Auf zu neuen Ufern: „Wetland Structures“
Berlin, den 23. September 2025. Mit einem auf einem Schiff installierten Kran sind heute die zwei Module der „Wetland Structures“ im Spandauer Maselakekanal eingesetzt worden. Die bepflanzten künstlichen Inseln, als Pilotprojekt für Berlin entwickelt von der Water Innovation Technology Engineering GmbH (WITE), sollen in diesem ökologisch verarmten Gewässer Artenvielfalt, Wasser- und Luftqualität erhöhen. Bei Erfolg könnte das der Anfang für weitreichende Veränderungen auch in anderen Kanälen der Hauptstadt sein. Die Stiftung Naturschutz Berlin (SNB) fördert das Projekt aus Stiftungsmitteln.
Eine schöne Vision: Berliner Wasserwege sind kleine Paradiese, sie leiten entlang an grünen Ufern, Schwebfliegen und Schmetterlinge flattern durch die Luft, Enten und Fische umschwimmen bewachsene Inseln, Kraniche bewegen sich zwischen Grün und Nass. Kleine Biotope in Gewässern haben eine große Wirkung für die Artenvielfalt. Das ist die Vision von Ralf Steeg, Diplom-Ingenieur und Projektmanager der WITE GmbH.
Die Realität: Grüne Uferstreifen in der Berliner Innenstadt fehlen fast komplett. Verbindungen zwischen Wasser und Land gibt es nahezu keine, die Vielfalt von Tier- und Pflanzenwelt ist stark verarmt.
Im Spandauer Maselakekanal, wo hohe Stahlwände das Ufer vom Wasser abschneiden, ist Steegs Vision jedoch jetzt zu einem Stück Wirklichkeit geworden - und setzt mit aller Strahlkraft ein Zeichen für die Zukunft: Die "Wetland Structures", zwei künstlich bepflanzte Inseln, liegen seit dem frühen Nachmittag gut verankert auf Konstruktionen im Wasser. Mit einem Abstand von zwei Metern hat ein auf einem Schiff installierter Kran die dreieinhalb Tonnen schweren Module darauf gehoben. Hier sollen sie über und unter der Wasseroberfläche Amphibien, Fischen, Insekten und Säugetieren ein Stück natürlichen Lebensraum zurückgeben. Wenn dies erwartungsgemäß glücken sollte, sind weitere „Wetland Structures" in Berliner Gewässern denkbar. „Mit wenigen solcher Inseln alle 400 Meter im Kanal könnte ein Biotopverbund durch Berlin hindurch entstehen", sagt Ralf Steeg.
Das Einsetzen der Module verfolgte vor Ort auch Andreas Kraus, Staatssekretär für Klimaschutz und Umwelt: „Artenreichtum und Biodiversität ist für uns ein wichtiges Thema, gerade in unseren Gewässern. Deshalb bin ich gespannt auf die Ergebnisse dieses spannenden Experiments und freue mich, wenn Berlin damit Vorreiter auf dem Gebiet der Entwicklung neuer Technologien für die Wiederherstellung von Flachwasserzonen werden kann.“
„In kanalisierten, städtischen Gewässern fehlen die so wichtigen Flachwasserzonen und Feuchtgebiete für zahlreiche Lebewesen. Die Wetland Structures können ihnen als Brücken dienen, um Lebensräume wieder einzunehmen, zu verbinden und sich dort zu vermehren. Wir unterstützen dieses Projekt aus vollster Überzeugung und sind schon sehr gespannt auf die Veränderungen, die es für den Spandauer Maselakekanal bewirken wird", sagt Annette Nawrath, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Naturschutz Berlin.
Kleine Kläranlagen für Wasser und Luft
Bereits im Mai wurden die Inseln vorbereitet und an Land bepflanzt - mit zwölf verschiedenen Pflanzenarten, darunter Schwertlinien, Schilf- und Röhricht-Pflanzen sowie Erlen. Die Gewächse konnten sich über Monate im beigegebenen Substrat aus Sand, Kies und Humus gut verwurzeln und halten nun jeglicher Strömung stand. Unterhalb der Module unter Wasser bieten Habitatholz-Schichtungen Mikroorganismen ein Zuhause, von denen sich wiederum Fische ernähren. Dabei fungieren die Inseln nicht nur als Schutz- und Lebensraum für Tiere und Pflanzen; sie arbeiten wie kleine Kläranlagen für Wasser und Luft und tragen darüber hinaus zu einem besseren Stadtklima bei.
2024 hatten Steeg und die WITE GmbH im Rahmen des Wettbewerbs Lausanne Jardin fünf kleine Inseln („Les Iles Forel") in den Genfer See eingesetzt. In sehr kurzer Zeit siedelte sich hier neues Leben an. Das System wurde für Berlin weiterentwickelt und heute in Form der zwei Forschungsinseln im Maselakekanal eingebracht.
Baukastensystem für ein ökologisches Highlight
Die „Wetland Structures" sind ein Baukastensystem aus mehreren, ökologisch wirksamen Schichten mit unterschiedlichen Funktionen: Auf Höhe der Wasseroberfläche befinden sich die Wasserpflanzen und Bäume, die in zwei Tonnen sandigem Boden stehen. Darunter liegt ein Modul mit sogenanntem Habitatholz - abgestorbenes Holz von Bäumen, für Gewässer von elementarer Bedeutung und ebenso wichtig wie die lebenden Pflanzen. Von der oberen Pflanzung werden sich die Wurzeln schnell in das Gewässer hinein ausbreiten, das Modul durchwachsen und dann in einer weiteren, auf dem Grund stehenden Substratbox Wurzeln bilden. Fischen dient dieses Gewirr aus Wurzeln und Holz als Versteck vor Fressfeinden, Nahrungsquelle und Laichgrund.
Getragen werden die Bauteile von einer Konstruktion aus übereinandergeschichteten Balken, mit denen das System durch Weglassen oder Hinzufügen an jede Gewässertiefe angepasst werden kann. „Innerstädtische Feuchtgebiete können so einfach, schnell und kostengünstig umgesetzt werden“, sagt Steeg.
„Wo keine flachen Ufer sind, braucht es kreative Ideen für den Erhalt und die Wiederbelebung der Natur in städtischem Gewässer. Die Wetland Structures sind dafür ein vielversprechender Start“, sagt der Spandauer Baustadtrat Thorsten Schatz. „Dass dieser Start in Spandau stattfindet, ist für uns ein besonderes Ereignis.“
Lebensräume zurückgewinnen
Naturnahe Ufer und Flachwasserzonen von Flüssen und Kanälen sind für Pflanzen, Amphibien, Insekten und deren Larven, Fische und mit dem Wasser lebende Säugetiere ein idealer und artenreicher Lebensraum. In Großstädten wie Berlin sind Gewässer jedoch meist durch Stahlspundwände und Mauern von den Ufern getrennt. Durch diese Bauten fehlen wichtige Lebensräume – und somit ganze Ökosysteme. Uferbebauungen, Straßen, Gebäude, Uferwanderwege und Schifffahrt verhindern einen Rückbau zu flachen Ufern.
Hintergrund
Die WITE GmbH arbeitet bereits seit längerem daran, urbane Uferbereiche ökologisch aufzuwerten. So konnte die Firma 2021 an der Kieler Brücke in Moabit ein erstes Projekt „Vertical Wetlands I“ realisieren, das ebenfalls von der SNB gefördert wurde. An dem Kanal sind mehrere bepflanzte Module direkt an die bestehenden Uferwände montiert. Bereits kurz nach dem Bau besiedelten Käfer, Wasserschnecken, Libellen und Wespen das System. Auch Säugetiere und Wasservögel nutzten den künstlich angelegten Bereich als Rückzugsort, Nahrungsquelle, Nistplatz und Ruheort. Nachweislich verbesserten die modularen Flachwasserzonen auch die Wasserqualität und ließen die Temperatur der dahinterliegenden Stahlspundwand sinken. Die Weiterentwicklung einer weitaus größeren Anlage „Vertical Wetlands II“ erfolgte 2022 und 2023 zusammen mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Das Vorhaben wurde aus Mitteln des Berliner Programms für Nachhaltige Entwicklung (BENE) gefördert.
Berlin ist damit Vorreiter auf dem Gebiet der Entwicklung neuer Technologien für die Wiederherstellung von Flachwasserzonen und den Gewässerschutz.
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