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Die Vielfalt im Blick

Pflanze des Monats Juni 2020

Astlose Graslilie Anthericum liliago L.

Wunderschön und undercover: Wie kaum eine andere unserer heimischen Pflanzen beherrscht die Astlose Graslilie ein nahezu perfektes Versteckspiel. Wäre da nicht ihr kurzer aber großer Auftritt, der sie jedes Jahr zur Blütezeit von einem unscheinbaren, kräftig wirkenden Grasbüschel zu einer echten Augenweide werden lässt.

Von Mai bis Juli leuchten ihre weißen, sternähnlichen Blüten, die mit ihrem süßlichen Duft eine Vielzahl an Bestäubern wie Schmetterlinge und Bienen anlocken. Solange, bis die 30 - 60 cm große Pflanze wegen ihres grasartigen Wuchses und den länglichen, grundständigen Blättern wieder gekonnt mit ihrer Umgebung verschmilzt. Selbst für Experten*innen ist eine eindeutige Bestimmung der Astlosen Graslilie dann ausgesprochen schwierig. Im Winter zieht sie komplett ein, um im nächsten Frühjahr erneut auszutreiben.

Die Astlose Graslilie bevorzugt als Halblichtpflanze warme, trockene Standorte mit einem niedrigen Nährstoffgehalt. Das können sowohl Trockenrasen als auch lichte Gebüsche und Wälder, ihre Säume oder Felsfluren sein. Ihren Schwerpunkt hat die Art in Europa. Das Verbreitungsgebiet reicht von Nordspanien über große Teile Frankreichs, Italiens, Deutschlands bis nach Ungarn im Osten. Im Süden reicht das Areal entlang der Balkanküste bis nach Griechenland. Vorposten der Art existieren sowohl in Nordafrika als auch in Südskandinavien.

Deutschland ist für die weltweite Erhaltung der Art in hohem Maße verantwortlich. Hier ist sie vor allem im kontinental beeinflussten Süd-, Mittel- und Nordostdeutschland anzutreffen. Auffällige Häufungen gibt es in Trockengebieten wie dem Rheinland, dem Hunsrück und der Eifel, im Regenschatten des Harzes, entlang der Elbe sowie in Mittel- und Ostbrandenburg. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat die Astlose Graslilie vor allem in Süd- und Nordostdeutschland viele Vorkommen verloren.

Zu schaffen macht ihr in erster Linie die Aufgabe traditioneller Nutzungsformen von Wald und Wiese. In den Wäldern führten die historische Waldweide sowie die Entnahme von Laub, Nadeln und der niederen Bodenvegetation für kleinbäuerliche Zwecke zu lichten Wäldern mit einem relativ niedrigen Nährstoffgehalt. Ohne diese Nutzungen werden die Wälder wieder dichter und nährstoffreicher, sodass Halblichtpflanzen wie der Astlosen Graslilie das Licht fehlt. Auch Wiesen und Offenflächen wachsen im Rahmen der natürlichen Sukzession wieder zu dichten, nährstoffreichen Gehölzbeständen heran, wenn sie nicht mehr genutzt werden. Bleiben Mahd und Beweidung aus, siedeln sich zunächst hochwüchsige Gräser und Stauden und mit der Zeit auch immer mehr Gehölzaufwuchs an. Die Flächen verbuschen und im Laufe der Jahre entsteht wieder Wald.

Beschleunigt werden diese Prozesse durch Schadstoffeinträge, etwa aus Verkehr und landwirtschaftlicher Tierhaltung. Stickstoffoxide und Ammoniak gelangen über Luft und Niederschläge selbst an abgelegene Standorte, wo sie als Nährstoffe wirken, die Böden überdüngen und die Sukzession ankurbeln.

Um die Astlose Graslilie zu fördern, eignen sich Maßnahmen, die den Lebensraum licht und nährstoffarm halten. Das können sowohl Mahd oder Beweidung als auch die gezielte Auflichtung von Gehölzbeständen sein. Auch wenn sie sehr attraktiv und nicht im Gartencenter erhältlich ist, sollte die Wildpflanze zum Schutz ihrer Vorkommen niemals aus der Natur entnommen werden.

Wir empfehlen stattdessen den Griff zum Smartphone. Wenn Sie auf Ihren Spaziergängen eine solche Pflanze finden, freuen wir uns nämlich sehr über eine Fundmeldung per E-Mail mit Fotobeleg. Vielen Dank!

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