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Marianne Weno
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Kolumne 2009
Dezember 2009: Schluss mit Sushi?
Dezember 2009: Schluss mit Sushi?
Schluss mit Sushi?
Er kann viereinhalb Meter lang werden, bis zu 700 Kilo wiegen, schafft 90 Kilometer in der Stunde und schwimmt Tausende von Kilometern durch die Ozeane. So groß wird der „Ferrari unter den Fischen“ heute allerdings kaum mehr, weil er meist vorher auf den Tellern landet. Auch vermehren kann er sich nur noch selten, weil er selten das fortpflanzungsfähige Alter von fünf Jahren erreicht. Weltweit gibt es nur zwei Laichgebiete für ihn: im Golf von Mexiko und rund um die Balearen. In der Laichzeit im Mai und Juni warten dort schon die Fischer auf ihn.
Die Rede ist vom Roten Thunfisch. Seine Zukunft ist mehr als ungewiss – wieder ein Beispiel dafür, wie Rücksichtslosigkeit und Gier gerade die Naturressourcen zerstören, die wir besonders schätzen. Was selten ist, wird teuer, und was teuer ist, verspricht gute Geschäfte. Also wird ausgebeutet, solange es noch etwas auszubeuten gibt. In den letzten zwanzig Jahren sind die Bestände um 80 Prozent zurückgegangen. Der WWF schätzt, dass der früher häufige Fisch bis 2012 aus dem Mittelmeer verschwunden sein wird. „Die Thunfisch-Industrie ist auf dem besten Wege, sich selbst zu Tode zu fischen“, heißt es bei Greenpeace.
In der Massenhaltung
Nicht nur die technisch hochgerüsteten Fangflotten mit Hubschrauber-Unterstützung, die von der EU massiv subventioniert wurden, und die Piratenfischerei, die sich um keine Fangquoten kümmert, bedrohen den Thunfisch, und nicht nur ihn. Haie, Delfine und Meeresschildkröten fallen den brutalen Fangmethoden zum Opfer. Das Mittelmeer, früher eines der produktivsten Gewässer, droht heute zum „toten Meer“ zu werden.
Auch die Thunfisch-Farmen, die sich überall an den Küsten des Mittelmeers angesiedelt haben, tragen dazu bei. Da die Tiere auf die Laichgebiete angewiesen sind, kann man sie nicht wie Lachse züchten. Vielmehr sperrt man Jungfische ein, um sie zu mästen, wie Schweine im Massenstall, bis sie eine lukrative Größe erreicht haben. Um ein Kilo zuzulegen, brauchen sie zwanzig Kilo Futterfisch, Heringe, Makrelen und Sardinen.
Es gibt acht Thunfischarten, und der größte und wirtschaftlich interessanteste ist der Rote Thun, auch Blauflossen-Thun genannt, der im Mittelmeer und im Ostatlantik zu Hause ist. Sein rötliches Fleisch war schon immer beliebt bei den Verbrauchern, besonders bei den Japanern, die den rohen Fisch zu Sushi verarbeiten. Japan ist nach wie vor der größte Abnehmer der Thunfisch-Industrie. Nachdem die reichen Bestände bei Australien zusammengebrochen waren, hat sich das Interesse auf das Mittelmeer verlagert. Auf dem Fischmarkt in Tokio werden bis zu 500 Euro für das Kilo gezahlt, und die Nachfrage wächst weiter. Inzwischen hat sich die Sushi-Mode in Europa verbreitet, und auch die Chinesen scheinen auf den Geschmack zu kommen. Sollte dort ein neuer riesiger Markt entstehen, käme das Ende schneller, als alle Prognosen es vorhersagen.
Konferenzen und kein Ende
Es gibt halbherzige Versuche, durch Fangquoten die restlichen Bestände noch zu retten. 2007 lag die offizielle Quote bei 27 500 Tonnen, aber die International Commission for the conservation of Atlantic Tunas (ICCAT), eine Tochter der FAO, schätzt die illegalen Fänge auf 61 000 Tonnen. Auf ihrer jährlichen Konferenz in Recife, an der 48 Staaten teilnahmen, wollte die ICCAT ein völliges Fangverbot erreichen. Gut überwacht und über Jahre durchgehalten, wäre das eine Chance für den Thun gewesen. Dass daraus nichts wurde, lag vor allem am Widerstand der EU, die die Fangflotten aufgerüstet und die Thunfischfarmen mit 26 Millionen Euro subventioniert hatte. Ebenso wenig waren die dringend nötigen Einschränkungen für die Laichzeit durchzusetzen. Alles, worauf man sich einigen konnte, war eine Senkung der Quote auf 13 500 Tonnen im Jahr. Die Umweltverbände glauben nicht, dass damit der Rote Thun gerettet werden kann.
Nur eine Handelsware?
Bei dem Poker um Quoten, Schutzgebiete und Fangverbote geht es nur um die Frage, wie die Geldquelle aus dem Meer jetzt und in Zukunft weiter sprudeln kann. Artenschutz und Nachhaltigkeit sind eher Vokabeln für Sonntagsreden. Wer außer den Naturschutzverbänden spricht schon davon, dass der Rote Thun um seiner selbst willen geschützt werden muss? Hoffnung machen allein die Boykottaufrufe, denen nicht nur viele Verbraucher, sondern zunehmend auch Händler und Restaurantbesitzer folgen. Vorbildlich das Fürstentum Monaco. Dort, wo der Fischfang zur Tradition gehört, gibt es nirgends mehr Thunfisch zu kaufen, und Fürst Albert II. setzt sich persönlich für einen Handelsboykott ein. In London riefen 31 Stars zum Boykott des Luxusrestaurants Nobu auf, weil dort Roter Thunfisch serviert wurde.
Und wie steht es bei uns? Wie viele Restaurants und Handelsketten verzichten auf Thunfisch und begründen das gegenüber den Kunden? Denken wir daran: Sushi ist nicht lebenswichtig, Artenvielfalt schon.
Marianne Weno
Oktober 2009: König ohne Land
Oktober 2009: König ohne Land
König ohne Land
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden,
dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.
Rainer Maria Rilke: „Der Panther“
Panther gibt es im Zirkus Krone nicht, aber King Tonga, den weißen Löwen. In seinem kleinen Gehege an der Clayallee läuft er monoton hin und her. Er ist das „Zugpferd“ des Zirkus Krone, der zurzeit in Berlin gastiert und heftigen Streit ausgelöst hat. Der Berliner Tierschutzbeauftragte Dr. Klaus Lüdcke möchte Wildtiere ganz aus dem Zirkus verbannen; Umweltsenatorin Katrin Lompscher unterstützt ihn darin, aber die rechtlichen Möglichkeiten sind begrenzt, solange es keine bundesweite Regelung gibt. Allenfalls könnten die Bezirke sich weigern, ihre Plätze an einen Zirkus zu vermieten. Für den Fall eines Verbotes droht Krone Berlin mit rechtlichen Schritten, wie schon zuvor gegen andere Städte. Gegen die Tierschutzorganisation Peta, die dem Unternehmen Tierquälerei vorgeworfen hat, läuft bereits eine Klage wegen „übler Nachrede“.
„Artgerecht“ ist unmöglich
Dabei geht es nicht um schlechte oder etwas bessere Haltungs-bedingungen. Sicher hat Krone, der größte Zirkus Deutschlands, andere Möglichkeiten, die Tiere vergleichsweise ordentlich zu behandeln als ein kleiner Familienzirkus. Vielmehr geht es darum, dass es überhaupt nicht möglich ist, Wildtiere in einem Zirkus artgerecht zu halten. Tiere, die in Freiheit täglich große Strecken laufen würden, verbringen viel Zeit ihres Lebens unterwegs in kleinen Transportfahrzeugen. An den wechselnden Standorten vegetieren sie oft in engen Käfigen. Bären leiden schwer unter der Sommerhitze, Löwen unter der Kälte im Winter. Tiere, die von Natur aus in Rudeln leben, werden einzeln gehalten. Die Dressurmethoden mögen heute nicht mehr so brutal sein wie früher – aber nach wie vor werden die Tiere mit zweifelhaften Mitteln gezwungen, Dinge zu tun, die ihrem Wesen fremd sind.
Überholte Tradition
Wilde, exotische Tiere im Zirkus vorzuführen, zur Belustigung oder zum Nervenkitzel – das ist ein Erbe der Kolonialzeit. Die Vorstellung, man dürfe sich ohne Rücksicht am natürlichen Reichtum anderer Kontinente bedienen, sollte Vergangenheit sein wie die „Kolonialwarenläden“. Damals wussten die Menschen in Europa wenig darüber, wie Löwen und Elefanten in Freiheit leben. Spätestens Bernhard Grzimeks Film „Serengeti darf nicht sterben“ aus dem Jahr 1959 dürfte einen Bewusstseinswandel eingeleitet haben. Einem breiten Publikum wurde allmählich klar, dass jenseits unseres Horizontes eine fremde, faszinierende Tierwelt existiert. Immer mehr Fernreisende können heute Elefanten, Löwen und Giraffen in freier Wildbahn beobachten. Kann es sein, dass jemand, der so etwas mit offenen Augen erlebt hat, in einer Manege noch Elefanten sehen möchte, die Kopfstand machen, Affen, die Fahrrad fahren, oder Löwen, die durch brennende Reifen springen? Wollen wir wirklich den Kindern ein so verzerrtes Bild vermitteln: große, starke Tiere, die den Menschen wie Sklaven gehorchen?
Tatsächlich sehen viele Menschen heute die Tierdressuren kritisch. Die Erfolge von Zirkusunternehmen, wie dem Cirque du Soleil, Flic Flac und dem chinesischen Staatszirkus, die auf Tiere verzichten, sprechen dafür ebenso wie die heftigen Diskussionen, die Demonstrationen und Proteste gegen das Krone-Gastspiel in Berlin.
Andere Länder sind uns voraus
Eigentlich sollten wir schon weiter sein. Seit 2002 steht der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz. Geholfen hat das den Zirkustieren genauso wenig wie Schweinen in den Massenställen. 2003 hatte der Bundesrat das Verbraucherschutzministerium aufgefordert, einen Gesetzentwurf zum Verbot von Wildtieren im Zirkus vorzubereiten. Solche Gesetze gibt es schon in Österreich, Dänemark, Schweden und Finnland, das konsequenteste neuerdings in Bolivien. Bei uns hat der Antrag die rot-grüne und die schwarz-rote Regierung überdauert. Bis auf ein paar Anhörungen ist nichts passiert. In dem zuständigen Ministerium sieht man das Grundrecht auf Berufsfreiheit gefährdet. Bisher haben nur einige Städte, wie Heidelberg und Chemnitz, die Auftrittsmöglichkeiten für Wildtiere eingeschränkt.
Solange die Politik nichts weiter tut, um das absurde Treiben unter den Zirkuskuppeln zu beenden, kann nur der Appell an ein aufgeklärtes Publikum helfen. Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel sagt, mit jeder Karte für einen Zirkus, der Wildtiere vorführt, finanziere man Tierqual. Mehr noch: Die Tiere, die hier gezeigt werden, sind in der Freiheit fast alle bedroht. Wir brauchen Wissen über sie, ihre Lebensräume und die Möglichkeiten, sie zu schützen – und kein Naturverständnis von vorgestern.
Marianne Weno
