Krankheitserreger erhöhen den Druck zusätzlich.

Zu diesen Bedrohungen kommt stets noch der Klimawandel. Denn besonders dieser Sommer hat uns wieder deutlich gezeigt: Längere Trockenphasen und Hitzeperioden treffen nicht nur uns Menschen, sondern auch die Natur und vor allem Amphibien besonders hart. Ein kleines Laichgewässer, das früher zuverlässig Wasser führte, kann heute im entscheidenden Moment zu früh austrocknen. Dann fällt mitunter eine ganze Generation Frösche oder Kröten aus.

Ein Signal weit über Berlin hinaus

Amphibien sind also besonders sensible Zeiger dafür, wie es um einen Naturraum steht. Gesunde und stabile Amphibienbestände deuten auf eine intakte Natur. Wo hingegen Gewässer, Böden, Wasserhaushalt und Biotopverbund ihre ökologische Funktion verlieren, geraten auch Amphibienpopulationen unter Druck. 

Deshalb sollten wir die Berliner Ergebnisse als Signal auch für andere Städte verstehen. Hier zeigt sich sehr deutlich, was passiert, wenn mehrere Belastungsfaktoren zusammenwirken: Lebensraumverlust und -zerschneidung, Klimakrise, Verschmutzung durch Schadstoffeinträge sowie invasive Arten. Der Rückgang der Amphibien ist deshalb mehr als eine Frage des Artenschutzes. Er ist ein Warnsignal für die Funktionsfähigkeit unserer Ökosysteme und ein Zeiger für die Lebensqualität in unserer Stadt für uns alle.

Natur schützen heißt auch, Entscheidungen zu treffen

Natürlich gibt es in einer wachsenden Stadt Interessenkonflikte. Wenn gebaut werden soll, stehen sich unterschiedliche berechtigte Interessen gegenüber: Wohnraum, Infrastruktur, Gewerbe, Freiräume und Naturschutz.

Manchmal wird die Entscheidung ganz konkret: Wird die Krötenpopulation erhalten, obwohl das für ein neues Bauprojekt mit Einschränkungen oder Verzögerungen verbunden ist? Die unbequeme Wahrheit ist: Wo gebaut wird, können Lebensräume und Fortpflanzungsstätten von Amphibien beeinträchtigt werden. Für geschützte Arten setzt das Naturschutzrecht dabei klare Grenzen. Ein Laichgewässer kann nicht einfach verfüllt, Landlebensräume nicht ohne Weiteres zerstört und wichtige Wanderwege nicht beliebig unterbrochen werden. Gleichzeitig greift jede Maßnahme, die Schäden begrenzt oder ausgleicht, in etablierte Beziehungen zwischen Tieren und Pflanzen im Ökosystem ein. Ihr langfristiger Erfolg ist nicht zwingend garantiert. Denn ein neu angelegtes Gewässer ersetzt nicht automatisch eine gewachsene Population.

 Wenn an vielen Stellen immer wieder ein Stück Lebensraum verloren geht, wenn aus großen Populationen kleine Restvorkommen werden und aus kleinen Restvorkommen irgendwann einzelne Tiere, dann ist die Summe dieser Entscheidungen eben nicht mehr klein.

Dann zerstören wir Schritt für Schritt unsere eigene Lebensgrundlage. Sauberes Wasser, funktionierende Böden, biologische Vielfalt, ein ausgeglichener Wasserhaushalt und widerstandsfähige Ökosysteme sind Grundlagen für eine lebenswerte Stadt. Deshalb geht es nicht darum, jede Veränderung zu verhindern oder Naturschutz gegen Stadtentwicklung auszuspielen. Es geht darum, die Grenzen des Zumutbaren ernst zu nehmen. Eine Stadt kann wachsen. Sie muss sich entwickeln. Aber sie muss auch wissen, was sie dabei nicht verlieren darf. 

Bei aller Sorge möchte ich deshalb ausdrücklich nicht mit einem „Es ist alles zu spät“ enden. Denn das wäre falsch. Mit dem Amphibienbericht kennen wir viele der verbliebenen Populationen und wichtigen Lebensräume. Wir können bestehende Gewässer renaturieren und pflegen, neue Laichgewässer schaffen, Landlebensräume aufwerten und Wanderkorridore sichern. Wir können Gefahrenstellen an Straßen und Schächten entschärfen, mit Fischbesatz und invasiven Arten gezielter umgehen und besonders bedrohte Populationen wissenschaftlich begleitet und in Abstimmung mit den Naturschutzbehörden stützen oder wiederansiedeln. Und wir müssen überprüfen, was wirkt. Dauerhaftes Monitoring, die Auswertung der Daten und die Anpassung von Maßnahmen sind wichtige Voraussetzungen für einen wirksamen, evidenzbasierten Naturschutz.

Mehr als die Hälfte der dokumentierten Amphibienvorkommen liegt außerhalb von Schutzgebieten. Deshalb brauchen wir einen funktionierenden Biotopverbund – von Stadtbrachen über Kleingärten und Friedhöfe bis zu Parkanlagen und privaten Gärten. Amphibienschutz findet nicht nur irgendwo weit draußen statt. Er muss mitten in Berlin beginnen und kann von allen Bürgerinnen und Bürgern unterstützt werden. Wer im Garten einen Teich anlegt, Laub- und Totholzhaufen liegen lässt oder Kellerschächte abdeckt, hilft den Tieren ganz konkret. 

Der Amphibienbericht ist für mich nicht nur eine Bestandsaufnahme. Er ist ein Arbeitsauftrag – für die Zivilgesellschaft und die Politik, für Berlin und darüber hinaus. Wir müssen die verbliebenen Populationen jetzt stabilisieren, bevor auch die letzten Restbestände verschwinden. Wir müssen wichtige Lebensräume sichern, Maßnahmen koordinieren und vorhandene Möglichkeiten konsequent nutzen. Wir sollten nicht warten, bis der letzte Ruf verstummt. Denn Natur verschwindet selten mit einem großen Knall. Sie verschwindet leise, Stück für Stück, Entscheidung für Entscheidung. Genau deshalb ist jetzt der Zeitpunkt zu handeln. Für uns Menschen und für die Amphibien.

Stefan Richter
Geschäftsführer Stiftung Naturschutz Berlin

Der Amphibienbericht zum Durchblättern

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