Logo Stiftung Naturschutz Berlin  
Die Vielfalt im Blick

Pflanze des Monats November 2022

Kleiner Wasserschlauch Utricularia minor s. str. L.

Was haben eigentlich der Kleine Wasserschlauch, der Mittlere Sonnentau und der Rundblättrige Sonnentau gemeinsam? Sie teilen ganz besondere Ernährungsgewohnheiten, die es ihnen ermöglichen, unter nahezu lebensfeindlichen Bedingungen zu überleben. Man könnte die drei Pflänzchen sogar als ausgesprochen gefräßig bezeichnen. Denn Sie gehören zu der kleinen Gruppe der bei uns heimischen fleischfressenden Pflanzen.

Ein wahrer Überlebenskünstler

Vom Sonnentau haben vielleicht einige schon gehört. Der Kleine Wasserschlauch blieb unter den karnivoren Pflanzen bislang eher undercover. Man findet ihn überwiegend in seichten Moorschlenken, Torfstichen und Teichbuchten sehr nährstoffarmer Gewässer und Moore. Hier müssen Tiere und Pflanzen mit sehr wenig Nährstoffen auskommen und an schnelle Wechsel der Wasserstände im Jahresverlauf angepasst sein. Um den Nährstoffmangel im Wasser und im Torfboden auszugleichen, benötigt die Wasserpflanze daher eine zusätzliche Nahrungsquelle.

Blitzschneller Jäger mit tückischer Unterwasserfalle

Für uns mag die zarte Wasserpflanze von gerade mal 4 bis 15 cm Größe harmlos aussehen. Im Mikrokosmos eines Wassertropfens stellt die ausgefeilte Fangtechnik des Kleinen Wasserschlauchs für Wasserflöhe, Algen und kleine Insekten jedoch eine tückische Unterwasserfalle dar. An den untergetauchten Pflanzensprossen sitzen jeweils bis zu 10 kleine Fangbläschen, in denen ein starker Unterdruck herrscht. Um Beute anzulocken, wird an dem Deckel der Blase ein Zuckerschleim abgesondert. Schon bei der geringsten Berührung öffnet sich blitzschnell eine Klappe und das einströmende Wasser zieht die Beute mit sich. Dieser Mechanismus dauert gerade einmal 2 Millisekunden und zählt zu den schnellsten Bewegungen im Pflanzenreich. Erst einmal in der Blase gefangen, gibt es für die Beute kein Entkommen mehr und sie wird innerhalb kürzester Zeit verdaut. Auf diese Weise kann jede einzelne Fangblase an der Pflanze bis zu hundertmal täglich „auf die Jagd gehen“.

Leicht zu übersehen

Die Art ist die kleinste und unscheinbarste unter den heimischen Wasserschlauch-Arten und würde in nährstoffreicheren Gewässern schnell durch konkurrenzstarke und höherwüchsige Pflanzen überwuchert werden. Oberhalb der Wasserlinie bekommt man kaum etwas vom Kleinen Wasserschlauch zu sehen. Mit etwas Glück kann man zwischen Juni und August zarte, hellgelbe Blüten aus dem Wasser ragen sehen. Allerdings bildet die Pflanze nur gelegentlich Blüten aus. Für gewöhnlich vermehrt sich der Kleine Wasserschlauch ungeschlechtlich durch Abtrennung lebensfähiger Sprossteile von der Mutterpflanze oder durch wieder austreibende Winterknospen, auch Turionen genannt. 

Winterruhe am Gewässergrund

Auch beim Kleinen Wasserschlauch sind die jährlich wiederkehrenden Vorbereitungen für den Winter bereits in vollem Gange. Im Herbst sterben nach und nach die grünen Teile der Pflanze ab und nur die kleinen Winterknospen lösen sich von der Mutterpflanze. Sie sinken auf den Gewässerboden und überwintern im Schlamm. Erst im nächsten Frühjahr treiben sie erneut zu neuen Pflanzen aus.

Rund um den Globus zu Hause – trotzdem gefährdet

Der Kleine Wasserschlauch kommt auf der Nordhalbkugel rund um den Globus sehr zerstreut vor. Nur in Europa gibt es ein größeres geschlossenes Verbreitungsgebiet. Es konzentriert sich schwerpunktmäßig auf die ozeanisch geprägten Regionen der gemäßigten und borealen Klimazone von Irland bis ins Baltikum. Die südliche Ausdehnung in Europa wird weitestgehend durch Gebirgszüge der Pyrenäen, der Alpen, dem Balkangebirge bis zu den Karpaten begrenzt, im Norden reicht das Areal bis nördlich des Polarkreises. Es gibt zudem zahlreiche kleinere Verbreitungsschwerpunkte der Art in anderen Teilen Europas, in Asien und in Nordamerika.

Deutschland zählt zum Hauptareal der Wasserpflanze, wo sie früher in weiten Teilen des Landes noch häufiger vorkam. Der Kleine Wasserschlauch hat jedoch seit Mitte des 20. Jahrhunderts einen starken Rückgang erfahren und viele seiner Vorkommen eingebüßt. Im Norddeutschen Tiefland und am Alpenrand liegen die größten verbliebenen Vorkommen. In Berlin ist die Art heute vom Aussterben bedroht und extrem selten.  

Es ist noch nicht zu spät!

Ursachen für den starken Rückgang der Art sind massive Verluste oder Veränderungen ihrer natürlichen Lebensräume, beispielsweise durch weitreichende Entwässerungsmaßnahmen. In Berlin führt die Grundwasserförderung zu sinkenden Wasserständen, wodurch Moore beeinträchtigt werden und z.B. wasserführende Schlenken verschwinden. Mit den Veränderungen in den Mooren verschwinden auch die moortypischen Pflanzenarten. Zusätzlich setzt den Mooren und typischen Pflanzenarten wie dem Kleinen Wasserschlauch die Trockenheit der letzten Jahre enorm zu.

Durch gezielte Renaturierungsmaßnahmen kann dem Lebensraum- und Artenverlust entgegengewirkt werden. Aus Mitteln der Klimaschutzabgabe wurden in Köpenicker Mooren bereits erfolgreich Moore wiedervernässt. In einem renaturierten Moorarm der Krummen Laake hat sich daraufhin nach mehr als sechzig Jahren erstmals wieder der Kleine Wasserschlauch blicken lassen!

Helfen Sie uns beim Schutz des Kleinen Wasserschlauchs. Über Fundmeldungen per E-Mail – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

Alle Pflanzen des Monats von A - Z