Die Vielfalt im Blick

Archiv Pflanzen des Monats

Frühe Haferschmiele Aira praecox L.

Diesen Monat stellen wir eine Art vor, die aufgrund ihrer Größe leicht übersehen wird – und dennoch ist sie unverwechselbar. Die Frühe Haferschmiele (Aira praecox) gehört zu den früh im Jahr blühenden Gräsern. Ihre zarten Rispen stehen oft dicht an dicht in lückigen Rasen. Sie ist eine von zwei Arten der Gattung Aira in Berlin. Zuvor stellten wir bereits ihre Schwesterart Aira caryophyllea vor. Mit ihr teilt sie viele Merkmale – ist aber insgesamt noch kleiner, früher und oft kurzlebiger in ihrem Auftreten.

 

Klein, aber oho!

Die Frühe Haferschmiele ist eine einjährige, mitunter überwinternde Halbrosettenpflanze. Sie bleibt mit meist 5 bis 15 cm Wuchshöhe sehr klein. Damit ist sie in Blüte stehend eines der kleinsten Süßgräser Berlins. Ihre Blütezeit beginnt im Mai und kann sich bis in den Juni erstrecken. Kurz nach der Fruchtreife stirbt die Pflanze ab und hat somit ihren Lebenszyklus abgeschlossen.

Die Rispe ist ein auffälliges Merkmal der Art. Die kleinen, etwa 2 mm langen, zweiblütigen Ährchen sitzen die meiste Zeit eng am Stängel an und sind nur zur Blütezeit leicht geöffnet. Daher sind die kleinen Pflänzchen an ihrem aufrechten Habitus, oft in Gruppen, gut zu erkennen. Die Hüllspelzen sind hell und oft leicht glänzend, die Deckspelzen kurz begrannt. Die schmalen, eingerollten Blattspreiten verleihen der Pflanze ein borstiges, zugleich aber sehr feines Erscheinungsbild. 

Eine Spezialistin und Pionierin offener Standorte

Die Frühe Haferschmiele ist hervorragend an extrem nährstoffarme, trockene und offene Lebensräume angepasst. Typische Wuchsorte sind sandige Wegränder, lückige Trockenrasen, Binnendünen oder andere Rohbodenstandorte.

Als ausgesprochene Pionierart nutzt sie kurze Zeitfenster im Frühjahr: Sie keimt früh, wächst rasch, blüht und fruchtet, bevor Trockenheit oder Konkurrenz durch andere Pflanzen zunimmt. Bereits zu Beginn des Sommers stirbt sie meist ab und überdauert als Samen im Boden bis zur nächsten günstigen Phase. 

Wo ist die Art anzutreffen?

Aira praecox ist eine subatlantisch verbreitete Art mit Schwerpunkt in West- und Mitteleuropa. Ihr Areal reicht von den Atlantikküsten bis zum Alpenrand und in den Süden Skandinaviens. Die Art kommt inzwischen auch als Neophyt an verschiedenen Orten der Welt vor, unter anderem in Nord- und Südamerika, Südafrika, Südaustralien und Neuseeland.

In Deutschland ist die Art insgesamt zerstreut verbreitet und vor allem im nordwestdeutschen Tiefland sowie im südlichen Brandenburg und in Sachsen häufiger. Sie tritt ebenfalls entlang des Oberrheins und der Ostseeküste auf. In anderen Regionen ist sie selten, in Süddeutschland fehlt sie weitestgehend. In Berlin ist die Frühe Haferschmiele heute nur noch vereinzelt anzutreffen, zum Beispiel in Offenbereichen des Grunewalds oder an Sandwegen in den Wäldern Köpenicks.

Aira praecox fehlt dort, wo andere sich etablieren

Wie viele Arten nährstoffarmer Standorte ist auch die Frühe Haferschmiele stark rückläufig. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind zahlreiche Vorkommen verschwunden. In Berlin ist die Art bereits vom Aussterben bedroht.

Ursachen hierfür sind vor allem die Eutrophierung der Landschaft durch Stickstoffeinträge, die Aufgabe extensiver Nutzungsformen sowie das Überwachsen offener Sandflächen. Dadurch werden konkurrenzstarke, nährstoffliebende Arten gefördert, welche die zierliche Haferschmiele schnell verdrängen.

Den Kleinsten muss man Platz lassen

Für den Erhalt der Art ist es entscheidend, ihre Lebensräume offen zu halten. Eine extensive, aushagernde Nutzung kann bestehende Populationen stabilisieren. Zudem begünstigt die Schaffung kleinflächiger offener Bodenstellen die Neuansiedlung.

Die Art sollte bei Pflegemaßnahmen berücksichtigt und geschont werden. Da sie als Samen im Boden überdauern kann, besteht die Chance, dass sie bei geeigneten Bedingungen wieder auftritt.

Sollten Sie auf Ihren Spaziergängen in Berlin eine solche Pflanze finden, freuen wir uns sehr über eine Fundmeldung über das Artenfinderportal mit Fotobeleg. Vielen Dank!

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