Waldvision 2065

Gemeinsam Zukunft für Berlins Waldflora gestalten

Mit der Waldvision 2065 haben die Berliner Forsten ein wichtiges Leitbild für die Zukunft des Berliner Waldes entwickelt. Ziel ist es, die Wälder widerstandsfähig, vielfältig und naturnah weiterzuentwickeln – als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als Ort der Erholung und als wichtiger Bestandteil des Stadtklimas. Angesichts eines sich verändernden Klimas, Nutzungsänderungen in der Landschaft und einer wachsenden Metropole ist dies eine anspruchsvolle, aber notwendige Aufgabe. Für die Koordinierungsstelle Florenschutz ist die Waldvision deshalb ein ermutigendes Signal und eine große Chance für die biologische Vielfalt Berlins.

Besonders hervorzuheben ist, dass die Waldvision nicht allein den Erhalt von Waldflächen in den Mittelpunkt stellt, sondern vor allem die Qualität und Vielfalt der Waldstrukturen betont. Strukturreiche Dauerwälder, natürliche Verjüngung, artenreiche Waldränder, Biotopbäume und ein höherer Anteil an Totholz sollen künftig eine größere Rolle spielen. Damit greift die Vision Aspekte auf, die auch aus botanischer Sicht von zentraler Bedeutung sind. Denn floristische Vielfalt entsteht nicht allein durch „mehr Wald = mehr Natur“. Viele seltene und gefährdete Pflanzenarten sind auf abwechslungsreiche und lichte, sonnenreiche Lebensräume angewiesen. In Berlin haben Sonderhabitate wie Waldsäume, Lichtungen, Hügel und Geländesenken, aber auch markante Landschaftselemente (Dünen oder Moore) eine hohe Relevanz als Lebensraum für seltene Pflanzenarten im Wald. Gerade Übergangsbereiche zwischen Wald und Offenland, lichte Eichenbestände, breite Waldwege oder kleine Offenstellen innerhalb der Wälder gehören mitunter zu den artenreichsten Lebensräumen Berlins. Solche Strukturen sind oft das Ergebnis einer langen Nutzungstradition oder einer gezielten, differenzierten Waldentwicklung.

Wie unentbehrlich diese Lebensräume sind, zeigt sich beispielsweise in den Kiefernforsten in Rahnsdorf. Dort kommen entlang der Waldwege noch seltene, stark gefährdete oder sogar vom Aussterben bedrohte Arten wie die Mondraute (Botrychium lunaria), der Ästige Rautenfarn (Botrychium matricariifolium) sowie die Niedrige Schwarzwurzel (Scorzonera humilis) vor. Diese Arten sind sehr empfindlich gegenüber Störungen und benötigen für ihr Fortbestehen kontinuierliche Umweltbedingungen. Sie wachsen nur wenige Zentimeter hoch und sind daher sehr konkurrenzschwach. Eine Bedrohung für sie ist das Überwachsen durch Gebüsche. Mit einem gezielten Management können die Bereiche, in denen die Arten vorkommen, offengehalten werden und so ihre Erhaltung in Berlin gesichert werden. Gerade die Kombination aus Waldnähe, ausreichend Licht und geringer Konkurrenz schafft dort besondere Standortbedingungen.

Solche Lebensräume wirken auf den ersten Blick unscheinbar, können jedoch durchaus blütenreich sein. Aus botanischer Perspektive gehören sie zu den interessantesten Bereichen des Berliner Waldes. Sie zeigen zugleich, dass floristische Vielfalt eng mit Strukturvielfalt verbunden ist. Werden Waldbestände zu dicht oder im Unterstand von einer Strauchschicht dominiert, gehen wichtige Lebensräume verloren. In den Berliner Forsten sind es oft Neophyten wie die Späte Traubenkirsche (Prunus serotina), die Robinie (Robinia pseudoacacia) oder die Gewöhnliche Schneebeere (Symphoricarpos albus), welche sich stark ausbreiten. Aber auch heimische Arten wie Spitz-Ahorn (Acer platanoides) oder Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos) können diese seltenen Arten in Bedrängnis bringen. 

Ein weiteres Beispiel aus der Wuhlheide verdeutlicht die Bedeutung vielfältiger Wälder. Dort existieren noch bedeutende Bestände des sogenannten Fingerkraut-Eichenwaldes – ein heute seltener und besonders schützenswerter Lebensraum. Typisch für diesen Waldtyp ist seine offene und lichtdurchflutete Gestalt, welche Arten in der Krautschicht fördert. Das namensgebende Weiße Fingerkraut (Potentilla alba) besiedelt lichte und wärmebegünstigte Eichenwälder und ist an anderen Stellen aus dem Berliner Stadtgebiet verschwunden. Solche Bestände gehören zu den botanisch wertvollsten Waldlebensräumen Berlins und zeigen beispielhaft, wie eng bestimmte Pflanzenarten an traditionelle Waldnutzungen gebunden sind. In der Vergangenheit wurde der Wald zur Waldweide genutzt. Diese Nutzungsformen sind inzwischen nicht mehr existent und werden heute durch Pflegemaßnahmen ersetzt. Durch Wiederherstellungsmaßnahmen wie der Entnahme von über 1000 Späten Traubenkirschen, welche den Boden stark verschatteten, konnte dieser Wald erhalten werden. Jährliche Nachpflege mit Unterstützung von Ehrenamtlichen verbessert die Qualität dieses für Berlin einzigartigen Lebensraums deutlich.

Die Waldvision 2065 eröffnet nun die Möglichkeit, solche Lebensräume weiter gezielt zu fördern und langfristig zu sichern. Besonders wichtig ist dabei der Ansatz, Wälder gezielt dort zu entwickeln, wo besondere Arten vorkommen oder in der Vergangenheit vorkamen und Maßnahmen aufgrund besonderer Standortbedingungen erfolgversprechend sind. 

Es wird deutlich, wie wichtig die fachübergreifende Zusammenarbeit bei der Umsetzung sein wird. Die Berliner Wälder erfüllen viele Funktionen gleichzeitig: Sie sind Lebensraum, Erholungsraum, Klimaschützer und Teil der grünen Infrastruktur der Stadt. Diese verschiedenen Anforderungen miteinander zu verbinden, erfordert Austausch, Fachwissen und gemeinsame Lösungen.

Gerade hier kann die Koordinierungsstelle Florenschutz einen wichtigen Beitrag leisten. Floristische Kartierungen und langjährige Gebietskenntnisse helfen dabei, wertvolle Pflanzenbestände zu benennen und Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen für diese konkret vorzuschlagen. Denn viele seltene Arten reagieren sensibel auf Veränderungen von Lichtverhältnissen, Bodenstrukturen oder Konkurrenzsituationen. Durch eine enge Abstimmung können Maßnahmen so gestaltet werden, dass sowohl Waldentwicklung als auch floristische Vielfalt profitieren.

Wertvoll ist außerdem, dass die Waldvision Biodiversität sichtbar als zentrale Aufgabe benennt. Damit wird deutlich, dass Waldentwicklung in Berlin weit mehr bedeutet als reiner Flächenerhalt oder Nichtstun. Die Vielfalt der Arten und Lebensräume ist ein wesentlicher Bestandteil gesunder und anpassungsfähiger Wälder. Denn die Qualität eines Waldes zeigt sich nicht allein an seinen Bäumen – sondern auch an der Vielfalt der Pflanzenarten, die in diesem Lebensraum zu finden sind.

Autor: A. Stier