Das Moorexperiment

Sensen für volle Vielfalt

Die scharfe Sense gleitet in einem großen Bogen dicht über dem Boden. Große Büschel an Pfeifengras fallen. „Ich habe meinen Rhythmus gefunden“. Leon Bergmühl, Florenschutzexperte der Stiftung Naturschutz Berlin, setzt die Klinge erneut an und fährt Schritt für Schritt fort. Streifen für Streifen arbeiten wir uns vor, wechseln uns mit dem Sensen ab, harken das Gras auf und tragen es aus dem Gebiet. Eine Sonnenanbeterin krabbelt einen Halm hinauf. Ich bücke mich, um sie neugierig zu betrachten.  

Ich befinde mich im Naturschutzgebiet „Müggelspreeniederung Köpenick“. Früh morgens bin ich mit meinem Fahrrad von Friedrichshagen den Müggelsee entlanggefahren, um an einem Arbeitseinsatz der Koordinierungsstelle Florenschutz teilzunehmen. Hier befindet sich die Krumme Laake – ein ursprünglicher Seitenarm der Spree, der sich über Jahrhunderte hinweg zu einem Moorgebiet entwickelt hat.

Von diesem Moor waren bis vor Kurzem jedoch nur noch Bruchstücke zu erkennen: Durch die intensive Trinkwasserförderung der wachsenden Großstadt hat sich der Grundwasserspiegel seit den 1950er Jahren stark gesenkt. Die Krumme Laake ist zunehmend verbuscht. Kiefern siedelten sich an, ein degenerierter Kiefernmoorwald entstand. Pflanzen, die hingegen einen hohen Wasserstand benötigen, sind allmählich verschwunden. 

Finanziert über die Klimaschutzabgabe Berlin setzt die Stiftung Naturschutz Berlin deshalb seit 2014 Renaturierungsmaßnahmen in der Krummen Laake um. Die Krumme Laake ist Teil des europäischen Netzwerks Natura 2000. Im Managementplan ist das Ziel vorgegeben, das Gebiet durch gezielte Maßnahmen wieder zu einem intakten sauren Zwischenmoor zu entwickeln. Dafür wurde ein rund 4,4 ha großes Gebiet der Krummen Laake von Kiefern befreit und in einem Teilgebiet sogar abgeplaggt. Mit großem Effekt: In einem Teil-Streifen des Ostarms der Krummen Laake wurde 2016 der Mittlere Sonnentau (Drosera intermedia), der in Berlin lange Zeit als verschollen galt, wieder nachgewiesen. Inzwischen kommt der Mittlere Sonnentau zu Tausenden in allen Teilen der Krummen Laake vor.

Heute sind wir aus einem ganz bestimmten Grund vor Ort: Pfeifengras (Molinia caerulea) ist auf Moorflächen mit niedrigem Wasserstand sehr verbreitet, so auch auf einem Großteil der von Kiefern befreiten Fläche in der Krummen Laake. Es wächst sehr dicht und verdrängt moortypische Pflanzen. Aus diesem Grund hat das Florenschutzteam der Stiftung ein kleines Teilgebiet abgesteckt, um es händisch zu sensen. Alexander Stier, Florenschutzexperte der Stiftung, beschreibt: „Die Mahd mit der Handsense ist eine schonende Pflegemethode zur Renaturierung von Mooren. Ziel ist, das Pfeifengras zu schwächen, damit konkurrenzschwache Pflanzen wie Torfmoose, Mittlerer Sonnentau, Zwiebelbinse und Moosbeere wieder ihren ursprünglichen Platz finden“. Zusätzlich entfernen wir Birken, Schilf und Faulbäume, die sich auf der Fläche angesiedelt haben. Er setzt die Sense erneut an und ein weiterer Pfeifengras-Bult wird abrasiert. In regelmäßigen Abständen hält das Team inne, um die Klingen der Sensen mit einem Wetzstein zu schärfen und dann zielstrebig fortzufahren. Eine anstrengende, körperliche Arbeit mit konkretem Ziel. „Das Sensen vermeidet, schwere Maschinen einzusetzen, die den empfindlichen Torfboden beschädigen können, und schont dazu Insekten und Amphibien im Gebiet“, fährt Alexander Stier fort. 

Eine Blutrote Heidelibelle huscht vorbei. Libellen zeigen den ökologischen Zustand von nassen Standorten an. Die Blutrote Heidelibelle ist eine eher häufige Libellenart, die eine strukturreiche Vegetation liebt und auch mit zeitweise trockenliegenden Feuchtgebieten zurecht kommt . Mit höherem Wasserstand und anderer Zusammensetzung der Pflanzen vor Ort werden auch andere Libellenarten vorbeischwirren. Das Florenschutzteam achtet gezielt darauf, dass das Gebiet uneben bleibt: Justus Meißner, Leiter der Koordinierungsstelle Florenschutz, erklärt „Höher liegende Bulte wechseln sich ab mit tiefer liegenden Schlenken, in denen sich Wasser sammelt. So entstehen wichtige Mikrohabitate, die wiederum Lebensraum für andere moorliebende Insekten schaffen.“

„Schaut!“ – Wir beugen uns über lange grüne Halme mit breit gefächerten, weißen Blüten. Es sind die Blütenstände des Weißen Schnabelrieds (Rhynchospora alba) – ein Sauergras, das in Berlin sehr selten und als vom Aussterben bedroht eingestuft ist. In der Krummen Laake war es rund 20 Jahre verschollen, nun streckt es sich der Spätsommer-Sonne entgegen und fühlt sich im nassen Untergrund sehr wohl. So unscheinbar es auf den ersten Blick wirkt, so bedeutend ist seine Aussage: Die bis hierhin angesetzten Maßnahmen zeigen Erfolg. Moorliebende Pflanzen finden allmählich wieder ihr zuhause im Ostarm der Krummen Laake. 

Immer wieder halten wir inne, um Insekten oder Spinnen, die uns begegnen, zu betrachten und im Artenfinder zu dokumentieren. Eine Waldeidechse flüchtet sich ins naheliegende, hohe Gras. Das ist das Schöne an der Mahd mit der Sense, sie ist präzise und leise und erlaubt genaue Beobachtungen. 

Etwas stolz schauen wir nach einem arbeitsreichen Tag auf die gemähte Fläche. Die Koordinierungsstelle Florenschutz wird in Abstimmung mit der Obersten Naturschutzbehörde in den kommenden Jahren diese extensive Pflege fortführen und die Veränderung der Pflanzenzusammensetzung vor Ort dokumentieren. Ein Experiment. Viele Früchte und Samen von moortypischen Pflanzen befinden sich noch im Boden, schlummern dort und warten auf ihren Moment – die richtigen Bedingungen, um zu keimen und sich wieder im Gebiet zu etablieren. Die Mahd ist eine wirkungsvolle  Methode. Es wird bereits überlegt,  im nächsten Jahr größere Arbeitseinsätze auch unter Einbindung von Ehrenamtlichen umzusetzen. 

Vor der Mahd und nach der Mahd

Vor der Mahd
Vorher
Nach der Mahd
Nachher

Autorin: V. Storre