Derk Ehlert, sag doch mal! Folge 11

Unter unseren Füßen gibt es eine Stadt, die wir kaum zu Gesicht bekommen. Im Berliner Untergrund verlaufen unzählige Schächte, Kanäle und Rohre. Dort ist es dunkel, feucht und manchmal huscht etwas durch die Gänge. Na, wer könnte das sein? 

Jetzt muss ich mal eine Lanze für ein Tier brechen, das nicht besonders beliebt ist. Ein Tier, das eigentlich fast jeder kennt, aber viele nicht besonders mögen. Ein Tier, das uns Menschen seit Jahrtausenden begleitet und ein echter Überlebenskünstler ist.

Die Rede ist von der Wanderratte.

Und die ist uns Menschen tatsächlich ziemlich treu. Sie lebt dort, wo wir leben. Warum? Na, weil es dort jede Menge zu fressen gibt. 

Ich weiß gar nicht, wie viele Ratten in Berlin leben. Es sind bestimmt nicht so viele Ratten wie Menschen, aber es sind viele Ratten und sie sind dämmerungs- und nachtaktiv. Das heißt, am Tage sieht man sie eher weniger und sie leben auch gerne versteckt im Untergrund, weil man sie da nicht jagen kann. Nachts, wenn es dunkel ist, kommen sie raus und suchen nach Nahrung und sie nehmen alles, was sie kriegen können.

Dabei essen sie oft das, was wir wegschmeißen. Pizzastücke, Brot, Apfelreste, Essensreste vom Imbiss oder vom Restaurant – und manchmal landet leider auch etwas im Abfluss oder in der Toilette. Wenn ihr zu Hause die Klospülung benutzt oder euch die Zähne putzt, verschwindet das Wasser ja nicht einfach. Es läuft in die Kanalisation. Dort gibt es kleine Rohre, große Rohre und teilweise riesengroße Rohre. Und in diesen unterirdischen Gängen leben auch Ratten.

Für die ist die Kanalisation deshalb fast wie ein Restaurant oder ein Supermarkt. Die Ratte sitzt da und wartet: „Na, kommt heute wieder meine Pizza vorbei?“ Und so finden die Tiere dort Nahrung, ohne lange suchen zu müssen. 

Seit Jahrhunderten versuchen Menschen, Ratten zu bekämpfen. Es gibt Schädlingsbekämpfer, die sich darum kümmern. Aber ehrlich gesagt ist „Schädling“ auch ein ziemlich blödes Wort. Denn eine Ratte ist ja erstmal ein Tier. Und zwar ein ziemlich interessantes.  Ja, Ratten können auch Krankheiten übertragen. Aber keine Angst: Nicht jede Ratte ist krank. Wenn ihr eine seht, fasst sie trotzdem lieber nicht an.

Hier kommen ein paar Fakten über Ratten, die deinen Blick auf die kleinen Vierbeiner vielleicht etwas ändern: 

Ratten sind Nagetiere und ihre Schneidezähne wachsen ständig nach. Deshalb müssen sie immer wieder etwas benagen, damit die Zähne nicht zu lang werden. Holz, Karton, Kunststoff – eine Ratte probiert ziemlich viel aus.

Ratten sind ziemlich soziale Tiere. Sie leben nicht einfach nur irgendwo alleine, sondern können in Gruppen zusammenleben. Sie können sich sogar gegenseitig warnen. Sie nutzen dafür verschiedene Laute und Gerüche. Manche ihrer Rufe liegen im Ultraschallbereich und sind für uns nicht hörbar.

Ratten sind ziemlich lernfähig. Sie können sich Dinge merken und lernen, welche Wege zu Futter führen und welche Orte sie lieber meiden. Wenn eine Ratte also einmal gelernt hat: „Hier gibt es nichts zu fressen“, dann lohnt es sich für sie nicht, immer wieder dort vorbeizuschauen.

Und jetzt kommt noch etwas, das viele gar nicht wissen. Ratten sind nämlich auch ein Teil der Natur in der Stadt, sie gehören zum Stadtökosystem. Man könnte fast sagen: Sie sind eine Art Umweltpolizei. Denn sie fressen Dinge, die sonst irgendwo herumliegen würden. Und sie werden selbst gefressen. Wenn eine Ratte nachts aus ihrem Versteck kommt, kann nämlich schon jemand auf sie warten. Der Fuchs zum Beispiel. Oder der Steinmarder. Auch Waschbären fressen Ratten. Und sogar Graureiher, Möwen und Krähen können Ratten erbeuten. Die Ratte ist also nicht nur diejenige, die irgendwo herumläuft und etwas frisst. Sie ist auch Nahrung für andere Tiere. Aber bitte: Auf keinen Fall füttern! Denn wenn wir Ratten füttern, helfen wir ihnen dabei, noch mehr Nahrung in unserer Stadt zu finden. Viel besser ist etwas anderes: Wir sollten alle dafür sorgen, dass nicht so viele Lebensmittel weggeschmissen werden. Lieber nur so viel einkaufen, wie man wirklich braucht. 

Und wenn ihr das nächste Mal an einem Kanaldeckel vorbeikommt, könnt ihr ja mal überlegen, was dort unten gerade los ist. Vielleicht ist da gerade eine Ratte unterwegs. Also: Ratten sind vielleicht nicht aller Lieblingstier. Aber sie sind echte Überlebenskünstler. Und dafür sollte man auch ein bisschen Respekt haben.

Euer Derk Ehlert

Derk Ehlert ist Berlins Wildtierexperte und kümmert sich bei der Senatsumweltverwaltung um alles, was kreucht und fleucht. Ob Füchse am Kanzleramt oder Waschbären in der Mülltonne – er kennt die wilden Bewohner der Stadt wie kein Zweiter und bringt Licht ins Dickicht der Berliner Stadtnatur.