Panzer im Park
Wie ausgesetzte Schildkröten Berliner Seen verändern

Schildkröten sind faszinierende Reptilien, die aus der Urzeit der Weltentstehung zu kommen scheinen. In ihren natürlichen Lebensräumen sind sie weltweit stark bedroht oder ausgestorben. In Berlin ist die bis ins 19. Jahrhundert häufige Europäische Sumpfschildkröte schon lange nicht mehr heimisch. Trotzdem taucht sie hier und da wieder auf – als ausgesetztes Haustier. Auch andere, nie-heimisch-gewesene Wasserschildkröten, die gestern noch zu Hause im Aquarium oder Teich lebten, sind heute an gut zugänglichen städtischen Seen zu finden. Diese Neobiota stehen im starken Verdacht, den Bestand natürlich vorkommender Tier- und Pflanzenarten im Gewässer zu gefährden.
Gerne baden Schildkröten auf aus dem Wasser ragenden Baumstämmen in der Sonne und sind dann gut sichtbar. In Berlin werden sie häufig im Tiergarten, am Jungfernheideteich, im Plötzensee oder auch im Britzer Garten, im Kienbergpark oder Botanischen Garten erspäht. Auch aus dem extrem künstlichen Piano“see“ nahe Potsdamer Platz wurden neobiotische Schildkröten auf dem Beobachtungsportal Artenfinder Berlin oder anderen Citizen Science Apps zur Artbestimmung gemeldet. Diese Daten werden in der Koordinierungsstelle Fauna der Stiftung Naturschutz ausgewertet und durch ein eigenes Schildkröten-Monitoring ergänzt, das seit 2024 im Frühjahr stattfindet. So konnten bislang acht verschiedene Schildkrötenarten auf Berliner Stadtgebiet nachgewiesen werden. Tiere, die es eigentlich nicht in freier Stadtnatur geben dürfte, denn laut Tierschutzgesetz ist es verboten, ein Haustier auszusetzen. Es kann ein Bußgeld bis in Höhe von 25.000 € fällig werden. Wenn das Tier dabei leidet oder der Tod erwartbar ist, dann drohen noch höhere Strafen.
Das Bundesamt für Naturschutz verweist darauf, dass ausgesetzte Schildkröten in der Regel nur wenige Jahre in der Stadt überleben. Aber es gibt Arten, denen es leichter gelingt. Wasserschildkröten haben eine natürliche Winterruhephase, manche verfallen sogar in Winterstarre. Sie sind daran angepasst, dass die Wassertemperaturen während der Wintermonate auf 10 bis 15 Grad fallen. Die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans), die Hieroglyphen-Schmuckschildkröten (Pseudemys concinna) oder die Chinesische Weichschildkröte (Pelodiscus sinensis) kommen auch mit noch kälteren Wassertemperaturen von 4 bis 8 Grad klar. Um das zu überleben, lassen sie sich auf den Teichgrund absinken, fahren ihren Stoffwechsel herunter und atmen nur minimal über Drüsen am Anus, mit denen sie Sauerstoff aus dem Wasser ziehen können. Im Frühjahr tauchen sie hungrig wieder auf.
Mit der Klimaerwärmung werden nicht nur die Chancen größer, dass erwachsene Tiere den Winter überstehen. Es besteht an wärmebegünstigten Standorten auch die Möglichkeit, dass Jungtiere es schaffen. In der warmen Oberrhein-Ebene hat sich die Nordamerikanische Rotwangen-Schmuckschildkröte bereits erfolgreich vermehrt: Aus bebrüteten Eiern schlüpften Jungtiere, die den folgenden Winter überlebten. Die Populationen in und um Freiburg erhalten sich also selbst. Auch in Berlin gibt es Berichte von Eiablagen und Grabversuchen. Bislang konnten aber keine geschlüpften Jungtiere beobachtet werden. Aber nichts Genaues weiß man nicht: Die Jungtiere sind nicht einfach zu entdecken, weil sie sich anders verhalten als die erwachsenen Tiere. Die Aussicht auf erfolgreiche Vermehrung in Berlin steigt jedoch mit jedem Grad Klimaerwärmung.
Das sind keine guten Nachrichten vor allem für heimische Libellen und Amphibien, deren Larvenstadien im Wasser heranwachsen. Denn junge Schmuckschildkröten und die Chinesische Weichschildkröte leben überwiegend von tierischer Nahrung, also von Wasserinsekten, Schnecken, Kaulquappen, Krebstieren, Fischen und Muscheln. Auch bei ausgewachsenen Schmuckschildkröten wurde schon beobachtet, dass sie sich nicht nur pflanzlich ernähren. Zudem können die Schildkröten Krankheiten wie Herpes-, Rana, oder X-Virus auf heimische Wildtiere übertragen. Sie können den Bestand dieser Arten bedrohen. Daher ist es wichtig zu dokumentieren, wo sie auftauchen.
Buchstaben-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta), zu der die drei Unterarten Rotwangen-, Gelbwangen- und Cumberland-Schmuckschildkröte gezählt werden, sind EU-weit seit 2016 als invasive gebietsfremde Arten eingestuft. Das heißt auch, sie dürfen nicht importiert, gezüchtet, verkauft und nicht einmal verschenkt werden. Die Besitzer*innen von alten Tieren müssen dafür sorgen, dass sie sich nicht vermehren können und nicht in die freie Natur gelangen. Es ist also noch strenger verboten, diese Tiere in die Natur oder einen künstlichen Stadtteich auszusetzen. Die einzige legale Möglichkeit, eine Buchstaben-Schmuckschildkröte loszuwerden, besteht also darin, sie ins Tierheim zu bringen.
Wasserschildkröten allgemein sind nicht die einfachsten Haustiere, das sollte man beim Kauf bedenken. Sie können ihrem Ruf als Tragerinnen der Altersweisheit gerecht und sehr alt werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 30 bis 40 Jahren. Schildkröten wachsen stark. Vielleicht wurden sie als Minischildkröte gekauft, reifen dann aber zu 40 cm großen adulten Tieren heran und brauchen ein dementsprechend großes Aquarium. Auch die alljährliche Überwinterung von Wasserschildkröten ist kein einfacher Vorgang. Er erfordert viel Aufwand und einen großen Kühlschrank oder einen kalten, dunklen und geschützten Ort. Es kann also passieren, dass einem das Langzeit-Haustier über den Kopf wächst. Aus Tier- und Naturschutzgründen ist es geboten, die Schildkröte dann nicht in die Obdachlosigkeit zu schicken.
Weiterführende Links
Tierheim Berlin, Patenschaften für aufgefundene Wasserschildkröten:
https://tierschutz-berlin.de/tiere/wasserschildkroeten/
Schildkrötenberatung, Suche für entlaufene Schildkröten:
https://www.schildkroetensuche.org/
Schildkröten melden beim Artenfinder Berlin:
https://berlin.artenfinder.net/artenfinder-pwa/#/


