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Die Vielfalt im Blick

Pflanze des Monats Oktober 2020

Weißes Schnabelried Rhynchospora alba (L.) VAHL

Wie Pflanzen aus der Not eine Tugend machen, zeigt das Weiße Schnabelried. Als Stress-Stratege hat sich das Sauergras an extreme Nässe bis hin zu zeitweiligen Überflutungen angepasst. Durch diese Fähigkeit kann die 15–40 cm große Moorpflanze mit den dreikantigen Stängeln unwirtliche Standorte besiedeln und Konkurrenzdruck meiden.

Das Weiße Schnabelried wächst in aufrechten Horsten. Seine für Sauergräser typisch unscheinbaren Blüten blühen zwischen Juli und August. Durchaus charakteristisch sind hingegen die weißen Ährchen des Blütenstandes, die sich später rötlich färben sowie die geschnäbelte Frucht, der die Pflanze ihren Namen verdankt. Vermehren kann sie sich sowohl über Samen als auch über Brutzwiebeln, manchmal auch über kurze Ausläufer.

Außer nassen Füßen liebt das Weiße Schnabelried jede Menge Licht, saure Verhältnisse und einen geringen Nährstoffgehalt. Derartige Bedingungen findet es in Schlenken von nährstoffarmen Torf- und Zwischenmooren, feuchten Zwergstrauchheiden, nassen Rändern von Moorgewässern oder lichten Moorwäldern.

Auf der Nordhalbkugel tritt es zirkumpolar, also rund um den Globus auf. Schwerpunkte der Verbreitung liegen im Osten Nordamerikas und in Europa. In Asien kommt die Art nur vereinzelt vor. In Europa reicht das geschlossene Verbreitungsgebiet von Nordspanien, Frankreich, Norditalien, Irland und Großbritannien über Mitteleuropa bis nach Südskandinavien und Westrussland.

Deutschland liegt im Zentrum dieses Areals und beherbergt einen bedeutenden Teil der Weltpopulation des Weißen Schnabelrieds. Es ist hier sehr ungleichmäßig verteilt und weist drei große, weiträumig voneinander isolierte Verbreitungsschwerpunkte in Nordwestdeutschland, Nordostdeutschland und im Süden des Landes auf. In den übrigen Gebieten ist das Weiße Schnabelried sehr selten. Deutschlandweit ist langfristig ein starker Rückgang der Art zu verzeichnen, wodurch sie hier als gefährdet gilt. In der Roten Liste von Berlin wird die Art sogar als vom Aussterben bedroht eingestuft.

Die Ursache der Gefährdung liegt in der Zerstörung von Moorstandorten. Bis in das letzte Jahrhundert wurden über 95 Prozent aller Moore in Deutschland für Torfabbau, Bebauung oder Land- und Forstwirtschaft entwässert. Der im Verhältnis zu diesen Zahlen geringe Rückgang des Weißen Schnabelrieds erklärt sich durch seine Fähigkeit, auf moorige Sekundärstandorte auszuweichen.

Die verbleibenden Moorflächen sind steigenden Jahresmitteltemperaturen, ausbleibenden Niederschlägen und sinkendem Grundwasserspiegel ausgesetzt. Dazu kommen Nährstoffeinträge aus Verkehr und industrieller Landwirtschaft. Stickstoffoxide und Ammoniak gelangen über Luft und Niederschläge selbst an abgelegene Standorte und führen so zu einer fortlaufenden Nährstoffanreicherung der Moore. In der Folge können sich immer konkurrenzstärkere Pflanzen und Gehölze im Moor ausbreiten, was zur Verdrängung konkurrenzschwacher Arten führt und die Austrocknung des Moorkörpers fördert.

Die beste Maßnahme zum Erhalt des Weißen Schnabelriedes besteht im Schutz der noch vorhandenen Moore. Achten Sie zum Beispiel beim Kauf von Blumenerde auf gänzlich torffreie Produkte. Selbst das ein oder andere Bio-Produkt beinhaltet noch Torf.

An manchen gestörten Moorstandorten sind auch Renaturierungsmaßnahmen möglich, was sowohl dem Schutz der biologischen Vielfalt als auch dem Klima- und Gewässerschutz dient. Aus diesem Grund wurde die Stiftung Naturschutz Berlin beauftragt, mit den Mitteln der Berliner Klimaschutzabgabe Moorrenaturierungen in Berlin durchzuführen.

Oberstes Ziel der Maßnahmen ist die Wiedervernässung des im Wasserhaushalt gestörten Moorkörpers. Wasserziehende Gehölze und ihr junger Aufwuchs werden entfernt, damit sich wieder eine typische Moorvegetation einstellen kann. Manchmal ist es stellenweise notwendig, die Vegetation mitsamt des obersten, stark zersetzten Torfhorizonts abzuplaggen. Dann erhalten im Boden schlummernde Samen von konkurrenzarmen Arten wie des Weißen Schnabelrieds eine neue Chance zu keimen.

Da die Berliner Moore nicht betreten werden dürfen und die Standorte des Weißen Schnabelrieds in der Regel sowieso nicht tragfähig sind (Achtung: Lebensgefahr!), empfehlen wir die Mitnahme von Ferngläsern bei ihren herbstlichen Spaziergängen. So können Sie von Wegen aus einen Blick in die Moore werfen. Sollte ein Fruchtstand des Weißen Schnabelrieds vor Ihrer Linse auftauchen, freuen wir uns sehr über eine Fundmeldung per E-Mail

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