Kolumne im Juni 2011

Vogelfrei

Noch herrscht Frühjahrsbetrieb in unseren Gärten. Es piepst und zwitschert, Vogeleltern suchen nach Futter für den Nachwuchs und Jungvögel üben das Fliegen. „Der stumme Frühling, vor dem Rachel Carson 1962 gewarnt hatte, ist zum Glück  bisher ausgeblieben, auch wenn die Roten Listen länger werden und manche  Arten, die uns früher besucht hatten, nicht mehr auftauchen. Die meisten Gartenbesitzer  freuen sich an dem Vogelbetrieb, füttern im Winter und hängen zum Frühjahr Nistkästen auf.

Es gibt aber auch andere. Leute, die sich gestört fühlen: vom Gurren der Ringeltauben in aller Frühe bis zum lauten Gesang der Amsel, von angepickten Kirschen, von weißen Klecksen auf Terrasse und Balkon oder gar auf dem Auto.  „Mein Garten ist Vogelschmutzgebiet“, oder „Spatzen lärmen in der Regenrinne“ – solche Klagen finden sich bei Google reichlich.   Den Leuten soll geholfen werden. Für sie gibt es einen offenbar lukrativen Markt für „Vogelvergrämung“ mit Hilfe von Ultraschallgeräten. Die Werbung wendet sich nicht an Landwirtschaft und Obstplantagen, sondern an mißgelaunte Hobbygärtner.

Weg mit den Plagegeistern

Marktführer unter den Herstellern ist die Firma Falcon Solar. Ihre Geräte werden bei eBay, Otto und vielen anderen Händlern unter „Schädlingsbekämpfung“ angeboten und als „umweltfreundlich“, weil solarbetrieben angepriesen. Sie senden wechselnde Hochfrequenztöne, die die „kleinen Plagegeister“ verjagen sollen, angeblich ohne ihnen zu schaden. Tiere, nicht nur Vögel, empfinden den Ultraschall als so unangenehm, dass sie die Flucht ergreifen. Das heißt: Man vertreibt damit zugleich auch Säugetiere, wie Igel, Eichhörnchen, Katzen und was sich sonst in den Gärten und der Umgebung tummelt, und man quält diejenigen, die nicht ausweichen können, wie den Hund, das Kaninchen im Gehege und den Wellensittich im Käfig. Wir Menschen können Ultraschall nicht wahrnehmen. Ungeklärt ist, ob uns die Dauerbeschallung dennoch schadet. Aus der medizinischen Nutzung sind Auswirkungen auf menschliches Gewebe bekannt.

Tote Zone

Wenn das Gerät so funktioniert, wie der Hersteller behauptet, dann wird der Garten schnell zur tierfreien Zone. 50 Quadratmeter weit soll die Wirkung reichen, aber jenseits der Grenze hört sie nicht plötzlich auf. Wird das Gerät nahe am Gartenzaun angebracht, dann kann es auch den Nachbargarten gleich mit von allen „Schädlingen“ befreien.

Das Entscheidende jedoch verschweigt die Werbung: In der Brutzeit vom 1. März bis 30. September verbietet das Naturschutzgesetz jede Störung des Brutablaufs. Das heißt: Im Frühjahr und im Sommer dürfen die Geräte überhaupt nicht genutzt werden, denn sie können dazu führen, dass Vogeleltern die Nester aufgeben, die Gelege oder die Jungvögel verlassen.  Nur - wo kein Kläger ist...

Erstaunlich, dass offenbar weder die Naturschutzbehörden noch die Umweltverbände das Thema für wichtig genug halten, um darüber aufzuklären und zu warnen. 

Wenn also Ihr Nachbar ein solches Tiervertreibungsgerät installiert, sollten Sie etwas unternehmen, bevor der „stumme Frühling“ auch bei Ihnen einzieht. 

Marianne Weno