Kolumne im Mai 2011

Drei leere Wörter

Sind wir eigentlich ein Kulturvolk? Die Tatsache, dass der Tierschutz seit neun Jahren im Grundgesetz steht, scheint dafür zu sprechen. Sieht man aber die Realität in den industriellen Mastanlagen, in denen Millionen Hühner und Hunderttausende von Schweinen zusammengepfercht vegetieren, dann sind Zweifel angebracht. Gehört zur Kultur nicht der ordentliche Umgang mit Tieren?

Versuche hatte es schon früher gegeben, den Tierschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. Das scheiterte immer an den Parteien, die das C im Namen tragen und so gern von „Bewahrung der Schöpfung“ reden. Zuletzt stoppten sie den Entwurf der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000, in dem es hieß: „Tiere werden als Mitgeschöpfe geachtet. Sie werden vor nicht artgemäßer Haltung, vermeidbaren Leiden und in ihren Lebensräumen geschützt.“ Das ging natürlich viel zu weit. 2002 kam es dann zu der berüchtigten Drei-Wort-Lösung. Im Artikel 20a Grundgesetz hieß es vorher: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung“. Hinter „Lebensgrundlagen“ wurde nun „und die Tiere“ eingefügt: eine folgenlose Sprachkosmetik, denn Tierschutz als Staatsziel bedeutet nicht, dass es um ein Recht geht, das Bürger einklagen könnten.

Land der Schweine

In den Jahren, die diesem Glanzstück politischer Formulierungskunst folgten, kam das System der massenhaften Tierquälerei erst richtig in Gang. Investoren übertrafen sich mit dem Bau immer größerer Massenställe und Schlachthöfe. Und der Boom geht weiter, unterstützt durch üppige Subventionen und Investitionszulagen. Schwerpunkt der industriellen Tiermast ist Niedersachsen, gefolgt von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Dort gibt es Stallanlagen mit bis zu 77 000 Schweinen. Bundesagrarministerin Aigner sagt im Interview: „Die Grenze ist klar. Tieren darf kein unnötiges Leid zugefügt werden.“ Ist dann das, was in den Massenställen geschieht, „nötiges“ Leid?

Im Dorf Barver zwischen Osnabrück und Bremen ist nun sogar eine Anlage für 3200 Milchkühe und über 1000 Kälber geplant. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) nennt es ein „agrarstrukturelles Monsterprojekt“. In Wietze im Landkreis Celle will die Firma Rothkötter den größten Geflügelschlachthof Europas bauen. Dort sollen täglich

450 000 Hähnchen geschlachtet werden, 300 pro Minute. Um das Unternehmen auszulasten, sollen in Niedersachsen über 400 neue Mastanlagen für je rund 40 000 Tiere entstehen.

Die Bilder verdrängen?

Widerstände gibt es, und sie nehmen zu. Überall, wo neue Massenställe geplant sind, gründen sich Bürgerintitiativen. Ursprünglich wehrten sie sich vor allem gegen die Umweltbelastungen in ihrem Umkreis. Inzwischen haben sich die meisten von ihnen als bundesweites Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ zusammengeschlossen, gemeinsam mit Umwelt- und Tierschutzverbänden, kirchlichen Gruppen und der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“.

Wo Tausende von Tieren auf engstem Raum leben, produzieren sie Gestank und Unmengen von Gülle. Im  Raum Cloppenburg–Vechta sind Gewässer und Grundwasser so stark belastet, dass die Gesundheit der Menschen bedroht ist. Ein weiteres Problem: die Antibiotika-Resistenzen, die bedrohlich zunehmen, weil die Mittel in den Ställen großzügig angewandt werden. Die Futtermittel werden zum größten Teil importiert, oft Soja aus ehemaligen Regenwaldgebieten, und die Transporte verschlechtern obendrein die Klimabilanz. Die Zustände in den Ställen sehen die meisten Menschen kaum. Fragen des Tierschutzes thematisieren eher die bundesweiten Initiativen der Tierschutz- und Umweltverbände und Verbände wie „PROVIEH Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung“. Im Januar riefen mehr als 300 Professoren verschiedener Fachrichtungen in einem Appell zum Ausstieg aus  der Massentierhaltung auf, „die uns als Gesellschaft beschämen muss“. Der Appell fand schnell über 8000 Unterstützer. Am 22. Januar gab es in Berlin eine Großdemo unter dem Titel „Wir haben es satt“.

Haben wir es wirklich satt?

Der entscheidende Punkt wird jedoch selten angesprochen: Wir essen zu viel Fleisch. Die Mengen, die täglich in Supermärkten und bei Discountern billig verkauft werden, ließen sich auf natur- und tierfreundliche Weise kaum produzieren. Zwar ändert sich langsam das Bewusstsein, gibt es immer mehr Vegetarier und Menschen, die weniger Fleisch essen und es dafür im Bioladen oder bei NEULAND kaufen, aber wie sieht es damit in der Breite aus? Wie viele Leute schalten ab, wenn ein Fernsehmagazin schockierende Bilder von gequälten Tieren zeigt? Wie viele verdrängen, was sie wissen könnten, und kaufen weiter ihr Schnitzel bei Aldi?

Marianne Weno