Kolumne im Februar 2011

Fisch im Hallenbad

Das Problem scheint unlösbar: Es gibt immer weniger Fisch für immer mehr Menschen. Laut FAO sind in Asien mehr als eine Milliarde Menschen auf Fisch als Proteinquelle angewiesen, aber die Meere sind in großen Teilen fast leergefischt. Inzwischen werden Fische massenhaft in großen, im Meer schwimmenden Netzkäfigen gezüchtet. Auf die Meeresumwelt wirken sich diese herkömmlichen Aquakulturen jedoch verheerend aus. Sie verschmutzen das Wasser durch Unmengen an Exkrementen, verbreiten Parasiten und Krankheiten. Antibiotika im Futter lassen Keime resistent werden und finden sich später im Fischfleisch wieder. Gefüttert wird mit Fischmehl und Fischöl, und dafür werden wiederum wild lebende Fische gefangen. Etwa ein Drittel aller Fänge der Industriefischerei wird zu Fischfutter verarbeitet. Vier bis fünf Kilo braucht man, um ein Kilo Zuchtfisch zu gewinnen. Zwar dienen dazu hauptsächlich kleine Arten, die wir nicht essen, aber sie fehlen dann als Nahrung für die wild lebenden Tiere. Die Aquakultur ist ein Geschäft wie die Massentierhaltung an Land: Sie erzeugt billige Ware mit schweren Nebenwirkungen. Bio-Aquakulturen nach den Richtlinien der Verbände Naturland und Bioland sind graduell besser. Die Käfige enthalten weniger Tiere, Antibiotika und Pestizide werden nicht genutzt, und das Futter soll aus Abfällen der  Fischverarbeitung stammen. Doch auch diese Anlagen sind Fremdkörper im Ökosystem Meer und können Schäden anrichten.  

Die Lösung?

Seit einigen Jahren gibt es das Zauberwort: „Kreislaufsystem“. Es bedeutet: Fisch- und Garnelenmast an Land, in großen Hallen, die keinen Kontakt zu den umgebenden Ökosystemen haben. Das Grundprinzip: Die Fische schwimmen in Wasser, das, gereinigt, erwärmt und durchlüftet, immer wieder neu verwendet wird. Ideal ist die Verbindung mit einer Biogasanlage, die für die nötige Wärme sorgt. Dort können auch die ausgefilterten Exkremente genutzt werden. Die Fische sind gesünder und wachsen schneller als in ihrer natürlichen Umgebung. Antibiotika werden nicht  gebraucht. In solchen Anlagen lassen sich Salz- und Süßwasserarten und Garnelen züchten oder mästen.

In den Kinderschuhen

 Zwei schwerwiegende Probleme sind jedoch ungelöst: die Frage, woher das Futter kommt, und die Tatsache, dass die Anlagen technisch sehr aufwendig und teuer sind.  Sie verbrauchen viel Energie, da ständig die Pumpen laufen und das Wasser auf gleichmäßigen Temperaturen gehalten werden muss. Rentabel arbeiten können sie nur, wenn sie relativ teure Fischarten produzieren. Und es gehört Sachverstand dazu, der nicht überall vorhanden ist. So ist die Geschichte der Fischfarmen an Land auch eine Geschichte der gescheiterten Projekte.  Die ersten, in den neunziger Jahren errichteten Anlagen arbeiten heute alle nicht mehr.  In Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) gibt es die weltweit größte Anlage zur Störzucht und Kaviargewinnung.  Sie wurde nach einer Insolvenz an einen russischen Investor verkauft. Andere Projekte wurden groß geplant und nie fertiggestellt, so wie in Finsterwalde (Lausitz), wo die größte Shrimps-Masthalle Europas entstehen sollte, oder im saarländischen Völklingen, wo die Stadtwerke eine große Fischfarm bauen wollten, um ihre überschüssige Energie zu nutzen. Was daraus wird, ist nach Jahren noch ungewiss.  Andere, meist kleinere Anlagen arbeiten schon erfolgreich, so die erste Garnelenfarm Deutschlands  im niedersächsischen  Affinghausen, die etwa zehn Tonnen im Jahr produziert. Voraussetzung für den Erfolg ist der richtige Standort, an dem es Wasser, günstige Energie und einen Absatzmarkt gibt.

Fisch frisst Fisch

Das Futterproblem ist das gleiche wie bei den Aquakulturen im Meer: Die Tiere brauchen Nahrung, die reich an ungesättigten Fettsäuren ist, und Garnelenlarven fressen nur lebendes Futter. Bisher stammt das Futter hauptsächlich aus Wildfängen. Das heißt, den Meeren ist damit nicht geholfen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert deshalb in Schleswig-Holstein zwei Projekte, die mit alternativen Futtermitteln experimentieren: eine Firma, die Shrimps mit Fadenwürmern ernähren will, und eine andere, die Fischfutter aus einer fettsäurereichen Mikroalge entwickelt. Nur wenn diese und andere Versuche Erfolg haben und  die Fischmast an Land nicht mehr auf Wildfänge angewiesen ist, kann sie eine nachhaltige Alternative zur Industriefischerei und zur Aquakultur im Meer bilden. Bis es so weit ist, hilft nur eins: weniger Fisch essen und im Bioladen nach der Herkunft fragen. Allerdings - billig wird der Fisch aus der Halle nicht sein, und ob er nennenswert zur Welternährung beitragen kann, scheint zweifelhaft. Aber wenn genug Erfahrungen gesammelt sind und die Technik weiter entwickelt ist, könnte daraus eine umweltfreundliche Zukunftsbranche werden.

Marianne Weno