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Die Vielfalt im Blick

Pflanze des Monats August 2021

Ästige Graslilie Anthericum ramosum L.

Für viele Stars ist es ein unerfüllter Wunsch, jenseits der Auftritte einfach mal unerkannt in der Menge zu verschwinden. Für die Ästige Graslilie, seit dem 16. Jahrhundert wegen ihrer eleganten Blüte ein Star in den Gärten, ist es business as usual. Sie wird außerhalb der Blütezeit - also die meiste Zeit des Jahres - leicht für ein Gras gehalten. Wenn sich zwischen Juni und August ihre strahlendweißen Blüten zeigen, wird der Trugschluss offensichtlich.

In meist doppeltraubigen Blütenständen trägt eine einzelne Pflanze bis zu 60 duftlose Einzelblüten. Diesem olfaktorischen Manko zum Trotz sind sie nicht nur bei Menschen, sondern auch bei bestäubenden Insekten sehr beliebt. Denn in den Blüten gibt es Nektar als Belohnung für die Bestäuber, was von Käfern, Schwebfliegen, Wespen und Bienen gerne angenommen wird. Geradezu heiß begehrt ist die gesamte Pflanze von der in Deutschland stark gefährdeten Graslilieneule, einem oligophagen Nachtfalter, für dessen Raupen nur wenige Pflanzenarten als Nahrung geeignet sind. Die nördliche Verbreitungsgrenze dieser Falterart liegt jedoch in Mitteldeutschland.

Die 30 bis 60 cm große, sommergrüne Staude mit den langen, schmal-linearen Blättern ist recht genügsam und benötigt nur wenig Nährstoffe. Sie mag es vor allem trocken und warm. Dabei bevorzugt sie halbsonnige, kalkhaltige bzw. basenreiche Standorte, die sie in lichten Halbtrocken- bis Trockenrasen sowie Trockengebüschen, -wäldern und –säumen findet.

Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Nordostspanien über Mitteleuropa bis Südskandinavien, Westrussland, Nordgriechenland und Mittelitalien. In Deutschland ist sie vor allem in Süd-, Mittel- und Ostdeutschland zu finden, schwerpunktmäßig in kalk- bzw. basenreichen, subkontinental oder kontinental geprägten Gebieten. Im Nordwesten Deutschlands ist sie hingegen selten und fehlt weitestgehend in atlantisch geprägten Teilen, in Nordrhein-Westfalen z. B. gänzlich. Seit 1950 hat sie vor allem in Nord- und Mitteldeutschland, aber auch in Süd-Brandenburg, Berlin und Sachsen bedeutende Vorkommen verloren. Gemäß Bundesnaturschutzgesetz ist die Art in Deutschland besonders geschützt, in der Berliner Roten Liste wird sie als stark gefährdet eingestuft.

Die Gründe für den Rückgang der Art liegen im fortlaufenden Verlust nährstoffarmer Standorte, da die konkurrenzschwache Halblichtpflanze auf lichte Vegetationsstrukturen angewiesen ist. Wachsen ihre Standorte immer mehr zu, fällt zu wenig Licht auf den Boden und es verdüstern sich auch die Zukunftsaussichten der Ästigen Graslilie.

Das ist der Fall, wenn Mahd oder Beweidung von Offenstandorten entfallen und die Sukzession einsetzt: Zunächst setzen sich konkurrenzstarke Gräser oder Hochstauden durch, dann wachsen immer mehr Gehölze auf, bis schließlich ein dunkler Wald entsteht. Steigende Nährstoffgehalte im Boden, etwa durch Stickstoffeinträge aus verschmutzter Luft oder industrieller Landwirtschaft und Tierhaltung, beschleunigen diesen Prozess.

Bei nährstoffarmen, lichten Wäldern führen Nährstoffeinträge zu einem dichteren Kronenschluss und somit zur Verdunkelung auf dem Waldboden. Dann mangelt es Halblichtpflanzen wie der Ästigen Graslilie an Licht und die Artenvielfalt sinkt.

Um dies zu verhindern und den Nährstoffüberschuss zu reduzieren, empfiehlt sich im Offenland und ggf. auch in Wäldern eine behutsame Beweidung oder regelmäßige Mahd. Letztere sollte erst im September oder Oktober durchgeführt werden, damit die Ästige Graslilie vorher ihre Samen ausbilden kann. In lichten Trockenwäldern ist die Ausbreitung von Schattholzarten und von neophytischen Gehölzen, z.B. der Spätblühenden Traubenkirsche oder der Robinie, zu verhindern. Gegebenenfalls sind zur Wiederherstellung lichter Verhältnisse derartige Gehölze zu beseitigen.

Sollten Sie auf Ihren Spaziergängen eine solche, elegant blühende Pflanze finden, freuen wir uns sehr über eine Fundmeldung per E-Mail mit Fotobeleg. Vielen Dank!

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