Kolumne im März 2011

Erbe in Grün?

Vor 30 Jahren war der Patient schwer krank. Viele glaubten, er würde sterben, Nachrufe lagen in den Schubladen. Entgegen den Erwartungen lebt er jedoch immer noch, ganz munter, wenn auch angeschlagen. Aber nun drohen neue Gefahren. Da hilft es wenig, dass seinem Schutz weltweit ein eigener Tag und sogar ein ganzes Jahr gewidmet wurde: der „Internationale Tag des Waldes“ am 21. März und das „Jahr der Wälder 2011“, und dass das zuständige Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) aus diesem Anlass das schöne Wort „Waldkulturerbe“ in die Welt gesetzt hat.

Er lebt – aber wie?

Wie bedroht die Regenwälder am Amazonas, in Afrika und Indonesien sind, darüber gibt es immer neue Hiobsbotschaften. In Mitteleuropa schien mit der Rauchgasreinigung der Kraftwerksschlote und dem Ende des „sauren Regens“ die Gefahr gebannt, dass Wälder großflächig absterben.

Aber „nachhaltig“ gehen wir mit unserem „Waldkulturerbe“ auch nicht um (obwohl der Begriff aus der Forstwirtschaft stammt), und so ist zu befürchten, dass das wichtigste Ökosystem hierzulande verkümmert. Klimawandel und Wald beeinflussen sich gegenseitig. Einerseits ist ein gesunder Wald die wirksamste Kohlendioxid-Senke überhaupt und nimmt ungefähr so viel CO2 auf, wie sämtliche Autos abgeben. Andererseits setzt ihm der Klimawandel auch zu, und es geschieht allzu wenig, um ihn dagegen zu stabilisieren. Der Umbau in artenreiche Mischwälder, der vor allem nötig wäre, findet kaum statt.

... über dunkle Kiefernwälder

Im „Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg“* wird beklagt, dass 73 Prozent der Wälder immer noch eintönige Kiefernforsten sind. In anderen Gegenden herrschen Fichten-Monokulturen vor. Werden mehr Laubbäume gepflanzt, dann klagt die Holzwirtschaft, die mehr Nadelholz verlangt. Aber die zunehmend heißen und trockenen Sommer und die häufigeren Stürme können nur Mischwälder mit geeigneten Baumarten überstehen.

Die größte Bedrohung kommt von der ständig steigenden Nachfrage nach Holz und dem damit verbundenen Preisanstieg. Die klassischen Abnehmer waren Bauholzsägewerke und Furnierhersteller sowie die Spanplatten- und Papierindustrie. In bescheidenerem Umfang war auch Brennholz gefragt. Bis der große Run auf Holz als „klimafreundlicher“ Brennstoff einsetzte, auf Holz für Kraftwerke, auf Pellets, Hackschnitzel und Holzbriketts zum Heizen, und auf Bio-Kraftstoffe. Und so wird aus dem Wald herausgeräumt, was irgend möglich ist: Schwach- und Totholz, angefaulte Teile, Baumkronen und Reisig sollten theoretisch zwar liegen bleiben, um die Nährstoffe, die die Bäume aufgenommen haben, im richtigen Verhältnis wieder zurückzugeben. Aber die gestiegenen Preise sind für die Waldbesitzer so verlockend, dass dieses sinnvolle Prinzip zunehmend auf der Strecke bleibt. „Holzrausch“** nennt der Forstingenieur Peter Wohlleben sein Buch, in dem er detailliert beschreibt, wie der Wald unter den Verlusten leidet, weil ihm die Nährstoffe, die in allen Teilen der Bäume gespeichert sind, entzogen werden. Zugleich schwindet der Lebensraum für Insekten- und Pilzarten, die auf dem toten oder absterbenden Holz leben, und für Vögel, die sich von den Insekten ernähren. Schwere Erntemaschinen, immer öfter die überdimensionalen Harvester, werden eingesetzt und verdichten den Waldboden, so dass er – neben anderen wichtigen Funktionen – seine Fähigkeit, Wasser zu speichern, verliert.

Hobby und Lobby

Schließlich sorgt eine kleine aber mächtige Gruppe dafür, dass sich der Wald kaum mehr verjüngen kann. Gemeint sind die Jäger, die viel mehr Rehe und Hirsche aufpäppeln, als der Wald verträgt. Vor allem Buchen- und Eichensämlinge und der Frühjahrsaustrieb der jungen Laubbäume werden oft restlos abgefressen.

Und was sagt die Politik zu den Gefahren für ihr „Waldkulturerbe“? So gut wie nichts, etwa in einem Interview mit der zuständigen Ministerin Ilse Aigner zum Internationalen Jahr der Wälder. Sie sieht „keinen Widerspruch zwischen dem Bild der Waldidylle und der heutigen Forstwirtschaft“, die sich „an den Prinzipien des naturnahen Waldbaus“ orientiere und dabei auf moderne Technik setze. „Gelebte Nachhaltigkeit hat in Deutschland eine nahezu 300-jährige Tradition ...“ und schließlich: „Die Messlatte muss sein, dass die Kraft und Schönheit des Waldes für unsere Kinder und Enkel erhalten bleiben.“
Na dann, weiter so?

Marianne Weno

*Gerhard Grützmacher: Von Kiefernkulturen, Hirschzuchten und Erntemaschinen. In: Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg, oekom

**Peter Wohlleben: Holzrausch. Der Bioenergieboom und seine Folgen. Adatia Verlag