Derk Ehlert, sag doch mal! Folge 10

Die Luft ist warm. Unter mir leuchten die Straßenlaternen wie kleine Monde. Ich höre das Summen der Nacht. Da vorne! Eine Motte flattert durch die Dunkelheit. Zack, hab ich sie. Weiter geht’s. Nach links. Nach rechts. Hoch. Tief. Immer in Bewegung. Denn nachts muss ich blitzschnell sein.
So ungefähr könnte eine Fledermaus denken.
Warum fliegen Fledermäuse so merkwürdig?
Habt ihr schon mal Fledermäuse fliegen sehen? Also echte Fledermäuse draußen am Abend? Vielleicht im Halbdunkel im Park oder über einem See? Dann ist euch bestimmt aufgefallen, dass sie ganz merkwürdig fliegen. Nicht geradeaus wie viele Vögel. Sondern eher: zickzack, hoch, runter, hin und her.
Und jetzt mal ehrlich: Das sieht manchmal fast ein bisschen chaotisch aus, oder?
Aber nein, Fledermäuse sind natürlich nicht betrunken. Der Grund ist viel spannender.
Fliegen mit den Händen
Aber erstmal: Fledermäuse sind Säugetiere und keine Vögel. Ihre Flügel sehen nämlich ganz anders aus. Vögel fliegen mit Federflügeln. Fledermäuse dagegen haben dünne Flughäute, die zwischen ihren langen Fingern gespannt sind. Eigentlich sind ihre Hände also Teil ihrer Flügel – und genau das macht sie zu so geschickten Flugakrobaten.
Und dann haben Fledermäuse noch etwas ganz Besonderes eingebaut: ein Echolot.
Orientierung mit Schall
Die meisten Fledermäuse können nämlich nicht besonders gut sehen. Deshalb schicken sie ständig Ultraschallrufe durch die Nacht. Das sind sehr hohe Töne, die wir Menschen normalerweise gar nicht hören können.
Die Fledermaus ruft also permanent kleine Schallsignale hinaus. Treffen diese Signale auf eine Wand, einen Baum oder ein Insekt, kommt der Schall zurück. Und genau daraus baut sich die Fledermaus ein Bild ihrer Umgebung zusammen. Das ist eigentlich unglaublich.
Stellt euch vor: Die Fledermaus fliegt durch die Dunkelheit und weiß trotzdem ganz genau, wo ein Ast hängt, wo eine Hauswand ist oder wo gerade eine Mücke fliegt. Und das alles passiert in Sekundenbruchteilen.
Auf Insektenjagd
Während wir Menschen vielleicht nur denken: „Oh, da fliegt eine Fledermaus“, hat die Fledermaus längst mehrere Insekten gefangen, ist ausgewichen, hat sich orientiert und schon wieder die Richtung geändert. Deshalb sieht ihr Flug für uns oft so wild aus.
Die Tiere sausen nämlich genau dorthin, wo gerade Insekten unterwegs sind. Denn Fledermäuse sind Insektenfresser. Sie lieben Mücken, Motten und andere kleine Fluginsekten. Und die fangen sie direkt im Flug.
Mit ihrem Ultraschall „durchkämmen“ sie also quasi die Luft nach Nahrung. Sobald irgendwo ein Insekt auftaucht, geht es sofort: zick, zack, Drehung, Fang, weiterfliegen. Für uns wirkt das manchmal chaotisch. Für die Fledermaus ist es aber ein völlig normaler und hochpräziser Flug. Eigentlich sind Fledermäuse also richtige Nachtakrobaten.
Und ehrlich gesagt: Ich bin ganz froh, dass wir Menschen ihre Ultraschallrufe nicht hören können. Denn Fledermäuse rufen unglaublich oft und unglaublich laut, nur eben in einer Tonhöhe, die unsere Ohren nicht mehr wahrnehmen. Sonst würde es nachts wahrscheinlich überall piepen, kreischen und summen.
Wenn ihr das nächste Mal abends eine Fledermaus durch den Himmel zickzack fliegen seht, dann wisst ihr jetzt: Sie hat gerade nicht die Orientierung verloren. Sie ist einfach nur auf Insektenjagd.
Euer Derk Ehlert

Derk Ehlert ist Berlins Wildtierexperte und kümmert sich bei der Senatsumweltverwaltung um alles, was kreucht und fleucht. Ob Füchse am Kanzleramt oder Waschbären in der Mülltonne – er kennt die wilden Bewohner der Stadt wie kein Zweiter und bringt Licht ins Dickicht der Berliner Stadtnatur.

