Zwischen Asphalt und Aha-Moment

Wenn Stadtgrünexpertin Lena Assmann beim Langen Tag der StadtNatur durch den Prenzlauer Berg führt, wird Natur mitten in der City plötzlich konkret: Zwischen Pflasterfugen blühen Wildpflanzen, in Baumscheiben sprießen Kräuter, an Mauern finden sich überraschende Exoten. Claudia Kapfer setzt sich als Geschäftsführerin der GRÜNEN LIGA Berlin dafür ein, dass Natur auch in der wachsenden Stadt geschützt und erhalten bleibt. Wir treffen beide für ein Doppelinterview auf einem ehemaligen Friedhof, der heute mit Hochbeeten zum Gärtnern einlädt und sprechen über überraschende Naturmomente, politische Kämpfe und die Kraft der Zivilgesellschaft beim Naturschutz.

Plötzlich wächst da eine Feige in der Mauer

Frau Assmann, Sie führen beim Langen Tag der StadtNatur durch den Prenzlauer Berg. Was passiert mit einer Gruppe, wenn der Blick vom Alltag auf die Natur gelenkt wird?

Lena Assmann: „Am Anfang stehen wir an der Prenzlauer Allee – da erwartet niemand Natur auf den ersten Blick. Und dann gehen wir los. Und plötzlich entdecken die Leute selbst kleine Pflänzchen am Wegesrand. Der Blick schärft sich. Die Neugier wächst.“

Ein einzelner „Aha-Moment“ lasse sich kaum festmachen, sagt sie. Es seien vielmehr eine Reihe vieler überraschender Entdeckungen während des Spaziergangs. Etwa rund um den Wasserturm am Kollwitzplatz: Ein „Mauerblümchen“ im Kellerschacht – klein, lila blühend, fast unscheinbar. Dann plötzlich eine seltene Sandstrohblume am Straßenrand. „Manchmal wachsen in der Stadt Arten, die eigentlich auf der Roten Liste stehen“, sagt Assmann. „Weil sie hier Bedingungen finden wie auf einem Trockenrasen. Das ist überraschend.“ Oder ein Highlight letztes Jahr: „Eine Feige, die aus einer Mauer wächst. Niemand weiß, wie die da hingekommen ist. Aber irgendwie überlebt sie da.“

Bei den Kiezspaziergängen möchte sie zeigen, was direkt vor der Haustür wächst. „Manchmal wird das im Stadtleben nämlich verdrängt.“

Warum ist die Verbindung zur Natur so wichtig?

Lena Assmann: „Da gibt es mittlerweile viele Studien, die zeigen: Für unser Wohlbefinden ist es sehr wichtig, nicht völlig losgelöst von der Natur zu leben.“ Dafür möchte Assmann sensibilisieren und die Augen öffnen. Gleichzeitig ist ihr der Naturschutzgedanke wichtig: Der berühmte Satz „Man schützt nur, was man kennt“ stimmt wirklich", sagt Assmann. „Wenn Menschen merken, was direkt in ihrer Umgebung wächst, entsteht eine Verbindung.“

Es gibt kein Leben ohne Natur.

Frau Kapfer, wie sind Sie zur Stadtnatur gekommen?

Claudia Kapfer: „Ich glaube, tatsächlich eher aus den überraschenden Momenten heraus. Als ich nach Berlin kam und mir plötzlich ein Fuchs über den Weg lief. Oder ich angefangen habe, mich mit Stadtbienen zu beschäftigen. Ich war selbst überrascht, wie vielfältig diese Stadt ist.“

Die klassische Trennung von „Stadt“ und „Natur“. Ein Irrtum also?

„Stadt würde man ja erstmal nicht klassisch als Naturraum wahrnehmen. Wenn man sich dann aber näher damit beschäftigt, dann sieht man, wie groß doch die Vielfalt ist. Und das habe ich, als ich nach Berlin gekommen bin, sehr viel intensiver erlebt als an den Orten, an denen ich vorher war.“

Doch Berlin wächst. Es wird verdichtet. Freiflächen verschwinden.

Ist Stadtnatur unter diesen Bedingungen langfristig möglich?

„Natürlich. Das muss es auch“, sagt Kapfer energisch. „Weil es kein Leben ohne Natur gibt. Die Frage ist nur, welchen Stellenwert wir ihr geben.“

Und hier wird das Gespräch politisch.

Die Stimme der Natur hat eine schwache Lobby

Claudia Kapfer beschreibt die Spannungsfelder klar: Bauprojekte mit beschleunigten Verfahren, Zielkonflikte zwischen Wohnungsbau, Infrastruktur und Naturschutz. 

„Der Naturschutz in Berlin wurde in den letzten Jahren stark geschwächt.“ Dabei hat Berlin sich zum Beispiel schon lange auf die Netto-Null-Versiegelung geeinigt. Also keine Versiegelung von Naturflächen. „Diese wird aber überhaupt nicht berücksichtigt. Oder wenn neu gebaut wird, ist es eigentlich schon geboten, dass man ortsnahe Ausgleichsmaßnahmen schafft. Das passiert oft einfach nicht."

Es gebe zwar Strategien und viele gute Ideen für mehr Stadtgrün, doch entscheidend sei deren Umsetzung.

„Ja, es gibt ein Bewusstsein für Biodiversität und Klimaanpassung in dieser Stadt“, sagt Kapfer. „Aber Erkenntnis ist leider nicht gleich Handeln.“ Es dürfe nicht bei einem bloßen Lippenbekenntnis bleiben.

An dieser Stelle nehmen Naturschutzverbände wie die GRÜNE LIGA Berlin eine wichtige Rolle als Verteidiger von Naturräumen ein: Sie geben Stellungnahmen ab, beteiligen sich an Verfahren, halten Themen in der Öffentlichkeit, auch wenn die Ressourcen knapp sind. Gerade jetzt bleibt ihre Arbeit unverzichtbar, damit Naturschutz in politischen Entscheidungen und öffentlichen Debatten nicht untergeht.

„Denn die Natur hat leider keine starke Lobby. Ihr Wert ist nicht monetär hinterlegt“, so Kapfer.

„Die Stimme der Natur zu verteidigen, ist weiterhin notwendig“, sagt Kapfer. „Gerade weil wirtschaftliche Interessen oft stärker gewichtet werden.“

Was es brauche?

Eine gemeinsame Vision für Berlin über Verwaltungsgrenzen hinweg. Nicht getrennte Leitbilder etwa von Senatsumwelt- und Bauverwaltung. Sondern eine Stadt, die Wohnen, soziale Gerechtigkeit und ausreichend Raum für Natur zusammendenkt.

Engagement beginnt vor der Haustür

Die GRÜNE LIGA Berlin entstand als Netzwerk ökologischer Bewegungen aus der Umwelt- und Friedensbewegung der DDR. Zur Wendezeit schlossen sich Initiativen zusammen, um wirksamer zu werden.

„Wir tun was, Mensch!“ – beschreibt Kapfer dieses Selbstverständnis. 

Bis heute geht es darum, Menschen zu ermutigen, selbst aktiv zu werden – sei es im Nachbarschaftsgarten, bei Pflegeeinsätzen oder in Beteiligungsverfahren.

„Am besten fängt man direkt vor der Haustür an“, sagt Lena Assmann. „Eine Baumscheibe begrünen. Den Balkon insektenfreundlich gestalten. Man denkt oft, das macht doch nichts aus. Ein einzelner Balkon vielleicht nicht. Aber wir haben sehr viele Balkone in dieser Stadt. Es muss nicht immer das große Projekt sein.“

Gleichzeitig sieht Claudia Kapfer eine Herausforderung: Aktive Helfer*innen für einzelne Aktionen finden sich häufig. Schwieriger werde es, dauerhaft Verantwortung in Vorständen oder Strukturen zu übernehmen. Das Engagement sei da, aber Verbindlichkeit koste Zeit und Kraft. Sie selbst sitzt im Stiftungsrat der Stiftung Naturschutz Berlin und weiß um die Verantwortung ihrer Rolle.

„Man bräuchte manchmal mehr als ein Leben“, sagt sie lachend.

Und wenn sie tatsächlich ein zweites Traumleben parallel führen könnte?

„Ich würde Ökolandwirtin werden“, sagt Kapfer ohne Zögern. „Kein großer Betrieb, eher klein und überschaubar. Viel Gemüse, vielleicht ein paar Tiere. Am liebsten als solidarische Landwirtschaft mit direkter Verbindung zur Stadt.“

Ein Bild, das gut zu ihrer Arbeit passt: Natur nicht abstrakt denken, sondern konkret bewirtschaften, erhalten, gestalten.

Stadtnatur als Nachbarschaftsraum

Wo in Berlin spüren beide, dass Stadtnatur und Nachbarschaft zusammengehören?

Assmann nennt das Tempelhofer Feld: „Das ist eine riesige Freifläche mitten in der Stadt. Für viele Gartenersatz, Bewegungsraum, Offenbiotop mit Feldlerchen. Das ist schon einzigartig in Berlin.“

Kapfer fährt gedanklich in die Wuhlheide – „ideal für Familien“ – oder, wenn es noch grüner werden soll, weiter ins Erpetal mit seiner offenen, üppigen Auenlandschaft.

Berlin hat das Glück, noch viel Grün zu besitzen, betonen beide. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

 

Die Kraft der Vielfalt

Zum Schluss sprechen beide über das, was sie jedes Jahr am Langen Tag der StadtNatur neu beeindruckt:

Die Fülle der Angebote.
Die Vielfalt der Akteur*innen.
Die Leidenschaft, mit der Wissen geteilt wird.

„Manchmal sind die Menschen fast frustriert“, sagt Assmann lachend, „weil sie alles machen wollen und sich entscheiden müssen.“

Und genau darin liegt die Botschaft:

Stadtnatur wird an diesem Wochenende sichtbar – nicht als abstraktes Konzept, sondern als gelebtes Engagement von vielen verschiedenen Menschen mit verschiedensten Expertisen.

„Und das ist etwas, was ziemlich einzigartig ist und gleichzeitig auch viel Hoffnung macht“, findet Claudia Kapfer.

Lena Assmann bietet beim diesjährigen Langen Tag der StadtNatur wieder Kiezspaziergänge an.

Das von der Stiftung Naturschutz Berlin organisierte Naturfestival lockt mit über 500 Veranstaltungen in 28 Stunden jedes Jahr tausende Besucher*innen zu Berlins schönsten Naturschauplätzen an über 150 Orten.

WANN?

Der Lange Tag der StadtNatur 2026 beginnt am Samstag, den 30. Mai, um 13 Uhr und endet am Sonntag, den 31. Mai, um 17 Uhr.

Die Veranstaltungen werden ab 27. April 2026 online veröffentlicht.

Der Online-Ticketverkauf startet am Montag den 4. Mai 2025.

MEHR INFOS:

https://www.langertagderstadtnatur.de/

Autorin: S. Bengelsdorf