Kolumne im Januar 2012 

Mode zu Müll

Verschwendung bringt Wachstum, und auf kaum einem Gebiet wird sie so konsequent gefördert wie im Bereich der Mode. Kleidungsstücke dürfen keinesfalls so lange getragen werden, bis sie verschlissen sind. Deshalb ist eine Farbe, die eben noch der letzte Schrei war, nach einer Saison völlig „out“, und Hosenbeine, die in einem Jahr eng waren, müssen im nächsten Jahr auffallend weit sein. Modebewußte Leute müssten sich eigentlich alljährlich neu einkleiden und das alte Zeug wegwerfen, und so geschieht es vielfach auch. Wir Deutschen kaufen rund eine Million Tonnen Kleidungsstücke im Jahr, das sind zwölf bis 15 Kilo pro Person. 

Fast ebenso viel wird ausgemustert. Das meiste, rund 400 000 Tonnen, landet im Hausmüll, der Rest im besten Fall in Second-hand-Läden oder in Kleiderkammern von Kirchen und karitativen Organisationen, im schlechtesten in Kleidersammlungen mit oft zweifelhaften Zielen. Vieles davon wird in Ländern der Dritten Welt verhökert und ruiniert dort die Textilindustrie.

Teurer Spaß

Der gewaltige Umsatz kostet nicht nur unser Geld. Die Produktion belastet Luft und Wasser, verbraucht Rohstoffe und Energie, alles Dinge, die wir uns immer weniger leisten können. Die synthetischen Fasern, die zunehmend die natürlichen ersetzen, stammen aus Erdöl.

Das Kreislaufwirtschaftsgesetz stammt aus dem Jahr 1996. Es verpflichtet die Produzenten, schon bei der Herstellung Verwertungs- und Entsorgungsmöglichkeiten zu berücksichtigen. Damals war Angela Merkel Umweltministerin. Sie verkündete, mit dem Gesetz habe man „die Weichen in die Kreislaufwirtschaft gestellt“. Konkretes über Textilien kommt darin allerdings nicht vor.

Problem erkannt

Immer mehr Menschen kritisieren die Verschwendung und fragen sich, ob Wiederverwertung ausgemusterter Stücke eine Lösung sein kann. Das stößt allerdings auf allerlei Schwierigkeiten, weil es wenig sortenreine Stoffe gibt, und weil die Textilien meist mit vielerlei Chemikalien belastet sind. Dennoch gibt es Firmen, die sich das Recycling von Textilien vorgenommen haben, und es werden mehr. Viele, meist kleine und junge Unternehmen stellen phantasievolle Dinge aus den Stoffen abgelegter Kleidungsstücke her: von Taschen, Halstüchern und Lampenschirmen bis zu Schmuckstücken. Kinderkleidung entsteht aus Herrenhemden und Bettwäsche.

Neue Kleidungsstücke aus alten kommen eher von größeren Firmen, die sortenreine Stoffe mehrfach verwenden. Zum Beispiel: die Firma Gore, die ausgediente Goretex-Jacken zurücknimmt und das Material erneut verarbeitet. Ähnlich arbeiten einige Naturtextil-Firmen. Die Schweizer Initiative I:CO (I collect = ich sammle) nimmt an rund 2000 Sammelstellen in Europa Textilien und Schuhe zum Recycling an und verteilt dafür Einkaufsgutscheine. Auch der umgekehrte Weg ist möglich: Kleidung, die aus ganz anderen Materialien stammt. Der bekannteste Fall: PET-Flaschen werden zu Sportkleidung. Aus dem Polyester-Granulat aus ca. 40 solcher Flaschen entsteht eine gut tragbare Fleecejacke. Für jedes der neuen Trikots von Hertha BSC wurden acht solcher Flaschen verarbeitet.

Das alles sind erste, sinnvolle Ansätze, aber noch immer enden viel zu viele gut erhaltene Kleidungsstücke im Restmüll. Ob sich das ändert, liegt an uns allen. Mode soll Spaß machen und das Selbstgefühl heben, aber wir müssen uns aus den Zwängen der Modediktatur befreien. Nur wenn wir Kleidung kaufen, die wir länger tragen können, und wenn wir am Ende nach einer sinnvollen Verwertung fragen, können wir die Umwelt und zugleich unsere Konten entlasten. 

Marianne Weno