Kolumne 2011

Kolumne im Dezember 2011: Gedankenspiele

Kolumne im Dezember 2011: Gedankenspiele

Gedankenspiele

Würde die Menschheit plötzlich verschwinden, dann würden nur Kopf- und Kleiderläuse uns vermissen, meint Alan Weisman, Autor des Buches „Die Welt ohne uns“*. Alle anderen, Tiere und Pflanzen, soweit sie noch nicht ganz ausgestorben sind, würden sofort daran gehen, sich die Erde zurückzuerobern, von der wir sie Schritt für Schritt verdrängt haben. Es würde allerdings dauern, bis die zugebauten Lebensräume wieder frei würden, die zerschnittenen Landschaften zusammenwüchsen, bis sich wieder Moore bildeten und in die leergefischten Meere das Leben zurückkehrte – aber von uns Menschen ungestört könnten sich bedrohte Arten erholen und vermehren. 

Das alles sind Gedankenspiele, und niemand wird sich das Ende der Menschheit herbeiwünschen, aber sicher ist: Seit wir auf der Erde die Macht übernommen haben, verläuft das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten rasant und immer schneller. Daran ändern alle schönen Absichtserklärungen nichts, weder das „Internationale Jahr der Biodiversität“ 2010, das die Generalversammlung der UNO ausgerufen hat, noch der geplante „Tag der Artenvielfalt“ in Mannheim im Juni 2012 oder die FFH-Richtlinie und die Vogelschutz-Richtlinie der EU. Nach der Statistik der Weltnaturschutzunion ist heute ein Viertel der Säugetiere, ein Drittel der Amphibienarten und ein Achtel der Vogelarten vom Aussterben bedroht. Auch immer mehr Pflanzenarten verschwinden.

Umwelt nach Bedarf

Das große Aussterben findet bei uns statt wie in aller Welt. Wir haben große Teile der Erdoberfläche nach unseren Bedürfnissen verändert und damit vielen Arten ihre Lebensräume genommen. Hier bei uns haben wir Flüsse verbaut und Moore entwässert, und täglich versiegeln wir Landschaften, bauen sie zu mit Häusern, Autobahnen und Flughäfen, obwohl die Bevölkerung abnimmt. Was Wirtschaftswachstum verspricht, wird realisiert.

Eine andere Gefahr ist die übermäßige Nutzung bestimmter Arten. Denken wir an den Roten Thunfisch, der bald endgültig aus dem Mittelmeer verschwinden wird, und die Bedrohungen durch den industriellen Fischfang allgemein. 

Wohl am schlimmsten schädigt die Agrarwirtschaft mit ihren Monokulturen die Naturressourcen: Wo Mais oder Raps wächst, darf nichts anderes wachsen, also werden flächendeckend Herbizide und Insektizide verteilt. Nicht nur einzelne Arten verschwinden, sondern die Glieder ganzer Nahrungsketten. Und die Gülle aus den Massenställen, die überall in der Landschaft versickert, lässt den Pflanzen, die nitratarme Böden brauchen, keine Chance. Auf Wiesen und an Feldrainen wachsen deshalb kaum mehr die bunten „Feldblumen“, die früher allgegenwärtig waren.

Reden oder handeln

Bundeskanzlerin Merkel hatte das Jahr der Biodiversität mit schönen Worten eröffnet. Sie nannte das Thema Artenverlust „beängstigend“ und verlangte eine „sofortige Trendwende“. Nicht weniger beängstigend ist seitdem die Untätigkeit ihrer Regierung. 
Weder wurde die Zubetonierung und Zerschneidung der Landschaft gestoppt, noch jene Pestizide verboten, die die meisten Opfer kosten, wie die Neonikotinoide, die Bienen und Vögel töten, oder das Herbizid Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat, das vor allem Fische und Amphibien vernichtet, aber auch für Missbildungen beim Menschen verantwortlich gemacht wird. 

Zugegeben, es wäre keine leichte Aufgabe für die zuständigen Ministerien, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen und zum Beispiel die konventionelle Landwirtschaft 
wieder an ihre Wurzeln zurückzuführen oder entbehrliche Bauprojekte zu stoppen. Aber mit schönen Ankündigungen ist noch kein Tier und keine Pflanze vor dem Aussterben bewahrt worden. 

Wenn die „Trendwende“ ausbleibt, dann sollte jemand ein Buch schreiben mit dem Titel „Die Welt ohne sie“ – und darin ausmalen, wie unsere Nachkommen mit den armseligen Resten von Fauna und Flora zurechtkommen, die wir ihnen hinterlassen.

Marianne Weno

*Alan Weisman: „Die Welt ohne uns“, Verlag Piper

Kolumne November 2011: Ohne Sinn und Verstand

Kolumne November 2011: Ohne Sinn und Verstand

Ohne Sinn und Verstand


In der Welt der Jäger taucht in letzter Zeit eine neue Spezies auf. Ihr Lebenszweck scheint es zu sein, bestimmte Arten auszurotten, und zwar diejenigen, die als die intelligentesten unter den Vögeln gelten: die Rabenvögel. Bei ihren menschlichen Verfolgern, die sich „Crowbusters“ nennen, lassen sich solche Qualitäten kaum vermuten. Wie einige ihrer Beutetiere treten sie in Schwärmen auf, meist junge Männer in abenteuerlicher Vermummung, mit Tarnnetzen und einem gruseligen Waffenarsenal. Sie betreiben den massenhaften Abschuss von geschützten Vogelarten als Hobby ohne jeden Sinn. In Online-Foren bieten sie den Pächtern der Jagdreviere überall im Land kostenlose Unterstützung an. Dann kommen sie in Rudeln angereist und leisten ganze Arbeit: Bei einem Einsatz können 400 Vögel auf der Strecke bleiben. Hochgerechnet dürften es 1,2 Millionen pro Jahr sein. Was die Jagdpächter davon haben, bleibt rätselhaft. Die Behauptung jedenfalls, Rabenvögel würden das Niederwild verfolgen und damit den Jägern Konkurrenz machen, ist von der Wissenschaft längst widerlegt.
Das gilt ebenso für die anderen „Untaten“, die man ihnen vorwirft. Kleine Vögel und Säugetiere machen höchstens 8 Prozent ihrer Nahrung aus und Vogelnester plündern sie viel seltener als etwa Eichhörnchen. Bewiesen ist zudem, dass die Zahl der Singvögel nicht zurückgeht, wo es viele Rabenvögel gibt. Sicher, mitunter entstehen Probleme, zum Beispiel mit dem größten der schwarzen Vögel, dem Kolkraben. In Brandenburg, wo viele Schafe und Rinder auf der Weide leben, klagen die Bauern über große Verluste bei Lämmern und Kälbern. Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass die Zahlen geringer sind als behauptet. Wenn überhaupt, greifen die Raben schwache und kranke Lämmer an. Kälber können sie überhaupt nicht töten und wo sind überhand nehmen, gibt es verschiedene Abwehrmöglich-keiten. Abschießen ist immer die schlechteste Lösung. 

Unglücksraben?

Die Abneigung vieler Menschen gegen Rabe und Krähe, Elster und Dohle mag daher kommen, dass sie größtenteils schwarz sind und so unmelodisch krächzen. Vielleicht hat auch Alfred Hitchcocks Film „Die Vögel" zu den irrationalen Urteilen beigetragen. Dabei sind es eindrucksvolle Vögel, die mehr können als die meisten Säugetiere: Sie können planmässig handeln, Werkzeuge gebrauchen, Menschen und sich selbst im Spiegel erkennen und – bekanntes Beispiel – fahrende Autos als Nussknacker benutzen. Der Ornithologe Josef Reichholf hat in seinem lesenswerten Buch „Rabenschwarze Intelligenz"* viele Beispiele ihrer erstaunlichen Fähigkeiten und ihres sozialen Verhaltens beschrieben. Sie gelten als die „Primaten unter den Vögeln". 

Schutz mit Lücken

Im §1 des Tierschutzgesetzes heißt es: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen". In § 17 werden dafür bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe angedroht. Nach den Erkenntnissen der Wissenschaft gibt es den "vernünftigen Grund" bei Rabenvögeln nicht. Die „Crowbusters“ würden sich wohl strafbar machen - wenn es einen Kläger gäbe.

Seit 1976 sind Elster, Rabenkrähe und Eichelhäher nach der EU-Vogelschutzrichtlinie geschützt, seit 1987 auch nach Bundesrecht. Das wurde allerdings 1994 so geändert, dass die Länder für mehrere Arten Jagdzeiten erlassen können, und auf Druck der mächtigen Jagdlobby machen sie reichlich Gebrauch davon, teilweise bis in die Brutzeit hinein. Dabei stehen die Saatkrähe und die Dohle, der „Vogel des Jahres 2012", schon auf der Roten Liste. 

Das Bundesamt für Naturschutz vertritt die Auffassung, für eine flächendeckende Bejagung der Rabenvögel gäbe es keine wissenschaftliche und auch keine ethisch-moralische Rechtfertigung. Sieben von 16 Bundesländern sehen das offenbar anders. Sind Rabe, Krähe und Co also Opfer des Föderalismus?

Marianne Weno

Josef H. Reichhalf: Rabenschwarze Intelligenz - Was wir von Krähen lernen können", Verlag: F.A. Herbig

Kolumne Oktober 2011: Schwarze Erde

Kolumne Oktober 2011: Schwarze Erde

Schwarze Erde

Die Grillschwaden des Sommers haben sich verzogen, und es wird Zeit, darüber nachzudenken, was das massenhafte Gebrutzel für die Umwelt bedeutet und wie man die Schäden im nächsten Jahr vermeiden oder verringern kann.

Gegrillt wird meistens mit Holzkohle. 180 000 Tonnen pro Jahr werden bei uns verbraucht. Davon stammen nur zwei Prozent aus heimischen Wäldern. Ein Viertel kommt aus anderen europäischen Ländern, vor allem aus Polen und der Ukraine, drei Viertel aus tropischen und subtropischen Gebieten. Hauptlieferant ist Paraguay, es folgen Argentinien, Nigeria, Indonesien und Namibia. Die WHO meint, dass die Waldbestände in diesen Ländern dadurch sehr gefährdet sind. Zwar werden nicht die wertvollen Baumriesen der Regenwälder zu Holzkohle verarbeitet, aber andere artenreiche Wälder in den Tropen und Subtropen werden zerstört.

Nicht immer Holz

„Holzkohle“ lässt sich aus vielerlei pflanzlichen Abfällen gewinnen, durch Pyrolyse aus Kokosnussschalen, Reishülsen, Stroh, Weintrester und Grünschnitt. Zugleich lassen sich die Pyrolysegase nutzen, um Strom oder Wärme zu gewinnen.

Auf Kuba überwuchert der Marabu-Strauch, eine eingewanderte Art, große Landstriche. Die Büsche müssen ständig mit der Wurzel ausgerissen werden, weil dort sonst keine Landwirtschaft möglich ist. Das Holz wird als „Carbocuba“ zu Grillkohle verarbeitet und auch bei uns verkauft. Es gibt also Alternativen. Man muss sich nur beim Kauf über die Herkunft informieren und meist auch etwas mehr bezahlen.

Das alles wird umso wichtiger, als sich offenbar ein neuer Markt für den schwarzen Stoff entwickelt. Seit etwa fünf Jahren ist „Terra preta“ („Schwarze Erde“) bei uns im Gespräch. Das portugiesische Wort bezeichnet ursprünglich besonders fruchtbare Böden in Teilen von Amazonien. Die Erde dort enthält große Anteile an Holzkohle, die sich dauerhaft im Boden hält, Nährstoffe bindet und ohne Kunstdünger zu üppigen Ernten führt. Außerdem hält sie das CO2 im Boden fest, das beim Verrotten von organischem Material entsteht. „Terra preta“ lässt sich künstlich herstellen, aus Kompost und Dung mit einem Anteil von 10 bis 40 Prozent Holzkohle. Noch ist offen, ob sich das Prinzip in großem Umfang durchsetzen wird.

Probleme der Welt lösen?

Optimistische Anhänger der Methode meinen, damit ließen sich zugleich die Ernährungs- und die Klimaprobleme der Welt lösen. Sie könnte für reiche Ernten sorgen und die chemisch belasteten Böden regenerieren. Die Vereinten Nationen untersuchen, ob und wie viel der Einsatz zur CO2-Reduktion beitragen kann. Bisher sind es hauptsächlich Hobbygärtner, die damit experimentieren, aber schon hat der Handel das Thema entdeckt und bietet fertige „Terra preta“ an, mit Holzkohle oft unbekannter Herkunft. Fest steht: Die Schwarzerde braucht Holzkohle in großen Mengen, „Biokohle“, wie ihre Verfechter sagen, wobei „Bio“ für organisches Material und nicht immer für Nachhaltigkeit steht.Sollte sich der „Terra-preta“-Gedanke ausbreiten und die Landwirtschaft bei uns und in aller Welt die Methode für sich entdecken, dann hinge der ökologische Erfolg davon ab, dass immer größere Mengen nachhaltig gewonnener Biokohle zur Verfügung stehen. Viele organische Abfälle, die sonst kompostiert oder verbrannt würden, bieten sich als Grundstoffe an. Nur: Alle müssen umdenken: die Leute, die jeden Sommer in Parks und Gärten grillen, ohne sich um die Folgen zu kümmern, aber auch jene, die sich aus guten Gründen für „Terra preta“ engagieren, aber selten danach fragen, woher ihr wichtigster Anteil stammt.

Marianne Weno

Kolumne September 2011: Gemeinsam stark

Kolumne September 2011: Gemeinsam stark

Gemeinsam stark

An dieser Stelle sei einem Verein von Umweltschützern zum zwanzigsten Geburtstag gratuliert, zugleich stellvertretend für ähnliche Gruppen, die etwa zur  gleichen Zeit und mit ähnlichen Zielen entstanden und seitdem aktiv geblieben sind. Hier geht es um den Förderverein Landschaftsschutzgebiet Buschgraben/Bäketal e.V. Er wurde im Herbst 1991 von Bürgern aus Kleinmachnow und  Zehlendorf gegründet, als es darum ging, die ausgedehnten Naturräume im Grenzgebiet zwischen Brandenburg und dem Berliner Südwesten zu erhalten.

Am „Grünen Tisch“

Im April 1990 hatten sich Vertreter beider Seiten zu einem „Grünen Tisch“ getroffen. Initiatoren waren der Zehlendorfer SPD-Bezirksverordnete Klaus Schwarz und der Botaniker Dr. Gerhard Casperson aus Kleinmachnow, der sich schon lange um den Naturschutz in diesem Bereich bemüht hatte. Er sollte in den kommenden Jahren und bis heute zu einer treibenden Kraft innerhalb des Vereins werden, anregen und informieren. Seine Fachkenntnisse gaben den Ausschlag dafür, dass später weite Bereiche in und um Kleinmachnow unter Schutz gestellt wurden: das Bäketal als Naturschutzgebiet und der Buschgraben sowie andere Grünzüge in und um Kleinmachnow und Stahnsdorf als Landschaftsschutzgebiete.

Der ehemalige Grenzstreifen war damals eine kahle Sandwüste, auf der man mit Hilfe von Herbiziden die Vegetation zerstört hatte. Ein Gebiet, das nun langsam anfing, sich zu regenerieren. Aber es gab auch große Flächen, die zu DDR-Zeiten nicht betreten werden durften. Dort hatte sich ungestört eine große Vielfalt an Pflanzen und Tieren entwickelt. 

Im Herbst 1991 gründeten die Teilnehmer des „Grünen Tisches“ den erwähnten Förderverein. Sein Ziel war es, die Naturräume im ehemaligen Grenzgebiet zu erhalten, zu pflegen und vor Bodenspekulation zu schützen. Dazu musste man den Menschen in Kleinmachnow  deutlich machen,  welchen Reichtum das viele Grün in ihrem Ort und dem Umfeld darstellte. Also gab es Vorträge, Führungen und Veröffentlichungen – und Arbeitseinsätze unter reger Beteiligung. 2004 erhielt der Verein den Kleinmachnower Umweltpreis. Viele der Mitglieder, die schon in der ersten Stunde dabei waren, sind  auch nach zwanzig Jahren noch aktiv. Und neue, jüngere sind dazugekommen.

Das Schleusendrama

Eine zweite große Herausforderung war das  „Projekt 17 Deutsche Einheit“, der  überdimensionierten Ausbau der Wasserstraßen zwischen Hannover und Berlin. Für Kleinmachnow hätte das bedeutet: Ausbau der Machnower Schleuse auf 190 Meter. Dafür sollten 30 Meter Ufer abgegraben werden. Geplant war außerdem ein Liegehafen für die wartenden Schiffe, dem 18 uralte Eichen zum Opfer gefallen wären. Zusammen mit der Bürgerinitiative „Pro Kanallandschaft, Kleinmachnower Schleuse“ und dem BUND hat der Verein von Anfang an gegen diese Planung gekämpft, die unsinnig ist, weil die großen Schiffe und Schubverbände auf dem Teltowkanal gar nicht fahren dürfen. Dem Verein gelang es, viele Einwohner gegen die Pläne zu mobilisieren. Es gab Großdemonstrationen an der Schleuse und fantasievolle Aktionen. Als dann in den Eichen die streng geschützten Käfer Eichenbock und Eremit gefunden wurden, schaltete der Verein zunächst die untere, dann die obere Naturschutzbehörde ein, die den Bereich zum FFH-Gebiet erklärte.  

Das Projekt hätte neu geplant werden müssen. 2011 dann die Erleichterung: Der Bundesverkehrsminister stoppte die ganzen Pläne – gegen den Willen der Landesregierung.  Endgültig ist aber nichts entschieden; noch klagt der Hafen Königs Wusterhausen gegen den Baustopp, aber der Verein hofft, dass auch diesmal die Natur gegen die Wasserbaulobby gewinnen wird.

„Stunde Null“

Dass die zwanzig Jahre zu einer Erfolgsgeschichte wurden, ist dem ausdauernden Engagement der Menschen zu verdanken, aber auch der Tatsache, dass die Arbeit in der „Stunde Null“ begann, bevor noch Politik und Interessengruppen die Hände nach den Freiflächen ausgestreckt hatten. Kleinmachnow ist ein grüner Ort mit abwechslungsreichen Naturräumen geblieben. Ähnliche Kämpfe gibt es auch heute überall, wo die Natur bedroht ist, aber auch deutliche Unterschiede. Zwar kämpfen  vielerorts Bürgerinitiativen gegen unsinnige Bauprojekte und Naturzerstörung, gegen Fluglärm und Autobahnbau, aber fast immer geht es um vorab fest geplante Projekte. Wo der Erfolg ausbleibt, werden die Leute zu „Wutbürgern“. Darum ist es wichtig, sich frühzeitig, ausdauernd und mit vereinten Kräften zu wehren. Das lehren uns die Beispiele aus den vergangenen zwanzig Jahren.

Marianne Weno

 

Kolumne August 2011: Unsere schöne Plastikwelt

Kolumne August 2011: Unsere schöne Plastikwelt

Unsere schöne Plastikwelt

Die Räume der Kita machen einen freundlichen und sauberen Eindruck. Der Fußboden ist frisch gewischt, auf den Tischen liegen Plastikdecken. Man sieht: Hier wird auf Hygiene geachtet. Was man nicht sieht: dass überall in der Einrichtung eine Menge an Giftstoffen steckt, die gerade für kleine Kinder schädlich sind. Außer den pflegeleichten Fußböden und Einrichtungsgegenständen aus PVC finden sich dort Hüpfbälle, Spielzeug aus Weichplastik. Turnmatten,  Regenjacken und Gummistiefel, und all diese Dinge enthalten sogenannte Weichmacher, vor allem aus der Stoffgruppe der Phthalate. Sie werden spröden und harten Materialien zugesetzt, um sie weich und biegsam zu machen.  Wir wissen schon lange, dass diese Stoffe gesundheitsschädlich sind,  und doch sind sie aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie stecken in jedem Elektrokabel, in Lacken, Fensterdichtungen und Klebstoffen. Auch wenn wir auf PVC-Fußböden, Plastik-Duschvorhänge und Vinyltapeten verzichten, dürfte es kaum eine Küche geben ohne all die praktischen und unzerbrechlichen Dinge, an die wir uns längst gewöhnt haben. Und kaum ein Kind geht ohne Brotdosen und Trinkflaschen aus Plastik zur Schule. In großen Anzeigen werben die Hersteller gerade jetzt  mit dem Spruch: „Wie hart wäre die Welt ohne weiches PVC?“

Aktion „Zukunft ohne Gift“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat nun Kitas im ganzen Land aufgefordert, volle Staubsaugerbeutel einzuschicken, um sie auf Weichmacher untersuchen zu lassen. 60 Kitas haben reagiert, und das Ergebnis war erschreckend. Im Durchschnitt wurden in den Proben Phthalat-Konzentrationen festgestellt, die dreimal so hoch sind wie der Mittelwert, den das Umweltbundesamt für normale Haushalte ermittelt hat. Einige Kitas sind gering, andere  dafür noch stärker belastet. Das ist umso bedenklicher, als gerade Kinder durch die hormonartig wirkenden Stoffe gefährdet sind. Sie nehmen sie mit der Atmung, über das Essen und durch die Haut auf. Weichmacher können verschiedene Krankheiten verursachen,  die Fortpflanzungsorgane schädigen, bei Jungen zu Unfruchtbarkeit und bei Mädchen zu verfrühter Pubertät führen. Professor Ibrahim Chahoud, Toxikologe an der Charité, hält die hohe Belastung der Kitas für inakzeptabel: „Kleinkinder befinden sich noch in der Entwicklung und reagieren deshalb besonders empfindlich auf hormonelle Schadstoffe.“

Der Schlaf der Politik

Der BUND hat das Verbraucherschutzministerium aufgefordert, diese Stoffe in allen Produkten zu verbieten, die im Umfeld von Kindern genutzt werden. Zum Weltkindertag fand in Berlin eine Demonstration statt unter dem Motto: „Kitas giftfrei machen, Frau Aigner“
Ergebnis: ein vager Hinweis auf die EU-Gesetzgebung. Auf die Anfrage einer SPD-Abgeordneten im Bundestag antwortet nicht das Verbraucherschutz-,  sondern das Umweltministerium, bezweifelt die Aussagekraft der Untersuchungen und verweist auf „erhöhten Forschungsbedarf“.  Die Forschungsergebnisse könnten dann vorliegen, wenn die Kita-Kinder von heute erwachsen sind.

Anders einige Kommunen, die sich zum Teil schon länger mit dem Problem befassen.
So werden in Hannover, Köln und Wuppertal seit vielen Jahren keine PVC-Fußböden und Einrichtungsgegenstände aus Weichplastik  mehr verwendet.  In anderen Städten werden seit der Aktion des BUND die Kitas auf Schadstoffe getestet, Positivlisten über unschädliche Produkte entwickelt und die Aufklärung verstärkt.

Und Berlin?

Die zuständige Senatorin Katrin Lompscher hat in einem offenen Brief an Ministerin Aigner die Forderung des BUND nach einem Verbot der Weichmacher in Produkten für Kinder unterstützt. Dass ein solches Verbot, sollte es tatsächlich kommen,  den Kindern von heute nicht helfen würde, muss auch der Senatorin klar sein. Nötig wären zunächst eine Bestandsaufnahme in allen Berliner Kitas, Informationen für Personal und Eltern, Vorschriften und Positivlisten für neue Anschaffungen. Aber die schwierigste Frage bleibt: Was geschieht mit den stark belasteten Einrichtungen? Kann man die Kinder dort weiter den Schadstoffen aussetzen und vielleicht ein paar Gegenstände austauschen, für die Ersatz billig zu haben ist? Gründliche Sanierungen könnten teuer werden. So dürfen PVC-Böden nur unter  großem Sicherheitsaufwand entfernt werden, damit sich die schädlichen Stoffe nicht in den Räumen verteilen. Für Möbel, Polster und Matten müsste Ersatz beschafft werden. Hohe Kosten für ein armes Land, aber für die Gesundheit der Kinder ist  uns doch nichts zu teuer,  oder...?

Marianne Weno

Kolmne Juli 2011: Unter Strom

Kolmne Juli 2011: Unter Strom

Unter Strom

So ein hübsches kleines Elektroauto hat seine Vorteile: es stinkt nicht, macht keinen Lärm und verbreitet keinen Feinstaub. Und es verbraucht kein Erdöl. Aber den einen Vorteil, mit dem die Politik wirbt, den hat es gerade nicht: es kann auf absehbare Zeit nicht den Klimaschutz fördern, sondern allenfalls die Autoindustrie. Deren Interesse dürfte wohl auch der Grund dafür sein, dass die Bundesregierung eine halbe Milliarde Euro investieren will, damit bis 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen fahren. Heute sind es ganze 2.300 von 45 Millionen PKW. Dazu wurde eigens eine „Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) gegründet. Offiziell soll der ganze Aufwand natürlich der Nachhaltigkeit dienen und CO2 vermeiden. Berlin ist auf den Zug aufgesprungen und hat gleich ein „Aktionsprogramm Elektromobilität Berlin 2020“ vorgelegt.
 

Schaufenster Berlin?

Hier sollen – auch bis 2020 – hunderttausend Autos mit Strom fahren und Berlin zum „Schaufenster Elektromobilität“ machen. Vom Klimaschutz ist allerdings nur am Rande die Rede, umso mehr von „Kompetenzzentrum“ und industrieller Wertschöpfung. Und – seltsam genug – Renate Künast fordert gar eine Kaufprämie von 5.000,-- Euro pro E-Mobil. Abwrackprämie und die Folgen schon vergessen?

Anders als die Politik erklären alle Umweltverbände und der VCD einhellig, dass sie in dem neuen Trend keinen Vorteil für das Klima sehen, jedenfalls nicht, so lange die Batterien mit dem Strommix aus der Steckdose aufgeladen werden. Kommt der Strom hauptsächlich aus konventionellen Kraftwerken, dann ist die CO2-Bilanz schlechter als bei einem Benzinmotor. Die Tatsache, dass BMW und Daimler bei Tests mit Vattenfall und RWE zusammenarbeiten, spricht dafür, dass das Elektroauto zum Kohleauto werden könnte. 

Klimafreundlich wäre das Ganze nur, wenn der Strom an den Tankstellen aus zusätzlichen erneuerbaren Quellen käme, also nicht aus denen, die ohnehin durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert werden. Ein Schritt in dieser Richtung wurde kürzlich in Berlin getan: auf einem Gewerbehof in Wedding wurde die erste kommerzielle Solartankstelle für Autos eröffnet, aber es dürfte noch sehr lange dauern, bis die angestrebten hunderttausend E-Mobile auf diese Weise aufgeladen werden können. Und – wegen der geringen Reichweite – werden sie wohl hauptsächlich als Zweit- und Drittautos durch die Stadt fahren und die Straßen weiter verstopfen. 

Alibi für Autobauer

Seit Jahren vernachlässigt die deutsche Autoindustrie das Ziel der EU, die durchschnittlichen CO2-Emissionen bis 2020 zu halbieren. Nach Aussage des BUND könnten die Elektroautos höchstens 2 Prozent dazu beitragen. Die jahrelang vom Staat geförderte Brennstoffzellen-Technologie war ein Schlag ins Wasser, ebenso wie die sogenannten Biokraftstoffe. Japanische und französische Firmen bauen längst sparsamere Autos, während man bei uns – trotz schwindender Ölreserven und steigender Benzinpreise – an den schweren Spritschluckern festhält.  Die Kampagne für das Elektroauto könnte davon ablenken.

Noch gibt es Elektroautos nur in kleinen Serien und 10.000 bis 20.000 Euro teurer als vergleichbare Benziner. Ihre Reichweite liegt bei 100 bis maximal 200 km. Im Winter, wenn die Heizung eingeschaltet ist, sinkt sie noch weiter. Es dürfte viele Jahre dauern, bis dank der massiven Förderung wirklich brauchbare Fahrzeuge entstehen. Die Kritiker fordern von der Regierung, statt der einseitigen Kampagne für das Elektroauto alle Fahrzeuge zu fördern, die wenig CO2 emittieren – unabhängig von der Art des Antriebs. Dafür sollen die großen Spritverschwender eine Verschmutzungsabgabe zahlen: ein Bonus-Malus-System, das es in Frankreich schon gibt. Aber einen mächtigen Industriezweig so sehr zu ärgern – das wäre in unserer Lobbykratie wohl kaum denkbar.

Marianne Weno

Kolumne Juni 2011: Vogelfrei

Kolumne Juni 2011: Vogelfrei

Vogelfrei

Noch herrscht Frühjahrsbetrieb in unseren Gärten. Es piepst und zwitschert, Vogeleltern suchen nach Futter für den Nachwuchs und Jungvögel üben das Fliegen. „Der stumme Frühling, vor dem Rachel Carson 1962 gewarnt hatte, ist zum Glück  bisher ausgeblieben, auch wenn die Roten Listen länger werden und manche  Arten, die uns früher besucht hatten, nicht mehr auftauchen. Die meisten Gartenbesitzer  freuen sich an dem Vogelbetrieb, füttern im Winter und hängen zum Frühjahr Nistkästen auf.

Es gibt aber auch andere. Leute, die sich gestört fühlen: vom Gurren der Ringeltauben in aller Frühe bis zum lauten Gesang der Amsel, von angepickten Kirschen, von weißen Klecksen auf Terrasse und Balkon oder gar auf dem Auto.  „Mein Garten ist Vogelschmutzgebiet“, oder „Spatzen lärmen in der Regenrinne“ – solche Klagen finden sich bei Google reichlich.   Den Leuten soll geholfen werden. Für sie gibt es einen offenbar lukrativen Markt für „Vogelvergrämung“ mit Hilfe von Ultraschallgeräten. Die Werbung wendet sich nicht an Landwirtschaft und Obstplantagen, sondern an mißgelaunte Hobbygärtner.

Weg mit den Plagegeistern

Marktführer unter den Herstellern ist die Firma Falcon Solar. Ihre Geräte werden bei eBay, Otto und vielen anderen Händlern unter „Schädlingsbekämpfung“ angeboten und als „umweltfreundlich“, weil solarbetrieben angepriesen. Sie senden wechselnde Hochfrequenztöne, die die „kleinen Plagegeister“ verjagen sollen, angeblich ohne ihnen zu schaden. Tiere, nicht nur Vögel, empfinden den Ultraschall als so unangenehm, dass sie die Flucht ergreifen. Das heißt: Man vertreibt damit zugleich auch Säugetiere, wie Igel, Eichhörnchen, Katzen und was sich sonst in den Gärten und der Umgebung tummelt, und man quält diejenigen, die nicht ausweichen können, wie den Hund, das Kaninchen im Gehege und den Wellensittich im Käfig. Wir Menschen können Ultraschall nicht wahrnehmen. Ungeklärt ist, ob uns die Dauerbeschallung dennoch schadet. Aus der medizinischen Nutzung sind Auswirkungen auf menschliches Gewebe bekannt.

Tote Zone

Wenn das Gerät so funktioniert, wie der Hersteller behauptet, dann wird der Garten schnell zur tierfreien Zone. 50 Quadratmeter weit soll die Wirkung reichen, aber jenseits der Grenze hört sie nicht plötzlich auf. Wird das Gerät nahe am Gartenzaun angebracht, dann kann es auch den Nachbargarten gleich mit von allen „Schädlingen“ befreien.

Das Entscheidende jedoch verschweigt die Werbung: In der Brutzeit vom 1. März bis 30. September verbietet das Naturschutzgesetz jede Störung des Brutablaufs. Das heißt: Im Frühjahr und im Sommer dürfen die Geräte überhaupt nicht genutzt werden, denn sie können dazu führen, dass Vogeleltern die Nester aufgeben, die Gelege oder die Jungvögel verlassen.  Nur - wo kein Kläger ist...

Erstaunlich, dass offenbar weder die Naturschutzbehörden noch die Umweltverbände das Thema für wichtig genug halten, um darüber aufzuklären und zu warnen. 

Wenn also Ihr Nachbar ein solches Tiervertreibungsgerät installiert, sollten Sie etwas unternehmen, bevor der „stumme Frühling“ auch bei Ihnen einzieht. 

Marianne Weno   

Kolumne Mai 2011: Drei leere Wörter

Kolumne Mai 2011: Drei leere Wörter

Drei leere Wörter

Sind wir eigentlich ein Kulturvolk? Die Tatsache, dass der Tierschutz seit neun Jahren im Grundgesetz steht, scheint dafür zu sprechen. Sieht man aber die Realität in den industriellen Mastanlagen, in denen Millionen Hühner und Hunderttausende von Schweinen zusammengepfercht vegetieren, dann sind Zweifel angebracht. Gehört zur Kultur nicht der ordentliche Umgang mit Tieren?

Versuche hatte es schon früher gegeben, den Tierschutz ins Grundgesetz aufzunehmen. Das scheiterte immer an den Parteien, die das C im Namen tragen und so gern von „Bewahrung der Schöpfung“ reden. Zuletzt stoppten sie den Entwurf der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000, in dem es hieß: „Tiere werden als Mitgeschöpfe geachtet. Sie werden vor nicht artgemäßer Haltung, vermeidbaren Leiden und in ihren Lebensräumen geschützt.“ Das ging natürlich viel zu weit. 2002 kam es dann zu der berüchtigten Drei-Wort-Lösung. Im Artikel 20a Grundgesetz hieß es vorher: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung“. Hinter „Lebensgrundlagen“ wurde nun „und die Tiere“ eingefügt: eine folgenlose Sprachkosmetik, denn Tierschutz als Staatsziel bedeutet nicht, dass es um ein Recht geht, das Bürger einklagen könnten. 

Land der Schweine

In den Jahren, die diesem Glanzstück politischer Formulierungskunst folgten, kam das System der massenhaften Tierquälerei erst richtig in Gang. Investoren übertrafen sich mit dem Bau immer größerer Massenställe und Schlachthöfe. Und der Boom geht weiter, unterstützt durch üppige Subventionen und Investitionszulagen. Schwerpunkt der industriellen Tiermast ist Niedersachsen, gefolgt von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Dort gibt es Stallanlagen mit bis zu 77 000 Schweinen. Bundesagrarministerin Aigner sagt im Interview: „Die Grenze ist klar. Tieren darf kein unnötiges Leid zugefügt werden.“ Ist dann das, was in den Massenställen geschieht, „nötiges“ Leid? 

Im Dorf Barver zwischen Osnabrück und Bremen ist nun sogar eine Anlage für 3200 Milchkühe und über 1000 Kälber geplant. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) nennt es ein „agrarstrukturelles Monsterprojekt“. In Wietze im Landkreis Celle will die Firma Rothkötter den größten Geflügelschlachthof Europas bauen. Dort sollen täglich 

450 000 Hähnchen geschlachtet werden, 300 pro Minute. Um das Unternehmen auszulasten, sollen in Niedersachsen über 400 neue Mastanlagen für je rund 40 000 Tiere entstehen. 

Die Bilder verdrängen?

Widerstände gibt es, und sie nehmen zu. Überall, wo neue Massenställe geplant sind, gründen sich Bürgerintitiativen. Ursprünglich wehrten sie sich vor allem gegen die Umweltbelastungen in ihrem Umkreis. Inzwischen haben sich die meisten von ihnen als bundesweites Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ zusammengeschlossen, gemeinsam mit Umwelt- und Tierschutzverbänden, kirchlichen Gruppen und der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“.

Wo Tausende von Tieren auf engstem Raum leben, produzieren sie Gestank und Unmengen von Gülle. Im  Raum Cloppenburg–Vechta sind Gewässer und Grundwasser so stark belastet, dass die Gesundheit der Menschen bedroht ist. Ein weiteres Problem: die Antibiotika-Resistenzen, die bedrohlich zunehmen, weil die Mittel in den Ställen großzügig angewandt werden. Die Futtermittel werden zum größten Teil importiert, oft Soja aus ehemaligen Regenwaldgebieten, und die Transporte verschlechtern obendrein die Klimabilanz. Die Zustände in den Ställen sehen die meisten Menschen kaum. Fragen des Tierschutzes thematisieren eher die bundesweiten Initiativen der Tierschutz- und Umweltverbände und Verbände wie „PROVIEH Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung“. Im Januar riefen mehr als 300 Professoren verschiedener Fachrichtungen in einem Appell zum Ausstieg aus  der Massentierhaltung auf, „die uns als Gesellschaft beschämen muss“. Der Appell fand schnell über 8000 Unterstützer. Am 22. Januar gab es in Berlin eine Großdemo unter dem Titel „Wir haben es satt“. 

Haben wir es wirklich satt?

Der entscheidende Punkt wird jedoch selten angesprochen: Wir essen zu viel Fleisch. Die Mengen, die täglich in Supermärkten und bei Discountern billig verkauft werden, ließen sich auf natur- und tierfreundliche Weise kaum produzieren. Zwar ändert sich langsam das Bewusstsein, gibt es immer mehr Vegetarier und Menschen, die weniger Fleisch essen und es dafür im Bioladen oder bei NEULAND kaufen, aber wie sieht es damit in der Breite aus? Wie viele Leute schalten ab, wenn ein Fernsehmagazin schockierende Bilder von gequälten Tieren zeigt? Wie viele verdrängen, was sie wissen könnten, und kaufen weiter ihr Schnitzel bei Aldi?

Marianne Weno

Kolumne April 2011: Über Bäume reden?

Kolumne April 2011: Über Bäume reden?

Über Bäume reden?

„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist ...“, schrieb Bertolt Brecht im dänischen Exil in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“. Das war 1939, während der Naziherrschaft und zwei Monate vor dem absehbaren Beginn des zweiten Weltkrieges. Diese Katastrophe hatten Menschen verschuldet. Was jetzt in Japan passiert ist, Erdbeben und Tsunami, hat zwar die Natur verursacht, aber die Folgen um Fukushima sind durch das kurzsichtige Handeln der Menschen entstanden.

Die Entscheidung über ein Thema für den Monat April fällt also schwer. Gibt es ein Problem, das nicht vor der japanischen Katastrophe verblasst? Wir wissen noch nicht, wie es dort weitergeht und wie die Folgen aussehen, für die Menschen, die Wirtschaft und für die Nachbarländer. Was wird sich bei uns ändern, nach der peinlichen Kehrtwende der Regierung und den darauf folgenden Wahlergebnissen? Ist nicht im Augenblick alles dazu gesagt, aus allen Blickwinkeln, in allen Medien, Tag für Tag, obwohl niemand sichere Antworten hat? Andererseits: können wir das Thema verdrängen, das zurzeit uns alle beschäftigt, und über Bäume, Bienen, Massenställe oder Gentechnik reden?

Weil die Zukunft länger dauert als eine Legislaturperiode, und weil wir nicht bereit oder imstande sind, weiter vorauszudenken, sind neue Katastrophen programmiert. Was bedeutet es für die Menschheit, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn die Bienen aussterben, weil wir sie mit Pflanzenschutzmitteln vergiften? Reißen wir nicht, wenn wir irgendwo Löcher stopfen, anderswo neue auf? Super Plus oder E-10, Flugzeug oder Schiff, Tank oder Teller, CCS oder Atom? Was wir heute anrichten, wird viele Generationen belasten – nicht nur mit Unmengen an strahlendem Müll.

Nur eine Option, vielleicht die einzige, die wirklich helfen könnte, wird kaum genutzt: der Verzicht auf die maßlose Verschwendung. Professor Hans Joachim Schellnhuber, Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, hat in einem Tagesspiegel-Interview von der „umfassenden Plünderung von Zukunft und Vergangenheit“ gesprochen, „nur um im winzigen aktuellen Zeitfenster materiell unbeschwert leben zu können.“ Und er macht den schönen, wenn auch kaum realistischen Vorschlag, einen Anteil der Parlamentssitze für solche Parlamentarier zu reservieren, „die sich nur um die Interessen künftiger Generationen kümmern“. Würde man das „nur“ streichen, dann wäre ein Ausschuß mit dieser Aufgabe immerhin denkbar.

Die Themen bleiben, auch wenn das eine zurzeit alle anderen verdrängt. Das wird sich ändern. In ein paar Wochen sehen die Schlagzeilen ganz anders aus. Und dann reden wir auch wieder über Bäume ...

Marianne Weno

März 2011: Erbe in Grün?

März 2011: Erbe in Grün?

Erbe in Grün?

Vor 30 Jahren war der Patient schwer krank. Viele glaubten, er würde sterben, Nachrufe lagen in den Schubladen. Entgegen den Erwartungen lebt er jedoch immer noch, ganz munter, wenn auch angeschlagen. Aber nun drohen neue Gefahren. Da hilft es wenig, dass seinem Schutz weltweit ein eigener Tag und sogar ein ganzes Jahr gewidmet wurde: der „Internationale Tag des Waldes“ am 21. März und das „Jahr der Wälder 2011“, und dass das zuständige Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) aus diesem Anlass das schöne Wort „Waldkulturerbe“ in die Welt gesetzt hat.

Er lebt – aber wie?
Wie bedroht die Regenwälder am Amazonas, in Afrika und Indonesien sind, darüber gibt es immer neue Hiobsbotschaften. In Mitteleuropa schien mit der Rauchgasreinigung der Kraftwerksschlote und dem Ende des „sauren Regens“ die Gefahr gebannt, dass Wälder großflächig absterben.

Aber „nachhaltig“ gehen wir mit unserem „Waldkulturerbe“ auch nicht um (obwohl der Begriff aus der Forstwirtschaft stammt), und so ist zu befürchten, dass das wichtigste Ökosystem hierzulande verkümmert. Klimawandel und Wald beeinflussen sich gegenseitig. Einerseits ist ein gesunder Wald die wirksamste Kohlendioxid-Senke überhaupt und nimmt ungefähr so viel CO2 auf, wie sämtliche Autos abgeben. Andererseits setzt ihm der Klimawandel auch zu, und es geschieht allzu wenig, um ihn dagegen zu stabilisieren. Der Umbau in artenreiche Mischwälder, der vor allem nötig wäre, findet kaum statt.

... über dunkle Kiefernwälder
Im „Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg“* wird beklagt, dass 73 Prozent der Wälder immer noch eintönige Kiefernforsten sind. In anderen Gegenden herrschen Fichten-Monokulturen vor. Werden mehr Laubbäume gepflanzt, dann klagt die Holzwirtschaft, die mehr Nadelholz verlangt. Aber die zunehmend heißen und trockenen Sommer und die häufigeren Stürme können nur Mischwälder mit geeigneten Baumarten überstehen.

Die größte Bedrohung kommt von der ständig steigenden Nachfrage nach Holz und dem damit verbundenen Preisanstieg. Die klassischen Abnehmer waren Bauholzsägewerke und Furnierhersteller sowie die Spanplatten- und Papierindustrie. In bescheidenerem Umfang war auch Brennholz gefragt. Bis der große Run auf Holz als „klimafreundlicher“ Brennstoff einsetzte, auf Holz für Kraftwerke, auf Pellets, Hackschnitzel und Holzbriketts zum Heizen, und auf Bio-Kraftstoffe. Und so wird aus dem Wald herausgeräumt, was irgend möglich ist: Schwach- und Totholz, angefaulte Teile, Baumkronen und Reisig sollten theoretisch zwar liegen bleiben, um die Nährstoffe, die die Bäume aufgenommen haben, im richtigen Verhältnis wieder zurückzugeben. Aber die gestiegenen Preise sind für die Waldbesitzer so verlockend, dass dieses sinnvolle Prinzip zunehmend auf der Strecke bleibt. „Holzrausch“** nennt der Forstingenieur Peter Wohlleben sein Buch, in dem er detailliert beschreibt, wie der Wald unter den Verlusten leidet, weil ihm die Nährstoffe, die in allen Teilen der Bäume gespeichert sind, entzogen werden. Zugleich schwindet der Lebensraum für Insekten- und Pilzarten, die auf dem toten oder absterbenden Holz leben, und für Vögel, die sich von den Insekten ernähren. Schwere Erntemaschinen, immer öfter die überdimensionalen Harvester, werden eingesetzt und verdichten den Waldboden, so dass er – neben anderen wichtigen Funktionen – seine Fähigkeit, Wasser zu speichern, verliert.

Hobby und Lobby
Schließlich sorgt eine kleine aber mächtige Gruppe dafür, dass sich der Wald kaum mehr verjüngen kann. Gemeint sind die Jäger, die viel mehr Rehe und Hirsche aufpäppeln, als der Wald verträgt. Vor allem Buchen- und Eichensämlinge und der Frühjahrsaustrieb der jungen Laubbäume werden oft restlos abgefressen.

Und was sagt die Politik zu den Gefahren für ihr „Waldkulturerbe“? So gut wie nichts, etwa in einem Interview mit der zuständigen Ministerin Ilse Aigner zum Internationalen Jahr der Wälder. Sie sieht „keinen Widerspruch zwischen dem Bild der Waldidylle und der heutigen Forstwirtschaft“, die sich „an den Prinzipien des naturnahen Waldbaus“ orientiere und dabei auf moderne Technik setze. „Gelebte Nachhaltigkeit hat in Deutschland eine nahezu 300-jährige Tradition ...“ und schließlich: „Die Messlatte muss sein, dass die Kraft und Schönheit des Waldes für unsere Kinder und Enkel erhalten bleiben.“
Na dann, weiter so?

Marianne Weno

*Gerhard Grützmacher: Von Kiefernkulturen, Hirschzuchten und Erntemaschinen. In: Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg, oekom

**Peter Wohlleben: Holzrausch. Der Bioenergieboom und seine Folgen. Adatia Verlag

Februar 2011: Fisch im Hallenbad

Februar 2011: Fisch im Hallenbad

Fisch im Hallenbad

Das Problem scheint unlösbar: Es gibt immer weniger Fisch für immer mehr Menschen. Laut FAO sind in Asien mehr als eine Milliarde Menschen auf Fisch als Proteinquelle angewiesen, aber die Meere sind in großen Teilen fast leergefischt. Inzwischen werden Fische massenhaft in großen, im Meer schwimmenden Netzkäfigen gezüchtet. Auf die Meeresumwelt wirken sich diese herkömmlichen Aquakulturen jedoch verheerend aus. Sie verschmutzen das Wasser durch Unmengen an Exkrementen, verbreiten Parasiten und Krankheiten. Antibiotika im Futter lassen Keime resistent werden und finden sich später im Fischfleisch wieder. Gefüttert wird mit Fischmehl und Fischöl, und dafür werden wiederum wild lebende Fische gefangen. Etwa ein Drittel aller Fänge der Industriefischerei wird zu Fischfutter verarbeitet. Vier bis fünf Kilo braucht man, um ein Kilo Zuchtfisch zu gewinnen. Zwar dienen dazu hauptsächlich kleine Arten, die wir nicht essen, aber sie fehlen dann als Nahrung für die wild lebenden Tiere. Die Aquakultur ist ein Geschäft wie die Massentierhaltung an Land: Sie erzeugt billige Ware mit schweren Nebenwirkungen. Bio-Aquakulturen nach den Richtlinien der Verbände Naturland und Bioland sind graduell besser. Die Käfige enthalten weniger Tiere, Antibiotika und Pestizide werden nicht genutzt, und das Futter soll aus Abfällen der  Fischverarbeitung stammen. Doch auch diese Anlagen sind Fremdkörper im Ökosystem Meer und können Schäden anrichten.  

Die Lösung?

Seit einigen Jahren gibt es das Zauberwort: „Kreislaufsystem“. Es bedeutet: Fisch- und Garnelenmast an Land, in großen Hallen, die keinen Kontakt zu den umgebenden Ökosystemen haben. Das Grundprinzip: Die Fische schwimmen in Wasser, das, gereinigt, erwärmt und durchlüftet, immer wieder neu verwendet wird. Ideal ist die Verbindung mit einer Biogasanlage, die für die nötige Wärme sorgt. Dort können auch die ausgefilterten Exkremente genutzt werden. Die Fische sind gesünder und wachsen schneller als in ihrer natürlichen Umgebung. Antibiotika werden nicht  gebraucht. In solchen Anlagen lassen sich Salz- und Süßwasserarten und Garnelen züchten oder mästen.

In den Kinderschuhen

 Zwei schwerwiegende Probleme sind jedoch ungelöst: die Frage, woher das Futter kommt, und die Tatsache, dass die Anlagen technisch sehr aufwendig und teuer sind.  Sie verbrauchen viel Energie, da ständig die Pumpen laufen und das Wasser auf gleichmäßigen Temperaturen gehalten werden muss. Rentabel arbeiten können sie nur, wenn sie relativ teure Fischarten produzieren. Und es gehört Sachverstand dazu, der nicht überall vorhanden ist. So ist die Geschichte der Fischfarmen an Land auch eine Geschichte der gescheiterten Projekte.  Die ersten, in den neunziger Jahren errichteten Anlagen arbeiten heute alle nicht mehr.  In Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) gibt es die weltweit größte Anlage zur Störzucht und Kaviargewinnung.  Sie wurde nach einer Insolvenz an einen russischen Investor verkauft. Andere Projekte wurden groß geplant und nie fertiggestellt, so wie in Finsterwalde (Lausitz), wo die größte Shrimps-Masthalle Europas entstehen sollte, oder im saarländischen Völklingen, wo die Stadtwerke eine große Fischfarm bauen wollten, um ihre überschüssige Energie zu nutzen. Was daraus wird, ist nach Jahren noch ungewiss.  Andere, meist kleinere Anlagen arbeiten schon erfolgreich, so die erste Garnelenfarm Deutschlands  im niedersächsischen  Affinghausen, die etwa zehn Tonnen im Jahr produziert. Voraussetzung für den Erfolg ist der richtige Standort, an dem es Wasser, günstige Energie und einen Absatzmarkt gibt.

Fisch frisst Fisch

Das Futterproblem ist das gleiche wie bei den Aquakulturen im Meer: Die Tiere brauchen Nahrung, die reich an ungesättigten Fettsäuren ist, und Garnelenlarven fressen nur lebendes Futter. Bisher stammt das Futter hauptsächlich aus Wildfängen. Das heißt, den Meeren ist damit nicht geholfen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert deshalb in Schleswig-Holstein zwei Projekte, die mit alternativen Futtermitteln experimentieren: eine Firma, die Shrimps mit Fadenwürmern ernähren will, und eine andere, die Fischfutter aus einer fettsäurereichen Mikroalge entwickelt. Nur wenn diese und andere Versuche Erfolg haben und  die Fischmast an Land nicht mehr auf Wildfänge angewiesen ist, kann sie eine nachhaltige Alternative zur Industriefischerei und zur Aquakultur im Meer bilden. Bis es so weit ist, hilft nur eins: weniger Fisch essen und im Bioladen nach der Herkunft fragen. Allerdings - billig wird der Fisch aus der Halle nicht sein, und ob er nennenswert zur Welternährung beitragen kann, scheint zweifelhaft. Aber wenn genug Erfahrungen gesammelt sind und die Technik weiter entwickelt ist, könnte daraus eine umweltfreundliche Zukunftsbranche werden.

Marianne Weno

Januar 2011: Ochsenfrosch und Bienenfresser

Januar 2011: Ochsenfrosch und Bienenfresser

Ochsenfrosch und Bienenfresser

Versuchen wir einmal, uns vorzustellen, wie die Natur hierzulande in zwanzig Jahren aussehen könnte. Sicher anders als heute, ärmer wahrscheinlich, denn viele Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht, vor allem, weil ihre Lebensräume verloren gehen. Andererseits werden Arten dazukommen, auch solche, von denen wir jetzt noch nichts ahnen. Längst haben wir uns an Tiere und Pflanzen gewöhnt, die wir vor zwanzig Jahren noch für seltene, exotische Gäste hielten. Die Natur hat sich von jeher, aber in den letzten Jahrzehnten immer schneller verändert. Für den Zuzug fremder Arten hat zunächst der weltweite Handel und Tourismus gesorgt. Tiere und Pflanzen wurden  absichtlich oder unbeabsichtigt eingeführt, im Fluggepäck oder im Ballastwasser der Schiffe. Waschbär, Mink und Ochsenfrosch sind die spektakulären und oft unerwünschten Zuwanderer. Auch viele Insektenarten, wie der Maiswurzelbohrer oder die Kastanien-Miniermotte, gehören zu den „invasiven Arten“. Die rote Spanische Wegschnecke, in Schweden aus gutem Grund „Mörderschnecke“ genannt, verdrängt allmählich die einheimische schwarze Wegschnecke, der asiatische Marienkäfer die europäischen Arten. Bei den Pflanzen denken wir zuerst an die berüchtigte Beifuß-Ambrosie oder die giftige Herkulesstaude. 

Und jetzt der Klimawandel

Mit der Erwärmung verschieben sich nun die Verbreitungsgebiete von Tieren und Pflanzen. Sie rücken jedes Jahr um etwa sechs Kilometer in Richtung der Pole vor. Das heißt, dass heute oder in naher Zukunft bei uns Arten auftauchen, die früher südlich der Alpen zu Hause waren, und andere nach Norden abwandern, weil es ihnen bei uns zu warm wird. Es bedeutet auch, dass Vegetationsperioden sich verlängern und Pflanzen heute im Durchschnitt acht Tage früher blühen. Die Folge kann sein, dass dann zur Ernährung der Jungvögel die Insektenlarven fehlen. Wenn eine Tier- oder Pflanzenart ausstirbt oder abwandert, wirkt sich das auf die ganze Nahrungskette aus. 

Gewinner und Verlierer

Pflanzen, die Wärme und trockene Standorte lieben, werden sich ausbreiten, auf Kosten solcher, die Trockenheit schlecht vertragen. Zum Beispiel die Fichte, die Kühle und Feuchtigkeit braucht, und auch unter vermehrt auftretenden Schädlingen leidet. Als Gewinner gilt hingegen die echte Walnuss. 

Wirbellose Tiere reagieren besonders stark auf die Veränderungen. Wo die Bedingungen für sie günstig sind, können sich Insekten, wie der Eichenprozessionsspinner und der Borkenkäfer, explosionsartig ausbreiten und große Schäden anrichten. Neu auftretende Stechmücken können Malaria und andere Krankheiten verbreiten, ebenso die Zecke, die sich in den letzten Jahren auffallend stark vermehrt hat. Andererseits verschwinden Arten, die für die Bestäubung von Pflanzen wichtig sind. Der ungeklärte Rückgang der Honigbienen lässt Schlimmes befürchten.

Amphibien und Reptilien sind die großen Verlierer: Ihre Lebensräume sind schon dank unserer Landwirtschaft größtenteils verschwunden. Nun sorgen Hitzeperioden dafür, dass immer mehr kleine Gewässer und Feuchtgebiete austrocknen, und Pilzinfektionen können ganze Populationen ausrotten. 

Zugvögel, vor allem solche, die nur über kurze Strecken ziehen, bleiben heute oft ganz zu Hause. Das bringt ihnen im Frühjahr Vorteile bei der Suche nach Brut- und Futterplätzen, aber ein Winter, wie wir ihn jetzt gerade erleben, kann ihnen dann gefährlich werden. „Langstreckenzieher“ kommen im Frühjahr oft zu spät und haben das „Nachsehen“, weil die Nistplätze besetzt und die Insektenlarven früher geschlüpft sind. Das gilt zum Beispiel für den Trauerschnäpper, der zu den stark bedrohten Arten zählt. Dafür tauchen neue Arten bei uns auf. So brüten vom Bienenfresser, der aus den Tropen und Subtropen stammt, etwa hundert Paare am Oberrhein und einige sogar auf Bornholm.

Fragen nach der  Zukunft

Wie in zwanzig oder fünfzig Jahren unsere restlichen Landschaften, die Wälder und Gewässer aussehen werden, das wissen wir nicht.  Sicher ist nur: mit den Lebensgemeinschaften von heute werden sie nicht mehr viel gemeinsam haben. 

Wissenschaftler in aller Welt beschäftigen sich mit der Zukunft der Ökosysteme. 2005 wurde ein erster Bericht der Internationalen Millennium Ökosystemstudie veröffentlicht, an der 1300 Forscher aus 95 Ländern beteiligt waren,  auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 

Die Studie warnt vor den Folgen von Übernutzung und Zerstörung der natürlichen Ressourcen und beschreibt auch mögliche Auswege. Wie aber Politik, Industrie und Landwirtschaft mit den Hinweisen umgehen, bleibt offen. Die Erfahrungen bisher lassen wenig Gutes erwarten. Die Gewinn- und Verlustrechnung wird erst später präsentiert.

Marianne Weno