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Marianne Weno
greift monatlich aktuelle Ent- wicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.

Kolumne 2011
Kolumne im Dezember 2011: Gedankenspiele
Kolumne im Dezember 2011: Gedankenspiele
Gedankenspiele
Würde die Menschheit plötzlich verschwinden, dann würden nur Kopf- und Kleiderläuse uns vermissen, meint Alan Weisman, Autor des Buches „Die Welt ohne uns“*. Alle anderen, Tiere und Pflanzen, soweit sie noch nicht ganz ausgestorben sind, würden sofort daran gehen, sich die Erde zurückzuerobern, von der wir sie Schritt für Schritt verdrängt haben. Es würde allerdings dauern, bis die zugebauten Lebensräume wieder frei würden, die zerschnittenen Landschaften zusammenwüchsen, bis sich wieder Moore bildeten und in die leergefischten Meere das Leben zurückkehrte – aber von uns Menschen ungestört könnten sich bedrohte Arten erholen und vermehren.
Das alles sind Gedankenspiele, und niemand wird sich das Ende der Menschheit herbeiwünschen, aber sicher ist: Seit wir auf der Erde die Macht übernommen haben, verläuft das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten rasant und immer schneller. Daran ändern alle schönen Absichtserklärungen nichts, weder das „Internationale Jahr der Biodiversität“ 2010, das die Generalversammlung der UNO ausgerufen hat, noch der geplante „Tag der Artenvielfalt“ in Mannheim im Juni 2012 oder die FFH-Richtlinie und die Vogelschutz-Richtlinie der EU. Nach der Statistik der Weltnaturschutzunion ist heute ein Viertel der Säugetiere, ein Drittel der Amphibienarten und ein Achtel der Vogelarten vom Aussterben bedroht. Auch immer mehr Pflanzenarten verschwinden.
Umwelt nach Bedarf
Das große Aussterben findet bei uns statt wie in aller Welt. Wir haben große Teile der Erdoberfläche nach unseren Bedürfnissen verändert und damit vielen Arten ihre Lebensräume genommen. Hier bei uns haben wir Flüsse verbaut und Moore entwässert, und täglich versiegeln wir Landschaften, bauen sie zu mit Häusern, Autobahnen und Flughäfen, obwohl die Bevölkerung abnimmt. Was Wirtschaftswachstum verspricht, wird realisiert.
Eine andere Gefahr ist die übermäßige Nutzung bestimmter Arten. Denken wir an den Roten Thunfisch, der bald endgültig aus dem Mittelmeer verschwinden wird, und die Bedrohungen durch den industriellen Fischfang allgemein.
Wohl am schlimmsten schädigt die Agrarwirtschaft mit ihren Monokulturen die Naturressourcen: Wo Mais oder Raps wächst, darf nichts anderes wachsen, also werden flächendeckend Herbizide und Insektizide verteilt. Nicht nur einzelne Arten verschwinden, sondern die Glieder ganzer Nahrungsketten. Und die Gülle aus den Massenställen, die überall in der Landschaft versickert, lässt den Pflanzen, die nitratarme Böden brauchen, keine Chance. Auf Wiesen und an Feldrainen wachsen deshalb kaum mehr die bunten „Feldblumen“, die früher allgegenwärtig waren.
Reden oder handeln
Bundeskanzlerin Merkel hatte das Jahr der Biodiversität mit schönen Worten eröffnet. Sie nannte das Thema Artenverlust „beängstigend“ und verlangte eine „sofortige Trendwende“. Nicht weniger beängstigend ist seitdem die Untätigkeit ihrer Regierung.
Weder wurde die Zubetonierung und Zerschneidung der Landschaft gestoppt, noch jene Pestizide verboten, die die meisten Opfer kosten, wie die Neonikotinoide, die Bienen und Vögel töten, oder das Herbizid Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat, das vor allem Fische und Amphibien vernichtet, aber auch für Missbildungen beim Menschen verantwortlich gemacht wird.
Zugegeben, es wäre keine leichte Aufgabe für die zuständigen Ministerien, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen und zum Beispiel die konventionelle Landwirtschaft
wieder an ihre Wurzeln zurückzuführen oder entbehrliche Bauprojekte zu stoppen. Aber mit schönen Ankündigungen ist noch kein Tier und keine Pflanze vor dem Aussterben bewahrt worden.
Wenn die „Trendwende“ ausbleibt, dann sollte jemand ein Buch schreiben mit dem Titel „Die Welt ohne sie“ – und darin ausmalen, wie unsere Nachkommen mit den armseligen Resten von Fauna und Flora zurechtkommen, die wir ihnen hinterlassen.
Marianne Weno
*Alan Weisman: „Die Welt ohne uns“, Verlag Piper
Kolumne November 2011: Ohne Sinn und Verstand
Kolumne November 2011: Ohne Sinn und Verstand
Ohne Sinn und Verstand
In der Welt der Jäger taucht in letzter Zeit eine neue Spezies auf. Ihr Lebenszweck scheint es zu sein, bestimmte Arten auszurotten, und zwar diejenigen, die als die intelligentesten unter den Vögeln gelten: die Rabenvögel. Bei ihren menschlichen Verfolgern, die sich „Crowbusters“ nennen, lassen sich solche Qualitäten kaum vermuten. Wie einige ihrer Beutetiere treten sie in Schwärmen auf, meist junge Männer in abenteuerlicher Vermummung, mit Tarnnetzen und einem gruseligen Waffenarsenal. Sie betreiben den massenhaften Abschuss von geschützten Vogelarten als Hobby ohne jeden Sinn. In Online-Foren bieten sie den Pächtern der Jagdreviere überall im Land kostenlose Unterstützung an. Dann kommen sie in Rudeln angereist und leisten ganze Arbeit: Bei einem Einsatz können 400 Vögel auf der Strecke bleiben. Hochgerechnet dürften es 1,2 Millionen pro Jahr sein. Was die Jagdpächter davon haben, bleibt rätselhaft. Die Behauptung jedenfalls, Rabenvögel würden das Niederwild verfolgen und damit den Jägern Konkurrenz machen, ist von der Wissenschaft längst widerlegt.
Das gilt ebenso für die anderen „Untaten“, die man ihnen vorwirft. Kleine Vögel und Säugetiere machen höchstens 8 Prozent ihrer Nahrung aus und Vogelnester plündern sie viel seltener als etwa Eichhörnchen. Bewiesen ist zudem, dass die Zahl der Singvögel nicht zurückgeht, wo es viele Rabenvögel gibt. Sicher, mitunter entstehen Probleme, zum Beispiel mit dem größten der schwarzen Vögel, dem Kolkraben. In Brandenburg, wo viele Schafe und Rinder auf der Weide leben, klagen die Bauern über große Verluste bei Lämmern und Kälbern. Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass die Zahlen geringer sind als behauptet. Wenn überhaupt, greifen die Raben schwache und kranke Lämmer an. Kälber können sie überhaupt nicht töten und wo sind überhand nehmen, gibt es verschiedene Abwehrmöglich-keiten. Abschießen ist immer die schlechteste Lösung.
Unglücksraben?
Die Abneigung vieler Menschen gegen Rabe und Krähe, Elster und Dohle mag daher kommen, dass sie größtenteils schwarz sind und so unmelodisch krächzen. Vielleicht hat auch Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel" zu den irrationalen Urteilen beigetragen. Dabei sind es eindrucksvolle Vögel, die mehr können als die meisten Säugetiere: Sie können planmässig handeln, Werkzeuge gebrauchen, Menschen und sich selbst im Spiegel erkennen und – bekanntes Beispiel – fahrende Autos als Nussknacker benutzen. Der Ornithologe Josef Reichholf hat in seinem lesenswerten Buch „Rabenschwarze Intelligenz"* viele Beispiele ihrer erstaunlichen Fähigkeiten und ihres sozialen Verhaltens beschrieben. Sie gelten als die „Primaten unter den Vögeln".
Schutz mit Lücken
Im §1 des Tierschutzgesetzes heißt es: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen". In § 17 werden dafür bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe angedroht. Nach den Erkenntnissen der Wissenschaft gibt es den "vernünftigen Grund" bei Rabenvögeln nicht. Die „Crowbusters“ würden sich wohl strafbar machen - wenn es einen Kläger gäbe.
Seit 1976 sind Elster, Rabenkrähe und Eichelhäher nach der EU-Vogelschutzrichtlinie geschützt, seit 1987 auch nach Bundesrecht. Das wurde allerdings 1994 so geändert, dass die Länder für mehrere Arten Jagdzeiten erlassen können, und auf Druck der mächtigen Jagdlobby machen sie reichlich Gebrauch davon, teilweise bis in die Brutzeit hinein. Dabei stehen die Saatkrähe und die Dohle, der „Vogel des Jahres 2012", schon auf der Roten Liste.
Das Bundesamt für Naturschutz vertritt die Auffassung, für eine flächendeckende Bejagung der Rabenvögel gäbe es keine wissenschaftliche und auch keine ethisch-moralische Rechtfertigung. Sieben von 16 Bundesländern sehen das offenbar anders. Sind Rabe, Krähe und Co also Opfer des Föderalismus?
Marianne Weno
* Josef H. Reichhalf: Rabenschwarze Intelligenz - Was wir von Krähen lernen können", Verlag: F.A. Herbig
