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Die Vielfalt im Blick

Pflanze des Monats November 2021

Gemeines Zittergras Briza media L.

Ab dem Frühsommer kann man sich an dem Anblick bunt blühender Wiesen kaum sattsehen. Doch neben Wiesen-Margerite, Orchideen und weiteren prachtvoll strahlenden Publikumsmagneten gehen die kleineren und zierlichen Gewächse mit unscheinbarer Blüte oftmals unter. So ergeht es auch dem Gemeinen Zittergras. Bereits im Mai erscheinen seine Blütenstände mit den markanten herzförmigen Ährchen. Aber richtig wahrgenommen wird es meist erst, wenn andere Wiesenkräuter weitgehend verblüht sind und die Bühne wieder freimachen.

Glücklicherweise lässt sich die Darbietung des Zittergrases mit seinen tanzenden Fruchtständen in Säumen und anderen nicht gemähten Bereichen noch bis in den Oktober beobachten. Dann erzittern die zarten und leicht gewellten Rispen schon bei einem leichten Windhauch und die grünlich, weißlich bis violett gescheckten Ährchen schimmern in der Herbstsonne. Wenn dann die Herbstwinde auffrischen, gleiten die Ährchen mit ihren Samen wie winzige Ballonflieger durch die Luft.

Nicht nur bei Freilandbotaniker*innen, auch bei den Florist*innen ist die Gattung der Zittergräser sehr begehrt und erfreut sich vor allem seit dem Comeback von Trockensträußen immer größerer Beliebtheit. Dabei werden aber vor allem die im Mittelmeergebiet verbreiteten einjährigen Arten Kleines Zittergras (Briza minor) und Großes Zittergras (Briza maxima) verwendet. Das ausdauernde Gemeine Zittergras (Briza media) ist ein echter Europäer. Sein Verbreitungsgebiet reicht vom Mittelmeer bis Skandinavien und von Irland bis nach Russland. Darüber hinaus reicht es über die Türkei bis zum Kaukasus. Als Neophyt ist die Art mittlerweile in Nord- und Südamerika, Südafrika, Ostasien und Ozeanien zu finden.

In Deutschland kommt das Gemeine Zittergras in allen Bundesländern vor, wird jedoch in der westlichen Norddeutschen Tiefebene immer seltener. In Folge der Intensivierung der Landnutzung sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Vorkommen massiv zurückgegangen. So gilt das Gemeine Zittergras in Brandenburg inzwischen als gefährdet und in Berlin sogar als stark gefährdet.

Besonders hohe Ansprüche an seinen Lebensraum hat das Gemeine Zittergras eigentlich nicht. Daher kann die Art auch vom Tiefland bis ins Gebirge, auf mäßig trockenen Mager- und Heidewiesen bis hin zu wechselnassen Feuchtwiesen, an Rainen und Waldrändern angetroffen werden. Nur eine niedrigwüchsige Vegetation und nährstoffarme Bodenverhältnisse sollten es sein. Wenn aber die Wiesennutzung intensiviert, stärker gedüngt und öfter gemäht wird, dann hat das Zittergras keine Chance mehr. Aber auch wenn Wiesen aus der Nutzung genommen werden, setzen sich konkurrenzstarke Gräser, Stauden und Gehölze durch, die konkurrenzschwächere Arten schnell überwuchern und letztlich aus dem Lebensraum verdrängen.

Darüber hinaus werden nährstoffarme Böden insbesondere im urbanen Raum durch Stickoxideinträge aus der Stadtluft immer seltener. Auch die unerlaubte Entsorgung von Gartenabfällen in der Natur trägt neben weiteren negativen Effekten maßgeblich zu der Nährstoffanreicherung der Böden bei. Daraus resultieren wiederum artenärmere Pflanzengemeinschaften, die häufig durch hochwüchsige Arten wie Schilf, Brennnesseln oder Land-Reitgras dominiert werden.

Viele weitere Wiesenbewohner sind von diesen negativen Veränderungen in ihrem Lebensraum betroffen. Seit einiger Zeit wird vom „Wiesensterben“ gesprochen, womit auf den großflächigen Verlust von artenreichem Grünland, insbesondere durch Umwandlung in Acker oder Saatgrasland sowie durch Nutzungsaufgabe hingewiesen wird. Mit dem Wiesensterben geht die lokale Artenvielfalt verloren.

Zum Erhalt artenreicher Wiesen, ob in Feuchtwiesen oder auf Magerrasen, werden je nach Standortbedingungen eine angepasste extensive Nutzung durch Beweidung oder einschürige Mahd empfohlen. In einigen Fällen kann eine zweischürige Mahd helfen, besonders dominante Gräser zu unterdrücken. In jedem Fall sollte das Mahdgut entfernt werden. So werden dem Boden nach und nach überflüssige Nährstoffe entzogen und ein Grundstein für die Rückkehr artenreicher Wiesenlebensräume gelegt.

Sollten Sie auf Ihren Spaziergängen in Berlin das Gemeine Zittergras entdecken, freuen wir uns sehr über eine Fundmeldung per E-Mail mit Fotobeleg. Vielen Dank!

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