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Der Blog

Auf Streifzug durch Steglitz-Zehlendorf

4. November 2020

Der Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf, naturräumlich auf der Teltow-Hochfläche angesiedelt, hat abwechslungsreiche, geschichtsträchtige und teils wild-romantische Naturoasen zu bieten. Die Pfaueninsel, der Botanische Garten in Dahlem oder der historische Landschaftspark Klein Glienicke, der zum UNESCO-Welterbe gehört, sind nur einige von ihnen und zudem weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt.

Auch insgesamt findet sich im äußersten Südwesten der Hauptstadt mit rund 2.400 Hektar Wald, 1.100 Hektar Wasserflächen und 450 Hektar Grünanlagen reichlich Natur. Viele Flächen sind zudem als Landschafts- und Naturschutzgebiete ausgewiesen, darunter sogar mehrere als Natura-2000-Gebiete. Abseits davon gibt es auch ein Mosaik zahlreicher kleinerer Schätzchen, die das Herz aus faunistischer und floristischer Sicht höherschlagen lassen.

Tiere, Pflanzen und Menschen im engen Miteinander

Im Strandbad Wannsee fühlt sich zum Beispiel ein Bestand von Ohrlöffel-Leimkraut außerordentlich wohl. Eine   Steppenpflanze, die einst die sonnigen Havelhänge bewohnte. Es gibt uralte Maulbeerbäume auf Friedhöfen aus der Zeit, als die Seidenspinnerei von Steglitz in die Welt getragen wurde. Zauneidechsen flitzen zwischen Trockenrasen und Gesteinshaufen an der Avus hin und her. Wasserfledermäuse jagen in der Dämmerung über den Schlachtensee auf der Suche nach ihrem Abendschmaus. Und Greifvögel wie der Habicht bauen ihren Horst 50 Meter entfernt von Häusern in eine hohe Kiefer.

Kurzum, es ist die Vielfalt der Tiere und Pflanzen in einem engen Miteinander zum Menschen, die Steglitz-Zehlendorf so spannend macht. Zunehmend hinterlassen jedoch vor allem die klimatischen Veränderungen der letzten Jahre ihre Spuren in der Natur des Bezirkes. Wasserstände sinken, Trockenschäden an Bäumen werden zahlreicher und die Verbreitung sogenannter invasiver Arten wie Schmuckschildkröte, Waschbär, japanischer Staudenknöterich und Riesen-Bärenklau stellen ein weiteres Problem dar. Nicht zuletzt trägt auch der wachsende Nutzungsdruck der Menschen auf die Grün- und Freiflächen dazu bei, dass Flora und Fauna vor Ort vermehrt leiden.

Lebensräume mit Seltenheitswert

Um Gebiete im Bezirk gezielt aufwerten zu können, erfassen wir als Stadtnatur-Ranger*innen zum Beispiel Tier- und Pflanzenarten im Dreipfuhlpark, rund um den Nikolassee oder am Nordufer des Teltowkanals, das als Fläche eines unserer Leuchtturmprojekte bildet. Hier nämlich sind nicht nur besonders geschützte Lebensräume wie Sandtrockenrasen und Schilfröhrichte zu finden, sondern auch der seltene Berghaarstrang-Eichen-Trockenwald – ein Biotop, das in Berlin nur noch zweimal vorkommt.

Etwas, über das wir uns außerdem besonders freuen, sind die Vorkommen verschiedener, sehr seltener Pflanzenarten, die auf diesen Flächen im Rahmen einer floristischen Untersuchung kartiert werden konnten. Damit diese vor einer Verschattung durch nicht heimische Gehölze geschützt werden können, arbeiten wir derzeit in Absprache mit den Flächeneigentümern und der Koordinierungsstelle Florenschutz der Stiftung Naturschutz Berlin an entsprechenden Pflege­maßnahmen.

Im Einsatz für den Nachwuchs

Neben unserem Einsatz vor Ort möchten wir unsere Leidenschaft für die naturschutzfachliche Arbeit aber gerne auch weitergeben. So kümmern wir uns in einem umfassenden Umweltbildungsprojekt um den Nachwuchs und entwerfen aktuell ein Konzept für die Aus- und Weiterbildung von Junior-Ranger*innen. Kinder und Jugendliche möchten wir so nachhaltig für die Natur begeistern und ihr Interesse an Naturschutzthemen auch mithilfe verschiedener Hands-on-Projekte nachhaltig wecken. Ganz nach dem Motto von Konrad Lorenz: „Nur was ich kenne, kann ich lieben und nur was ich liebe, kann ich schützen.“

- Nathalie Bunke & Bennet Buhrke 

Die Entenfütterung: (K)eine Scheibe abschneiden?

10. September 2020

Erwartungsvolles Gewatschel, aufgeregtes Geschnatter und mittendrin: der Mensch mit einer raschelnden Tüte voller Brot. Vor allem Kinderaugen bringt die Entenfütterung zum Leuchten. Doch auch für viele Erwachsene zählt es zu einer lieb gewonnen Beschäftigung, den Wasservögeln ein paar Brotkrumen hinzuwerfen.

Das liegt auch nicht fern. Denn entlang von Gewässerufern dauert es selten lange, bis sich Enten um uns Menschen versammeln und sich mit ihren Schnäbeln über das angebotene Brotbuffet hermachen. Und wann haben wir schon die besondere Möglichkeit, unseren heimischen Wildtieren so nahezukommen?

Auch die Stadtnatur-Ranger*innen kennen solche Szenen nur zu gut. Auf ihren Streifzügen begegnen sie immer wieder Menschen, die Enten in gut gemeinter Absicht Brot anbieten. Der Entenfutter-Klassiker scheint also ganz schön beliebt, doch ist er für die Vögel eigentlich geeignet? Und sollte man Enten überhaupt füttern?

Brot – bitte nicht! 

So viel steht fest: Brot ist als Futter für Enten nicht geeignet. Es quillt im kleinen Entenmagen auf und enthält zudem jede Menge Salz, das den Stoffwechsel der Tiere durcheinanderbringt und langfristig zum Tod führen kann.

„Im verhaltensbiologischen Zusammenhang wirkt Brot auf die Enten wie Junkfood auf den Menschen“, erklärt Stadtnatur-Ranger und Ornithologe Toni Becker. „Es ist nährstoffarm, sättigt vermeintlich schnell und macht die Vögel „süchtig“, weil es durch die menschliche Hand häufig und leicht verfügbar ist“.

Für die bequeme Mahlzeit drängeln sich die Vögel zudem dicht beieinander. Enten sind zwar ausgesprochen soziale Tiere und leben gemeinsam in größeren Gruppen, doch sie begegnen sich beim Gerangel um das angebotene Futter in einer Form, wie sie sie es in freier Wildbahn normalerweise nicht tun würden.

„Das schnelle, unkontrollierte Futterangebot versetzt die Tiere in einen permanenten Konkurrenzstress“, erklärt Becker. Nicht zuletzt verlieren sie auch ihre natürliche Scheu vor den Menschen. Das hat zur Folge, dass der Straßenverkehr, aber auch frei laufende Hunde für die Wasservögel schnell zu einer weiteren tödlichen Gefahr werden können.

Auch die Natur leidet

Das Füttern hat aber nicht nur negative Auswirkungen auf die Enten, sondern auch auf die Natur. So werden auch andere Tiere wie Rallen, Stadttauben und Wanderratten angelockt, was natürliche Lebensgemeinschaften auf den Kopf stellt.

Normalerweise gehen die verschiedenen Arten ihrer Wege und haben ganz unterschiedliche Vorlieben. Indem Menschen die Tiere füttern, durchbrechen sie das natürliche Verhalten der Tiere. Es entstehen erzwungene Zönosen, die zu einem Ungleichgewicht und untereinander leicht zu einer Übertragung von Krankheiten führen können. 

Unter der Fütterung der Tiere durch den Menschen leiden außerdem Seen, Flüsse und kleinere Gewässer wie Teiche. Denn verschmähtes Brot, das im Wasser auf den Grund sinkt und die vermehrten Ausscheidungen der Enten heizen die Neubildung von Algen an und entziehen dem Wasser damit lebensnotwendigen Sauerstoff. Eine mögliche und traurige Folge: Die Gewässer kippen plötzlich um, Pflanzen, Fische und andere stille Wasserbewohner sterben.

Beobachten statt füttern

Aber darf man Enten denn nun gar nicht füttern? „Das Füttern von Enten in der Wildnis sollte man unterlassen und ist vielerorts, so auch in Berlin, verboten. Enten sollten einfach nur aus der Ferne beobachtet werden“, betont Becker. Vor allem in der Stadtnatur ergeben sich dazu auch wunderbare Möglichkeiten, da die Tiere hier an den Menschen gewöhnt sind und ihn kaum als Feind wahrnehmen.

In ihrer natürlichen Umgebung finden Enten in der Regel auch alles, was sie zum Glücklichsein brauchen. Vor allem Wasserpflanzen sowie Froschlaich, Würmer, Schnecken und schnabelgerechte Fische und Krebse stehen auf dem Speiseplan der gründelnden Enten. Eine willkommene Nahrungsquelle sind auch Gräser, Kleeblätter und viele andere Kräuter, die sie am Gewässerufer finden. 

„Den Enten bei ihrer Nahrungssuche zuzuschauen oder ihr natürliches Verhalten zu studieren, ist zu jeder Jahreszeit ein schönes Naturerlebnis“, findet Becker. Auch bei der Suche nach Früchten lassen sich Enten übrigens schön beobachten. „Sie dienen ihnen als Power-Snack und ein besonders schönes Schauspiel ist es, wenn sich Enten im Herbst über die am Boden liegenden Eicheln hermachen, die ihnen viel Energie für den Winter liefern“.

- Natascha Wank

Auf Streifzug durch Neukölln und Tempelhof-Schöneberg

13. August 2020

Jedes Mal faszinieren sie uns aufs Neue: Die grünen Weiten, die immer noch zahlreicher und endloser erscheinen, je mehr wir uns den südlichen Rändern der Bezirke Neukölln und Tempelhof-Schöneberg nähern. Aber nicht nur mit der Silhouette der Stadt im Rücken, sind die weitläufigen, artenreichen Grünflächen zu finden. Auch mittendrin, im Herzen beider Bezirke, prägen sie das Gesicht des Berliner Südens.

Denken Sie nur an den Volkspark Hasenheide. Oder das Tempelhofer Feld, eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt. Unzählige Pflanzen und Tiere sind es, die hier beste Bedingungen vorfinden, um sich rundum wohlzufühlen. Ganz zu schweigen von uns Menschen, die wir uns doch ebenso gerne auf den zahlreichen Wiesen und in den Parks tummeln. 

Als Berlin noch cooler war

Auch auf den Spuren der Erdgeschichte lässt es sich in Neukölln und Tempelhof-Schöneberg wandeln. So ist die „Britzer Pfuhlrinne“ Zeugin der Tausende Jahre zurückliegenden Eiszeit. Wie eine grüne Oase zieht sie sich durch die beiden Bezirke und einzelne Kleingewässer, die Pfuhle, bestimmen ihr Bild.

Mal liegen sie versteckt zwischen Wohnhäusern, mal eingebettet in eine Grünanlage. Entstanden jedoch sind sie alle aus den Toteisblöcken des Gletschers, der den Berliner Raum vor mehr als 20.000 Jahren mit einer bis zu 200 Meter hohen Eisschicht bedeckte. Eine Höhe, die heute bis an die Kugel unseres Fernsehturmes reichen würde.

Am Ende der Eiszeit, nach dem Zurückweichen des Gletschers, sind die Blöcke liegen geblieben. Sie wurden von Steinen umgelagert, tauten schließlich auf und entstanden war eine Senke, aus der das Wasser nicht mehr abfließen konnte. Als Naturdenkmale stellen die Pfuhle heute einzigartige Lebensräume dar und insgesamt 13 von ihnen nehmen wir wöchentlich unter die Lupe.

Auf der Suche nach Antworten

Vor allem Frösche sind es, die uns dabei immer wieder auf den Wiesen oder in den Kleingewässern begegnen. Besonders gut lassen sie sich während ihrer Wanderschaft, auf dem Weg zwischen den Laichgewässern und ihrem Landwohnsitz, beobachten. Und mit jeder Sichtung erhalten wir mehr Kenntnisse darüber, wo unsere Amphibien eigentlich leben.

Leider werden unsere heimischen Frösche, Kröten und Molche vor viele Herausforderungen gestellt. Ein großes Problem für ihre Bestände sind zum Beispiel ausgesetzte Goldfische und Karpfen. Auch Schmuckschildkröten, die häufig unwissend und gut gemeint ins Freie gesetzt werden, machen den Berliner Großstadt-Amphibien zu schaffen. Für sie ist der Laich der Amphibien fette Beute. Tage, an denen wir das Glück haben, stark gefährdete Arten wie den Kammmolch und die Knoblauchkröte zu finden, gehören somit immer wieder zu den besonders schönen.

Tieren und Pflanzen auf der Spur

In Neukölln und Tempelhof-Schöneberg sind wir aber nicht nur Tieren auf der Spur. Auch unserer Pflanzenwelt widmen wir uns ganz gezielt und erarbeiten gemeinsam mit den Bezirksämtern Konzepte für die nachhaltige Pflege von Wiesen. Denn wann, wo und wie oft gemäht wird, trägt nicht nur dazu bei, dass der Anblick blühender Felder keine Seltenheit wird und Pflanzen ihre Samen verteilen können. Abgestorbenen Pflanzenstängel sind zum Beispiel auch für unsere Insekten wichtig, da sie ihnen als Eiablage zur Verfügung stehen.

Neben all diesen Aufgaben, die wir auf unseren Streifzügen als Ranger*innen für die Berliner Fauna und Flora wahrnehmen, sind wir aber auch eines: unterwegs, um Ihnen die „wilde“ Seite Neuköllns und Tempelhof-Schönebergs vorzustellen und Ihre Fragen rund um das Thema Stadtnatur zu beantworten. Wir freuen uns auf Sie! 

- Meike Borchert, Géraldine Döring, Tjorven Tenambergen & Fabian Heitzeberg

Auf den Spuren der Tiere

20. Juli 2020

Fledermäuse, Turmfalken, Zauneidechsen – wie sie nennen auch zahlreiche andere Amphibien, Reptilien, Säugetiere und Vögel Berlin ihr Zuhause. Sie alle finden in unserer urban geprägten Umwelt eine Vielzahl an Lebensräumen vor, die ihnen günstige bis sehr günstige Bedingungen bieten. Aber wie erfahren wir zum Beispiel, wo Fledermäuse die Nacht zum Tag machen, Turmfalken ihre Kreise ziehen und Zauneidechsen bevorzugt sonnenbaden? Wie lassen sich Populationen abgrenzen oder ihre Dynamiken feststellen? 

Die Tierwelt verstehen

Wertvolle Antworten darauf gibt uns eine Methode, die auch für unsere Arbeit als Stadtnatur-Ranger*innen von großer Bedeutung ist: die faunistische Kartierung. Oder, ganz einfach ausgedrückt: die Erfassung der Tierwelt in einem konkreten Untersuchungsgebiet. Bei dieser erheben wir Daten, die wir statistisch auswerten können und die uns Informationen über den aktuellen Bestand der in Berlin vorkommenden Arten geben.

Vor allem aber lassen sich mithilfe faunistischer Kartierungen langfristig Rückschlüsse über artspezifische Entwicklungen und die Lebensräume unserer tierischen Bewohner ziehen. Das Wissen um unsere Hauptstadt-Fauna können wir so als Ranger*innen nicht nur bedeutend erweitern, sondern wir haben auch die Möglichkeit, gezielt Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung von Populationen zu ergreifen.

Die drei wichtigsten Fragen       

Aber welche Schritte sind es eigentlich, die eine faunistische Untersuchung durchlaufen muss? Zunächst geht jeder Kartierung eine Datenrecherche zum Artenvorkommen in einem zuvor definierten Untersuchungsgebiet voraus. Dafür stehen in vielen Bundesländern zentrale Artdatenbanken für faunistische Artdaten zur Verfügung. Im Land Berlin wird diese von der Stiftung Naturschutz Berlin betreut. Nach der Recherche folgt schließlich die gezielte Kartierung an Ort und Stelle. So kann das tatsächliche Vorkommen für die Arten oder Artengruppen bestmöglich eingeschätzt und bewertet werden.

Für jede Kartierung ist es wesentlich, die Lebensraumsprüche der Arten aber auch diese selbst und ihr Verhalten zu kennen. Und auch diese drei grundlegenden Fragen sind es, die beantwortet werden müssen, noch bevor sich Kartierer*innen ins Gelände begeben: Welche Artengruppe soll kartiert werden und welche Artengruppen sind zu erwarten? Welche Lebensräume müssen dafür untersucht werden? Welches Ziel wird mit der Datenerhebung verfolgt? Erst dann werden Umfang aber auch Methode der Kartierung festgelegt. Und diese können sich je nach Fragestellung und Artengruppe sehr voneinander unterscheiden.

Auf der Lauer

Vögel zum Beispiel, lassen sich am besten über die akustische Erkennung während ihres Konzerts in den frühen Morgenstunden kartieren. Dann, wenn die Sonne grade aufgeht. Zwar gibt es auch Vögel, die sich wie Stockenenten oder Nebelkrähen den ganzen Tag beobachten lassen – die meisten unserer gefiederten Bewohner verstecken sich jedoch am liebsten unauffällig im Gebüsch. Festgelegte Strecken werden für die Vogelkartierung mehrmals im Jahr abgelaufen und die Arten anhand ihrer Gesänge notiert.

Ganz anders hingegen sieht die Kartierung bei Reptilien, den Sonnenanbetern unserer Tierwelt, aus. Sie lassen sich während ihres Sonnenbades auf Steinen, Totholz oder offenen Bodenstellen leicht erkennen und Sichtungen einzelner Individuen können beim langsamen Ablaufen festgelegter Routen notiert werden. Auch Biber locken uns durch ihre charakteristischen Fraßspuren leicht auf ihre Fährte.

Ist eine Kartierung durch bloßes Hinschauen und Hinhören nicht oder nur schwer möglich, dann helfen spezielle Geräte. Etwa dann, wenn wir eher scheue oder nachtaktive Großsäuger erfassen möchten. Hier sind es vor allem Schnappschüsse von Wildtierkameras, die uns mehr über Waschbär, Wildschwein und Co erzählen. Oder wenn wir Daten über Fledermäuse gewinnen möchten, die ihren großen Auftritt mit Flugmanövern über Gewässern, Wiesen und Baumwipfeln erst während der Abenddämmerung haben. Hier helfen uns vor allem Detektoren dabei, die Jagdhabitate der Nachtschwärmer erfassen und die Verhaltensweisen der Fledermäuse besser verstehen zu können. Auch Ausflugszählungen mit Hilfe mechanischer Handzähler verraten uns viel über die Quartiere und das Leben unserer flugfähigen Säugetiere.

Und wie sieht es im Reich der Amphibien aus, dem sich unsere Koordinierungsstelle Fauna bereits seit fünf Jahren besonders intensiv widmet? Auch unsere tierischen Verwandlungskünstler lieben die Abendstunden. Dann erst werden sie richtig munter und viele von ihnen begrüßen uns mit ihren ganz individuellen Rufen, anhand derer sie auch für den geübten Laien leicht erkennbar sind. Um allerdings auch in die stille Welt der Molche eintauchen zu können, braucht es mehr als ein gutes Gehör. Zum Einsatz kommen dann Reusen, die in Gewässern ausgelegt werden und die akustische Erkennung ergänzen.

Bei allen Unterschieden, die Beobachtungsmethoden mit sich bringen, gibt es aber doch auch Gemeinsamkeiten. So werden Eigenschaften wie Art, Geschlecht und Alter der Tiere nach Möglichkeit erfasst - immer aber wird der Standort der Individuen in eine Karte eingetragen. Und eben diese Tatsache ist es, die für die Kartierung schließlich namensgebend war.

Werden Sie Artenfinder! 

Haben Sie vielleicht Lust, sich auch mal auf die Spurensuche zu begeben – vielleicht sogar mit Wildtierkameras und Fledermausdetektoren? Dann werden Sie doch Citizen Scientist für unsere digitale Plattform ArtenFinder und sammeln Sie mit uns gemeinsam Daten über Berlins Tier- aber auch Pflanzenwelt. Alle Infos dazu finden Sie unter berlin.artenfinder.net

- Natascha Wank

Stadtnatur: unsere wilde Nachbarin

04. Juni 2020

Die Sonne scheint, die Luft riecht schon nach Sommer. Jetzt zieht es viele Stadtbewohner*innen „raus ins Grüne“. Aber warum nicht mal „rein ins Grüne“? Denn Natur gibt es nicht nur auf dem Land, es gibt sie auch in der Stadt. Stadtnatur eben. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team der Stadtnatur-Ranger*innen beschäftige ich mich täglich mit ihr. Und oft werde ich gefragt, was das denn eigentlich sei, die Stadtnatur. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Was ist das denn, Stadtnatur?

Ich war beim Langen Tag der StadtNatur, bin dem Lauf der Weddinger Panke gefolgt, hörte mitten in Mitte den Habicht rufen und staunte in Kreuzberger Nächten über Fledermäuse. Ganz klar: Wald, Fluss und innerstädtischer Park, all das ist Berliner Stadtnatur. Aber was ist mit dem Farn, der sich dort aus der Mauerritze zwängt? Oder mit den Geranien auf Nachbars Balkon?  

Vielleicht hilft ein Blick in die Fach-Literatur. Im Bericht „Ökosystemleistungen in der Stadt – Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen“, der 2016 erschienen ist, „wird unter Stadtnatur die Gesamtheit der in urbanen Gebieten vorkommenden Naturelemente einschließlich ihrer funktionalen Beziehungen (Ökosysteme) verstanden¹“. Dieses umfassende Verständnis von Stadtnatur reicht von Pflasterritzen-Vegetation und Mauerblümchen über Gärten und Parks, Stadtbrachen, Äcker und Wiesen bis zu den städtisch beeinflussten Wäldern und Mooren am Stadtrand. 

So schön grün

Was kompliziert klingt, ist in der Realität – hier in Berlin – ganz schön beeindruckend. Denn gerade was die Grünflächen angeht – von den großen Wald- und Gewässerlandschaften über die Parks bis zur Brachfläche – hat unsere Stadt einiges zu bieten, auch im internationalen Vergleich. Bereits beim Landeanflug staunen Berlin-Besucher*innen über das endlose Grün, das sich unter ihnen erstreckt.² 

Und tatsächlich: 44 Prozent der Fläche unserer Stadt bestehen aus Wäldern, Flüssen, Seen, Pfuhlen, Mooren, landwirtschaftlichen Flächen, Park-, Friedhofs- und Kleingartenanlagen und Brachland. Dazu kommen unzählige kleinere Biotope wie private Gärten, Straßengrün, Kirchtürme und alte Mauern. In diesen Berliner Biotopen leben gut 2.000 Pflanzen- und 18.000 Tierarten, darunter 180 Vogel- und 13 Amphibienarten. Doch leider ist die Vielfalt bedroht: Schon 13 Prozent der ehemals hier lebenden Arten sind ausgestorben, weitere 30 Prozent gefährdet. 

Jetzt kommen die Die Stadtnatur-Ranger*innen ins Spiel, denn sie tun einiges für die bedrohte Berliner Natur. Doch was tut die Stadtnatur eigentlich für uns, die 3,5 Millionen Menschen, die in Berlin leben? Sie ahnen es: eine Menge.

Was kann Stadtnatur?

Stadtnatur bildet uns: Wir bestaunen Mauersegler in der Innenstadt, die dicke Eiche im Tegeler Forst und kleinste Biotope in einer Pflasterritze. Stadtnatur macht die Berliner Luft: Von den 400.000 Straßenbäumen in Berlin produziert jeder 10.000 Liter Sauerstoff am Tag und filtert pro Jahr bis zu 100 Kilogramm Staub aus der Luft. Vielleicht schenken Sie dem Baum vor Ihrer Haustür einmal ein aufmunterndes Lächeln? Stadtnatur ist gut für unsere Gesundheit: Schon kurze Naturbegegnungen wie die Mittagspause im Park fördern die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Stadtnatur erzählt Geschichten: Sie erzählt von Vielfalt, von Zu- und Abwanderung, von Alteingesessenen und Neubürgern wie Rosskastanie und Tulpe. Stadtnatur fördert Begegnungen: Wir gärtnern gemeinsam in Stadtgärten, spielen Boule im Park und lernen bei Führungen, wie spannend die Natur sein kann. Das alles ist also Stadtnatur. Wann kommen Sie das nächste Mal rein ins Grüne?

- Ulrike Willerding 

¹ Kowarik, I., Bartz, R. & M. Brenck (Hrsg.) 2016: Ökosystemleistungen in der Stadt – Gesundheit schützen und Lebensqualität erhöhen. – Projektbericht des Projekts „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“. Berlin, Leipzig.
www.ufz.de/export/data/global/190508_TEEB_DE_Stadtbericht_Langfassung.pdf
² https://www.berlin.de/aktuell/ausgaben/2010/dezember/ereignisse/artikel.223723.php

 

Stadtnatur-Ranger – ein paar Hintergründe

28. Mai 2020

Als Henry „Harry“ Yount (1837–1924) vom Leiter des weltweit ersten Nationalparks dazu beauftragt wurde, im Yellowstone-Gebiet Wilderei und Vandalismus zu unterbinden, wurde er zum ersten Ranger im Auftrag des Naturschutzes. Wenn Sie dieses einmalige Gebiet in Wyoming/USA kennen sollten, können Sie sich vorstellen, welch aufregende Aufgabe er dort ab 1880 übernahm. Allerdings konnte seine Tätigkeit angesichts der Größe des Gebiets und seiner Ausrüstung nur scheitern – nach anderthalb Jahren gab er auf und kündigte seine Anstellung.

Diese Zeitspanne hat nun auch das Modellprojekt „Stadtnatur-Ranger“ vor sich, das jedoch gleich von Anfang an auf mehr Personal, eine gute Ausrüstung und Vernetzung setzt. Bis zum Ende des Jahres 2021 werden wir somit zeigen, dass es sich lohnt, Ranger*innen in einer Millionenmetropole einzusetzen. Dieser Blog soll uns dabei helfen, ein Stück dieses Weges gemeinsam mit Ihnen, den Berlinerinnen und Berlinern, zu gehen. Bevor wir aber über die Arbeit und Erlebnisse unserer Rangerinnen und Ranger berichten, gibt es noch zwei Themen, die wir Ihnen näherbringen möchten: den Rangerberuf selbst (und wie er vom Yellowstone nach Berlin kam), sowie die Stadtnatur den Gegenstand unserer Bemühungen. Hierüber dürfen Sie in der nächsten Woche lesen.

Vom Wildhüter bis hin zum Stadtnatur-Ranger

Die Vieldeutigkeit englischer Wörter ist beeindruckend: Ranger – das bedeutet Wildhüter, Waldläufer, Forstbeamter und auch Jäger. Und alle diese Bezeichnungen treffen auch zu, wenn man sich die Tätigkeit der Menschen anschaut, die weltweit und zumeist in Nationalparks diesen vielseitigen, außergewöhnlichen und mancherorts gefährlichen Beruf ausüben. Wenn Sie sich hierfür interessieren, sei auf die Internetseite der International Ranger Federation verwiesen. Und es geht noch weiter: Wie im Sinne von „to range“ (u.a. reichen, erstrecken) werden, entsprechend der abenteuerlich-romantischen Bilder, die dieses Wort hervorruft, auch Geländewagen, militärische Einheiten oder sogar Sportmannschaften als „Ranger“ bezeichnet.

Die deutsche Sprache nutzt diesen Begriff gerne für Tätigkeiten, die sich „draußen“ abspielen – und sei es nur, den Straßenverkehr zu beobachten. So sind zum Beispiel für einen regionalen Radiosender „Verkehrsranger“ unterwegs. Nur den eigentlichen Beruf bezeichnen wir im Deutschen damit nicht so gerne. Stattdessen verwenden wir lieber das etwas sperrige, aber vielleicht genauere Wort „Schutzgebietsbetreuer“. Und damit ist die Verwirrung wohl zunächst perfekt: Wie kommt Berlin dazu, eine recht klar umrissene und im Deutschen sogar genau zugeordnete Berufsbezeichnung in einem neuen Kontext zu verwenden?

Landschaft bleibt Landschaft – auch in der Stadt

Zunächst eine auf den ersten Blick enttäuschende Tatsache: Hamburg hat bereits Ranger*innen. Und auch für den Regionalverband der Metropole Ruhr sind Ranger*innen im Einsatz. In beiden Metropolen werden diese aber ausschließlich in ausgewiesenen Schutzgebieten eingesetzt. In Berlin ist das anders.

Die deutsche Hauptstadt schaut an den beiden Metropolen vorbei und zwar direkt in die Vereinigten Staaten: Dort hat man den Beruf bereits seit den 1970er-Jahren in einen urbanen Kontext gebracht: Metropolen wie New York City oder Los Angeles wollten einerseits ihre durchaus vorhandenen ökologischen Schätze sichern, zugleich aber auch vor Ort Bildungsarbeit leisten. Zudem war es Ziel, ökologisch auf den ersten Blick nicht so wertvolle, aber für das Wohlbefinden der Bevölkerung wichtige Parks und Freiflächen zu entwickeln. Der Urban Park Ranger wurde geboren.

Dass es auch außerhalb von Schutzgebieten interessante Natur- und Freiräume gibt, die für Städter von Interesse sein können, gilt auch für Berlin. Hier hat sich im Laufe von Jahrzehnten aus einer Müllkippe im ehemaligen Grenzbereich ein kleines Naturparadies entwickelt – der Landschaftspark Marienfelde. Bereits 2007 kam Björn Lindner auf die Idee, in diesem Areal Pflegemaßnahmen durchzuführen. In jahrelanger Aufbauarbeit und in Kooperation mit dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg sowie der Stiftung Naturschutz Berlin bildete sich so die erste Rangertätigkeit in der deutschen Hauptstadt aus. Ergebnis war die Naturschutzstation Marienfelde, die 2016 mit der Gründung der Naturwacht Berlin e.V. auch organisatorisch einen Rahmen bekam. Mit ihren Angeboten hat sie entscheidend zu den Überlegungen beigetragen, in Berlin Ranger*innen einzusetzen.

Nach einem Abgleich zwischen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, den Berliner Bezirken und der Stiftung Naturschutz Berlin sind zwei Teilprojekte zur Erprobung des Einsatzes von Ranger*innen entstanden: ein bezirkseigenes in Pankow und eines, das durch die Stiftung Naturschutz Berlin koordiniert wird. Ziel ist sowohl der Einsatz in Schutzgebieten, aber eben auch auf anderen ökologisch wertvollen Flächen.

Berlin startet mit echten Stadtnatur-Ranger*innen und nutzt damit sprachlich wie inhaltlich alle Möglichkeiten dieses Berufes aus. Schließlich bleibt Landschaft auch in der Stadt Landschaft: Wer sie schützen und entwickeln will, muss sie beobachten, dokumentieren, erforschen, pflegen, sie vermitteln und für sie werben. Wer wäre dafür besser geeignet als Ranger*innen?

- Lars Büttner 

Berlin, die Ranger kommen!

18. Mai 2020

Rangerinnen und Ranger in der Hauptstadt – inmitten einer Millionenmetropole?

Richtig gelesen, liebe Berlinerinnen und Berliner – wir starten jetzt mit einem bundesweit einmaligen Modellprojekt. Ab sofort sind wir in sechs Bezirken mit  Stadtnatur-Ranger*innen unterwegs. Geplant ist, auch in den verbleibenden Stadtbezirken noch in diesem Jahr aktiv zu werden.

Wir sind stolz, mit dem Vorhaben ein Teil der Stiftung Naturschutz Berlin zu sein. Neben dem schönsten Arbeitsplatz der Welt, der Stadtnatur, haben wir auch eine wunderbare Aufgabe: einen wichtigen Beitrag für den Erhalt und die ökologische Weiterentwicklung unserer grünen Lebensräume zu leisten.

Grau braucht Grün  

Mit Parks, Wiesen, Mooren, Wäldern aber auch Gärten und Brachflächen hat unsere pulsierende Metropole davon eine ganze Menge. Wie ein grünes Netz ziehen sich die vielen kleinen und großen Biotope durch die Stadt. Für unzählige Pflanzen- und Tierarten sind sie Heimat. Genau das macht Berlin nicht nur zu einer der grünsten, sondern auch zu einer der artenreichsten Großstädte der Welt.

Auch für uns Menschen sind die grünen Oasen von unschätzbarem Wert. Sie sorgen für Ausgleich und Entspannung, schaffen Räume für Begegnungen und Austausch. Damit wirkt sich das Stadtgrün entscheidend auf unsere Lebensqualität aus, trägt zu unserem Wohlbefinden und zu unserer Gesundheit bei. Nicht zuletzt können wir hier auch immer wieder Neues erleben und entdecken.

Stadtnatur – wertvoll und nicht selbstverständlich

Doch, die Berliner Stadtnatur steht unter Druck. Denn hier, inmitten der Großstadt, treffen ganz unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander, die mit vielen Ansprüchen an unsere Umwelt einhergehen. Viele der ökologisch wertvollen Flächen Berlins leiden zum Beispiel unter abgelagertem Müll, Beschädigungen oder den Auswirkungen des Klimawandels. Nicht zuletzt hinterlassen auch viele unserer Freizeitaktivitäten ihre negativen Spuren in unserer heimischen Flora und Fauna. So sind viele Arten in Berlin inzwischen gefährdet.

Mittler zwischen Menschen und Natur

Mit unserer Arbeit als Ranger*innen möchten wir wichtige Impulse für den Erhalt unserer Stadtnatur setzen und für Veränderungen sorgen, die dem Stadtgrün und damit auch uns Menschen zu Gute kommen. Wir möchten die wertvollen naturnahen Lebensräume in den Berliner Bezirken erhalten und entwickeln. Und dazu nehmen wir Schutzgebiete aber auch typisch urbane Flächen wie Parks, Stadtbrachen und Friedhöfe genau unter die Lupe.

Sei es bei Tag mit Fernglas, bei Nacht mit Nachtsichtgerät, durch Kartierungsarbeiten oder Monitorings – nur, wenn wir unsere Stadtnatur richtig kennen, können auch sinnvolle Maßnahmen für die Arten- und Biotopvielfalt der Stadt ergriffen werden. Als Ranger*innen sehen wir uns aber auch als Mittler*innen zwischen Mensch und Natur und haben uns vorgenommen, Ihnen unsere Nachbarn aus dem Tier- und Pflanzenreich näher vorzustellen. Ihre Fragen rund um das Thema Naturschutz beantworten wir Ihnen bei einem Treffen unterwegs im Kiez natürlich ebenfalls gerne.

Wir laden Sie herzlich ein, mit uns wöchentlich auf unserem Blog auf Streifzug zu gehen. Lernen Sie bekannte, aber auch neue Seiten der Berliner Stadtnatur kennen, entdecken Sie mit uns die Pflanzen- und Tierwelt vor Ihrer Haustür und lassen Sie sich über spannende Fakten und Themen rund um den städtischen Natur- und Umweltschutz informieren.

Wir freuen uns auf diese neue Aufgabe und auf Sie!

- Natascha Wank