Kolumne 2009

Dezember 2009: Schluss mit Sushi?

Dezember 2009: Schluss mit Sushi?

Schluss mit Sushi?

Er kann viereinhalb Meter lang werden, bis zu 700 Kilo wiegen, schafft 90 Kilometer in  der Stunde und schwimmt Tausende von Kilometern durch die Ozeane. So groß wird der „Ferrari unter den Fischen“ heute allerdings kaum mehr, weil er meist vorher auf den Tellern landet. Auch vermehren kann er sich nur noch selten, weil er selten das fortpflanzungsfähige Alter von fünf Jahren erreicht.  Weltweit gibt es nur zwei Laichgebiete für ihn: im Golf von Mexiko und rund um die Balearen. In der Laichzeit im Mai und Juni warten dort schon die Fischer auf ihn.

Die Rede ist vom Roten Thunfisch. Seine Zukunft ist mehr als ungewiss – wieder ein Beispiel dafür, wie Rücksichtslosigkeit und Gier gerade die Naturressourcen zerstören, die wir besonders schätzen. Was selten ist, wird teuer, und was teuer ist, verspricht gute Geschäfte. Also wird ausgebeutet, solange es noch etwas auszubeuten gibt. In den letzten zwanzig Jahren sind die Bestände um 80 Prozent zurückgegangen. Der WWF schätzt, dass der früher häufige Fisch bis 2012 aus dem Mittelmeer verschwunden sein wird. „Die Thunfisch-Industrie ist auf dem besten Wege, sich selbst zu Tode zu fischen“, heißt es bei Greenpeace.

In der Massenhaltung

Nicht nur die technisch hochgerüsteten Fangflotten mit Hubschrauber-Unterstützung, die von der EU massiv subventioniert wurden, und die Piratenfischerei, die sich um keine Fangquoten kümmert, bedrohen den Thunfisch, und nicht nur ihn. Haie, Delfine und Meeresschildkröten fallen den brutalen Fangmethoden zum  Opfer. Das Mittelmeer, früher eines der produktivsten Gewässer, droht heute zum „toten Meer“ zu werden.

Auch die Thunfisch-Farmen, die sich überall an den Küsten des Mittelmeers angesiedelt haben, tragen dazu bei. Da die Tiere auf die Laichgebiete angewiesen sind, kann man sie nicht wie Lachse züchten. Vielmehr sperrt man Jungfische ein, um sie zu mästen, wie Schweine im Massenstall, bis sie eine lukrative Größe erreicht haben. Um ein Kilo zuzulegen, brauchen sie zwanzig Kilo Futterfisch, Heringe, Makrelen und Sardinen.

Es gibt acht Thunfischarten, und der größte und wirtschaftlich interessanteste ist der Rote Thun, auch Blauflossen-Thun genannt, der im Mittelmeer und im Ostatlantik zu Hause ist.  Sein rötliches Fleisch war schon immer beliebt bei den Verbrauchern, besonders bei den Japanern, die den rohen Fisch zu Sushi  verarbeiten. Japan ist nach wie vor der größte Abnehmer der Thunfisch-Industrie. Nachdem die reichen Bestände bei Australien zusammengebrochen waren,  hat sich das Interesse auf das Mittelmeer verlagert. Auf dem Fischmarkt in Tokio werden bis zu 500 Euro für das Kilo gezahlt, und die Nachfrage wächst weiter. Inzwischen hat sich die Sushi-Mode in Europa verbreitet, und auch die Chinesen scheinen auf den Geschmack zu kommen. Sollte dort ein neuer riesiger Markt entstehen, käme das Ende schneller, als alle Prognosen es vorhersagen.

Konferenzen und kein Ende

Es gibt halbherzige Versuche, durch Fangquoten die restlichen Bestände noch zu retten. 2007 lag die offizielle Quote bei 27 500 Tonnen, aber die International Commission for the conservation of Atlantic Tunas (ICCAT), eine Tochter der FAO, schätzt die illegalen Fänge auf 61 000 Tonnen. Auf ihrer jährlichen Konferenz in Recife, an der 48 Staaten teilnahmen, wollte die ICCAT ein völliges Fangverbot erreichen. Gut überwacht und über Jahre durchgehalten, wäre das eine Chance für den Thun gewesen. Dass daraus nichts wurde, lag vor allem am Widerstand der EU, die die Fangflotten aufgerüstet und die Thunfischfarmen mit 26 Millionen Euro subventioniert hatte. Ebenso wenig waren die dringend nötigen Einschränkungen für die Laichzeit durchzusetzen. Alles, worauf man sich einigen konnte, war eine Senkung der Quote auf 13 500 Tonnen im Jahr. Die Umweltverbände glauben nicht, dass damit der Rote Thun gerettet werden kann.

Nur eine Handelsware?

Bei dem Poker um Quoten, Schutzgebiete und Fangverbote geht es nur um die Frage, wie die Geldquelle aus dem Meer jetzt und in Zukunft weiter sprudeln kann. Artenschutz und Nachhaltigkeit sind eher Vokabeln für Sonntagsreden.  Wer außer den Naturschutzverbänden spricht schon davon, dass der Rote Thun um seiner selbst willen geschützt werden muss? Hoffnung machen allein die Boykottaufrufe, denen nicht nur viele Verbraucher, sondern zunehmend auch Händler und Restaurantbesitzer folgen. Vorbildlich das Fürstentum Monaco. Dort, wo der Fischfang zur Tradition gehört,  gibt es nirgends mehr Thunfisch zu kaufen, und Fürst Albert II. setzt sich persönlich für einen Handelsboykott ein. In London riefen 31 Stars zum Boykott des Luxusrestaurants Nobu auf, weil dort Roter Thunfisch serviert wurde.

Und wie steht es bei uns? Wie viele Restaurants und Handelsketten verzichten auf Thunfisch und begründen das gegenüber den Kunden?  Denken wir daran: Sushi ist nicht lebenswichtig, Artenvielfalt schon.

Marianne Weno

Oktober 2009: König ohne Land

Oktober 2009: König ohne Land

König ohne Land

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden,
dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Rainer Maria Rilke: „Der Panther“

Panther gibt es im Zirkus Krone nicht, aber King Tonga, den weißen Löwen. In seinem kleinen Gehege an der Clayallee läuft er monoton hin und her. Er ist das „Zugpferd“ des Zirkus Krone, der zurzeit in Berlin gastiert und heftigen Streit ausgelöst hat. Der Berliner Tierschutzbeauftragte Dr. Klaus Lüdcke  möchte Wildtiere ganz aus dem Zirkus verbannen; Umweltsenatorin Katrin Lompscher unterstützt ihn darin, aber die rechtlichen Möglichkeiten sind begrenzt, solange es keine bundesweite Regelung gibt. Allenfalls könnten die Bezirke sich weigern, ihre Plätze an einen Zirkus zu vermieten. Für den Fall eines Verbotes droht Krone Berlin mit rechtlichen Schritten, wie schon zuvor gegen andere Städte. Gegen die Tierschutzorganisation Peta, die dem Unternehmen Tierquälerei vorgeworfen hat,  läuft bereits eine  Klage wegen „übler Nachrede“. 

„Artgerecht“ ist unmöglich

Dabei geht es nicht um schlechte oder etwas bessere Haltungs-bedingungen. Sicher hat Krone, der größte Zirkus Deutschlands, andere Möglichkeiten, die Tiere vergleichsweise ordentlich zu behandeln als ein kleiner Familienzirkus. Vielmehr geht es darum, dass es überhaupt nicht möglich ist, Wildtiere in einem Zirkus artgerecht zu halten. Tiere, die in Freiheit täglich große Strecken laufen würden, verbringen viel Zeit ihres Lebens unterwegs in kleinen Transportfahrzeugen. An den wechselnden Standorten vegetieren sie oft in engen Käfigen. Bären leiden schwer unter der Sommerhitze, Löwen unter der Kälte im Winter. Tiere, die von Natur aus in Rudeln leben, werden einzeln gehalten. Die Dressurmethoden mögen heute nicht mehr so brutal sein wie früher – aber nach wie vor werden die Tiere mit zweifelhaften Mitteln gezwungen, Dinge zu tun, die ihrem Wesen fremd sind.

Überholte Tradition

Wilde, exotische Tiere im Zirkus vorzuführen, zur Belustigung oder zum Nervenkitzel – das ist ein Erbe der Kolonialzeit. Die Vorstellung, man dürfe sich ohne Rücksicht am natürlichen Reichtum anderer Kontinente bedienen, sollte Vergangenheit sein wie die „Kolonialwarenläden“. Damals wussten die Menschen in Europa wenig darüber, wie Löwen und Elefanten in Freiheit leben. Spätestens Bernhard Grzimeks Film „Serengeti darf nicht sterben“ aus dem Jahr 1959 dürfte einen Bewusstseinswandel eingeleitet haben. Einem breiten Publikum wurde allmählich klar, dass jenseits unseres Horizontes eine fremde, faszinierende Tierwelt existiert. Immer mehr Fernreisende können heute Elefanten, Löwen und Giraffen in freier Wildbahn beobachten. Kann es sein, dass jemand, der so etwas mit offenen Augen erlebt hat, in einer Manege noch Elefanten sehen möchte, die Kopfstand machen, Affen, die Fahrrad fahren, oder Löwen, die durch brennende Reifen springen? Wollen wir wirklich den Kindern ein so verzerrtes Bild vermitteln: große, starke Tiere, die den Menschen wie Sklaven gehorchen?

Tatsächlich sehen viele Menschen heute die Tierdressuren kritisch. Die Erfolge von Zirkusunternehmen, wie dem Cirque du Soleil, Flic Flac und dem chinesischen Staatszirkus, die auf Tiere verzichten, sprechen dafür ebenso wie die heftigen Diskussionen, die Demonstrationen  und  Proteste gegen das Krone-Gastspiel in Berlin.

Andere Länder sind uns voraus

Eigentlich sollten wir schon weiter sein. Seit 2002 steht der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz. Geholfen hat das den Zirkustieren genauso wenig  wie Schweinen in den Massenställen. 2003 hatte der Bundesrat das Verbraucherschutzministerium aufgefordert, einen Gesetzentwurf zum Verbot von Wildtieren im Zirkus vorzubereiten. Solche Gesetze gibt es schon in Österreich, Dänemark, Schweden und Finnland, das konsequenteste neuerdings in Bolivien. Bei uns hat der Antrag  die rot-grüne und die schwarz-rote Regierung überdauert. Bis auf ein paar Anhörungen ist nichts passiert.  In dem  zuständigen Ministerium sieht man das Grundrecht auf Berufsfreiheit gefährdet. Bisher haben nur einige Städte, wie Heidelberg und Chemnitz, die Auftrittsmöglichkeiten für Wildtiere eingeschränkt.

Solange die Politik nichts weiter tut, um das absurde Treiben unter den Zirkuskuppeln zu beenden, kann nur der Appell an ein aufgeklärtes Publikum helfen. Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel sagt, mit jeder Karte für einen Zirkus, der Wildtiere vorführt, finanziere man Tierqual. Mehr noch: Die Tiere, die hier gezeigt werden, sind in der Freiheit fast alle bedroht.  Wir brauchen Wissen über sie,  ihre Lebensräume und die Möglichkeiten, sie zu schützen – und kein Naturverständnis von vorgestern.

Marianne Weno

September 2009: Wie man den Souverän entsorgt

September 2009: Wie man den Souverän entsorgt

Wie man den Souverän entsorgt

Entsorgung" ist eine Wortschöpfung des Atomzeitalters. Das Epizentrum, von dem aus sich der Begriff verbreitete, war vermutlich das Niedersachsen des Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Er wollte 1977 zum Retter der Atomindustrie aufsteigen und plante bei Gorleben ein Atommüll-Endlager mit Wiederaufarbeitungsanlage. Das Ganze nannte er Entsorgungspark". Ein schönes Wort, das idyllische Vorstellungen weckt: Man lustwandelt in einem blühenden Park und alle Sorgen entschwinden. Leider wollten die Bürger ihre Sorgen lieber behalten und protestierten so lange, bis der Ministerpräsident schweren Herzens erklären musste, das schöne Projekt sei politisch nicht durchsetzbar". Übrig blieb bis heute der Dauerstreit um das Endlager im Salzstock Gorleben.

Wenn man einen Fisch entgrätet, befreit man ihn von seinen Gräten. Wenn man ein Auto entrostet, befreit man es vom Rost. Wenn wir heute davon reden, dass wir Altpapier und Plastikmüll entsorgen, ist das gegen alle Sprachlogik, denn in Wahrheit entsorgen wir uns selbst, das heißt, wir befreien uns von unseren Sorgen. Die halten sich allerdings in Grenzen, wenn es um Altpapier geht.

Flugzeug ohne Landebahn

Ganz anders beim Atommüll. Nachdem es mit dem schönen Park nicht geklappt hat, konnte die Politik bisher weder sich selbst noch uns durch ein schlüssiges Konzept  von den Sorgen befreien. Das kann bis heute niemand auf der Welt. Die Ratlosigkeit in dieser Frage führte zu absurden Vorschlägen. Mal wollte man das strahlende Zeug ins Weltall schießen, dann in der Antarktis lagern. Der Vergleich der Atomenergie mit einem Flugzeug, das losfliegt, obwohl es weit und breit keine Landebahn gibt, stimmt immer noch. Wer kann sich einbilden, dass sich hochradioaktiver Müll eine Million Jahre sicher aufbewahren lässt, obwohl die Erde immer in Bewegung ist, und dass die dann lebenden Menschen - falls es sie noch gibt - über unsere Hinterlassenschaften informiert werden können? Eine Million Jahre - so lange ist es her, dass unser Vorfahr, der Homo erectus, lebte - und was wissen wir von ihm? Vorläufig steht das Zeug, das niemand in seiner Nähe haben will, in oberirdischen Zwischenlagern herum. Auch kein schöner Gedanke.

Tricks und Täuschungen

Also versucht man, uns zu entsorgen, indem man verschweigt, was uns Sorgen machen könnte. Das Volk ist zwar der Souverän, aber der muss nicht alles wissen. Er musste nicht wissen, dass das Salzbergwerk Asse, offiziell zum Versuchslager erklärt, inoffiziell längst als Endlager genutzt wurde - mit den bekannten Folgen. Er musste nicht wissen, dass in das von der DDR übernommene Endlager Morsleben Wasser eindringt. Er musste nicht wissen, dass Gorleben nicht nur erkundet, sondern dass dort klammheimlich mit dem Ausbau zum Endlager begonnen wurde. Er musste nicht wissen, dass 1983 die Regierung Kohl die physikalisch-technische Bundesanstalt anwies, ein Gutachten zu ändern, in dem Bedenken gegen Gorleben geäußert wurden. 50 Jahre lang wurde in Deutschland Atommüll produziert, ohne eine Ahnung, wohin damit. Zurzeit kommen immer noch 500 Tonnen pro Jahr hinzu.

Jetzt gibt es fast täglich neue Enthüllungen: über Morsleben und die einsturzgefährdete Asse II, wo dreimal so viel Plutonium lagert, wie bisher zugegeben. Wir erfahren von Tricks und Täuschungen im Zusammenhang mit Gorleben und einer verheerenden Kumpanei von Politikern einiger Parteien mit der Atomwirtschaft. Das Magazin Kontraste berichtete, dass Bundeskanzlerin Merkel in den neunziger Jahren, damals als Umweltministerin, schon über die Risiken der Asse Bescheid wusste - ohne zu reagieren. Jetzt zeigt sich, was wir lange geahnt haben: dass die Atomkraft-Befürworter in all den Jahren ein riesiges Lügengebäude aufgebaut haben, um uns und damit sich selbst zu entsorgen".

Das Problem ist nur: Je munterer sich unsere Politiker entsorgen, umso mehr Sorgen müssen wir uns machen. Wer also entsorgt uns? Das müssen wir wohl selbst tun.

Vielleicht ist Wahltag auch Entsorgungstag.

Marianne Weno

August 2009: Weg mit den Gänseblümchen?

August 2009: Weg mit den Gänseblümchen?

Weg mit den Gänseblümchen?

Es gibt eine Richtigstellung zur Kolumne am Ende der Seite.

Eine Szene im Gartencenter: Die Kundin fragt nach Unkrautvernichter. Sie will die Gräser zwischen den Platten ihrer Garagenauffahrt beseitigen. Der Verkäufer stellt ihr eine Packung hin und erwähnt beiläufig, dass Herbizide nach dem Berliner Naturschutzgesetz nur für Landwirtschaft und Gartenbaubetriebe erlaubt sind. „Dann haben wir eben einen Gartenbaubetrieb“. erklärt die Frau und bekommt das Mittel – so wie alle anderen Kunden auch. Das Gesetz ist sinnvoll, aber wirkungslos.

Kein Kraut ist Unkraut

Viele Gartenbesitzer pflegen inzwischen naturnahe Gärten - ohne Chemie, mit einheimischen Pflanzen, unter denen auch Wildkräuter ihren Platz haben. Die Berliner BUND-Gruppe Südwest zeichnet solche Gärten aus, und es werden immer mehr. Aber nach wie vor sieht man in den Gärten  Rasenflächen, auf denen kein einziges Gänseblümchen wächst. Ein Zeichen, dass hier der verbotene Rasendünger mit Unkrautvernichter gestreut wurde. Und man kann ordnungsliebende Menschen beobachten, die die schmalen Grünstreifen am Straßenrand mit Hilfe der Chemie in „englischen Rasen“ verwandeln. Darauf angesprochen, erklärt ein solcher Zeitgenosse: „Das sieht doch scheußlich aus mit dem ganzen Unkraut. Sogar Brennnesseln wachsen da…“  Dass mit den Brennnesseln auch Pfauenaugen und viele andere Schmetterlingsarten verschwinden würden, davon weiß er nichts.

Die Berliner Stadtreinigung geht mit schlechtem Beispiel voran: Seit 2004 bekämpft sie unerwünschtes Grünzeug auf den Straßen  mit dem Totalherbizid Roundup ultra. Protesten von Umweltschützern begegnet das Unternehmen mit dem Argument, bei sachgerechter Anwendung gelange das Mittel nur auf die Pflanzen, nicht in den Boden oder ins Grundwasser. Nur, an der immer „sachgerechten“ Anwendung gibt es Zweifel. Und was geschieht bei einem Regenguss?

Aus der konventionellen Landwirtschaft sind Herbizide kaum mehr wegzudenken. Vor allem im Getreide-, Raps- und Zuckerrübenanbau werden die Mittel gespritzt, damit die Erntemaschinen keinen bunten Krautsalat einfahren. Das ist – neben der Überdüngung - eine Ursache dafür, dass Tier- und Pflanzenarten nirgends so stark zurückgegangen sind wie in den intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaften. Die farbenfrohen Ackerwildkräuter früherer Zeiten, wie Sommeradonisröschen, Kornblume, Kamille und Ackerrittersporn, stehen auf der Roten Liste in den Kategorien „ausgestorben“ oder „vom Aussterben bedroht“. Mit ihnen verschwinden auch zahlreiche Insektenarten, die dann wieder als Nahrung für die Jungvögel fehlen. Wie immer ist auch hier die ganze Nahrungskette betroffen.

Ein Riesengeschäft

Pro Jahr werden zwischen 10. 000 und 15. 000 Tonnen Herbizide auf deutschen Äckern verteilt. Früher war das meist gebrauchte Mittel Atrazin von Ciba-Geigy, das 1986 ein großes Fischsterben im Rhein verursachte. 1991 wurde es verboten, aber noch bis heute lässt es sich überall im Boden und im Grundwasser nachweisen. Nachfolger als Weltmarktführer ist Roundup von Monsanto mit dem Wirkstoff Glyphosat. Es galt lange als harmlos, obwohl  immer wieder beobachtet wurde, dass es Regenwürmer, Spinnen und Insekten schädigt. 2005 erschien eine Studie der Universität Pittsburg, die Roundup für das weltweite Amphibiensterben zumindest mitverantwortlich macht.

Bei Menschen, die mit dem Mittel in Berührung kamen, wurden schon länger Haut- und Lungenkrankheiten beobachtet. Am 9. Juli berichtete das Magazin „Kontraste“ von neuen Untersuchungen an der Universität Caen, die ergaben, dass Zellen von menschlichen Embryonen schon bei 100.000-facher Verdünnung von Roundup absterben. Strittig ist nur, ob der Wirkstoff Glyphosat oder ein anderer Bestandteil des Mittels schuld ist. Seitdem häufen sich die Forderungen, Roundup zu verbieten, aber bisher erfolglos. Für eigene Untersuchungen hat Verbraucherschutzministerin Aigner kein Geld. Sie beruft sich auf Studien, die der Konzern selbst geliefert hat, wenn sie sagt: „Gründe für die Versagung der Zulassung... sind auf dieser Basis nicht gegeben.“

Stadtnatur schützen

Heute sind die Städte mit ihren Grünanlagen und Gärten Rückzugsgebiete für viele Tier- und Pflanzenarten, die aus der freien Landschaft verschwunden sind. Wenn wir nicht lernen, ein bisschen wildes Grün zu ertragen, wird auch diese Chance für den Naturschutz verspielt. Deshalb sollten Herbizide im Garten und auf den Straßen ebenso tabu sein wie das Wörtchen „Unkraut“. 

Marianne Weno

Ergänzung und Berichtigung zur Kolumne des Monats August 2009

Liebe Leser/innen meiner Kolumne,
die August-Kolumne enthielt bedauerlicherweise einen Fehler. Das Naturschutzgesetz Berlin wurde 2006 novelliert, dabei ist u. a. der Passus entfallen, der den Gebrauch von Herbiziden außerhalb erwerbsgärtnerisch genutzter Flächen, z. B. in privaten Gärten, verbietet. Die Anwendung von Herbiziden auf Wiesen, auf Feldrainen, auf ungenutztem Gelände und auf Flächen mit krautigem Wildwuchs ist laut Berliner Naturschutzgesetz weiterhin verboten. Auch Bäume, Gebüsche, Ufervegetation oder ähnlicher Bewuchs dürfen auf diese Weise nicht beseitigt werden.

Weitere Beschränkungen für die Verwendung von Herbiziden können in Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten sowie in Wasserschutzgebieten bestehen. Auch die Pachtverträge von Kleingartenanlagen auf landeseigenen Grundstücken verbieten die Anwendung von Herbiziden.
Grundsätzlich ist das Pflanzenschutzgesetz bei der Verwendung von Herbiziden zu beachten. Demnach dürfen Pflanzenschutzmittel auf Freilandflächen nur angewandt werden, soweit diese landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt werden. Ein Anwendungsverbot besteht dagegen z. B. für Wege und Plätze in Gärten, Terrassen, Hofflächen, sonstige Außenanlagen wie Parkplätze, Einfahrten und Zufahrten zu Grundstücken, Bürgersteige und Straßenland.

Für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln auf den genannten Flächen ist eine Genehmigung des Pflanzenschutzamtes Berlin erforderlich. Schließlich dürfen im Haus- und Kleingartenbereich Pflanzenschutzmittel nur angewandt werden, wenn sie mit der Angabe „Anwendung im Haus- und Kleingartenbereich zulässig" gekennzeichnet sind.
Aktuelle Informationen zum Thema Pflanzenschutzmittel
sind auf der Internetseite des Pflanzenschutzamtes zu finden.

Für Gartenbesitzer ist außerdem das Merkblatt „Informationen über die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln in Klein-, Haus-, Siedler- und sonstigen Gärten“ von Interesse.

Juli 2009: Wer hat das Schwein erfunden?

Juli 2009: Wer hat das Schwein erfunden?

Wer hat das Schwein erfunden?

Den „größten organisierten Raubzug der Geschichte“ nennt es Greenpeace. Übertrieben ist das nicht, denn große Konzerne, wie Monsanto, versuchen, durch Patente auf Nutzpflanzen und Tiere die Agrarmärkte weltweit in den Griff zu bekommen. Das gilt nicht nur für gentechnisch veränderte Sorten und Rassen. Zunehmend versuchen diese Unternehmen auch, sich konventionell gezüchtete Lebewesen anzueignen. Sollte das in großem Stil gelingen, dann wäre Landwirtschaft, wie wir sie kennen, in Zukunft höchstens noch in Nischen möglich.

Über Jahrtausende haben die Bauern Tiere und Pflanzen frei gezüchtet, sie an Klima und Bodenverhältnisse angepasst  und damit jene Vielfalt geschaffen, die heute existiert. Mit ihrem traditionellen Wissen und natürlichen Mitteln haben sie Schädlinge und Krankheiten bekämpft. Heute strecken die Unternehmen auch nach solchen Verfahren die Hände aus.  So wollte die Firma Grace sich den Wirkstoff  des Neem-Baumes patentieren lassen, den die indischen Bauern von jeher als Insektizid nutzen. Nach Protesten aus Indien musste das Europäische Patentamt (EPA) in München das schon erteilte Patent zurückziehen.  

Rechtlich gesehen, können nur Erfindungen patentiert werden, keine Entdeckungen. Aber die schwammige Biopatentrichtlinie 98/44 der EU aus dem Jahr 1998 lässt Hintertüren offen. So berufen sich die Antragsteller darauf, dass die Ergebnisse herkömmlicher Züchtung nur genutzt werden können, weil sich durch neue Verfahren das Potenzial bestimmter Gene  herausfinden lässt.

Der Brokkoli-Fall

Der Trick ist immer der gleiche. 2002 hatte das EPA der Firma Bio Science ein Patent auf eine herkömmlich gezüchtete Brokkolisorte erteilt, die einen erhöhten Anteil von krebshemmenden Senfölen (Glucosinolaten) enthält.  Die Firma hatte ein Verfahren entwickelt, mit dem sich das entsprechende Gen auffinden lässt. Dafür beantragte sie ein Patent. Dagegen wäre kaum etwas einzuwenden, aber das Absurde daran ist, dass auch die Ergebnisse geschützt werden sollen, also das Saatgut, alle Brokkoli-Pflanzen, die das entscheidende Gen enthalten, und die daraus hergestellten Produkte.

Obwohl es damals schon etliche Patente auf konventionelle Züchtungen gab, erregte der Fall öffentlich Aufsehen und führte zu einem Verfahren bei der Großen Einspruchskammer des EPA, das bis heute nicht abgeschlossen ist. Daraus könnte ein Präzedenzfall werden, der über das Thema „Patent auf Leben“ entscheidet.

Das patentierte Schwein

Das gleiche gilt für den jüngeren und wohl spektakulärsten Fall: das „Schweinepatent“. Das EPA hatte es einem US-amerikanischen Unternehmen erteilt, das mit Monsanto zusammenarbeitet. Es bezieht sich auf ein Gen, das dafür sorgt, dass Ferkel schneller wachsen und besseres Fleisch liefern. Das ist natürlich keine neue „Erfindung“, sondern kommt bei allen  Schweinerassen vor. Das „Verdienst“ von Monsanto liegt in der Methode, mit dem sich diese Gene aufspüren lassen. Geschützt werden soll auch hier nicht nur das Verfahren, sondern auch das Ergebnis, also die Tiere, die mit seiner Hilfe gezüchtet wurden, und all ihre Nachkommen. Das heißt, für jedes Schwein, das dieses Gen besitzt, könnte der Patentinhaber Lizenzgebühren verlangen. Wie in den USA und Kanada könnten bald „Patentsheriffs“ ausschwärmen, um bei Schweinezüchtern Gentests zu veranstalten und Gebühren zu kassieren. Auch dagegen läuft ein Einspruchsverfahren, das in diesem Jahr entschieden werden soll.

Die Politik bewegt sich

Allmählich, sehr spät, kommt die Einsicht, dass die Folgen dieser Entwicklung für die Welternährung so unabsehbar wie bedrohlich sind. In den letzten Wochen gab es zum Thema einen Runden Tisch  im Landwirtschaftsministerium und auf Antrag von Bündnis 90/Die Grünen eine Anhörung in den zuständigen Ausschüssen des Bundestages. Neben Greenpeace fordern Wissenschaftler und Kirchenvertreter, der Deutscher Bauernverband, der Deutsche Tierschutzbund und zahlreiche andere Gruppen und Verbände, dass die unklare EU-Richtlinie überarbeitet wird und alle Patente auf Lebewesen verboten werden.
In den nächsten Monaten könnten die Weichen gestellt werden, für eine Zukunft, in der die freie Züchtung Allgemeingut bleibt, oder für eine Landwirtschaft in der Hand von Monsanto & Co.

Kommt der patentierte Mensch?

Patente auf menschliche Gene, auf embryonale Zellen und Organtransplantate gibt es schon. Noch ist es ein Gedankenspiel: Wird man sich bald zum Beispiel ein musikalisch hochbegabtes Kind bestellen können und müssen dafür dann lebenslang und für alle Nachkommen Lizenzgebühren gezahlt werden?  Greenpeace hat schon einmal beim EPA einen Patentantrag auf eine genetisch fundierte Auswahl von Politikern gestellt. Vielleicht wäre das die Lösung?

Marianne Weno

Juni 2009: Artenschutz – wo sitzen die Bremser?

Juni 2009: Artenschutz – wo sitzen die Bremser?

Artenschutz – wo sitzen die Bremser?

Das Interesse der Wähler an Europa hält sich offenbar in Grenzen. Beim Thema EU fallen den meisten Leuten Stichworte ein wie das Ende der Glühbirne oder die schon legendäre „Krümmung der Gurke“. Die wenigsten durchschauen die komplizierten Verflechtungen mit der nationalen Gesetzgebung und die Einflüsse der Brüsseler Bürokratie auf unseren Alltag. Lange galt die EU als „Ökobremser“, der umweltschädliche Projekte fördert, und teilweise gibt es die Meinung auch noch heute. Inzwischen ist jedoch einiges geschehen. Am Beispiel Artenschutz zeigt sich, dass die Bremser eher in den Mitgliedsstaaten sitzen – Deutschland nicht ausgenommen.

Ein großes Projekt

„NATURA 2000“, ein Netz von Schutzgebieten, das in Brüssel konzipiert und in den einzelnen Staaten mehr oder weniger gut umgesetzt wurde, soll die vielfach bedrohte Natur schützen. Ein großes und notwendiges Projekt, denn der Rückgang von Tier- und Pflanzenarten  nimmt  immer erschreckende Ausmaße an. „Der Artenverlust ist eine ebenso große Gefahr und ebenso besorgniserregend wie der Klimawandel“, sagt Umweltkommissar Stavros Dimas. Während Wissenschaftler die Verluste an Biodiversität in fast unvorstellbare Geldsummen umrechnen, ist bei den meisten Menschen die Botschaft noch nicht richtig angekommen, dass wir mit dem Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören.

 Das Projekt „NATURA 2000“ begann 1979 mit der Vogelschutzrichtlinie, die von den Mitgliedsländern verlangte, „Special Protection Areas“ nach den Vorschlägen von BirdLife International für gefährdete Vogelarten  einzurichten. 1992 folgte die FFH-Richtlinie (FFH = Flora-Fauna-Habitat), die nicht nur Vögel, sondern die Lebensräume aller gefährdeten Tier- und Pflanzenarten schützen sollte. Es dauerte allerdings lange, bis die Staaten ihre Schutzgebiete nach Brüssel gemeldet hatten. Deutschland war dabei kein Vorreiter. 2007 musste die EU-Kommission erst mit einer Klage drohen, um die Einrichtung der Vogelschutzgebiete voranzubringen.

Lobby ist überall

Natürlich gab es Widerstände aus Industrie, Land- und Forstwirtschaft. Immer wieder forderten Interessengruppen, wie  Bauern- und Forstbesitzerverbände, Industrie- und Handelskammern sowie konservative Europaabgeordnete, die Naturschutzrichtlinien nachzubessern oder möglichst ganz abzuschaffen. Dabei sind wirtschaftliche Aktivitäten in den Schutzgebieten durchaus erlaubt. Es muss nur vorab geprüft werden, ob sie sich mit den Schutzzielen vertragen.  Dennoch verkündete Hessens Ministerpräsident Koch 2007, kein Industriestaat könne sich derartige Naturschutzauflagen leisten. Höhepunkt war dann eine Bundesratsinitiative von Hessen und NRW mit dem Ziel, Schutzgebiete nur noch dort zuzulassen, wo keine wirtschaftlichen Interessen von Landwirten, Waldbesitzern, Bergbauunternehmen oder Kommunen im Wege stünden. Schutzgebiete also als Resteverwertung unrentabler Flächen. Die Initiative wurde im Bundesrat angenommen, von der Bundesregierung jedoch abgelehnt.

Laubfrösche – wozu?

Das heißt jedoch nicht, dass die Artenvielfalt hierzulande blüht und gedeiht. Eine Zauberformel gibt es noch, mit der sich Naturschutz in Luft auflösen lässt. Sie heißt „zwingende Gründe des öffentlichen Interesses“. Solche Gründe muss Brüssel akzeptieren, zähneknischend, wie man vermuten darf. Mit ihrer Hilfe wurden schon etliche wertvolle Schutzgebiete ruiniert. Erinnern wir uns an das letzte große Süßwasserwatt Mühlenberger Loch, das dem Airbus A 380 zum Opfer fiel. Der dafür von Brüssel geforderte Ausgleich ist bis heute, nach acht Jahren, nicht zustande gekommen. Denken wir an das Vogelschutzgebiet Peenetal, das jetzt von der Ostsee-Autobahn durchschnitten wird, und an die Lacomaer Teiche bei Cottbus mit Hunderten von Laubfröschen und vielen anderen streng geschützten Arten, die für den Braunkohletagebau abgebaggert wurden. Das „überwiegende öffentliche Interesse“ bestand hier aus dem Profit für Vattenfall. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Heute, nach dreißig Jahren, sind 17 Prozent der Landfläche der EU „NATURA 2000“-Gebiete, in Deutschland immerhin 14 Prozent. Damit ist „NATURA 2000“ eines der größten Naturschutzprojekte weltweit. Eine große Leistung, wenn man die Widerstände bedenkt. Aber auch ein großer Erfolg?

2001 hatten sich die europäischen Länder verpflichtet, den Artenrückgang bis 2010 zu stoppen. 2006 wurde in einem Aktionsplan der EU dieses Ziel bestätigt. Inzwischen ist klar, dass es nicht annähernd erreicht werden kann. Im Gegenteil, die Naturzerstörung ist fast ungebremst weitergegangen. Im April diesen Jahres berief Umweltkommissar Stavros Dimas deshalb eine Konferenz zur Artenvielfalt in Athen ein. Dort musste er einräumen, dass es trotz einzelner Erfolge keine Trendwende gegeben hat. Das Ergebnis der Beratungen: ein Acht-Punkte-Plan, der die Politik für die Artenvielfalt verbessern soll. So will man künftig auch Meeresschutzgebiete ausweisen.  Ein Schwerpunkt: die Informationspolitik muss viel mehr Verständnis für ein Thema wecken, das alle Menschen betrifft, auch wenn das bisher nur wenige wahrhaben wollen.

Ein Hinweis zur Europawahl:  Die EU ist nicht nur für die Gurkenkrümmung zuständig!

Marianne Weno

Mai 2009: Halali mit Nebenwirkung

Mai 2009: Halali mit Nebenwirkung

Halali mit Nebenwirkung

Das Reh ist erlegt, der pflichtbewusste Jäger hat einen Spaten dabei und vergräbt die Innereien, „Aufbruch“ genannt, im Waldboden. Wenig später haben Wildschweine alles wieder ausgegraben. Allerdings haben sie nicht lange Freude daran, denn ein hungriger Seeadler macht sich über die Reste her. Leider bekommt es ihm schlecht, denn in den Eingeweiden des Rehs stecken noch Teile der Bleimunition, die sich in seinen scharfen Magensäften auflösen. Er stirbt an Bleivergiftung. Ohne auf den streng geschützten Greifvogel zu schießen, hat der Jäger ihn dennoch mit seiner Munition „zur Strecke gebracht“. Vier der rund 500 Seeadler, die es noch in Deutschland gibt, sind in den letzten Wochen allein in der Berliner Tierklinik an dem Gift verendet, zehn seit September vorigen Jahres.

Blei im Braten

Wir wissen, dass Blei ein gefährliches Gift ist, das Mensch und Tier bedroht. Deshalb fahren
wir längst mit bleifreiem Benzin und haben die Wasserrohre in den Altbauten ausgetauscht. Die Polizei verzichtet weitgehend auf Bleimunition. Nur die Jäger verteilen pro Jahr 120 000 Kilogramm Blei in der Landschaft. Dort tötet es vor allem die Greifvögel, die angeschossenes oder totes Wild fressen. Das Gift gelangt auch in den Boden und schließlich ins Grundwasser. Und es landet mit dem Reh- oder Wildschweinbraten auf unseren Tellern. Auf einer Tagung zum Thema „Bleivergiftungen bei Seeadlern“ *)  erfuhr man Überraschendes: Wild, das mit Bleimunition geschossen wurde, ist durch und durch von „Bleinebel“ verseucht. Es genügt nicht, wie bisher den Schusskanal auszuschneiden. Bei Stichproben in Supermärkten wurde Wildschweinfleisch gefunden, bei dem die Grenzwerte um das Zehntausendfache überschritten waren. Blei reichert sich im Körper an und schädigt das Nervensystem. Besonders bei Kindern führt das Gift zu Entwicklungsstörungen. Der Bundesjagdverband wiegelt ab: Schließlich würden die Bürger durchschnittlich nur 800 Gramm Wild pro Jahr essen. Aber wie sieht es in den Familien der Jäger aus, und wie bei denen, die gern und oft Wild essen, auch als Alternative zum Fleisch aus dem Massenstall?

Über Verbote wird schon lange diskutiert. Einige Bundesländer haben Bleimunition für die Jagd über Wasserflächen untersagt, weil Wasservögel Schrotkörner als „Magensteinchen“ aufnehmen. Ein generelles Verbot, wie es die Umweltverbände fordern, wurde bisher nicht erreicht. Jagdverbände und Munitionshersteller berufen sich auf einen lange zurückliegenden Unfall in Franken, bei dem ein Jäger durch ein abprallendes, angeblich bleifreies Geschoss getötet wurde, und behaupten, es gebe keine sichere Alternative. Die ZEIT berichtet dagegen, „die Munition war... nicht bleifrei, sie wurde umgehend vom Markt genommen“.  Die Jäger verlangen immer neue Untersuchungen und zögern damit eine Entscheidung hinaus. Dabei haben andere Länder vorgemacht, dass es durchaus ohne Blei geht. In Kalifornien wurde es verboten, um den Kondor zu schützen, ebenso auf der japanischen Insel Hokaido, wo die Riesenseeadler zu Hause sind.

Noch eine Chance für Adler & Co?

Nach dem Tod des letzten Berliner Seeadlerweibchens vom Tegeler See war die Diskussion wieder in Gang gekommen. Besonders der Naturschutzbund NABU engagiert sich gegen die unnötige Giftbelastung der Natur. Nach den neuen Informationen über vergiftetes Wildfleisch dürften sich nun auch Leute Gedanken machen, denen das Schicksal der Greifvögel eher gleichgültig ist. Gegen die Jagdverbände mit einigen hunderttausend Mitgliedern gab es bisher allerdings keine Chance für Adler & Co. Über die Motive der Jagdlobby lässt sich spekulieren. An den paar Cent Mehrkosten für die bleifreie Munition kann es kaum liegen. Aber die Jäger treiben viel Aufwand, um das Wild zu päppeln und zu hegen, auch auf Kosten des Waldes, damit es sich kräftig vermehrt und die Jagd sich lohnt. Manche Tiere, zum Beispiel Fasane, werden extra gezüchtet und gemästet, um sie  dann auszusetzen und den Jägern vor die Flinte zu treiben.  Greifvögel werden vor allem als Jagdkonkurrenten gesehen. Nicht nur See- und Schreiadler, sondern auch Bussarde, Habichte, Milane und andere Arten gelten als „Raubzeug“, weil sie auf die gleiche Beute aus sind und auch gern einmal so einen fetten Fasan erbeuten. Ohne ordentlichen Jägern falsche Motive zu unterstellen die Trauer über einen toten Adler dürfte sich in Grenzen halten. Es gibt auch schwarze Schafe unter den Jägern, die mit verbotenen Fallen  gegen die unbeliebten Vögel vorgehen oder die Horste zerstören.

Die Zeit der Jäger und Sammler ist vorbei

Die Tradition der Jagd reicht zurück bis in die Zeit der ersten Menschen. Damals sicherte sie das Überleben. In Sagen und Mythen der Jahrhunderte spielt der „Waidmann“ eine  wichtige Rolle. Heute könnten wir wohl auf ihn verzichten. Die Hälfte aller Deutschen lehnt die Jagd ab, bei den Frauen sind es zwei Drittel. Die Jäger wären gut beraten, etwas gegen ihr schlechtes Image zu tun. Dazu würde unter anderem die Entscheidung gehören, künftig kein Gift mehr in der Natur zu verteilen.

Marianne Weno

*) Bleivergiftungen bei Seeadlern: Ursachen und Lösungsansätze“, Tagung am 16. April

im Harnack-Haus. Veranstalter: das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung im Forschungsverbund Berlin e.V. und die Forschungsstelle für Umweltpolitik der FU.

April 2009: Alles Schrott?

April 2009: Alles Schrott?

Alles Schrott?

Letzten Mittwoch gab es mal eine erfreuliche Nachricht: Die Regierung, hieß es, habe beschlossen, aus der Abwrackprämie eine echte Umweltprämie zu machen und sie künftig auch für Fahrräder zu zahlen. Die Besitzer eines schrottreifen Drahtesels freuten sich, aber leider zu früh. Es war der erste April, und der Scherz stammte vom Verkehrsclub Deutschland und dem BUND.

Auch zum Scherzen aufgelegt muss wohl die Regierung gewesen sein, als sie den Anreiz zum Verschrotten alter Autos „Umweltprämie“ nannte. Denn was die 2500 Euro, die so zur Konjunkturbelebung unter die Leute gestreut werden, mit Umweltschutz zu tun haben, das fragen sich viele, auch wenn sie freudig nach dem unerwarteten Wahlgeschenk greifen und sich einen hübschen Neuwagen vor die Tür stellen. 

Im Ausland ist man weiter

Hätte man die Prämie an strenge Abgas- und Feinstaubwerte gebunden, wie es das Umweltbundesamt fordert, dann hätten sich wohl noch mehr Leute für ausländische Autos entschieden. Schon heute zeigt sich, dass vor allem Dacia, Daihatsu und Hyundai profitieren, weil sie in Sachen Umweltfreundlichkeit am weitesten sind. Das war wohl nicht gerade das, was die Erfinder der fabelhaften „Umweltprämie“ sich vorgestellt hatten. 

Viele der alten Autos, die heute in der Schrottpresse enden, hatten gar keine schlechten Abgaswerte. Es handelt sich meist um Kleinwagen, denn beim Preis der großen Schlitten fällt die Prämie kaum ins Gewicht, und sie bringen auch beim Verkauf meist mehr als 2500 Euro ein. Wer aber einen VW Polo von 1999 hatte und jetzt einen neuen kauft, spart vielleicht einen Liter auf 100 km. Wer fragt schon danach,  wie viel Energie die Herstellung eines Neuwagens kostet? Die Antwort: im Durchschnitt 3 Tonnen Rohöl bei einem CO2-Ausstoß von 1,7 Tonnen. Da müsste man das Auto schon 20 Jahre lang fahren, damit sich die Benzineinsparung für die Umwelt rechnet.  Von den Rohstoff-Ressourcen, die durch die massenhafte Verschrottung verloren gehen, ist noch kaum die Rede. Aber VW wirbt ungeniert mit dem Satz: „Umweltbewusstsein wird jetzt prämiert“

Neue Räder braucht das Land

Die Umweltverbände, die Deutsche Umwelthilfe DHU und der VCD wenden sich gegen die Mogelpackung Umweltprämie, die einseitig den Autoverkehr und die Autoindustrie fördert. Der VCD hat dazu aufgerufen, per Internet die Prämie für Fahrräder oder Bus- und Bahntickets zu beantragen. Als einige tausend Leute dem Vorschlag folgten, gab es beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) schon einmal  ein Chaos. Die Behörde drohte dem VCD mit Klagen und Schadenersatzforderungen. Bald darauf brach im BAFA jedoch die Internet-Verbindung ganz zusammen, unter dem Ansturm der echten Antragsteller, die Angst hatten, die letzte Chance zu verpassen, denn noch ist unklar, ob und wie die Aktion „Umweltprämie“ verlängert wird. Der VCD sagt: „Wir lassen uns den öffentlichen Protest nicht verbieten.“ Am 25 März bauten Aktive einen Haufen alter Schrottfahrräder vor dem Bundeskanzleramt auf und forderten eine echte Umweltprämie.

Ein Leben nach der Prämie?

Weil die ganze Aktion "Abwrackprämie" wenig durchdacht und schlecht geplant war, wurden in der ersten Runde viele der angeblich verschrotteten alten Kisten exportiert, vorzugsweise nach Osteuropa oder Afrika, wo sie das Klima weiter ungestört belasten dürfen. Ist ja nicht unser Problem - oder?
 
Dass der Sturm auf die Prämie viele Leute in Schwierigkeiten bringt, das ist wieder eine andere Geschichte. Die politischen Magazine im Fernsehen haben ihr Thema: Sie zeigen Reparaturbetriebe und Gebrauchtwagenhändler, bei denen plötzlich Flaute herrscht, und Schrotthändler, die klagen, dass die Preise in den Keller fallen. Autobauer und  Neuwagenhändler freuen sich, aber wahrscheinlich zu früh, denn nach der Prämie, wenn die Halden geräumt und die Straßen voll sind,  könnte der Katzenjammer kommen. Aber dann sind ja die Wahlen vorbei.

Marianne Weno

März 2009: Schweinswal und Mäuseöhrchen

März 2009: Schweinswal und Mäuseöhrchen

Schweinswal und Mäuseöhrchen

Im Juli werden wir wissen, ob die UNESCO den Nationalpark Wattenmeer zum Weltnaturerbe erklärt. Es wäre das zweite in Deutschland nach der Fossiliengrube Messel und stünde auf einer Stufe mit dem Great Barrier Reef und den Galapagos-Inseln. Weltnaturerbestätten sind „einzigartige Naturlandschaften, deren Untergang ein unersetzlicher Verlust für die gesamte Menschheit wäre. Sie zu schützen ist Aufgabe der Völkergemeinschaft.“ Ob das gelingt oder ob wirtschaftliche Interessen für ein Desaster sorgen werden?

An der Einzigartigkeit gibt es keinen Zweifel. Es geht um das mit einer Million Hektar größte zusammenhängende Wattgebiet weltweit. An Artenvielfalt wird es nur von den tropischen Regenwäldern übertroffen. Pflanzen und Tiere, die es allein hier gibt, finden sich in den zeitweise überfluteten Bereichen ebenso wie auf den Halligen und Sandbänken und den Salzwiesen der Landseite, wo rund fünfzig bunt blühende, salztolerante  Pflanzen wachsen.

2500 Tierarten

Eine Fülle von Muscheln und Krebstieren findet sich hier, darunter Herzmuschel und Miesmuschel, die allerdings immer mehr von der eingewanderten pazifischen Auster verdrängt werden. Das Mäuseöhrchen, eine kleine Schnecke, die nur auf den Salzwiesen lebt,  wurde zum Weichtier des Jahres 2008 erklärt. Strandkrabben und Nordseegarnelen gibt es reichlich. Viele Fischarten nutzen das Wattenmeer als Kinderstube. 10 Millionen Wat- und Wasservögel finden hier Nahrung in Fülle, um zu rasten oder zu überwintern. In diesem Teil der Nordsee gibt es noch Schweinswale, die sonst stark zurückgegangen sind. Auf den Sandbänken kann man Seehunde und Kegelrobben beobachten.

Die Vorgeschichte

Eigentlich geht es um drei Nationalparks: das schleswig-holsteinische, niedersächsische und hamburgische Wattenmeer. Dazu kommt ein niederländischer Teil. 1985 erklärte zunächst Schleswig-Holstein seinen Teil zum Nationalpark. 1986 folgte Niedersachsen und 1990 Hamburg. Heute gelten die drei Teile als „der Nationalpark“.

Natürlich gibt es Widerstände, wie immer, wenn wirtschaftliche Interessen im Spiel sind.  Dennoch wurden die Nationalparkgesetze verabschiedet und mehrfach nachgebessert. Jagd und kommerzielle Fischerei sind verboten. „Nullnutzungszonen“ wurden eingeführt, in denen gar keine menschlichen Aktivitäten stattfinden dürfen. Die Geschwindigkeit von Schiffen und Booten ist begrenzt.  Dagegen wird sanfter Tourismus nach dem Gesetz ausdrücklich gefördert.

2008 beschlossen Schleswig-Holstein und Niedersachsen, das Gebiet bei der UNESCO anzumelden. Die Niederlande schlossen sich mit ihrem Teil an. Hamburg – gerade jetzt frisch gekürte „europäische Umwelthauptstadt“ – klinkte sich aus, weil es um die geplante Elbvertiefung fürchtete.

Grünes Licht?

Es gibt noch viele Fragezeichen. Das Wattenmeer ist keine heile Naturschutzwelt. Was passiert, wenn der Meeresspiegel steigt? Wird es das Wattenmeer in seiner jetzigen Form und mit seinen vielen Arten dann noch geben? Schon heute ist es von verschiedenen Seiten bedroht.  Die südliche Nordsee ist eine stark befahrene Schifffahrtstraße. Bei der Havarie der „Pallas“ 1998 bei Amrum liefen  600 Tonnen Öl ins Meer. Die größte Gefahr geht jedoch von dem Öl aus, das unter dem Meeresboden liegt. Seit 1987 wird es auf der Bohrinsel „Mittelplate A“ nahe der Vogelinsel Trischen gefördert. Es läuft durch eine unterirdische Pipeline zum Festland. Diese Bohrinsel gibt als sehr sicher und soll bestehen bleiben. Weitere Bohrinseln darf es nicht geben.  Aber die RWE Dea hat fünf Probebohrungen im Watt  beantragt. Weil klar ist, dass die UNESCO weitere Ölförderung nicht akzeptieren könnte, hegt die Landesregierung in Kiel den absurden Plan, Enklaven für die Bohrungen und mögliche Förderung aus dem Antragsgebiet herauszunehmen. Kaum denkbar, dass ein solcher Trick die UNESCO günstig stimmt.

Klima- contra Artenschutz

Auch was der Umwelt nützen soll, führt hier zu großen Schäden. Im Nationalpark wird es zwar keine Offshore-Windparks geben, aber die geplanten Anlagen außerhalb des Gebietes müssen durch Kabel mit dem Festland verbunden werden. Einen Vorgeschmack gab es im Herbst 2008, als Eon-Netz die Kabel für „Alpha Ventus“, den ersten geplanten deutschen Windpark, verlegte. Auf vier Kilometern zwischen Hilgenriedersiel und Norderney, in einem streng geschützen Bereich,  wurde der Wattboden aufgerissen und zerwühlt. Aus den genehmigten 30 Zentimetern wurden zwei Meter breite Gräben. Die lärmenden Arbeiten begannen noch während der Brutzeit und endeten nicht, wie geplant, mit Beginn des Vogelzuges.  Bis 2013 sollen weitere Kabel zu den geplanten Windparks verlegt werden. Umweltschützer im „ Wattenrat“ glauben, dass dann nichts mehr übrig bleibt, was sich zu schützen lohnt.

Marianne Weno

Februar 2009: Phantompolitik

Februar 2009: Phantompolitik

Phantompolitik

Sicher, nicht alle Menschen sind Naturfreunde. Wir alle kennen Leute, die Natur überflüssig finden, soweit man sie nicht irgendwie nutzen, essen oder zu Geld machen kann. Sie haben noch nie einen Wiedehopf oder einen Feuersalamander in ihrer natürlichen Umgebung gesehen und vermissen sie auch nicht. Dass so viele Tiere und Pflanzen, die hier früher häufig waren, heute vom Aussterben bedroht sind, und dass die Natur zwischen Agrarlandschaft, Siedlungs- und Verkehrsflächen immer artenärmer und eintöniger wird, bemerken sie kaum. Die Interessen sind eben verschieden.

Wenn aber ein leibhaftiger Bundesminister so denkt oder wenn er meint, sich seinem Ressort zuliebe so äußern zu müssen, dann wird es wirklich gefährlich. Die Rede ist von Wirtschaftsminister Michael Glos, der seit Beginn seiner Amtszeit immer wieder durch drollige Sprüche aufgefallen ist - so wenn er zum Beispiel stolz erklärte, er habe zum Glück Leute, die für ihn das Internet bedienen könnten. Besonderen Eifer hat er bisher nur gezeigt, wenn es galt, für die Atomenergie zu werben. Unter anderem dafür hatte ihm der NABU den „Dinosaurier des Jahres 2008“ verliehen – für eine besonders vorsintflutliche Politik. Von den Problemen des  Artenschutzes scheint er nicht viel zu wissen. Vielleicht sollte er doch einmal ins Internet schauen.

Weg mit Feldhamster und Co.

Zum Beginn des neuen Jahres hatte er allerdings eine zündende Idee: Er entdeckte das „Phantomtier“. Dieses Wesen nimmt die Gestalt einer Haselmaus, eines Feldhamsters oder einer Mopsfledermaus an. Alle drei Arten sind nahe am Aussterben und daher streng geschützt. Da der Herr Minister selbst wohl noch nie einem solchen Tier begegnet ist, kam er zu dem Schluss, dass es nur von Umweltschützern erfunden sein könne, um wichtige Bauvorhaben zu verhindern. Jedermann könne „mit nicht nachgewiesenen Behauptungen“ über das Vorkommen solcher Spezies  „insbesondere Verkehrsinvestitionen“ blockieren. Wahrscheinlich dachte er daran, dass vor Jahren einmal eine Startbahnverlängerung am Frankfurter Flughafen durch den Feldhamster verzögert wurde. Um der Gefahr durch die gefährlichen „Trugbilder“ zu begegnen, fordert der Minister allen Ernstes, bei Verträglichkeitsprüfungen nach den EU-Richtlinien zu FFH- und Vogelschutzgebieten die Beweislast umzukehren. Das heißt, die Phantome (oder ihre Interessenvertreter) müssten beweisen, dass es sie gibt.

Goliath gewinnt fast immer

Was Glos beschleunigen möchte, sind Vorhaben, vor allem Straßen- und Flughafenbau sowie Industrieansiedlungen, die nach den EU-Richtlinien unzulässig sind, wenn sie in einem
FFH-Gebiet zu einer Verschlechterung der ökologischen Situation führen. Zum Trost für den Phantom-Minister sei gesagt: Die EU-Richtlinien sind ohnehin ein ziemlich stumpfes Instrument. Es gibt schließlich noch das „überwiegende öffentliche Interesse“, mit dem sich die Wünsche der Wirtschaft fast immer durchsetzen und auch wertvollste Gebiete ruinieren lassen. Wir erinnern uns an das vielfach geschützte Mühlenberger Loch, das dem Airbus A 380 weichen musste, und aus jüngerer Zeit an die Lacomaer Teiche bei Cottbus, die dem Braunkohle-Tagebau zum Opfer fielen, also dem „öffentlichen Interesse“ von Vattenfall. Die einzigartigen Populationen von seltenen, bedrohten Rotbauchunken, Laubfröschen und anderen Rote-Liste-Arten blieben auf der Strecke. Nächster Fall in Brandenburg wird der Ausbau des Sacrow-Paretzer Kanals werden.

Das Land wird zugebaut

Konzipiert wurden die FFH- und Vogelschutzrichtlinien der EU von 1992 „zur Erhaltung natürlicher Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen“. Sie sollten ein Netz zusammenhängender Schutzgebiete (Natura 2000) in Europa schaffen, um das Überleben bedrohter Arten zu sichern. Das war auch bitter nötig. In Deutschland sind 55 Prozent der Flächen Agrarland, in dem nur noch wenige Allerweltsarten überleben können, 29,5% Fortwirtschaftsflächen und 12,9 Prozent Siedlungs- und Verkehrsflächen. Täglich werden für Siedlung, Gewerbe und Verkehr 120 Hektar zugebaut. Ganze 3,5% sind Naturschutzgebiete. Der immer noch zunehmende Straßenbau zerschneidet Lebensräume. Obwohl der Bundestag 1998 im umweltpolitischen Schwerpunktprogramm beschlossen hatte, den Flächenverbrauch bis 2020 auf 30 ha pro Tag zu beschränken, geht diese Entwicklung weiter. Theoretisch könnte sie dazu führen, dass es in 80 Jahren hierzulande nur noch Siedlungs- und Verkehrsflächen gibt. Soweit wird es zwar nicht kommen, denn ein bisschen Landwirtschaft würde immer noch gebraucht, aber „zweckfreie“ Natur gäbe es dann nicht mehr. Die geistigen Nachfahren des Herrn Glos dürfte das allerdings kaum stören.

Marianne Weno

Januar 2009: Freiheit oder Klimaschutz?

Januar 2009: Freiheit oder Klimaschutz?

Freiheit oder Klimaschutz?

„Die künftigen Generationen werden sich wahrscheinlich ein wenig vergnügt darüber wundern, dass die hoch entwickelte Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts wegen der globalen Erhöhung der Durchschnittstemperatur um einige Zehntelgrad in Panik ausbrach.“
Der das schreibt, ist nicht irgendein Spinner, auch nicht der chronisch optimismusgeschädigte Autor Dirk Maxeiner, sondern der Präsident des EU-Landes Tschechien, Václav Klaus. In seinem Buch „Blauer Planet in grünen Fesseln“, Unterzeile „Was ist bedroht: Klima oder Freiheit?“ erklärt er die Erkenntnisse der Klimaforschung zur Ideologie, die uns hinter das Industriezeitalter zurückwerfen will.

Eine kuriose Veranstaltung

Im März trat Václav Klaus vor einem „illustren“ Forum in New York auf. Eingeladen hatte das Heartland-Institute zu einer Konferenz mit dem unverfänglichen Titel „International Conference On Climate Change“. Das Institut, das sich als gemeinnützig bezeichnet, vertritt vorrangig die Interessen von Branchen, die bereit sind, für die gewünschten Ergebnisse zu zahlen - so bisher zum Beispiel die Tabakindustrie. Die „Konferenz zum Klimawandel“ war eine Antwort auf den Bericht des Weltklimarates IPCC von 2007, der festgestellt hatte, die globale Erwärmung sei „nicht mehr zu bestreiten“ und „von Menschen verursacht“. Alle Aktivitäten, die sich gegen diese Erkenntnisse richten, werden von Öl- und Energiekonzernen großzügig gefördert. Exxon Mobile zahlte bis 2005 direkt mehr als eine halbe Milliarde Dollar an das Heartland Institute und unterstützt es heute indirekt über verschiedene Stiftungen. So konnte das Institut seinen Referenten großzügige Honorare anbieten, was bei wissenschaftlichen Konferenzen sonst nicht üblich ist. Überhaupt das Geld: Das American Enterprise Institute bietet 10 000 Dollar Honorar + Spesen für Artikel, die den UN-Bericht widerlegen. Sponsor auch hier wieder Exxon Mobile. 2006 forderte die Royal Society, die britische Akademie der Wissenschaften, den Konzern in einem Brief auf, keine Gruppen mehr zu unterstützen, die die Wissenschaft des Klimawandels unterminieren. Der Erfolg blieb natürlich aus.

Fundamentalisten, Populisten, Lobbyisten

Eine bunte Truppe hatte sich zu der Konferenz in New York eingefunden: Neben einigen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen Amateur-Klimatologen, Populisten und vor allem Interessenvertreter. Da war als Aushängeschild Yuri A. Izrael, einer der stellvertretenden Vorsitzenden des UN-Klimarates, der gesagt hatte, das Kyoto-Programm sei schädlich für die russische Wirtschaft und basiere auf „schlechter Wissenschaft“. Der Meteorologieprofessor Richard Lindzen erklärte Al Gore zu einer „Kombination aus Verrücktheit und Korruption.“ Vertreten waren auch christliche Fundamentalisten unter den Professoren, wie Roy Spencer und John Christy. Sie meinen, die Erde sei von Gott extra als passender Wohnort für die Menschheit eingerichtet worden, und daran könnten die Menschen selbst nichts ändern.

Die Sensation blieb aus

Die Konferenz und die Thesen, die dort vertreten wurden, vor allem als Medienspektakel geplant, verliefen ziemlich unbemerkt im Sande. Die Öffentlichkeit nahm die veranstaltung bestenfalls als bizarres Spektakel wahr. Dnnn Klimaskeptiker tauchen nicht bei seriösen wissenschaftlichen Tagungen auf und haben auch keine Chance, in Fachzeitschriften zu publizieren. Gelten sie doch eher als kuriose Sektierer. Ernsthafte Wissenschaftler finden es kaum der Mühe wert, sich mit ihren Thesen auseinanderzusetzen. Stefan Rahmstorf, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, nannte den Versuch, das CO2 freizusprechen, „offensichtlich schwachsinnig“.

Unsinn bringt Auflage

Allerdings gibt es auch bei uns eine Handvoll Journalisten und Schriftsteller, die es reizvoll und einträglich finden, gegen den Strom zu schwimmen. So der schon erwähnte Dirk Maxeiner, dessen Buch „Hurra, wir retten die Welt“ das ganze Klimaproblem zum Märchen erklärt, ebenso wie Kurt G. Blüchel mit „Der Klimaschwindel. Erderwärmung, Treibhauseffekt, Klimawandel - die Fakten“ und der Filmemacher Martin Durkin, dessen Film „Der Klimaschwindel“ im Juli bei RTL lief. Bei der Zeitung „Die Welt“ ist der Redakteur Ulli Kulke Spezialist für Klimafragen. Er sieht in der New Yorker Konferenz eine neue „Graswurzelbewegung gegen die Weltuntergangsprofeten“. Eine Graswurzelbewegung, finanziert von der Ölindustrie, das ist doch mal etwas ganz Neues. Was Václav Klaus und seine Mitstreiter wollen, ist „Freiheit“, nämlich die Freiheit, weiter ungebremst den Planeten zu plündern. Das Vergnügen künftiger Generationen dürfte sich dann in Grenzen halten.

Marianne Weno