Kolumne im Januar 2011

Ochsenfrosch und Bienenfresser

Versuchen wir einmal, uns vorzustellen, wie die Natur hierzulande in zwanzig Jahren aussehen könnte. Sicher anders als heute, ärmer wahrscheinlich, denn viele Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht, vor allem, weil ihre Lebensräume verloren gehen. Andererseits werden Arten dazukommen, auch solche, von denen wir jetzt noch nichts ahnen. Längst haben wir uns an Tiere und Pflanzen gewöhnt, die wir vor zwanzig Jahren noch für seltene, exotische Gäste hielten. Die Natur hat sich von jeher, aber in den letzten Jahrzehnten immer schneller verändert. Für den Zuzug fremder Arten hat zunächst der weltweite Handel und Tourismus gesorgt. Tiere und Pflanzen wurden  absichtlich oder unbeabsichtigt eingeführt, im Fluggepäck oder im Ballastwasser der Schiffe. Waschbär, Mink und Ochsenfrosch sind die spektakulären und oft unerwünschten Zuwanderer. Auch viele Insektenarten, wie der Maiswurzelbohrer oder die Kastanien-Miniermotte, gehören zu den „invasiven Arten“. Die rote Spanische Wegschnecke, in Schweden aus gutem Grund „Mörderschnecke“ genannt, verdrängt allmählich die einheimische schwarze Wegschnecke, der asiatische Marienkäfer die europäischen Arten. Bei den Pflanzen denken wir zuerst an die berüchtigte Beifuß-Ambrosie oder die giftige Herkulesstaude.

Und jetzt der Klimawandel

Mit der Erwärmung verschieben sich nun die Verbreitungsgebiete von Tieren und Pflanzen. Sie rücken jedes Jahr um etwa sechs Kilometer in Richtung der Pole vor. Das heißt, dass heute oder in naher Zukunft bei uns Arten auftauchen, die früher südlich der Alpen zu Hause waren, und andere nach Norden abwandern, weil es ihnen bei uns zu warm wird. Es bedeutet auch, dass Vegetationsperioden sich verlängern und Pflanzen heute im Durchschnitt acht Tage früher blühen. Die Folge kann sein, dass dann zur Ernährung der Jungvögel die Insektenlarven fehlen. Wenn eine Tier- oder Pflanzenart ausstirbt oder abwandert, wirkt sich das auf die ganze Nahrungskette aus.

Gewinner und Verlierer

Pflanzen, die Wärme und trockene Standorte lieben, werden sich ausbreiten, auf Kosten solcher, die Trockenheit schlecht vertragen. Zum Beispiel die Fichte, die Kühle und Feuchtigkeit braucht, und auch unter vermehrt auftretenden Schädlingen leidet. Als Gewinner gilt hingegen die echte Walnuss.

Wirbellose Tiere reagieren besonders stark auf die Veränderungen. Wo die Bedingungen für sie günstig sind, können sich Insekten, wie der Eichenprozessionsspinner und der Borkenkäfer, explosionsartig ausbreiten und große Schäden anrichten. Neu auftretende Stechmücken können Malaria und andere Krankheiten verbreiten, ebenso die Zecke, die sich in den letzten Jahren auffallend stark vermehrt hat. Andererseits verschwinden Arten, die für die Bestäubung von Pflanzen wichtig sind. Der ungeklärte Rückgang der Honigbienen lässt Schlimmes befürchten.

Amphibien und Reptilien sind die großen Verlierer: Ihre Lebensräume sind schon dank unserer Landwirtschaft größtenteils verschwunden. Nun sorgen Hitzeperioden dafür, dass immer mehr kleine Gewässer und Feuchtgebiete austrocknen, und Pilzinfektionen können ganze Populationen ausrotten.

Zugvögel, vor allem solche, die nur über kurze Strecken ziehen, bleiben heute oft ganz zu Hause. Das bringt ihnen im Frühjahr Vorteile bei der Suche nach Brut- und Futterplätzen, aber ein Winter, wie wir ihn jetzt gerade erleben, kann ihnen dann gefährlich werden. „Langstreckenzieher“ kommen im Frühjahr oft zu spät und haben das „Nachsehen“, weil die Nistplätze besetzt und die Insektenlarven früher geschlüpft sind. Das gilt zum Beispiel für den Trauerschnäpper, der zu den stark bedrohten Arten zählt. Dafür tauchen neue Arten bei uns auf. So brüten vom Bienenfresser, der aus den Tropen und Subtropen stammt, etwa hundert Paare am Oberrhein und einige sogar auf Bornholm.

Fragen nach der  Zukunft

Wie in zwanzig oder fünfzig Jahren unsere restlichen Landschaften, die Wälder und Gewässer aussehen werden, das wissen wir nicht.  Sicher ist nur: mit den Lebensgemeinschaften von heute werden sie nicht mehr viel gemeinsam haben.

Wissenschaftler in aller Welt beschäftigen sich mit der Zukunft der Ökosysteme. 2005 wurde ein erster Bericht der Internationalen Millennium Ökosystemstudie veröffentlicht, an der 1300 Forscher aus 95 Ländern beteiligt waren,  auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Die Studie warnt vor den Folgen von Übernutzung und Zerstörung der natürlichen Ressourcen und beschreibt auch mögliche Auswege. Wie aber Politik, Industrie und Landwirtschaft mit den Hinweisen umgehen, bleibt offen. Die Erfahrungen bisher lassen wenig Gutes erwarten. Die Gewinn- und Verlustrechnung wird erst später präsentiert.

 

Marianne Weno