Der Habicht & der Hahn
Was haben ein Habicht, ein Hahn, ein Spatz und ein Popsong gemeinsam? Erstaunlich viel. Denn obwohl Popmusik oft als Soundtrack des urbanen Lebens gilt, steckt sie voller Natur: Es flattert, summt, wächst und rauscht. Vögel bevölkern Songtexte, Wälder werden zu Sehnsuchtsorten, Flüsse stehen für Veränderung und Stürme für innere Konflikte. Die Natur singt mit – manchmal ganz offensichtlich, manchmal nur zwischen den Zeilen.
Dabei ist die Verbindung von Natur und Musik so alt wie die Menschheit selbst. Lange bevor Menschen Gitarren bauten oder Synthesizer erfanden, lauschten sie Vogelstimmen, dem Rauschen von Blättern oder dem Rhythmus des Regens. Und bis heute prägen Naturgeräusche, Landschaften und Tiere die musikalische Vorstellungskraft.
Beim Thema „Natur in der Musik“ denken viele zunächst vielleicht an Volkslieder oder klassische Kompositionen. Klar, Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ oder Smetanas „Die Moldau“ sind da sofort im Kopf. Aber auch in der moderneren Musik spielt Natur eine wichtige Rolle. Dabei begegnen uns Tiere, Pflanzen und Landschaften in Songs aller Genres – von Kinderliedern über Indie-Pop und Folk bis hin zu Rock und Hip-Hop.
Für uns in der Stiftung Naturschutz Berlin ist dieser Blick besonders spannend. Denn Natur beginnt nicht erst außerhalb der Stadt. Sie prägt unseren Alltag, ist Grundlage unserer Gesundheit und unseres Wohlstands. Dass sie in so vielen Liedern auftaucht, ist deshalb kein Zufall: Musik erzählt von dem, was uns Menschen bewegt und gleichzeitig auch von unserer Beziehung zur Natur.
Wenn Tiere die Hauptrolle spielen
Ein besonders schönes Beispiel dafür liefert die Kinderlieder-Reihe „Unter meinem Bett“. Das Projekt versammelt bekannte Musikerinnen und Musiker der deutschsprachigen Indie- und Popszene, darunter Gysbert zu Knyphausen, Olli Schulz, Käptn Peng, Moritz Krämer, Alin Coen oder Francesco Wilking. Die Songs richten sich an Kinder, nehmen ihr Publikum dabei ernst und funktionieren oft ebenso gut für Erwachsene.
Im Lied „Der Habicht und der Hahn“ von Käptn Peng stehen zwei Tiere im Mittelpunkt einer Geschichte über eine Freundschaft, die eigentlich keine sein dürfte, weil die Freunde in einer klassischen Räuber-Beute-Beziehung stehen. Gerade aus diesem Widerspruch entwickelt das Lied eine humorvolle und berührende Erzählung über Vertrauen, Vielfalt, Vorurteile und die Möglichkeit, Grenzen zu überwinden.
Im Song von Alin Coen „Tiere im Wald“ taucht man ein in einen Klangteppich aus Vogelgezwitscher und Grillenzirpen – der Wald selbst wird zum Klangraum. Doch der Wald ist nicht nur romantischer Sehnsuchtsraum. Coen wird explizit: Die Stimmen könnten verstummen, wenn Lebensräume verschwinden: „Denn wenn man den Tieren ihren Lebensraum klaut, und die Bäume abholzt und nur Straßen baut. Na denn werden sie still. Und die Frage ist, wer das eigentlich will. Denn wir wollen die Tiere im Wald immer singen hören.“ Der Song „Tiere im Wald“ zeigt, wie Popmusik Natur gleichzeitig als Klangraum, Gefühlsort und politischen Appell erzählen kann.
Auch Moritz Krämer richtet in einem seiner früheren Songs den Blick auf ein einzelnes Tier: den Spatz. In seinem Lied „Der kleine Spatz“ wird aus einem scheinbar gewöhnlichen Vogel eine Figur mit eigener Geschichte und Persönlichkeit, die menschliche Gefühle spiegelt: Sehnsucht nach der Ferne, der Wunsch dazuzugehören und die Angst vorm Alleinsein. Der kleine Vogel erzählt damit auch von den vielen unscheinbaren Lebewesen, die oft übersehen werden – obwohl jedes von ihnen seinen eigenen Platz in der Natur hat.
Die Beispiele zeigen: Natur ist in der Musik weit mehr als Dekoration. Sie wird zum Klangraum, zur Figur und zum Symbol – und macht zugleich sichtbar, was verloren geht, wenn Arten, deren Beziehungen und Lebensräume verschwinden. Sie erzählt Geschichten über Freundschaft, Verlust oder Verantwortung und zeigt, wie eng unser Leben mit der Natur verbunden ist.
Natur ist mehr als ein Thema für Kinderlieder
Wer jedoch glaubt, Natur komme vor allem in Kinderliedern vor: Es lohnt sich, genauer hinzuhören.
Tatsächlich gehört sie zu den wichtigsten Motiven der Popmusik überhaupt. Tiere, Pflanzen, Wetterphänomene und Landschaften tauchen schon immer in Songtexten auf. Dabei übernehmen sie ganz unterschiedliche Funktionen. Ein klassisches Beispiel ist „Here Comes the Sun“ von den Beatles: Die Sonne steht für Hoffnung und Neuanfang.
Mal dient die Natur als Kulisse für Geschichten. Mal wird sie zur Metapher für Gefühle. So stehen Flüsse etwa für Veränderung und Lebenswege. Vögel symbolisieren Freiheit. Jahreszeiten erzählen von Aufbruch, Reife oder Abschied. Stürme und Gewitter werden zu Bildern innerer Krisen. Mal erscheint Natur als Sehnsuchtsort oder als Gegenbild zur modernen Gesellschaft. Oder sie wird zum Gegenstand politischer und ökologischer Fragen.
Wenn Musikerinnen und Musiker von Natur sprechen, sprechen sie deshalb oft zugleich über menschliche Erfahrungen. Die äußere Landschaft wird zur inneren Landschaft.
Sehnsucht nach dem Draußen
Ein weiteres häufiges Motiv ist die Natur als Gegenwelt. Gerade in einer urbanen und digitalisierten Welt werden Wälder, Berge oder Seen zu Symbolen für Freiheit, Ruhe und Entschleunigung. Ein jüngeres Beispiel ist der deutschsprachige Gegenwartspop, in dem etwa bei Künstlerinnen und Künstlern wie Marteria Naturbilder als Alltagsflucht auftauchen.
Wenn Natur in Popmusik politisch wird
Seit den 1960er- und 1970er-Jahren wird Natur in der Popmusik zunehmend auch politisch. Im Zuge der wachsenden Umweltbewegung und gesellschaftlicher Protestbewegungen nutzen viele Musikerinnen und Musiker Naturmotive, um auf ökologische Krisen, gesellschaftliche Missstände und die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt aufmerksam zu machen.
Ein interessantes Beispiel aus der deutschsprachigen Musikgeschichte ist Reinhard Lakomys „Golf in Motzen“. Der Song erzählt satirisch aus der Sicht eines Hahns - dieses Mal aber ohne Habicht - von der Veränderung einer Landschaft: Aus einem landwirtschaftlich genutzten Gebiet wird ein Golfplatz für Wohlhabende. Die Natur und die Menschen, die dort vorher gelebt und gearbeitet haben, geraten dabei aus dem Blick. Natur ist hier keine Idylle mehr, sondern Schauplatz gesellschaftlicher Konflikte. Der Song fragt, wem Landschaft und Natur eigentlich gehören, wer von ihrer Nutzung profitiert und was verloren geht, wenn (Natur)-Orte ihren ursprünglichen Charakter verändern.
Natur singt immer mit
Natur singt in der Popmusik immer mit – als Motiv, Metapher und manchmal auch als Mahnung. Lieder erzählen damit nicht nur von Landschaften oder Tieren, sondern von unserem Verhältnis zur Natur. Sie machen hörbar, was uns verbindet und was verloren gehen kann.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten Lieblingssong einmal genauer hinzuhören. Zwischen Gitarren, Beats und Melodien zwitschert, rauscht oder flattert die Natur oft schon längst mit. Und vielleicht erzählt sie uns dabei mehr über unser Verhältnis zur Natur, als uns im Alltag bewusst ist.
Ein Tipp zum Weiterhören
Neugierig geworden? Dann hören Sie doch einmal in die kuratierte Spotify-Playlist „BioDivPop“ hinein. Dort hat Arnulf Köhncke, Leiter der Abteilung Naturschutz und Biodiversität der Stiftung Naturschutz Berlin, Songs zusammengestellt, in denen die Natur mitsingt.
In diesem Sinne: Hören Sie mal genauer hin – auf die Lieder, in denen die Natur mitsingt und auf die Natur selbst, die uns jeden Tag umgibt.
Autor*innen: Dr. Arnulf Köhncke und Sophie Bengelsdorf
