Kolumne 2010

Dezember 2010: Allee passé?

Dezember 2010: Allee passé?

Allee passé?

Wer einmal unter dem dichten Blätterdach der alten Alleen in Brandenburg gewandert oder gefahren ist, dem braucht man nicht zu erklären, welchen Schatz das Land da besitzt: ökologisch, kulturhistorisch und prägend für das Bild einer Landschaft, die sonst in weiten Bereichen ausgeräumt und öde wirkt. „Durch das Ebenmaß der baumgesäumten Wege sehe ich das Land wie durch das Fenster und fühle mich darin geborgen“, schrieb Theodor Fontane in seinen „Wanderungen“. Heute sind diese alten Baumbestände wertvoller denn je. Sie bieten vielen Tierarten Lebensraum. Sie kühlen und reinigen die Luft. Ein hundertjähriger einheimischer Laubbaum kann im Jahr eine Tonne Feinstaub aus der Luft filtern und 55 kg Kohlendioxid aufnehmen. Je heißer und trockener die Sommer werden, umso größer ist die Bedeutung intakter Alleen.

Brandenburg besitzt mit 8.000 Kilometern mehr davon als alle anderen Bundesländer, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern mit 4.374 Kilometern. In den westlichen Ländern gibt es nur noch wenige Alleen. Sie mussten längst den Interessen des Autoverkehrs weichen. Auch in Brandenburg gab und gibt es einen Konflikt um die Verkehrssicherheit. Bis Ende der neunziger Jahre gab es viele tödliche Unfällen mit Alleebäumen, und Forderungen, solche Bäume zu fällen, die mit einem „G“ für Gefahrenbaum gekennzeichnet waren. Eine Protestflut stoppte das massenhafte Abholzen. Geschwindigkeitsbegrenzungen, Kontrollen und Aufklärung ließen die Unfallzahlen zurückgehen. Die Alleen waren erst einmal gerettet.

Sparen an falscher Stelle

Aber ein Schatz wie dieser will gepflegt sein, und das kostet Geld, viel für die Pflege und etwa 500 Euro für jeden neu gepflanzten Baum. Das wären bei voraussichtlich 9000 Bäumen im Jahr 4,5 Millionen. So viele müssten ersetzt werden, weil sie überaltert oder durch viele Belastungen geschädigt sind, vor allem durch Tausalz, sowie durch Abgase und Bauarbeiten. Sieht man allerdings im Bericht des Landesrechnungshofes, was in anderen Bereichen verschwendet wird, dann relativiert sich der Betrag. Offensichtlich fehlt der politische Wille, die Alleen zu erhalten. In den letzten Jahren wurden ständig mehr Bäume gefällt als nachgepflanzt.

Dass es auch anders geht, zeigt Mecklenburg-Vorpommern, gewiß kein reiches Land, aber eines, das sein „Tafelsilber“ erhalten will. Dort wurden schon früh die Alleen vollständig kartiert, und seit 1994 gibt es einen Alleenfonds, aus dem die Nachpflanzungen bezahlt werden – mit dem Erfolg, dass mehr gepflanzt als gefällt wurde.

Wen kümmert das Gesetz?

Im Brandenburgischen Naturschutzgesetz von 2004 heißt es klar und deutlich: „Alleen dürfen nicht beseitigt, zerstört, beschädigt oder sonst erheblich oder nachhaltig beeinträchtigt werden.“ 2008 wurde das Gesetz novelliert und erhielt einen Zusatz, der „rechtzeitig und in ausreichendem Umfang“ Neupflanzungen fordert. Leider kümmert den Landtag sein Gesetz von gestern wenig. Aus dem Infrastrukturministerium stammt ein Alleenerlass von 2008. Danach sollen die Bäume nicht mehr 1:1 ersetzt werden. Vielmehr ist geplant, pro Jahr
30 km Alleen neu zu pflanzen. Das wären etwa 5000 Bäume und nicht 9000, die gebraucht würden. Es bedeutet, dass etwa ein Drittel der Alleen in den kommenden Jahren verschwinden würde, um – nach Ansicht von Minister Dellmann – ab 2025 wieder zuzunehmen und bis 2060 den alten Zustand zu erreichen. Wie das Land in einem halben Jahrhundert aussehen wird – eine solche Aussage kann wohl niemand ernst nehmen.

Noch eine Chance für die Alleen?

Gegen das Alleenvernichtungsprogramm der Landesregierung haben die großen Umweltverbände gemeinsam eine Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen gegründet. Eine Volksinitiative „Rettet Brandenburgs Alleen“ hat in einem Jahr 26.000 Unterschriften gesammelt. Ihre Forderung vor allem: Jeder Alleebaum, der gefällt werden muss, ist innerhalb eines Jahres zu ersetzen. Im Landtag wurde am 11. November darüber beraten. Obwohl der parlamentarische Beratungsdienst in einem Gutachten festgestellt hatte, dass das Konzept der Regierung gegen das Naturschutzgesetz verstößt, stimmten alle Parteien außer den Grünen gegen die Initiative – der Kosten wegen. „Baum-Initiative wurde gefällt“ titelte die „Märkische Allgemeine“. Die Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen prüft nun rechtliche Schritte. Brandenburg galt lange als Vorreiter im Naturschutz. Der Deutsche Naturschutzring hatte es 2004 auf den ersten Platz unter den Bundesländern gesetzt. Inzwischen hat sich einiges verändert. Im „Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg“*, das die Umweltverbände herausgegeben haben, listen die Autoren zahlreiche Fehler und Versäumnisse auf und kommen zu dem Schluss, die Umweltpolitik des Landes sei heute schlechter als ihr Ruf. Der Umgang mit den Alleen bestätigt das Urteil.

Marianne Weno

*NABU, BUND, Naturfreunde Brandenburg, Grüne Liga: „Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg“, oekom, München

November 2010: Tank oder Teller?

November 2010: Tank oder Teller?

Tank oder Teller?

Wie ernst kann man es nehmen, wenn die internationale Politik verkündet, man wolle den Hunger in der Welt bis 2015 halbieren? Regelmäßig finden Welternährungsgipfel statt, zuletzt eine Woche lang im Oktober. Da beginnt dann das große Palaver, das größtenteils folgenlos bleibt – über die Wege zum Ziel, über das Geld, das die Staaten versprechen und dann doch nicht aufbringen, und über Prioritäten in der Entwicklungshilfe. Inzwischen wächst die Zahl der Hungernden. Sie soll bei einer Milliarde liegen, eine Zahl, die sich niemand vorstellen kann. In der Schlusserklärung des Gipfels von 2009 hieß es, die landwirtschaftliche Produktion müsse bis 2050 um 70 Prozent gesteigert werden. Das wäre allein aus Gründen des Klimaschutzes unvertretbar. Es wäre aber auch überflüssig, denn schon heute werden pro Kopf mehr Nahrungsmittel produziert denn je. Nur erreichen sie die bedürftigen Menschen nicht. Soja, Mais und Weizen werden in der Massentierhaltung verfüttert oder zu Kraftstoffen verarbeitet. Auf dem Gipfel in Rom kamen auch Entwicklungsorganisationen, wie Oxfam zu Wort. Sie prangerten die Spekulation mit Nahrungsmittelpreisen an, die Exportsubventionen, die die einheimischen Märkte ruinieren, vor allem aber das „land-grabbing“, eine neue Form des Landraubes.

Die neuen Kolonialherren

Bisher fast unbeachtet von der Öffentlichkeit kaufen Konzerne aus den Industriestaaten Ackerland auf, vor allem in jenen Ländern Afrikas und Asiens, die über fruchtbare Böden und Wasserreserven verfügen. 45 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Schwedens, wurden schon an ausländische Investoren verkauft oder verpachtet. Einheimische Bauern, die meist keine Kauf- oder Pachtverträge für das Land haben, werden vertrieben und verlieren ihre Existenzgrundlage. Ausbeutung findet statt wie zu Kolonialzeiten. Keines der Länder, aus denen die Käufer stammen, versucht gegenzusteuern. Druck auf die Regierungen der betroffenen Länder findet nicht statt. Alle Industrie- und Schwellenländer verfolgen zu allererst die Interessen der eigenen Unternehmen.

Zwei Beispiele: Der Sudan, der 2008 die meiste Nahrungsmittelhilfe aus dem Welternährungsprogramm erhielt, hat riesige Flächen Ackerland an andere Länder verkauft. Diese Flächen werden für „offshore-farming“ genutzt, das heißt die Firmen produzieren für den Bedarf des eigenen Landes – Nahrungs- und Futtermittel und immer öfter Pflanzen für den subventionierten Biosprit. China hat in der Demokratischen Republik Kongo, wo drei Viertel der Bevölkerung hungern, 2,8 Millionen Hektar gepachtet, um Ölpalmen anzubauen.

Einen der skandalösesten Verträge dieser Art hatte der südkoreanische Konzern Daewoo Logistics mit der Regierung von Madagaskar geschlossen. Danach sollte das Unternehmen 1,3 Millionen Hektar, mehr als die Hälfte der bebaubaren Landesfläche, 99 Jahre lang kostenlos nutzen dürfen, um Mais und Ölpalmen zum Export nach Südkorea zu produzieren. Einzige Gegenleistung: Einheimische Arbeiter sollten die Arbeit machen dürfen. Nur ein Machtwechsel verhinderte den Deal – vorerst.

Vor dem Ende des Öls

Der Boom von Biodiesel und Bioethanol führt zu Hunger und Umweltzerstörung in den Entwicklungsländern. So, wie in Indonesien, der kostbare Regenwald, Heimat des Orang-Utan, für Palmöl-Plantagen gerodet wird, so zerstört der Landraub die afrikanische Landwirtschaft. Eine Studie von Friends of the Earth International zeigt, dass in elf afrikanischen Ländern bereits auf rund 5 Millionen Hektar Pflanzen für Agrarkraftstoffe wachsen. Das entspricht etwa der Größe Dänemarks. An dieser Form der Ausbeutung sind auch deutsche Firmen beteiligt. Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag heißt es zur Entwicklungspolitik: „Unter dem Motto ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ werden wir uns für ein nachhaltiges internationales Engagement zur Stärkung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume einsetzen.“ Wie die Wirklichkeit aussieht, zeigt die Münchner Firma Acacis AG. Sie hat in Äthiopien 56.000 Hektar gepachtet und eine Option auf weitere 200 000 Hektar – um auch dort hauptsächlich Pflanzen für Biokraftstoffe anzubauen.

2009 wurde der Weltagrarbericht veröffentlicht, an dem im Auftrag von UN und Weltbank 500 Wissenschaftler aus aller Welt gearbeitet haben. Er zählt die Missstände auf, an denen eine gerechte Verteilung der Ressourcen scheitert, und beschreibt denkbare Auswege. Agrarindustrielle Interessen und neoliberale Handelspolitik zählen nicht dazu. 61 Staaten haben den Bericht unterschrieben. Deutschland ist nicht darunter.

„Land-grabbing“ in der Uckermark

Der Hunger nach Ackerflächen hat inzwischen auch Deutschland erreicht. In Ostdeutschland sind große Ländereien nach der Wende dem Bund zugefallen. Sie wurden an Landwirte verpachtet, aber viele Verträge sind ausgelaufen. Wie soeben der SPIEGEL* unter dem Titel „Bauernland in Bonzenhand“ berichtet, werden die Flächen heute oft an branchenfremde Investoren verkauft. Die Pächter, darunter viele Ökobauern, werden vertrieben, weil sie die ständig steigenden Bodenpreise nicht bezahlen können. Hungern müssen sie nicht, aber was aus der Landschaft und dem Tourismus wird, wenn dort großflächig Monokulturen von Mais und Raps und neue riesige Mastanlagen entstehen, das möchte man sich lieber nicht ausmalen.

Marianne Weno

* DER SPIEGEL Nr. 43, 25.10.2010

Oktober 2010: Wenn die Welt voll Vegetarier wäre ...

Oktober 2010: Wenn die Welt voll Vegetarier wäre ...

Wenn die Welt voll Vegetarier wäre ...

...sähe sie ganz anders aus. Das Ziel, den Hunger zu halbieren, wäre längst erreicht, viele der abgeholzten Regenwälder gäbe es noch,  Wasserprobleme wären geringer, die Landschaften nicht so überdüngt, und weniger Tier- und Pflanzenarten würden aussterben. Der Klimawandel fiele nur halb so heftig aus.  Aber die „vegetarische Welt“ existiert nicht, und auch nicht eine Welt, in der die Menschheit von der Vernunft gesteuert maßhält.

1,5 Milliarden Rinder leben – grob geschätzt – auf der Erde. Ihr Lebendgewicht übertrifft das aller 6,4 Milliarden Menschen. Dazu kommen 936 Millionen Schweine, 13,5 Milliarden Hühner und 1,7 Milliarden Schafe und Ziegen. Eine Kuh produziert so viel CO2 wie ein Durchschnittsauto, das 24 000 km fährt, ganz abgesehen von dem Methan, das Wiederkäuer abgeben und das 32-mal so klimawirksam ist. Bisher glaubte man nach Aussage der FAO, der Anteil des Fleischkonsums an der Erderwärmung läge bei 18 Prozent. Ein neuer Bericht des Worldwatch Institute kommt auf 50 Prozent.

Was wir verdrängen

Von der grauenhaften, aber legalen Tierquälerei in den Massenställen der Fleischindustrie war an dieser Stelle schon öfter die Rede. Wer das billige Steak beim Discounter kauft, verschwendet  vermutlich keinen Gedanken daran. Auch der Kunde an der Fleischtheke des Bioladens, der meint, das Tier, dessen Überreste er etwas teurer bezahlt, hätte wenigstens ein leidlich gutes Leben gehabt – auch er wird sich nicht ständig fragen, ob es überhaupt moralisch vertretbar ist, Fleisch zu essen, und wie sich der maßlose Fleischverbrauch auf das Klima und auf unsere Lebensumwelt auswirkt. Unser Umgang mit „Nutztieren“ ist ein einziger großer Verdrängungsprozess. Wir, das heißt die meisten von uns, essen zu gerne das Brathähnchen, das Rindersteak oder die Currywurst, um solche Gedanken zuzulassen.

Sind wir von Natur aus Fleischesser? Das Thema hat viel mit Herkunft, Tradition und den  Religionen zu tun. In aller Welt gibt es Gebote wie das Schächten und Verbote wie das, Schweine zu essen. Bis heute wird darüber diskutiert, ob Fleischessen dem Menschen von der Natur mitgegeben ist wie dem Wolf, und damit gerechtfertigt. Als BSE grassierte, wurde nicht weniger Fleisch gegessen, sondern sogar auf ungewohnte Tierarten ausgewichen, etwa auf Strauß und Känguru. Vegetarier galten lange als etwas spinnerte Außenseiter.

Spur der Verwüstung

Aber die Auswirkungen des massenhaften Fleischkonsums sind zu bedrohlich, um einfach weiterzumachen wie bisher, und wir hören in letzter Zeit immer mehr mahnende Stimmen. Schon 1992 hatte Jeremy Rifkin in seinem Buch „Das Imperium der Rinder“ vor dem globalen „Rinderkomplex“ gewarnt,  der eine Spur der Verwüstung im ökologischen System hinterlässt. Der bekannte Ökologe Josef H. Reichholf beschreibt in „Der Tanz um das goldene Kalb“ von 2004 den „Ökokolonialismus Europas“ mit all seinen Folgen. Und kürzlich hat ein Buch des amerikanischen Autors Jonathan Safran Foer mit dem Titel „Tiere essen“ ein überraschendes Echo gefunden. SPIEGEL und  ZEIT widmeten dem Thema seitenlange Berichte. Prominente, wie die Autorinnen Karin Duve und Iris Radisch, bekannten sich zum fleischlosen Leben,  und es gibt Anzeichen dafür, dass immer mehr Namenlose es ihnen gleichtun. Jonathan Foer berichtet, an amerikanischen Universitäten seien schon 18 Prozent der Studenten Vegetarier – mehr als Katholiken. Es gibt ständig neue vegetarische Restaurants und auch alle anderen bieten vegetarische Gerichte an. Im belgischen Gent hat die Sache mit dem „Veggie-Tag“ begonnen – dort wird donnerstags in Schulküchen, Mensen und städtischen Kantinen nur vegetarisch gekocht. In Bremen will man dem Beispiel folgen, in anderen Städten ist Ähnliches geplant. Auch viele Familien  praktizieren längst einen Veggie-Tag. Es muss nicht unbedingt der  Donnerstag sein. Und wir müssen nicht alle zu Vegetariern werden. Das wäre für manche Leute doch eine allzu freudlose Übung. Weniger Fleisch, dafür aus Bio-Haltung, das wäre schon ein Konzept für die Zukunft. Auch Josef Reichholf, der so eindringlich die Schäden durch unsere Viehwirtschaft beschreibt, bekennt in seinem Nachwort: „Fleisch esse ich gern. Ich bin kein Vegetarier. Eine der Menge und Qualität nach ausgewogene Kost muss das globale Ziel ... bleiben.“

Das müssten alle Nicht-Vegetarier unterschreiben können.

Marianne Weno

September 2010: Der Sündenbock

September 2010: Der Sündenbock

Der Sündenbock

Die Geschichte wiederholt sich: Tiere, die durch unsere Wirtschaftsweise bedroht oder schon ganz verschwunden sind, werden wieder angesiedelt und geschützt. Wenn sie sich dann wunschgemäß vermehren, kommen sie bald einigen Leuten in die Quere, und schon hört man die ersten Rufe nach Abschussgenehmigungen. Schließlich wollen  wir Menschen selbst entscheiden, welches Tier in unsere Umgebung passt und bleiben darf. So ging es mit Bruno, dem „Problembären“. So ergeht es dem Kormoran, der fast ausgestorben war, streng geschützt wurde und heute Fischer und Teichwirte in Rage bringt. Und so ergeht es den Wölfen in der Schorfheide: erst freudig begrüßt, dann heimlich verfolgt, weil sie schon gelegentlich ein Schaf reißen, und vielleicht bald ganz offen zum  „bösen Wolf“ erklärt, wie wir ihn aus dem Märchen kennen.

Ein Tier, das sich Biber nennt

Es war fast ausgestorben, aber heute leben in Brandenburg wieder rund 2300 Biber, davon etwa zehn Prozent im Oderbruch. Und dort – wie auch in anderen Bundesländern – beginnt jetzt der Ärger. Als das diesjährige Hochwasser das Weichselgebiet überschwemmte und die Oder bedrohte, da wusste Polens Innenminister Jerzy Miller genau, wer Schuld hatte. „Der größte Feind der Deiche ist ein Tier, das sich Biber nennt“, soll er gesagt haben. Von Tieren, die sich Nutria und Bisam nennen, hat er nichts gesagt. Die wurden einst von Menschen wegen ihres schönen Fells importiert und haben seitdem kräftig mitgeholfen, Deiche und Uferbefestigungen zu durchlöchern. Aber ein Innenminister muss schließlich kein Zoologe sein. Immerhin weiß er, wo der Sündenbock zu finden ist.

Wohnungssuche

Bestreiten lässt sich nicht, dass der Biber seine Bauten in den Deichen anlegt und auch sonst allerlei Schäden anrichtet. Aber man muss Ursache und Wirkung trennen. Der Biber reagiert auf das Hochwasser, er verursacht es nicht. Wenn der Pegel steigt und der Biberbau in der Uferböschung überschwemmt wird, muss er eine neue Unterkunft für sich und seine Jungen suchen. Dann kann es sein, dass er Löcher in den Deich gräbt, allerdings nur da, wo dieser direkt an das Wasser grenzt, denn der Eingang zum Biberbau muss immer dicht unter der Wasseroberfläche liegen, der eigentliche trockene  Bau darüber.

Den Schäden durch die Biber kann man vorbeugen, zum Beispiel durch eingebaute Schutzgitter und andere Tricks. In Hochwasserzeiten müssen die Deiche ohnehin ständig beobachtet und die Schäden ausgebessert werden. Aber Landwirte, Förster und Politiker wie Gernot Schmidt, Landrat von Märkisch-Oderland, sind sich einig: Die Biber sollen weg. Sie ruinieren nicht nur die Deiche, sondern fällen Bäume und fressen gern den Mais, den die Bauern dicht am Ufer als Biomasse anbauen. Volkes Stimme ruft: „Abschießen!“ Dabei ließen sich die Tiere dadurch gar nicht dezimieren. Wie Wildschweine und Füchse regulieren auch sie ihren Bestand selbst. Werden sie verfolgt, dann bekommen sie mehr Junge. Verlassene Reviere werden schnell wieder besetzt.

Von dem Nutzen, den die geschickten Wasserbauer dem Land bringen, reden ihre Gegner nicht. Obwohl der unbestreitbar ist. „Den Kampf gegen den sinkenden Grundwasserspiegel... erledigt der Biber für uns“ sagt Wolfgang Mädlow vom Naturschutzbund NABU. „Kostenlos, indem er Dämme baut.“

Nicht viel gelernt?

Schuld am Hochwasser ist kein Tier, sondern der Mensch, der Flüsse verbaut und Auwälder zerstört hat und nicht aus Erfahrung klug wird. Nach der Oderflut 1997 hatte die Landesregierung angekündigt, neue Überflutungsflächen schaffen zu wollen.. Geschehen ist  wenig.  Einzelne Deiche wurden zurückverlegt, aber Bebauung und Äcker reichen nach wie vor bis dicht an die Ufer heran. 

Es geht aber gar nicht um die Frage, ob Biber eher schädlich oder nützlich sind. Wenn wir wollen, dass es in unserer verödeten Kulturlandschaft noch einen Rest von Artenvielfalt gibt, dann müssen wir es ertragen, dass die Tiere ihren Lebensraum besiedeln und ihn auf ihre Weise nutzen. Und wir müssen einen Preis dafür zahlen. Oder wollen wir nur noch Tiere haben, die brav an der Leine gehen und aufs Wort gehorchen?

Marianne Weno

August 2010: Bäume stören

August 2010: Bäume stören

Bäume stören

Man mag es kaum glauben: gerade ist die lange Hitzewelle vorbei, in der wir dankbar waren für jeden Baum, der ein bisschen Schatten warf. Und jetzt erfahren wir, dass am Gendarmenmarkt 140 Bäume gefällt werden sollen, einfach so, gesunde Kugelahorne, etwa dreißig Jahre alt. Die Gründe: Der Platz soll umgestaltet werden, mehr dem historischen Bild angepasst. Die Bäume verstellen den Blick auf den Französischen Dom, und als der Platz bebaut wurde, gab es dort schließlich auch keine Bäume. Da ist es wieder, das historisierende Argument, dem schon viel Grün in der Stadt zum Opfer gefallen ist. Man denke nur an die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg oder den östlichen Tiergarten. Aber im 18. Jahrhundert, als die beiden Dome entstanden, da gab es auch keine Autos, kein CO2-Problem und keine Klimaforscher, die dringend mehr innerstädtisches Grün forderten. Rekonstruktionswütige Stadtplaner und die Gartendenkmalspflege haben einiges dazu beigetragen, dass Bäume aus der Stadt verschwinden. Beim Gendarmenmarkt spielt wohl unausgesprochen auch eine Rolle, dass die Bäume zu DDR-Zeiten gepflanzt wurden. Also provinziell und einer „Weltstadt“ nicht würdig.

Unsere Freunde

Für das Stadtklima und die Lebensqualität in der Innenstadt sind die Bäume unentbehrlich und heute wichtiger denn je. Die Menschen wissen oder spüren das und protestieren, wo immer Fällungen geplant sind. Bäume tragen viel zum Klimaschutz bei, weil sie das Treibhausgas CO2 aufnehmen. Aber sie können noch mehr. Sie filtern Staub aus der Luft, verdunsten das Wasser, das ihre Wurzeln aufgenommen haben, und kühlen ihre Umgebung um bis zu 6 Grad ab. Während sich in baumlosen Straßen auch nachts die Hitze staut, wird die Luft unter Straßenbäumen abends schnell wieder frisch.

Klimawandel – einfach ignorieren?

Der Hitzesommer hat erneut gezeigt, dass wir dem Klimawandel nicht entgehen können. Umso wichtiger ist es, entschieden das Mögliche gegen die Folgen zu tun. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung und andere Experten raten dringend, für viel Grün in der Stadt zu sorgen. Der „Stadtentwicklungsplan Klima“, den der Senat zurzeit erarbeiten lässt, dürfte Ähnliches ergeben. Für die sechs Millionen, die der Umbau am Gendarmenmarkt kosten soll, ließen sich viele Bäume pflanzen. Aber Pläne entwickeln und sie ausführen ist zweierlei. Die Prioritäten in Berlin sehen anders aus.

Grüne Stadt?

Berlin gilt als „grüne Stadt“, aber das verdankt es hauptsächlich seinen Waldgebieten. Bei den Straßenbäumen sieht es eher traurig aus. Etwa 425 000 gibt es in Berlin, aber die Stadt verliert jährlich rund 3000 davon. Sie werden gefällt, weil sie alt und nicht mehr standfest sind, weil sie die Belastungen durch Streusalz, Hundeurin und Bauarbeiten nicht mehr aushalten, oder einfach, weil sie für eine Weltstadt zu „unansehnlich“ sind. Zum Nachpflanzen fehlt den Bezirken das Geld. Baumspenden, wie sie u.a. der BUND organisiert hat, werden oft nur angenommen, wenn die Spender auch die Kosten für Pflanzung und Pflege tragen. Geldmangel war es wohl auch, der das Grünflächenamt Mitte daran gehindert hat, die Bäume am Gendarmenmarkt ordentlich zu beschneiden.

Kaum waren die Umbaupläne bekannt, da bildete sich auch schon ein „Förderverein für den Gendarmenmarkt“, der Unterschriften gegen das Abholzen sammelt. Der Zuspruch ist groß, wie immer, wenn es um Bäume geht. „Ahorn-Zorn“ überschrieb der Tagesspiegel seinen Bericht. Zu hoffen bleibt, dass der Senat einlenkt, und sei es nur mit Blick auf die nahe Wahl und die grüne Konkurrenz.

Marianne Weno

Juli 2010: Wild, wilder, Wildnis?

Juli 2010: Wild, wilder, Wildnis?

Wild, wilder, Wildnis?

Plötzlich ist „Wildnis“ wieder im Gespräch, aber was damit gemeint ist, weiß niemand so ganz genau. Vor drei Jahren gab es einen Beschluss der Bundesregierung, dass bis 2020 zwei Prozent des Bundesgebietes in Wildnis umgewandelt werden sollten. Seitdem hat man wenig darüber gehört und geschehen ist auch nicht viel. Aber jetzt hat Brandenburg das 2-Prozent-Ziel aufgegriffen und will 60 000 Hektar der Landesfläche verwildern lassen. Im Mai fand in Potsdam eine Wildniskonferenz statt, auf der Umweltministerin Anita Tack diese Pläne verkündete. Die Teilnehmer verabschiedeten eine Resolution, in der Wildnis definiert wird als „große, weitgehend unzerschnittene Gebiete... frei von menschlicher Einflussnahme.“

Mit dem ursprünglichen Wildnisbegriff hat das wenig zu tun. Er bezeichnet Gebiete, die über lange Zeiträume ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben, weil sie unentdeckt oder schwer zugänglich waren oder den Menschen wenig Nutzen versprachen. Man spricht auch von „primärer Wildnis“. In Europa gibt es nur noch Reste davon in Hochgebirgsregionen.

Viele Fragen

Umweltverbände unterstützen die Pläne, große Flächen für die Natur freizuhalten. Aber kann man Wildnis künstlich herstellen? Wenn überhaupt, wäre das eine Aufgabe für Generationen. Und nimmt die Artenvielfalt wirklich zu, wenn man die Gebiete ganz sich selbst überlässt? Wenn zum Beispiel eine offene Heide- oder Wiesenlandschaft nicht mehr beweidet wird, entsteht daraus an den meisten Standorten irgendwann Wald und der wird wahrscheinlich ärmer an Arten sein als vor Beginn der „Verwilderung“. Die Sielmann-Stiftung hat in der Döberitzer Heide erfolgreich Wasserbüffel, Rotwild und Wildpferde angesiedelt, um eine solche Entwicklung zu verhindern. Aber sie spricht auch nur von „wildnisähnlichen“ Zuständen.

Gibt es bei uns überhaupt noch Gebiete, die von menschlichen Einflüssen völlig freigehalten werden können? Die Überdüngung der gesamten Kulturlandschaft lässt sich nicht rückgängig machen, und sie geht weiter durch Abgase aus Verkehr und Industrie.

Widerstände überall

Zwar ist Brandenburg in seinen Randbereichen dünn besiedelt. Viele Menschen, vor allem die jüngeren, sind abgewandert. 2007 hatte das Berlin Institut in einem Gutachten Wegzugsprämien für die verbliebenen Bewohner vorgeschlagen, um Platz für Naturreservate zu schaffen. Die Idee ist heute zu Recht vergessen. Jetzt denkt man wieder an ehemalige Truppenübungsplätze und Tagebaufolgelandschaften. Aber da ist die Konkurrenz groß. Platz für Solar- und Windkraftanlagen wird gesucht und zunehmend auch für Biomasse-Plantagen, wie Vattenfall sie plant.

Draußen bleiben...?

Werden Totalreservate von den Menschen akzeptiert? Der Streit um die Kernzone des Nationalparks Unteres Odertal zeigt, wie emotional belastet solche Pläne sind. Gedacht ist jetzt zum Beispiel an das ehemalige Bombodrom, die Kyritz-Ruppiner Heide. Aber wollen die Menschen, die jahrelang gegen die militärische Nutzung gekämpft haben, sich nun aussperren lassen? Ist es möglich, durch Wanderwege, Aussichtspunkte und Führungen begrenzt Tourismus zuzulassen? Mit „Wildnis“ assoziiert man eigentlich „Abenteuer“. Davon ist man hier weit entfernt. Der Begriff ist verfehlt, nicht aber die Sache. Es ist richtig und notwendig, große Schutzgebiete zu schaffen und zu vernetzen, damit sich Natur frei und ungestört entwickeln kann. Wie das geht, zeigt die Auenlandschaft im Unteren Odertal, wo sich – auch ohne Totalreservat – viele selten gewordene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt haben. Aber ein Zurück zu den Verhältnissen, wie sie vor Industrialisierung und moderner Landwirtschaft bestanden, wird es nicht geben, Wildnis bleibt eine Illusion.

Marianne Weno

Juni 2010: Ein grünes Mäntelchen?

Juni 2010: Ein grünes Mäntelchen?

Ein grünes Mäntelchen?

Schweden gilt  als Vorreiter in der Umweltpolitik, aber der Staatskonzern Vattenfall, der 18 schmutzige Kohlekraftwerke in Europa betreibt und jedes Jahr Milliarden Kronen in die Staatskasse spült, entlässt pro Jahr fast doppelt so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, wie ganz Schweden emittiert. Nachdem der Konzern auch noch NUON gekauft hat, könnte es bald noch sehr viel mehr werden. Die Zeitung „Aftonbladet“ zitiert den Vorsitzenden eines Naturschutzverbandes: „Vattenfall beschmutzt das Bild Schwedens dramatisch“. Einen kräftigen Beitrag dazu leisten die Braunkohlekraftwerke in Brandenburg, die unausgegorene CCS-Technik und  zwei marode Kernkraftwerke in Deutschland.
Der Konzern braucht also dringend ein grünes Image. Und was könnte da besser aussehen als der Umstieg auf erneuerbare Energien?

Also setzt Vattenfall seit einigen Jahren auf Holzkraftwerke. In Berlin, wo der Konzern ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen verursacht,  hat man den Plan für ein Kohlekraftwerk an der Rummelsburger Bucht aufgegeben und will stattdessen  Holz verfeuern. Auch in Spandau und Moabit soll künftig die Kohle zum Teil durch Holz ersetzt werden. Aber wo soll der Brennstoff herkommen? Holz in jeder Form ist ein zunehmend gefragter und teurer Rohstoff: für die Bauindustrie, die Zellstoffproduktion und für Heizungsanlagen. Auch kann man nur von Nachhaltigkeit  reden, wenn weltweit mehr nachwächst als verbrannt wird. Das ist aber schon lange nicht mehr der Fall.

Die schlechteste Lösung

Vattenfall will Restholz aus Wäldern und Parks nutzen: Baumkronen, Stümpfe und Äste – obwohl sich Forstfachleute längst  einig sind, dass diese Teile als Biotopholz, Humusbildner  und Nährstoffreserve im Wald bleiben sollten. Gerade die nährstoffarmen  Sandböden in Brandenburg sind besonders darauf angewiesen, dass ihnen bei der Verrottung von Holz Mineralien und Spurenelemente zurückgegeben werden, in dem richtigen Mischungsverhältnis, so, wie die Bäume sie zuvor aufgenommen hatten. Auch ist das Totholz wichtig für Insekten, Pilze und insektenfressende Tiere. Es könnte sein, dass mit dem zunehmenden Hunger nach Holz eine neue Phase des Waldsterbens beginnt. Bekannt ist ein skandalöser Fall aus dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. 2008 wurden hier in der Kernzone massenhaft Bäume gefällt und Totholz aus dem Wald geschafft, um das Holzkraftwerk Eberswalde zu beliefern. Aber selbst wenn Wälder und Parks überall wieder gründlich „aufgeräumt“ würden, kämen in Brandenburg höchstens 100 000 Tonnen zusammen. Gebraucht werden aber in naher Zukunft eine Million Tonnen.

Einen Beitrag können „Energiewälder“ mit schnell wachsenden Baumarten wie Pappeln und Weiden leisten. Auf den sogenannten Kurzumtriebsflächen kann das Holz alle sieben bis acht Jahre geerntet werden. Die Landschaft und die Artenvielfalt bereichern solche Monokulturen nicht. In Brandenburg hat Vattenfall ein Auge auf ehemalige Tagebaue und Brachflächen geworfen, aber hier konkurriert man mit anderen Nutzungsmöglichkeiten - mit Erholungslandschaften, Naturschutzflächen und den Wildnis-Plänen der Landesregierung.

Gummibäume aus Afrika

Die Lösung scheint ein Vertrag mit Liberia zu sein.  Das westafrikanische Land wird ab 2015  eine Million Tonnen Gummibaumholz an Vattenfall liefern. Die Bäume, die nach 20 Jahren keinen Kautschuk mehr liefern, wurden bisher nutzlos auf den Feldern verbrannt. Also die ideale Lösung? Wohl kaum. In die Energiebilanz müssen die Emissionen des Schiffstransportes eingehen, die nach einem UN-Bericht von 2008 sogar die des Flugverkehrs um das Doppelte übersteigen. Auch wissen wir nicht, was in Liberia geschieht, wenn sich der Handel als lukrativ erweist. Es könnte sein, dass dann Regenwald gerodet wird oder Felder aufgegeben werden, auf denen bisher Nahrung angebaut wird, um neue Gummibaumplantagen anzulegen. Umweltsenatorin Lompscher schließt sich den Forderungen der Umwelt- und Entwicklungsorganisationen an, die verbindliche Richtlinien für den Import von Brennholz fordern. Vattenfall verspricht, solche Kriterien zu entwickeln.
Beim Vertragsabschluss mit Liberia war davon noch keine Rede.
Ein „grüner Riese“ ist der Konzern damit noch lange nicht.

Marianne Weno

Mehr zum Thema: Peter Wohlleben, "HOLZRAUSCH Der Bioenergieboom und seine Folgen", adatia Verlag, € 14,90

Mai 2010: Steigflug

Mai 2010: Steigflug

Steigflug

War das eine seltsame Woche, als der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen uns seine Aschewolke schickte. Der Ausbruch verursachte kein neues Pompeji, kein Mensch kam zu Schaden, kein Haus stürzte ein, aber für kurze Zeit schien die Welt aus den Fugen zu sein. In den Medien gab es kaum ein anderes Thema. Auf der einen Seite das laute Wehklagen der verhinderten Touristen, der Fluggesellschaften und des internationalen Handels. Sieben Tage Flugverbot sollen zwischen 1,5 und 2,5 Milliarden Euro gekostet haben. Auf der anderen Seite Aufatmen. Leute, die nahe den Einflugschneisen wohnen, sagten, sie hätten gar nicht mehr gewusst, wie Luft ohne Kerosin riecht oder wie sich stundenlange Stille anfühlt.  Ein Thema war aber so gut wie vergessen: die Frage, wie der Flugverkehr auf das Klima wirkt.

Die flugfreie Woche hat daran nichts geändert. Sie hat offenbar auch nicht das Bewusstsein dafür geschärft, wie abhängig wir von einem Verkehrssystem sind, von dem wir wissen, dass es den Planeten ruinieren kann. Von einem System, das immer weiter wächst und bald mehr Treibhausgase produzieren wird als der gesamte Autoverkehr und das dennoch von fast allen Einschränkungen verschont bleibt – eben weil wir uns in diese Abhängigkeit gebracht haben. Es sind ja nicht nur die Touristen, die unbedingt nach Abu Dhabi fliegen wollen und dafür vielleicht einen kleinen Ablass an Atmosfair zahlen. Es sind auch die Geschäftsreisenden und die Politiker, die noch immer gern um die halbe Welt fliegen, statt sich an Videokonferenzen zu gewöhnen. Vor allem aber: Ein Drittel des Welthandels wird über den Flugverkehr abgewickelt. Hätte das Flugverbot nicht eine, sondern vier Wochen gedauert, dann hätten wohl viele Räder stillgestanden. Als einige exotische Früchte der Asche wegen kurzfristig knapp zu werden drohten, vermutete die Financial Times, künftige Historiker würden in dieser Woche den Beginn einer „neuen Bescheidenheit“ erkennen. Aber schon sind wir zur Normalität zurückgekehrt, zu der auch gehört, dass wir jederzeit frische Blumen aus Kenia oder Kolumbien kaufen können.

Müssen wir so wirtschaften?

Warum haben wir es – allen Warnungen zum Trotz – so weit kommen lassen? Ist uns die Klimaerwärmung so egal, dass wir ihretwegen auf keine Annehmlichkeit verzichten wollen? In der Luftverkehrsstudie 2007 des Wuppertal-Instituts mit dem Untertitel „Steigflug in die Klimakatastrophe“ kommt der Autor Karl Otto Schallaböck zu dem Schluss, der geplante Ausbau der Flughäfen würde die Klimaschutzziele der Bundesregierung vollständig unterlaufen. Egal – es wird wieder geflogen. Und so billig wie nie zuvor. Airbus rechnet bis 2015 mit einem Zuwachs von 5,3 %.

Geflogen wird meist in  9 bis 13 Kilometern Höhe.  Bis ca. 15 km Höhe reicht die Troposphäre, in der sich das ganze Wettergeschehen abspielt. Dort und in der darüber liegenden Stratosphäre laufen mit den Abgasen der Flugzeuge chemische Prozesse ab, die noch nicht ganz erforscht sind, die aber das Klima weit stärker beeinflussen als das Kohlendioxid in tieferen Schichten. Auch der Wasserdampf wirkt hier wie ein Treibhausgas, wenn er Kondensstreifen und daraus Zirruswolken bildet, die die Wärmeabstrahlung von der Erde reflektieren. Der Klimaeffekt in diesen Höhen ist 2- bis 5-mal so stark wie durch CO2 allein.

Ein kleiner Schritt

Was unter marktwirtschaftlichen Bedingungen geschehen müsste, um den Klimakiller Flugverkehr einzudämmen, ist klar. Aber internationale Vereinbarungen sind kaum möglich, weil alle Staaten immer mehr Flüge wollen. Indien, China, Russland und Brasilien haben im Jahr 2005 zehnmal mehr neue Maschinen bestellt als 2003. Im Kyoto-Protokoll und bei allen weiteren Verhandlungen wurde das Thema ausgeklammert.  Nach wie vor gibt es keine Kerosinsteuer und keine Umsatzsteuer bei internationalen Flügen. Mit großer Mühe hat sich die EU jetzt dazu durchgerungen, den Flugverkehr ab  2012 in den Emissionshandel einzubeziehen, allerdings unter sehr moderaten Bedingungen. Die Obergrenze der zulässigen CO2-Emissionen soll bei 97% des Durchschnitts von 2004 bis 2006 liegen. Ganze 15% der Zertifikate werden versteigert, den Rest bekommen die Fluggesellschaften umsonst. 

Seit mehr als zwanzig Jahren wissen wir ungefähr,  was das Fliegen anrichtet. Ebenso lange hat die Politik dafür gesorgt, dass Flughäfen neu gebaut und erweitert werden,  damit der Flugverkehr unbeschränkt wachsen kann.  Bei allen Sonntagsreden über den Klimaschutz und die Vorreiterrolle Deutschlands war das kein Thema. Im Gegenteil: Noch 2008 sagte der damalige Verkehrsminister Tiefensee allen Ernstes,  mit Flugzeugen neuester Generation könne der Luftverkehr „einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten“.  Der halbherzige Appell, man möge Kurzstreckenflüge vermeiden,  kann eigentlich nur dazu führen, dass  „Slots“ auf den Flughäfen für die Interkontinentalflüge frei werden.

Und wo bleibt die neue Bescheidenheit?

Marianne Weno

April 2010: Seitenwechsel

April 2010: Seitenwechsel

Seitenwechsel

Warum stehen bei der Bundestagswahl eigentlich nicht Vattenfall, Daimler und BASF auf dem Wahlzettel? Wir sind doch aufgerufen, diejenigen zu wählen, die uns nach der Wahl regieren - und das sind in vielen Bereichen nicht  Volks- sondern Interessenvertreter. Das wissen wir spätestens, seit bekannt wurde, dass von der Industrie bezahlte Mitarbeiter in den Ministerien an Gesetzesvorlagen mitschreiben. Lobbyisten haben schon immer in der Politik mitgemischt, aber in der letzten Zeit hat das bedrohliche Ausmaße angenommen. Genauer gesagt seit 1998, als der damalige Innenminister Schily die Idee zu einem Personal-austauschprogramm hatte - mit dem bezeichnenden Titel „Seitenwechsel“. Danach sollte ein zeitlich befristeter Austausch  zwischen Ministerialbeamten und Konzernvertretern stattfinden. Kein Wunder, dass die Konzerne nur zu gern davon Gebrauch machten. In ihrem Buch „Der gekaufte Staat“*) zählen  die Autoren viele Fälle auf, in denen Gesetze nach den Wünschen der Konzernvertreter maßgeschneidert wurden. Bei der heutigen Regierung dürfte ihr Einfluss nicht zurückgegangen sein. Wie weit er reicht, das zeigt ein Satz aus der Koalitionsvereinbarung: „Der Anbau der gentechnisch veränderten Stärkekartoffel Amflora... wird unterstützt“.  Amflora ist ein Produkt der BASF. So etwas hat es wohl noch nie gegeben: Ein bestimmtes Produkt wird namentlich im Koalitionsvertrag erwähnt. Man ahnt, wer da unsichtbar mit am Tisch gesessen hat.

Wem nützt es?

Am 2. März hat die EU-Kommission entschieden, dass Amflora überall in Europa für die industrielle Stärkeproduktion angebaut werden darf. Abfälle können als Tierfutter verwendet werden. Damit ist der Weg auf unsere Teller nicht weit. Bis zu 0,9 Prozent dürfen  Lebensmittel damit verunreinigt sein. Die einzelnen Staaten könnten den Anbau verbieten. Österreich, Griechenland und Luxemburg bereiten solche Verbote vor. Deutschland natürlich nicht. Schließlich hat die BASF ihren Sitz in Ludwigshafen. Verbraucherschutzministerin Aigner hatte schon 2009 einen Versuchsanbau auf 20 Hektar in Mecklenburg-Vorpommern zugelassen, der 2010 weitergeführt wird.

Kartoffeln, wie wir sie kennen, enthalten zwei Sorten Stärke: Amylose und Amylopektin. Nur die zweite ist für industrielle Zwecke zu gebrauchen. Bisher mussten beide Sorten auf chemischem Wege getrennt werden. Amflora wurde gentechnisch so umgebaut, dass sie kaum mehr Amylose enthält. Das sollte es der Industrie erleichtern, Stärke für Bau- und Klebstoffe, Papier und verrottbare Kunststoffe herzustellen. Pech nur, dass kaum jemand das Zeug haben will. Die großen Stärkehersteller haben schon abgewinkt. Die Emsland Stärke GmbH, größter Hersteller von Kartoffelstärke, hält das Risiko für zu groß, Geschäftspartner zu verlieren, „weil es Kunden gibt, die für grüne Gentechnik nicht offen sind“.  Ähnlich der Geschäftsführer der Firma Südstärke. „Wir könnten die konventionellen und die Genkartoffeln im Werk kaum trennen.“ Außerdem rechnet er vor, dass die Lizenzgebühren, die BASF verlangt, höher wären als die Kosten für die herkömmliche Trennung der Stärkesorten. Auch Verbände der Kartoffelerzeuger und Lebensmittelhersteller wehren sich, weil sie fürchten, dass sich Amflora mit konventionellen Arten vermischt.

Und schließlich: Während Amflora seit 13 Jahren auf die Zulassung warten musste, waren andere Firmen nicht untätig. So gibt es inzwischen zwei erfolgreiche Amylopektin-Kartoffeln ohne Gentechnik auf dem Markt.

„Die Büchse der Amflora“

Das treffende Wortspiel geistert durch die Veröffentlichungen zum Thema und drückt aus, was viele befürchten: dass der scheinbar harmlose Erdapfel allerlei unerforschte Risiken mit sich bringt. Umweltverbände, das Gen-ethische Netzwerk, der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und verschiedene landwirtschaftliche Organisationen wenden sich gegen die Zulassung. Es gibt Gründe genug, die allgemein gegen die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen sprechen. Wenn sie einmal in die Natur gelangt sind, lassen sie sich nicht mehr zurückholen und können die Ökosysteme verändern. Die Folgen sind noch nicht abzusehen, aber negative Erfahrungen gibt es, vor allem aus den USA, Kanada und Japan. Keine Vorsichtsmaßnahmen können verhindern, dass Genpflanzen auf andere Felder übergehen oder bei Verarbeitung und Transport mit anderen Produkten vermischt werden.

Bei Amflora kommt ein medizinisches Problem hinzu. Die Kartoffel enthält ein Markergen, das Resistenzen gegen die Antibiotika Kanamycin und Neomycin verursachen kann. Beide Mittel werden von der WHO als „besonders wichtige antibakterielle Substanzen“ eingestuft. Über Tierfutter könnten Antibiotika-Resistenzgene auf Darmbakterien übergehen und auch diese Mittel unwirksam machen. Solche Gene dürfen deshalb seit 2005 nicht mehr verwendet werden, aber Amflora gibt es ja schon  seit 1996.

Mit Amflora soll ein  nutzloses und riskantes Produkt auf den Markt gedrückt werden. Und schon kündigt BASF eine neue Genkartoffel namens „Fortuna“ an, die uns in Form von Pommes frites und Kartoffelchips beglücken soll.

Umfragen haben ergeben, dass 70 bis 77 Prozent der Bürger die grüne Gentechnik ablehnen. Aber wer fragt nach unseren Interessen? Was also können wir tun?  Uns informieren. Das Kleingedruckte lesen. Und uns vielleicht selbst engagieren, zusammen mit anderen, gegen den Umbau der Natur – und gegen die Erosion der Demokratie.

Marianne Weno

*) Sascha Adamek, Kim Otto: „Der gekaufte Staat. Wie Konzernvertreter in deutschen Ministerien sich ihre Gesetze selbst schreiben.“ Kiepenheuer & Witsch.

März 2010: Freunde und Feinde

März 2010: Freunde und Feinde

Freunde und Feinde

Was haben Mensch und Kormoran gemeinsam? Beide mögen Fisch, und sie verzehren zu viel davon. Der Unterschied: Der Mensch könnte seine Vernunft gebrauchen und sich einschränken, um die gefährdeten Fischbestände zu erhalten. Der Kormoran kann das nicht. Er lebt vom Fisch. Anders als der Mensch tötet er nicht mehr, als er fressen kann. Er kennt keinen Beifang und wirft keine Fische weg, weil sie ihm zu klein sind. Und doch behaupten Berufsfischer, Angler und Teichwirte, er würde die Gewässer leerfischen. Deshalb haben die zweibeinigen Fischfreunde in fast allen Bundesländern Kormoran-Verordnungen durchgesetzt, nach denen der schwarze Vogel mit den grünen Augen nahezu unbeschränkt gejagt werden darf – auch während der Brutzeit und sogar in Naturschutzgebieten - obwohl die Vogelschutzrichtlinie der EU und das Bundesnaturschutzgesetz gerade das verbieten. Ausnahmen sind erlaubt, und so werden in Deutschland 15 000 Kormorane im Jahr abgeschossen, Gelege zerstört und Jungvögel im Nest getötet. In Brandenburg beschränkte sich die erste Kormoran-Verordnung von 1999 noch auf den Schutz der Teichwirtschaft. Im Wahlkampf 2004 wurde Fischern und Anglern die verschärfte Verordnung versprochen, nach der Wahl erlassen, gegen Bedenken im Umweltministerium*), und 2 Tage nach der Landtagswahl 2009 verlängert – wer denkt sich schon Böses dabei?

Die wirklichen Naturschützer

Dabei war der Kormoran bei uns schon einmal fast ausgestorben. 1979 wurde er europaweit unter Schutz gestellt und hat sich seitdem wieder kräftig vermehrt. Man schätzt, dass es in Deutschland jetzt etwa 24 000 Brutpaare gibt. Damit könnte es jedoch bald vorbei sein, denn die Kormoranfeinde bilden eine starke Lobby. Zwischen ihnen und den Naturschützern gibt es eine Dauerfehde, die richtig angefacht wurde, als der NABU den Kormoran zum „Vogel des Jahres“ erklärte. Der Verband Deutscher Sportfischer nannte das einen „Schlag in das Gesicht aller Demokraten und wirklichen Naturschützer“. Inzwischen gibt es Vereine der Kormoranfeinde, wie den von der FDP unterstützte „Fischschutz contra Kormorane e.V.“ Im Internet kursieren Rezepte für Kormoranbraten und in Berlin bieten Angler Kormoranbrüstchen zum Kauf an. Sportangler reden von „Unterwasserterroristen“. Der Sportfischer- und der Anglerverband Deutschlands verstiegen sich zu der Aussage, der Kormoran habe zwar eine Existenzberichtigung, aber nicht das Recht, andere Arten auszurotten. Die Frage ist, wer hier wen ausrotten möchte.

Meistertaucher

Kein Zweifel, der Komoran ist ein besserer Fischer als der Mensch. Er kann 30 Meter tief tauchen und 90 Sekunden unter Wasser bleiben. Und er frisst eine ganze Menge Fisch. 500 Gramm pro Tag sollen es sein. Aber mehrere Gutachten im Auftrag des Umweltministeriums in Brandenburg haben ergeben, dass dadurch kein erheblicher fischwirtschaftlicher Schaden entsteht. In natürlichen Gewässern fängt er hauptsächlich Arten, auf die Angler keinen Wert legen: Rotaugen, Brachsen und andere Weißfische, die man in Berlin zum Beispiel gern durch das fragwürdige Spektakel Wettangeln dezimiert. Aale, deren Rückgang man dem Kormoran anlastet, leiden eher unter Krankheiten und schlechter Wasserqualität. Auch der Ausbau der Flüsse schadet der Fischfauna. Das war schon so, als es kaum Kormorane in Brandenburg gab.
Anders sieht es für die Teichwirtschaft aus. Ein schöner Forellenteich bietet hungrigen Vögeln ein Festmahl. Da lässt sich der Ärger der Teichbesitzer verstehen. Aber es gibt Möglichkeiten, die Anlagen zu schützen, durch Netze und verschiedene Vergrämungsmethoden. Würden die Kormoranfeinde ihre maßlose Polemik gegen den Vogel des Jahres aufgeben und sich mit den Naturschützern an einen Tisch setzen, dann ließen sich dafür wohl vernünftige Konzepte finden. Aber abschießen ist einfacher.

„Schwarze Vögel sich versammeln...“

(Rabenschrey)
Der Hass auf den Vogel hat längst irrationale Züge angenommen. Schwarze Vögel sind unbeliebt. Sie gelten als uralte Traum- und Unglückssymbole. Es gibt Krimis mit dem Titel „Schwarze Vögel“ und den Song der Band Rabenschrey aus den achtziger Jahren, in dem es heißt “... kommen in den Träumen und lassen ihre Schatten dort...“. Gemeint sind wohl eher Raben und Krähen, aber eine Brutkolonie mit vielen Kormoranen auf einem großen Baum kann unheimlich wirken. Ein eher prosaischer Grund ist, dass Fischer und Angler die Fische selbst in freien Gewässern als ihr Eigentum betrachten. Umweltschützer kritisieren, dass massenhaft Fische ausgesetzt werden, mit Vorliebe Raubfische wie Regenbogenforelle und Zander, und dass damit die Fischfauna verfälscht und die natürliche Beute des Kormorans dezimiert wird.

Wem nützt es?

Leider steht die Politik fast überall auf Seiten der Kormoranjäger. Obwohl der Vogel zu den bedrohten Arten zählt und eigentlich europaweit geschützt sein sollte, nutzt sie die Möglichkeit einer „Ausnahmeregelung“, um flächendeckend seine Verfolgung zuzulassen – einer nicht ganz kleinen Interessengruppe zuliebe. Fischer und Angler sind schließlich auch Wähler.
                                                                                                                      Marianne Weno

*)Quelle: Dr. Elke Ditscherlein: „Der Kormoran und seine Verfolgung“. Schwarzbuch Umweltpolitik in Brandenburg. oekom

Februar 2010: Alpträume

Februar 2010: Alpträume

Alpträume

Zuschauer von Report Mainz am 11. Januar werden je nach Sensibilitätsgrad weggesehen, ausgeschaltet oder anschließend Alpträume bekommen haben. Die grausamen Bilder von Tierquälereien in einem Hühner-Massenbetrieb der Firma Wiesenhof werden uns noch lange verfolgen. Da wurden Hühner herumgeworfen wie Sperrmüll, gegen Wände geschleudert, mit gebrochenen Knochen in Transportkisten zusammengepfercht. Ein Einzelfall, wie die Firma behauptet? Wohl kaum. Tierquälerei ist allgegenwärtig in der industriellen Massentierhaltung, die sich in Deutschland ausbreitet wie eine Seuche. Immer neue und größere Anlagen sind geplant oder schon im Bau. Ställe für 90 000 Schweine oder 500 000 Masthähnchen sind keine Seltenheit. Wie es dort zugeht, kann jeder wissen, der nicht zum Verdrängen neigt. Die Tiere sind nichts weiter als Produktionsmittel, die auf engstem Raum vegetieren. Ihre natürlichen Bedürfnisse nach Licht, Luft, Bewegungs- und Rückzugsmöglichkeiten zählen nicht. Mit „Landwirtschaft“ hat das nichts zu tun, und folgerichtig war die industrielle Tierhaltung auf der Grünen Woche kein Thema. 

Staatsziel Tierschutz

Seit 2005 steht der Tierschutz im Grundgesetz, allerdings als „Staatsziel“, was heißt: schöne Worte ohne Konsequenzen für die Gesetzgebung. Zwar ist die Käfighaltung von Legehennen von  jetzt an verboten, aber was Bodenhaltung bedeuten kann, hat der Wiesenhof-Film auch gezeigt: Tiere, gedrängt auf engstem Raum, die in ihrem eigenen Kot leben und sich gegenseitig die Federn ausreißen. Anlagen mit 800 000 Legehennen sind neu geplant. Die Frage drängt sich auf: Gehört nicht zur Zivilisation ein anständiger Umgang mit den Tieren? Leben wir also in einem zivilisierten Land? Und sind es vernunftbegabte Menschen, die solche Fleischfabriken in ihren Kreisen und Gemeinden genehmigen? Anlagen, die das Klima mit rund 140 Millionen  Tonnen CO2  belasten, Gewässer und Böden mit Nitrat verseuchen, durch Ammoniakdämpfe die Bäume schädigen, durch Gestank die Touristen vertreiben? Nur wenige und schlecht bezahlte Arbeitsplätze entstehen dort, zugleich aber werden Betriebe der bäuerlichen Landwirtschaft ruiniert.

Jetzt auch noch Ziegen

Niedersachsen ist – neben Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – das Land mit den meisten und größten Massenställen, und es werden immer mehr. Zu den acht Millionen Schweinen sollen 1,2 Millionen hinzukommen. In den Geflügelställen drängen sich 47 Millionen Tiere. Bald werden es 15 Millionen mehr sein. Und nun auch noch das: Auf der Domäne Heidbrink an der Weser soll die größte Ziegenstall-Anlage Europas entstehen. Dort sollen 7500 Ziegen und Böcke das ganze Jahr über in Ställen gehalten werden. Was das für die lebhaften Tiere bedeutet, die gern klettern und im Freien ständig in Bewegung sind, lässt sich leicht ausmalen.

Für das Projekt müsste ein Teil des Landschaftsschutzgebietes Wesertal aufgegeben werden. Für eine Abwasserleitung sollen die Steuerzahler aufkommen. Alles kein Problem – der Inhaber der Firma, der die Massenställe plant und aus der Ziegenmilch Käse herstellen will, soll mit den Ministern für Landwirtschaft und Umwelt befreundet sein.

Widerstand

Wo immer solche agrarindustriellen Anlagen geplant sind, gibt es Widerstand. Die Anwohner wehren sich – aus guten Gründen. An all diesen Orten entstehen Bürgerinitiativen, wird demonstriert und protestiert. Umwelt- und Tierschutzverbände engagieren sich gegen die subventionierte Verantwortungslosigkeit. Dennoch ist es gelungen, das Land mit Tierfabriken vollzustellen, die weit über den Bedarf im Inland produzieren. Billigfleisch ist längst zum Exportschlager geworden. Im Herbst 2009 haben nun die genannten Verbände gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) das Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ gegründet. Es will lokal, auf politischer Ebene und durch Aufklärung für eine nachhaltige, artgerechte Tierhaltung sorgen. Entscheiden werden aber die Verbraucher. Nur wenn immer mehr Menschen sich entschließen, weniger Fleisch zu essen, die Billigangebote zu boykottieren und für Fleisch aus artgerechter Haltung etwas mehr Geld auszugeben, kann sich für die Tiere etwas ändern. Auf die Politik zu hoffen lohnt sich nicht.

Marianne Weno

Januar 2010: Die Wände hochgehen...

Januar 2010: Die Wände hochgehen...

Die Wände hochgehen...

Beginnen wir das Jahr mit einer schönen Utopie. So könnte die Stadt der Zukunft aussehen: Statt grauer Fassaden und salzkranker Straßenbäume überall grüne und blühende Wände, die als biologische Klimaanlagen wirken, die Luft reinigen und dem Betrachter einen Hauch von Dschungel vermitteln. Noch sind wir weit davon entfernt, aber Anfänge gibt es.

Pflanzen können die Wände hochgehen. Gemeint sind nicht Kletterpflanzen wie Efeu und wilder Wein, die an alten Hausfassaden wachsen. Heute gibt es „vertikale Gärten“, in denen eine große Vielfalt an blühenden Stauden, Farnen und Moosen gedeiht, in denen Vögel nisten und Bienen und Hummeln umherschwirren.

Als Pionier des neuen Trends gilt der französische Botaniker Patrick Blanc, ein leicht exzentrischer Herr mit grün gefärbten Haaren. Zwar haben schon vorher Architekten und Landschaftsgärtner mit begrünten Wänden experimentiert, aber die spektakulärsten Ergebnisse stammen von ihm.  Kürzlich zeigte die RBB-Sendung Gartenzeit eindrucksvolle Bilder von üppig bewachsenen Gebäuden in Paris. Patrick Blanc hat eine Konstruktion entwickelt und patentieren lassen,  die es möglich macht, Pflanzen vieler Arten dauerhaft an beliebig hohen Wänden  wachsen zu lassen. Pflanzen brauchen keine Erde, sondern nur Wasser, Mineralien und Licht. Blanc verwendet Filz aus Acryl, den er an einem Metallgerüst vor der Fassade anbringt, und ein System aus Bewässerungsrohren, aus dem die Pflanzen genau so viel Wasser aufnehmen, wie sie brauchen. Sie werden in den Filz eingesetzt und  gedeihen. Pflege ist kaum nötig, nur ein gelegentlicher Rückschnitt.  Es entstehen kleine Ökosysteme, die sich über Jahre selbst erhalten.

Wie im Dschungel

Viele seiner Pflanzen findet der Botaniker auf seinen vielen Reisen durch die Kontinente. Je wärmer das Klima, umso größer die mögliche Vielfalt. In Avignon konnte er mehr als 400 Arten verwenden, in Gegenden wie bei uns, in denen es im Winter friert, sind es weit weniger, aber auch dort können abwechslungsreiche grüne Wände entstehen.

Es begann 1988  bei einer Gartenschau in Chaumont sur Loire, wo Patrick Blanc seine Entwürfe vertikaler Gärten präsentierte. Dort entdeckte ihn der Architekt Jean Nouvel und überredete ihn zu seinem ersten großen Projekt. Er begrünte die Fassade des Musée du quai Branly. Inzwischen  hat er in aller Welt die Fassaden großer Bauwerke in einen grünen Dschungel verwandelt. Das erste Projekt in Deutschland ist bescheiden ausgefallen: Die Galeries Lafayette in Berlin, ebenfalls von Jean Nouvel gebaut, erhielt eine acht mal acht Meter hohe grüne Wandfläche über dem Eingang. Dort wachsen Pflanzen aus  Mitteleuropa, Asien und Nordamerika.

Es geht aufwärts

In den Städten werden Flächen, auf denen Pflanzen Platz finden, immer rarer und teurer. Dabei ist ihre Funktion, die Luft zu reinigen und zu kühlen, für das Stadtklima wichtiger denn je. Der Gedanke, platzsparend in der Senkrechten zu pflanzen, setzt sich allmählich durch.  Die Methode von Patrick Blanc ist mit 500 bis 700 Euro pro Quadratmeter relativ kostspielig, dafür aber sehr dauerhaft. Obwohl er gern triste Innenstadtquartiere in grüne Oasen verwandeln würde, konnte er bisher nur die Fassaden repräsentativer Gebäude gestalten. Davon stehen aber immer mehr in aller Welt, und er kann sich vor Aufträgen kaum retten.

Dass der Anblick des üppigen Grüns anstelle grauer Fassaden den Menschen wohltut, ist keine Frage. Zur Wirkung auf die Umwelt befragt, meint Patrick Blanc, wie alle Pflanzen würden auch seine grünen Wände die Luft reinigen. Um eine Stadt sauber zu halten, bräuchte man allerdings sehr viele solcher senkrechten Gärten.  Aber die Idee ist in der Welt. Das Vorbild von Patrick Blanc hat Architekten und Landschaftsgärtner dazu gebracht, andere, preisgünstigere Methoden zu entwickeln. Der Gedanke könnte sich ausbreiten und Wurzeln schlagen – wie die Pflanzen an der Wand.

Marianne Weno

Kürzlich erschienen:
Patrick Blanc: „Vertikale Gärten: Die Natur in der Stadt.“
192 Seiten, 383 Farbfotos, Ulmer Verlag 2009