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Nachruf Marianne Weno

Vor 24 Jahren traf ich Marianne Weno zum ersten Mal. Ich hatte erstmals meinen Fuß über die Schwelle des Berliner BUND gesetzt, damals ein kleiner Landesverband mit nicht einmal 1.000 Mitgliedern. Sie saß mit einigen anderen Personen an einem großen Tisch und winkte mir zu. „Wir können noch Hilfe gebrauchen.“ Während wir gemeinsam Briefe falteten und in Umschläge schoben, entspann sich ein Dialog, der darin mündete, dass sie, die erfahrene Publizistin, mich einlud, etwas für die Berliner-Luft-Zeitung zu schreiben. Mich, das 22jährige Greenhorn. Es war eine ihrer herausragenden Eigenschaften, dass sie andere ohne Einschränkung ernst nahm. Wir wurden Freunde, auch das war für mich ungewöhnlich, denn sie war mehr als 30 Jahre älter als ich. Bei ihr zählte nicht, wie alt jemand war, woher er kam, was er beruflich tat. Es zählte allein, ob man bereit war, sich einzubringen. Sie war ein liberaler Mensch im besten Sinne.

Ihr Werkzeug war das Wort. Von aufrüttelnd-mahnend bis sarkastisch-bissig – Marianne Weno beherrschte alle Facetten des Schreibens. Nach dem Studium arbeitete sie als freie Dramaturgin an einem Berliner Theater, als Journalistin, Übersetzerin und für einen Schulbuchverlag. In den 1960er Jahren machte sie sich mit einem eigenen Theaterverlag selbstständig.

Marianne Weno wurde 1931 geboren. Ihre Jugend war alles andere als unbeschwert. Die Großeltern flohen vor den Nazis nach Schweden und ihr Vater, Intendant an einem Berliner Theater, verlor als Regimekritiker seinen Arbeitsplatz. In dieser Zeit entwickelte sie ihre Beharrlichkeit, ihre Widerstandskraft und ihren Freigeist. Eigenschaften, die später der Umwelt- und Naturschutzbewegung in Berlin zugutekommen sollten. Diese Jahre lehrten sie auch, dass man nicht wegschauen, nicht stumm bleiben darf, wenn man erkennt, dass gesellschaftliche Entwicklungen die falsche Richtung nehmen. Also nutzte sie ihr bestes Werkzeug – das Wort – und verlieh der Berliner Umwelt- und Naturschutzbewegung damit Ausdruck. In unzähligen Artikeln, Berichten und Kolumnen schrieb sie sich ihre Wut vom Leib und leistete Überzeugungsarbeit. In den 1980er Jahren schloss sie sich der Berliner Aktionsgemeinschaft gegen das Waldsterben an und prägte redaktionell deren „Berliner Luft Zeitung“. Und umso größer ihre Wut, desto besser die Artikel. Marianne Weno gehörte zu den Mitinitiatoren Kampagne für eine autofreie Havelchaussee, engagierte sich für den Naturschutz auf der stillgelegten Mülldeponie in Wannsee und kämpfte für den Erhalt der bedrohten Parforceheide im Südwesten Berlins. Sie war Gründungsmitglied des Bündnisses gegen den Havelausbau und des "Energiepolitischen Ratschlag". Vereinsmeierei war ihr fremd, Bündnisse wichtiger als Konkurrenzdenken. Sie war ein Vernunftmensch, dachte und handelte ergebnisorientiert. 

Marianne Weno erhielt 1997 für ihre Verdienste den Naturschutzpreis der Stiftung Naturschutz Berlin. Von 2000 bis 2005 engagierte sie sich als Vorstandsmitglied der Stiftung, bereicherte unsere Arbeit mit ihrem klaren Verstand, ihrer oft humorvollen Herangehensweise an komplexe Fragestellungen und ihrem umweltpolitischen Sachverstand. Unter der Überschrift „Mit spitzer Feder“ veröffentlichte sie hier ihre zahlreichen Kolumnen. Die Letzte erschien im Januar 2012. 

Als ich an den Presseinformationen zur Verleihung des Naturschutzpreises an Marianne Weno schrieb, gab ich ihr die Texte zum Gegenlesen. „Es ist immer riskant, mich zum Redigieren aufzufordern“, schrieb sie mir, „ich tue es wirklich.“ Und dann änderte sie nicht etwa Formulierungen, sondern strich ganze Passagen. Alles, was ihre Person besonders in den Vordergrund rückte, sollte entfallen. „Das will doch niemand wissen“, meinte sie. Ihr ging es immer nur um die Sache. 

Mit Marianne Weno verlässt eine leidenschaftliche, unabhängige und liebenswerte Umwelt- und Naturschützerin die gesellschaftspolitische Bühne. Wir werden ihren wachen Verstand und ihren nachdenklichen Optimismus sehr vermissen. 

Heidrun Grüttner