Kolumne 2008

Dezember 2008: Die Lohas sind unter uns

Dezember 2008: Die Lohas sind unter uns

Die Lohas sind unter uns

Erinnern wir uns an die Anfänge der Bio-Welle: kleine, dunkle Läden, deren Wahrzeichen, der verschrumpelte Apfel, den Weg abseits vom bösen Konsumrausch signalisierte. An den Wänden Zettel mit handgeschriebenen Botschaften. Und die Kunden, an ihrem Outfit schon von Ferne erkennbar, wurden noch vor elf Jahren von einem Berliner Umweltsenator als Birkenstock- und Tofu-Generation verspottet, deren Zeit vorbei sei.

Heute erinnert kaum noch etwas an diese Anfänge. Die kleinen „Naturkostläden“ sind verschwunden, und in den Bio-Supermärkten drängen sich die Kunden, die von denen anderer Geschäfte äußerlich kaum mehr zu unterscheiden sind. Die Generation der bedingungslosen Öko-Pioniere gibt es immer noch, auch sie kaufen in den großen, hellen Bio-Läden ein, wo es längst keine verschrumpelten Äpfel mehr, dafür aber Tiefkühlpizza gibt. Sie fallen kaum mehr durch ihr Erscheinungsbild auf, aber fest steht, dass sie 44% der Kunden ausmachen. Und die übrigen 56 Prozent?

Eine interessante Zielgruppe
Also, wer kauft heute Bio ein und wechselt von Vattenfall zum Ökostrom-Anbieter? Könnte da eine neue Generation von konsequenten Umweltschützern und Weltrettern heranwachsen? Wäre es so, dann würde sich die Gesellschaft verändern, Politik und Medien könnten das Thema nicht mehr so lässig ignorieren. Es würde mehr aufgeklärt, gewarnt und appelliert. Und es wäre zunehmend peinlich, einen Geländewagen zu fahren oder nach Mallorca zu fliegen. Aber so ist es ja nicht. Die 56 Prozent im Bio-Supermarkt wollen nicht die Welt retten, sondern sich selbst etwas Gutes tun – und dabei gern auch etwas Sinnvolles unterstützen.

Natürlich gibt es ein neudeutsches Wort für das lange unbeachtete Phänomen: Lohas (abgekürzt aus „Lifestyle of Health and Sustainability“). Es bezeichnet zunächst einen Lebensstil, inzwischen aber auch die Personen, die ihn praktizieren, allgemein „Lohas-Affinen“ genannt. Es gibt auch schon Literatur* über sie, aber die meisten Leute können mit dem Wort nichts anfangen. Es ist unhandlich, man weiß nicht, ob es Einzahl oder Mehrzahl, männlich oder weiblich ist. „Lohas“ ist ein Marketing-Begriff, der eine wachsende Gruppe von interessanten Konsumenten bezeichnet. Für sie interessieren sich nun auch die Umweltverbände. Eine Studie im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zählt etwa 12,5 Millionen Haushalte dazu. Die Menschen, um die es hier geht, sind nach den Erkenntnissen der Konsumforscher eher unpolitisch, harmoniebedürftig, konservativ und ichbezogen, also das ganze Gegenteil der klassischen Ökos. Es sind unsere Nachbarn, die „Normalos“, die sich kaum näher klassifizieren lassen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie verhältnismäßig gut informiert sind und sich einen angenehmen Lebensstil leisten können. Sie demonstrieren nicht gegen Atomkraftwerke, sind nicht für Verzicht und gegen Konsum und Wachstum, Technik und Luxus, sondern versuchen, ihre Wünsche und Ansprüche, so gut es geht, mit Nachhaltigkeit zu verbinden – wenn es nicht zu unbequem oder zu kostspielig ist..

Nachhaltig zweiter Klasse?
Dem klassischen „Öko“ gefällt das alles nicht so recht. Die Lohas sind ihm zu wenig engagiert, nicht konsequent genug, sie denken zu wenig an die Zukunft der Menschheit, und sie versuchen nicht, andere zu überzeugen. Aber sie könnten mehr bewirken als alle engagierten Umweltschützer zusammen, einfach, weil sie so viele sind und immer mehr werden. Sie sorgen für den Boom der Bioläden und wohl bald auch für den Erfolg der Hybridautos. Wir werden durch sie nicht zu einem Volk von Radfahrern und Konsumverächtern, aber es wäre eine ganze Menge gewonnen, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung weniger und sparsamer Auto fahren, öfter Bio kaufen und auf den Stromverbrauch des neuen Kühlschrankes achten würde. Auch wenn das ganz entspannt und unideologisch geschieht. Deshalb – nur keinen Hochmut! In uns allen steckt auch ein Stückchen Lohas.

Marianne Weno

November 2008: Totgesagte leben länger

November 2008: Totgesagte leben länger

Totgesagte leben länger

Wir trennen fleißig unseren Müll und hoffen, dass ein möglichst großer Teil davon wieder verwendet wird, aber ein großer Rest bleibt doch immer übrig. Die Natur kann das besser: bei ihr wird alles wieder verwertet. Beispiel „Totholz“. Die Bezeichnung ist üblich, aber eigentlich grundfalsch. Besser spricht man von „Biotopholz“, denn in einem ganz oder teilweise abgestorbenen Baum wimmelt es von Leben. Eine große Baumruine kann so viele Bewohner haben wie eine Kleinstadt. Ungefähr 4.500 Pflanzen-, Tier- und Pilzarten, ein Drittel aller Waldbewohner, sind auf den Lebensraum Biotopholz angewiesen. In einem aufgeräumten Wald oder Park haben sie keine Chance. Je mehr Altholz aus den Wäldern herausgeholt wird, umso mehr Arten sind bedroht oder verschwinden ganz. Dazu gehören nicht nur Krabbeltiere wie Käfer, Spinnen und Ameisen, die uninformierte Besucher ziemlich kalt lassen, aber im Spektrum der Arten ihre wichtige Rolle spielen. Auch etliche Vogelarten und Säugetiere wie Fledermaus, Eichhörnchen und Siebenschläfer sind auf morsche Bäume als Speisekammer, Wohnraum oder Winterquartier angewiesen.

Bäume können sehr alt werden, und wenn ein großer Baum irgendwann abstirbt und nicht beseitigt wird, kann es je nach Art und Standort Jahrzehnte dauern, bis er endgültig zersetzt und verschwunden ist. In allen Stadien des Abbaus beherbergt er typische Lebensgemeinschaften, und am Ende wird das Holz wieder zu Humus und gibt dem Boden die Nährstoffe und Mineralien zurück, die der Baum vorher aufgenommen hat. Auch wenn der Baum nicht im Ganzen abstirbt, können durch Schneebruch, Sturm oder Blitz begrenzte Schadstellen entstehen. Sie werden schnell von Arten besiedelt, die an das Leben in diesem besonderen Biotop angepasst sind.

Nicht nur kribbel-krabbel
Wenn ein Pilz das Holz so weit zersetzt hat, dass den nächsten Bewohnern der Weg bereitet ist, dann siedeln sich zunächst Insekten, Spinnen und Schnecken darin an. Einige Arten ernähren sich auch von dem Holz, das der Pilz „vorverdaut“ hat. Das Holz wird weiter zersetzt und immer mehr Insektenarten finden sich ein. Sie wiederum bietet Spechten und anderen Insektenfressern reichlich Nahrung. Besonders beliebt sind Hohlräume in größeren Bäumen, zum Beispiel ausgediente Spechthöhlen, in denen andere Vogelarten nisten, aber auch Säugetiere wie Siebenschläfer, Fledermäuse, in feuchten Bereichen sogar Amphibien Unterschlupf finden. Die kleine Waldameise baut ihre Kolonien ausschließlich im Biotopholz, und mit ihnen zusammen leben dort 20 Käferarten. Das sind nur einige Beispiele für die vielfältigen Interessengemeinschaften und Symbiosen in diesem uns unbekannten Lebensraum. Je nach dem Stadium des Abbaus lösen sich die Bewohner ab.

Der Wald muss sich selbst ernähren
Entfernt man das Holz, dann verschwinden nicht nur viele Arten, sondern auch der Boden verarmt. Ein großer Teil der Waldschäden, gerade auf unseren Sandböden, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass immer weniger „Totholz“ Humus bilden und den Boden regenerieren kann. Bäume, die durch Stürme umgeknickt oder entwurzelt wurden, werden meist schnell beseitigt. In den letzten Jahren kommt die wachsende Nachfrage nach Holz für Heizungen und Kraftwerke hinzu. So wurden kürzlich für das Holzkraftwerk Eberswalde große Mengen an Biotopholz aus einem Naturschutz- und FFH-Gebiet entfernt, obwohl dort seltene und streng geschützte Käferarten wie Körnerbock und Eremit leben.

Ordnung oder Artenschutz?
Zurzeit kreischen in Parks, Gärten und Straßen wieder die Kettensägen. Dort gibt es viele alte Bäume, deshalb fällt auch viel „Totholz“ an und wird meist schnell beseitigt. Es gilt die „Verkehrssicherungspflicht“, das heißt, die Behörden müssen dafür sorgen, dass niemand durch umstürzende Bäume oder herabfallende Äste zu Schaden kommt. Außerdem beschweren sich Bürger gern, wenn es – außerhalb ihrer vier Wände – irgendwo „unordentlich“ aussieht. Aber es gibt Möglichkeiten, dennoch große Teile des wichtigen Altholzes zu bewahren. Man kann einzelne große Äste oder Teile der Kronen abnehmen und den Rest erhalten. Die wertvollsten Lebensräume bieten Bäume mit großen Schadstellen und teilweise erhaltener Krone. Sie sorgen dafür, dass Saft und Nährstoffe weiter fließen können. Müssen Bäume unbedingt gefällt werden, kann man drei bis fünf Meter hohe „Hochstubben“ stehen lassen. Damit sie besser aussehen, kann man sie mit Efeu oder wildem Wein begrünen. Auch sollte es Lagerplätze für „liegendes Biotopholz“ geben, wo möglichst große, unzersägte Stämme allmählich zerfallen können.

Weil die Lebenswelt im scheinbar toten Holz so unbekannt ist und zugleich so wichtig für den Artenschutz, hat eine Gruppe von Wissenschaftlern die AG Biotopholz gegründet. Gemeinsam mit der Stiftung Naturschutz bemüht sie sich, Verständnis und Interesse für das Thema zu wecken. Entwickelt wurde auch ein witziges Schild, das Käfer und Fledermaus samt Gepäck beim Einzug in die komfortable Wohnung zeigt, und auf den Wert alter, absterbender oder toter Bäume hinweisen soll. Das Motiv ist im Internet unter http://www.stiftung-naturschutz.de/kooperationen/biotopholz/ zu finden.

Betrachten wir also künftig die Baumveteranen in der Stadt mit anderen Augen.

Marianne Weno

Oktober 2008: Noch eine Chance für die Havel?

Oktober 2008: Noch eine Chance für die Havel?

Noch eine Chance für die Havel?

Es könnte eine fröhliche Beerdigung werden. Ein Projekt, das von Anfang an für den gesunden Menschenverstand erkennbar unsinnig war, aber von den Verantwortlichen hartnäckig verteidigt wurde, könnte jetzt sein letztes Stündlein erleben. Das entscheidende Wort sprechen vielleicht die Richter am Bundesverwaltungsgericht. Die Rede ist vom „Projekt 17 Deutsche Einheit“, das die letzten halbwegs natürlichen Flüsse hierzulande in „Wasserautobahnen“ verwandeln sollte. Elbe und Havel sollten von Hannover bis Berlin auf 55 Meter, in Kurven auf 72 Meter verbreitert und auf vier Meter vertieft werden, damit 110 Meter lange Großmotorgüterschiffe und 185 Meter lange Schubverbände dort aneinander vorbeifahren können. Die Havel war bisher in der Planung, aber der Ausbau hatte noch nicht begonnen. Jetzt drohte nach Abschluss des Planfeststellungsverfahrens der Baubeginn am Sacrow-Paretzer Kanal. Kosten 65 Millionen – mit schlimmen Folgen für Natur und Kulturlandschaft. Deshalb hat neben den Naturschutzverbänden nun auch Potsdam dagegen geklagt. Die Stadt sorgt sich um ihre Kulturdenkmäler und fürchtet, den Welterbestatus der UNESCO zu verlieren. Ein absinkender oder schwankender Wasserspiegel und der Wellenschlag der großen Schiffe könnten z. B. die Holzpfähle beschädigen, auf denen die Sacrower Heilandskirche steht. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten sieht auch Gefahren für das Maschinenhaus am Schloss Babelsberg und das Schloss Cecilienhof und für den Gesamteindruck der preußischen Welterbestätten.

16 Jahre und kein Ende
Vater des monströsen Vorhabens, das nach anfänglicher Planung 4,5 Milliarden DM kosten und ab 1992 innerhalb von 10 Jahren fertiggestellt werden sollte, war der erste Verkehrsminister des vereinigten Deutschland, Günther Krause. Nach seinem unrühmlichen Abgang 1993 haben fünf weitere Bundesverkehrsminister (Wissmann, Klimmt, Bodewig, Stolpe, Tiefensee) in 16 Jahren versucht, das Riesending voranzubringen – mit wenig Erfolg. Billiger ist es seitdem nicht geworden, aber die euphorischen Erfolgsprognosen der ersten Nachwendezeit, die zwischen 15 und 25 Millionen Tonnen Frachtaufkommen jährlich schwankten, sind inzwischen auf wackelige 5 Millionen gesunken. Die Realität dürfte noch ärmlicher aussehen. Heute rechnen die Planer mit ganzen zwei Großmotorgüterschiffen pro Tag und gar nur einem Großschubverband alle zehn Tage. Bei solchem „Gedränge“ muss natürlich Platz für Gegenverkehr geschaffen werden. Fast zeitgleich mit den Klagen wurde eine Studie der TU Hamburg-Harburg bekannt, die das Projekt für extrem unwirtschaftlich erklärt.

Hauptargument der Befürworter war von Anfang an, man müsse dem Klima zuliebe die Gütertransporte von der Straße auf das Wasser verlagern. Heute glaubt wohl kaum noch jemand, dass das Binnenschiff dem LKW nennenswert Konkurrenz machen könnte.

Umweltschützer und sämtliche Anliegergemeinden hatten sich von Anfang an gegen den Ausbau gewehrt. Schon 1992 entstand das „Aktionsbündnis gegen den Havelausbau“, an dem sich rund 30 Umweltverbände, Bürgerinitiativen und Parteien beteiligen. Es ist bis heute aktiv und hat schon einige der schlimmsten Planungssünden verhindert. Sollte jetzt die Klage um den Sacrow-Paretzer Kanal Erfolg haben, dann bedeutet das nicht zwingend das Ende des ganzen Projekts. Der Kanal ist eine Abkürzung, um den Havelbogen bei Potsdam zu umgehen. Denkbar wären auch andere Varianten. Aber Hoffnung gibt es: In den Verhandlungen könnten noch einmal alle Gegenargumente zur Sprache kommen und vielleicht bei den Verantwortlichen zum Umdenken führen.

Wie man eine Landschaft ruiniert
Der Ausbau des Kanals berührt ein ökologisch sensibles Gebiet. In den alten Bundesländern gibt es kaum mehr solche Flusslandschaften mit naturnahen Ufern, weil alle Flüsse längst begradigt, gestaut und eingemauert wurden. 800 bis 900 Bäume am Kanal sollen gefällt werden. Die Ufervegetation würde zerstört und wäre nicht wieder herzustellen, wenn die abgebaggerten Ufer durch Schotter oder Spundwände befestigt würden. Weil der Wasserspiegel sinkt, würden selten gewordene Biotope, wie Feuchtwiesen und Auwälder, austrocknen. Biber und Fischotter, Amphibien und Reptilien und bedrohte Vogelarten, wie Drossel- und Teichrohrsänger, verlören ihren Lebensraum. Die Fischbestände gingen zurück. Das Röhricht an der Berliner Havel, in den letzten Jahrzehnten für Millionen Euro renaturiert, würde zum großen Teil zerstört. Eine lebendige Flusslandschaft hätte keine Zukunft mehr.

Wie sich das alles auf den Berliner Wasserhaushalt auswirken würde, ist ungeklärt. Nach den Klimaprognosen wird es in Brandenburg trockener. Dr. Fred Hattermann vom Potsdaminstitut für Klimafolgenforschung fürchtet, dass die größeren Verdunstungsflächen nach dem Ausbau die Trockenheit noch verstärken werden. Das heißt auch, dass weniger Wasser in die Stadt gelangen und seine Qualität schlechter werden würde. Das Wasser, das wir trinken, stammt zum großen Teil aus Uferfiltrat der Havel.

Wem nützt das Ganze?
Warum, so fragen wir uns, hält die Politik an einer Planung fest, die längst von der Realität überholt wurde und so viel schwere und irreversible Schäden befürchten lässt? Wem nützt die Zerstörung einer fast einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft? Die Antwort: Sie nützt Wasser- und Tiefbaufirmen, Großreedereien und den Wasserstraßenneubauämtern, für die es bald keine Flüsse mehr auszubauen gibt. Und wer entscheidet? Nur zu oft wiegt das Wort der Interessenvertreter schwerer als das der gewählten Volksvertreter. Hoffen wir also auf die Richter.

Marianne Weno.

September 2008: Im Tal der Ahnungslosen

September 2008: Im Tal der Ahnungslosen

Im Tal der Ahnungslosen

Da hat also der SPIEGEL einen Anlass gefunden, Prinz Charles zum Dorftrottel zu erklären, wegen seiner Äußerungen zum Thema Grüne Gentechnik. Dorftrottel, ach was, „Wüterich" heißt es da, „ahnungslos", „präsenile Logorrhö" und – schlimmster Vorwurf – „Öko-Fundi". Zugegeben, die Äußerungen seiner Königlichen Hoheit, so, wie sie der SPIEGEL wiedergibt, zeugen nicht von besonders großem Sachverstand. Aber wie sieht es damit bei dem SPIEGEL-Autor* aus? „In Indien, China, Brasilien, Südafrika und den USA werden Genmais, Genbaumwolle oder Gensoja mit großem Erfolg angepflanzt ... ihr Verzehr hat nach allen bisherigen Hinweisen noch nicht einem einzigen geschadet." Wie ahnungslos muss man sein, um die Bedenken gegen eine Technologie, die so viele Facetten hat und zu neu ist, um ihre Folgen abschätzen zu können, mit einem einzigen Satz abzutun? Wer kann sicher sagen, dass transgene Pflanzen keine neuen Allergene enthalten, dass nicht durch Auskreuzungen Wildpflanzen verdrängt oder durch eingebaute Gifte in den Pflanzen Insektenarten ausgerottet werden? Beobachtet wurde schon jetzt, dass bei Schädlingen neue Resistenzen entstehen, gegen die wieder mehr Pestizide eingesetzt werden müssen. Und der „große Erfolg"? Er zeigt sich hauptsächlich in den Riesengewinnen und der Marktmacht der Saatgut- und Chemiekonzerne, wie Monsanto, Syngenta, Bayer und DuPont.

Erfolgreicher Einzelkämpfer
Dem Spiegel wäre ein Interview mit Percy Schmeiser zu empfehlen. Er erhielt 2007 zusammen mit seiner Frau Louise den Alternativen Nobelpreis für seinen Kampf gegen die berüchtigte Chemie- und Gentech-Firma Monsanto, die 90 Prozent des Marktes mit transgenem Saatgut beherrscht. Er hat erlebt, was Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg, eine „neue Form der Diktatur" genannt hat. Percy Schmeiser, Landwirt und Saatgutzüchter in Saskatschewan/Kanada, hatte auf konventionelle Weise eine erfolgreiche Rapssorte gezüchtet. 1997 entdeckten Späher von Monsanto auf einem seiner Felder Gen-Raps, der durch Pollenflug dort hingelangt war. Nicht nur, dass damit sein eigenes Saatgut und damit die Arbeit von Jahrzehnten verdorben war – Monsanto verlangte auch noch Lizenzgebühren. Nach zehn Jahren Rechtsstreit durch alle Instanzen verlor Monsanto teilweise: Schmeiser musste nicht zahlen. In einem zweiten Prozess wurde festgestellt, dass die Firma für die Verunreinigung seiner Felder verantwortlich war. Also ein Erfolg von David gegen Goliath? Inzwischen war es dem mächtigen Konzern jedoch gelungen, in Kanada wie in vielen anderen Ländern Landwirte von sich abhängig zu machen und viele Kleinbauern zu ruinieren. So soll es in Indien zahlreiche Selbstmorde von Baumwollfarmern gegeben haben, die die Gebühren nicht zahlen konnten, weil die versprochenen besseren Ernten ausblieben.

Die neuen Machthaber?
Anfang des Jahres war Percy Schmeiser auf Vortragsreise in Europa, im Januar auch in Deutschland. Was er über die Methoden der mächtigen Gentech-Konzerne, speziell über Monsanto, berichtete, sollte auch den hartnäckigsten Anhängern der Agro-Gentechnik, unter ihnen Forschungsministerin Schawan, zu denken geben. In Ländern, die transgenen Raps, transgene Soja und Baumwolle zum Anbau freigegeben haben, ist praktisch keine Koexistenz zwischen konventionellem und transgenem Saatgut mehr möglich, von Bio-Anbau ganz zu schweigen. Weil durch Pollenflug und Transporte praktisch alle Felder mit den patentierten Pflanzen des Konzerns verunreinigt und die Bauern dann – wie Schmeiser – zur Kasse gebeten werden, geben viele auf und schließen Verträge mit Monsanto. Das heißt, dass sie jedes Jahr Lizenzgebühren zahlen und immer wieder neues Saatgut kaufen müssen. Außerdem versucht Monsanto, alle anderen Saatgutfirmen aufzukaufen. Es könnte dazu kommen, dass von manchen Kulturpflanzen schließlich nur noch eine einzige Sorte existiert – für die Monsanto kassiert. An die Informationen über kontaminierte Felder kommt der Konzern durch eine Art Geheimdienst; angeblich soll es 75 hauptsamtliche Gen-Spione geben. Darüber hinaus werden Bauern durch Druck oder Prämien verpflichtet, ihre Nachbarn zu bespitzeln. Um zu beweisen, dass ihre Errungenschaften die Hungerkrise überwinden können, fließen große Summen von Monsanto und anderen Gentech-Firmen an Universitäten und Forschungsinstitute, die dann die gewünschten Ergebnisse liefern. Im Verhältnis zum Staat zeigt sich, was auch bei uns immer mehr zum Problem wird: Die Macht der Konzerne entscheidet über die Gesetzgebung. In Brüssel und Berlin tummeln sich die Lobbyisten. Besonders aus den USA wird Druck gemacht. So forderte George D. Bush in gewohnter Schlichtheit die Europäer auf, mithilfe der Gentechnik den Hunger in Afrika zu beenden. In Europa und besonders in Deutschland ist der Widerstand groß. Die Verbraucher wollen kein „Gen-Food". Die Umweltverbände und das gen-ethische Netzwerk warnen und klären über die Risiken auf. Sie befürchten Folgen für die Artenvielfalt und wollen den erfolgreichen Bio-Anbau schützen. In der Politik gibt es zwei Lager. Vor allem die CDU-regierten Länder und die FDP möchten die Agro-Gentechnik fördern. Bis jetzt hat Monsanto bei uns erst einen Fuß auf dem Boden: mit der Maissorte Mon 810, die ihr eigenes Gift gegen den Maiszünsler produziert. Während er in sechs europäischen Ländern nach wie vor verboten ist, wird dieser Mais in Deutschland angebaut, unter halbherzigen Haftungsregeln und nicht immer zur Freude der Bauern, da Gen-Tech-Gegner gelegentlich die Felder „befreien". Wie es weitergeht, wird vermutlich bei den anstehenden Wahlen entschieden.

Monsantos nächstes Ziel ist übrigens das patentierte Gen-Schwein.

Marianne Weno

  • Marco Evers: „Tirade der Ignoranz“. DER SPIEGEL 34/08

August 2008: Bedrohte Riesen

August 2008: Bedrohte Riesen

Bedrohte Riesen

Junichi Sato und Toru Suzuki sind zwei japanische Greenpeace-Mitarbeiter. Sie wurden am 20. Juni in der Stadt Aomori festgenommen und saßen 26 Tage in Untersuchungshaft, bevor sie gegen Kaution freigelassen wurden. Jedoch müssen sie immer noch mit drei Jahren Gefängnis rechnen. Der Vorwurf: Sie hätten eine Kiste mit Walfleisch gestohlen. Tatsächlich hatten sie die Kiste im Wert von ca. 3.000 US-Dollar sichergestellt und der Staatsanwaltschaft übergeben, um einen Fall von organisiertem Diebstahl aufzuklären. Etwa 93 solcher Kisten waren von Walfängern von Bord geschmuggelt worden, um sie zu verkaufen. Sie stammten aus dem „wissenschaftlichen“ Walfang, auf dem Japan besteht und den es ständig auszuweiten versucht. Die Regierung duldet diese offenbar übliche Praxis, und die Ermittlungen gegen die Walfänger wurden schnell eingestellt.

Vergiftete Steaks
Der Skandal ereignete sich kurz vor der internationalen Walfangkonferenz, die vom 23. bis 27. Juni in Santiago de Chile stattfand. Veranstalter war die Internationale Walfangkommission (IWC). Sie hatte 1982 ein weltweites Moratorium für den kommerziellen Walfang beschlossen. Seitdem gibt es Streit um Ausnahmeregelungen, und die IWC ist weitgehend machtlos gegen die Interessen der Walfang-Befürworter. Japan kämpft ständig gegen das Moratorium und wirbt überall um Unterstützer. Bisher betreibt das Land in großem Umfang angeblich wissenschaftlichen Walfang. Norwegen und Island haben Vorbehalte angemeldet und ignorieren einfach das Verbot. Seit 1982 haben diese drei Nationen mehr als 24 000 Großwale getötet. Einzig greifbares Ergebnis der Konferenz war denn auch, dass der Antrag Dänemarks abgelehnt wurde, den Grönländern den Fang von 10 Buckelwalen pro Jahr zu erlauben. Nichts beschlossen wurde zum dringend notwendigen Schutz der Kleinwale. Bei all dem scheint es unbegreiflich, dass der Handel mit Walfleisch immer noch floriert, denn es ist vielfach derart mit Quecksilber, Cadmium, DDT und PCB vergiftet, dass es eigentlich als Sondermüll entsorgt werden müsste.

Wunder der Evolution
Wale sind die größten Tiere, die je gelebt haben. Ihre Vorfahren haben sich vor etwas 40 Millionen Jahren von Land- zu Meeresbewohnern entwickelt. 35 Meter lang werden die Blauwale und immerhin noch 18 Meter die Pottwale. Diese Riesen sind vielfach bedroht, ebenso wie die Kleinwale und Delfine. Wir Menschen sind ihre einzigen wirklichen Feinde, und so effektiv wie wir arbeiten, haben wir viele Walarten an den Rand des Aussterbens gebracht, direkt durch die Jagd und indirekt durch Vergiftung und Verschmutzung der Meere, durch militärisches Sonar, Klimaerwärmung und dadurch, dass unzählige Kleinwale in den Netzen der industriellen Fischerei ertrinken. Delfine werden außerdem noch häufig gefangen, um sie in Delfinarien vorzuführen.

78 Walarten kennt man insgesamt. Die IWC schätzt, dass es ursprünglich etwa 200 000 südliche Blauwale, 350 000 Finnwale und 120 000 Buckelwale gab. Heute sind die Bestände auf 20 Prozent und weniger zurückgegangen. Der atlantische Grauwal ist bereits ausgerottet. Selbst wenn nicht mehr gejagt würde, könnten sich die Populationen nur langsam erholen, denn die Großwale haben höchstens alle zwei Jahre ein Junges, manche Arten auch nur alle fünf Jahre.

Welche Bedeutung die Wale im Ökosystem haben und was ihr Rückgang bedeutet, lässt sich schwer abschätzen. Das Verschwinden einer Art wirkt sich immer auf viele andere aus. Ein Beispiel: Wissenschaftler sind überzeugt, dass viele Bereiche der Tiefsee nur besiedelt werden können, weil Walkadaver, die auf den Grund sinken, die nötige Nahrung für die Bewohner liefern.

Die Behauptung des Japanischen Walforschungsinstituts ICR, die Wale würden den Menschen den Fisch wegfressen, ist schlicht Unsinn. Bartenwale ernähren sich hauptsächlich von Krill, und Zahnwale von Tiefseetintenfischen und anderen Arten, die von den Menschen nicht genutzt werden. Schuld am Rückgang der Fischbestände ist allein der Mensch, der mit seinen riesigen Fangflotten die Meere leer fischt.

Man schützt eher, was man kennt

Die Vernichtung der faszinierenden Meerestiere ohne vernünftigen Grund, für ein Produkt, das niemand wirklich braucht, wirft kein gutes Licht auf unseren Umgang mit der Natur.
Etwas Hilfe könnte die Tourismusindustrie bringen, die in den letzten Jahren mit dem „Whale-watching“ große Erfolge erzielt hat. Die Walbeobachtung, meist von Booten aus, zieht immer mehr Menschen an. 87 Länder in allen Erdteilen bieten solche Ausflüge an. Die Tiere beeindrucken die Beobachter schon allein durch ihre Größe, ihre Friedlichkeit und ihr Sozialverhalten. Das einträgliche Geschäft mit dem Whale-Watching könnte zu einer Gegenkraft gegen das unsinnige Töten der Tiere werden. Schon jetzt protestiert die Tourismusindustrie heftig gegen den Walfang bei Island. Je mehr Menschen sich für das Leben der Wale interessieren, umso mehr wird das Töten dieser Tiere in Verruf geraten. Eine kleine Hoffnung?

Nachwort: Am 25. Juli tauchte bei Rügen ein zwölf Meter langer Buckelwal auf. Zu hoffen ist, dass er den Weg zurück in Nordsee und Atlantik findet, denn in der Ostsee kann er – laut Greenpeace – nicht überleben.

Marianne Weno

  • Gaetano Cafiero: „Giganten der Meere“, Karl Müller Verlag, 1999

Juli 2008: Die Freiheit über den Wolken ...

Juli 2008: Die Freiheit über den Wolken ...

Die Freiheit über den Wolken ...

Na, wunderbar: Jetzt können wir wieder mit gutem Gewissen kreuz und quer um die Welt fliegen, denn „mit Flugzeugen neuester Generation kann der Luftverkehr einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten“. Das sagt uns Wolfgang Tiefensee in einem Interview mit dem Magazin „Focus“. Als Bundesverkehrsminister muss er es wissen, oder? Weiter sagt er, der Treibstoffverbrauch der Maschinen sei in den vergangenen 40 Jahren um 70 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Fluggäste in Deutschland werde sich von 2000 bis 2020 auf. 300 Millionen verdoppeln, bei ähnlichem Zuwachs beim Frachtaufkommen. Das hält der Minister offenbar für ein Naturgesetz. „Der Flughafen Frankfurt ist der größte Hubflughafen und wird ausgebaut. Dies unterstütze ich, ebenso wie den Ausbau des anderen Drehkreuzes München ...“ Also fliegen – dem Klima zuliebe?

Fatal für Tiefensee: Erst kürzlich ist eine Studie des Flugverkehrsexperten Karl Otto Schallaböck unter dem Titel „Luftverkehrsstudie 2007: Steigflug in die Klimakatastrophe“ erschienen, die im Auftrag des Wuppertal-Instituts und des BUND erarbeitet wurde. In ihr kommt der der Autor zu dem Ergebnis, dass der geplante Ausbau der Flughäfen die Klimaschutzziele der Bundesregierung komplett unterlaufen würde. Schon 2013 werde die Klimawirkung des Fliegens die aller PKW auf den Straßen übertreffen. „Leider werden die Klimalasten des Fliegens total unterschätzt.“

... und was wir dort anrichten
Bedrohlich für das Klima ist nicht nur das Kohlendioxid. Der meiste Flugverkehr findet in Höhen von 8 bis 13 Kilometern statt. Bis ca. 15 km reicht die Troposphäre, in der praktisch die gesamte Luftfeuchtigkeit enthalten ist. Hier spielt sich das Wettergeschehen ab. Darüber beginnt die Stratosphäre, die bis etwa 50 km Höhe reicht. Chemische Stoffe, die aus der oberen Troposphäre in diesen Bereich aufsteigen, bleiben über lange Zeit stabil. Welche chemischen Prozesse dort ablaufen, ist noch nicht restlos geklärt. In 20 bis 25 km Höhe befindet sich die Ozonschicht, die vor der UV-Strahlung schützt, durch unsere Aktivitäten aber schon erheblich dünner geworden ist. Ob der Flugverkehr in diesem Bereich zu dem Abbau beiträgt, ist umstritten. Sicher ist hingegen, dass N0x in den Reiseflughöhen Ozon bildet, das dort den Treibhauseffekt verstärkt.

Normalerweise gibt es in der Stratosphäre kaum Feuchtigkeit. Hier wird selbst der Wasserdampf zum gefährlichen Schadstoff. Er bildet die Kondensstreifen, aus denen sich Zirruswolken entwickeln. Sie strahlen die aufsteigende Wärme auf die Erde zurück. Ihr Anteil an der Klimaveränderung ist nicht ganz geklärt, aber die Wissenschaftler nehmen an, dass die Klimawirkung aller Emissionen aus den Triebwerken zwei- bis viermal so hoch ist wie die des CO2 allein.

Sprüche gegen das Klima
Zum Glück für alle, die die Klimapolitik der Bundesrepublik für vorbildlich erklären, gibt es ein Zauberwort, mit dem sich alle unbequemen Forderungen spielend abbügeln lassen, auch wenn sie wissenschaftlich fundiert sind – das Wort „ideologisch“. Auch Tiefensee scheint auf die „Argumentationskraft“ dieses Wortes zu bauen, wenn er sagt: „Ich bin gegen ein ideologisches Ausspielen der Verkehrsträger gegeneinander.“ Tatsächlich aber kann hier kaum etwas ausgespielt werden, denn der Flugverkehr wurde schon im Kyotoprotokoll und jetzt auch im Klimaprogramm der Regierung ausgeklammert. Zugegeben, Regelungen sind schwierig, weil die Probleme alle Ländergrenzen überfliegen. Jetzt endlich hat man sich nach Jahren des Feilschens in der EU darauf verständigt, den Luftverkehr ab 2012 in den Emissionshandel einzubeziehen, wobei 15% der Zertifikate ersteigert werden sollen. Umweltminister Gabriel hält das für einen großen Fortschritt. Aber nach wie vor ist Kerosin von der Mineralölsteuer befreit und Fluggäste müssen bei uns, anders als Bahnkunden, für grenzüberschreitende Flüge keine Umsatzsteuer zahlen. Der Staat fördert den Ausbau der vorhandenen und die Anlage neuer Flughäfen über die vorhandenen 257 hinaus und tut nichts dafür, die überflüssigen Kurzstreckenflüge im Inland auf die Bahn zu verlagern. Und hat man schon einmal gehört, dass wir Bürger aufgefordert werden, unnötiges Fliegen zu vermeiden? Im Gegenteil, es ist offensichtlich, dass der florierende und ständig zunehmende Flugverkehr erwünscht ist – Klimaschutz hin oder her. Sprüche wie die des Bundesverkehrsministers zeigen wieder einmal drastisch, wie ernst es der Regierung mit ihrer „Vorreiterrolle“ ist. Und was man uns alles erzählen kann …

Marianne Weno

Juni 2008: Das Schweigen der Frösche

Juni 2008: Das Schweigen der Frösche

Das Schweigen der Frösche

Als Kinder fingen wir Frösche und Kröten, setzten sie in ein Terrarium und fütterten sie mit Mehlwürmern. Für mich ein unvergessenes Bild: eine Erdkröte, die ihre goldgelben Augen zukneift, während sie die Beute verschluckt. Heute kennen die meisten Kinder nur Kermit, den Frosch aus der Sesamstraße, und haben noch nie so ein Tier in der Natur gesehen. Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet es, Kaulquappen aus einem Tümpel zu fischen, um ihre faszinierende Metamorphose zu beobachten. Josef H. Reichholf, Biologe und Autor mehrerer Bücher zu Artenschutz-Themen, meint, der Naturschutz sei selbst am Rückgang vieler Arten mit Schuld, weil er die Menschen von schutzbedürftigen Tieren und Pflanzen fernhält und sie so der Natur entfremdet.

Wozu brauchen wir sie?
Dank der Bonner Naturschutzkonferenz ist zurzeit viel von bedrohten Arten die Rede. Die meisten Leute denken dabei zuerst an Tiger, Orang-Utan, Nashorn und – natürlich – an Eisbären. Verständlich, denn wer nie in seinem Leben einen Frosch, eine Kröte oder einen Feuersalamander in seiner natürlichen Umgebung gesehen hat, der wird sich auch kaum Sorgen um diese Tiere machen. Wir Menschen neigen dazu, Tiere in „Nützlinge“ und „Schädlinge“ einzuteilen. Die, die nicht in das Schema passen, sind uns eher gleichgültig. Entsprechend wird auch in den Medien kaum erwähnt, dass die Amphibien stärker bedroht sind als alle anderen Tiergruppen. Sie gehen weltweit dramatisch zurück. Wissenschaftler fürchten, dass etwa die Hälfte der 6000 bekannten Arten von der Erde verschwinden könnten. Sie sprechen von der größten Aussterbekatastrophe seit dem Ende der Saurier und befürchten schlimme Folgen für die globalen Ökosysteme, denn nie verschwinden einzelne Arten, sondern immer ist eine ganze Nahrungskette betroffen. Amphibien dienen Störchen und Reihern, aber auch vielen fleischfressenden Säugetieren als Nahrung, und sie selbst vertilgen große Mengen von Insekten, zum Beispiel Malariamücken, die sich explosionsartig vermehren können, wenn ihre Fressfeinde verschwinden. Einige von ihnen produzieren Wirkstoffe, die für die Medizin wichtig sind. Und Lurche sind Indikatoren für den Zustand der Umwelt.

Hauptfeind – ein Pilz
Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, weshalb die Erde für Kröte, Frosch und Co immer unwirtlicher wird. An erster Stelle steht wohl der Verlust der Lebensräume. Fast alle Lurche leben teils auf dem Land und teils im Wasser und sind zur Fortpflanzung auf saubere und möglichst fischfreie Tümpel und Teiche angewiesen. Die aber haben in der heutigen Kulturlandschaft kaum noch Platz. Straßenbau schneidet ihnen die Wanderwege zu ihren Laichgewässern ab, und viele Frösche und Kröten enden unter den Autoreifen. Reichholf nennt als Beispiel für das Verschwinden der Lebensräume das Verbot des wilden Kiesabbaus. So wurden seit den 70er Jahren nur noch große Kiesgruben genehmigt, die dann nach dem Ende des Abbaus oft zu Badeseen umgestaltet wurden. Dafür schüttete man die Tümpel zu, die sich in den kleinen Kiesgruben gebildet hatten, oder nutzte sie als Fischteiche. Das Ergebnis: Amphibien verloren ihre Laichgewässer. Auch Pestizide und Herbizide schädigen die Tiere, die Wasser nicht trinken, sondern durch die Haut aufnehmen. Das berüchtigte Round-up von Monsanto steht auch hier wieder unter Verdacht. Andere Belastungen sind die verstärkte UV-Strahlung durch das Ozonloch, die den Laich schädigt, und die Klimaveränderungen.

Als Hauptfeind der Lurche aber sehen viele Forscher den Chytridpilz, der eine Hautkrankheit verursacht und schon ganze Populationen ausgelöscht hat. Vermutlich kann er sich so stark verbreiten, weil die Tiere schon durch die vielen anderen Stressfaktoren geschwächt sind.

Im Jahr des Frosches
Während die Öffentlichkeit wenig über die Lage der Amphibien erfährt, bemühen sich die Forscher in aller Welt um Rettungsversuche. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN und der Welt-Zoo-Verband WAZA haben 2008 zum Jahr des Frosches ausgerufen und den Laubfrosch zum „Tier des Jahres“ erklärt. Vor allem aber: Die beiden Organisationen haben ein Programm „Amphibien-Arche“ gestartet, das in den ersten fünf Jahren 400 Millionen Dollar kosten soll. Geplant ist, bedrohte Arten auf die Zoos zu verteilen, um sie dort weiterzuzüchten, die genetische Vielfalt zu erhalten und die Tiere vielleicht irgendwann auszuwildern, wenn die Umweltbedingungen es zulassen. Ob und wann es eh dazu kommt, ist allerdings mehr als ungewiss. Es ist ein eher hilfloser Versuch, der viel Optimismus erfordert, aber sicher besser, ihn zu wagen, als dem Desaster tatenlos zuzusehen.

Marianne Weno

  • Josef H. Reichholf: „Die Zukunft der Arten“. Verlag C.H.Beck, München, 2005
  • Josef H. Reichholf: „Ende der Artenvielfalt?“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008

Mai 2008: Eine Seefahrt, die ist schmutzig ...

Mai 2008: Eine Seefahrt, die ist schmutzig ...

Eine Seefahrt, die ist schmutzig ...

Lange dachten wir, Bananen und Kiwis, die mit dem Schiff zu uns kommen, würden relativ umweltfreundlich transportiert. Beruhigend, aber falsch. Ein UN-Bericht, der im Februar in „The Guardian“ veröffentlicht wurde, weist nach, dass allein die klimaschädlichen CO2-Emissionen der Schifffahrt die des Flugverkehrs um mehr als das Doppelte übersteigen. Ein großes Containerschiff produziert so viel Kohlendioxid wie ein mittleres Kohlekraftwerk. Alle Handelsschiffe zusammen emittieren 1,12 Milliarden Tonnen, das sind 4,5% der globalen Treibhausgase, und es werden immer mehr. Dabei sind Kreuzfahrtschiffe und Fischtrawler nicht mitgerechnet. Internationale Vereinbarungen dazu gibt es nicht. Im Kyotoprotokoll wurde die Schifffahrt ausgeklammert.

Müllverbrennung auf See
Aber es gibt noch ein anderes Problem, und es wiegt nicht weniger schwer. 90 Prozent aller Seeschiffe fahren mit dem sogenannten Schweröl. Das ist ein Abfallprodukt der Raffinerien, das konkurrenzlos billig an die Reedereien verkauft und auf diese Weise „entsorgt“ wird. Das heißt, die Schiffe sind „schwimmende Müllverbrennungsanlagen“. Erdöl enthält von Natur aus viel Schwefel und andere Verunreinigungen, und während an Land immer mehr schwefelarme Kraftstoffe verlangt werden, gibt es auf See keine entsprechenden Vorschriften. Ausnahmen gelten bisher für Nord- und Ostsee, wo der Treibstoff noch maximal 1,5% Schwefel enthalten darf. Das heißt, die meisten Schiffsmotoren dürfen unbegrenzt Schwefeldioxid ausstoßen, das in die Luft über den Küsten oder als schweflige Säure ins Meer gelangt. Außerdem entstehen bei der Verbrennung von Schweröl reichlich Stickoxide und Ruß. Feinstaubpartikel werden über weite Strecken ins Landesinnere transportiert. Was wir mit großen Anstrengungen losgeworden sind, kommt auf dem Luftweg wieder zu uns zurück. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet mit jährlich 60 000 Toten durch die Abgase der Schiffe in den Hafenstädten und Küstengebieten. Dazu kommt die Gefahr durch Tankerunfälle. Die Ölpest tötet alle Arten von Meerestieren und bleibt über lange Zeiträume giftig. Es wäre also höchste Zeit, das Schweröl weltweit zu verbieten. Das würde jedoch den Schiffstransport erheblich verteuern, und was würde dann an Land mit den Raffinerierückständen geschehen? Das Umweltbundesamt schlägt vor, das Schweröl in Kraftwerken mit Entschwefelungsanlagen und Abgasreinigung zu verbrennen. Damit würden auch die schlimmsten Tankerunfälle verhindert.

In Hamburg stinkt es …
Und in Bremen auch. Für 80% der Luftschadstoffe dort ist die Schifffahrt verantwortlich. Überall da, wo große Schiffe in den Häfen liegen und ihre Hilfsdiesel laufen lassen, um sich mit Strom zu versorgen, belasten Schwefeldioxid und Stickoxide, Ruß und Feinstaub die Luft in den Wohngebieten in Hafennähe. Kreuzfahrtschiffe verteilen über hohe Schornsteine ihre Abgase in weitem Umkreis, damit ihren Passagieren nicht schlecht wird. Das neue Kreuzfahrtterminal in Hamburg-Altona sorgt dafür, dass in der Hafencity keine Wohngebiete mehr ausgewiesen werden können, weil die Grenzwerte weit überschritten sind. An die Möglichkeit, die Schiffe im Hafen mit Strom vom Land zu versorgen, ist nicht gedacht. Was in Seattle seit 2005 funktioniert, ist bei uns noch Zukunftsmusik. Technische Schwierigkeiten gibt es, weil Spannungen und Frequenzen international so unterschiedlich sind. Und wo soll der viele Strom herkommen? Immerhin plant Lübeck ein Pilotprojekt, um Travemünde den Titel „Ostseeheilbad“ zu erhalten. In Hamburg hingegen will man Millionen teure Belüftungsanlagen allein für das Terminalgebäude bauen.

Rückkehr der Segler?
Landstrom für die Schiffe in den Häfen, Verbot von Schweröl, Einbeziehung der Schifffahrt in internationale Klimaschutz-Vereinbarungen – alles sinnvolle Forderungen, aber kaum oder höchstens sehr langfristig durchzusetzen. Eine Chance bietet vielleicht die uralte Technik, den Wind auf See als Antrieb zu nutzen. Die Segelschiffe der Zukunft werden allerdings anders aussehen als zu Kolumbus‘ Zeiten. Es gibt Modelle mit riesigen Flugdrachen oder mit senkrechten rotierenden Zylindern, aber auch Frachtensegler, die entfernt an die alten Windjammer erinnern. All diese Modelle können durchschnittlich 50% Treibstoff einsparen. Das in Hamburg entwickelte System „Indosail“, das Greenpeace seinerzeit für die Rainbow Warrior nutzte, ist seit längerer Zeit in Indonesien in Betrieb und spart dort sogar 71 Prozent. Eine neue Chance für die Windenergie? Sie müsste kräftig gefördert werden. Aber der Fortschritt ist auch auf See eine Schnecke.

Marianne Weno

April 2008: Grüne Stadt an der Spree?

April 2008: Grüne Stadt an der Spree?

Grüne Stadt an der Spree?

Berlin wirbt mit seinem Image als grüne Großstadt. Tatsächlich gibt es hier mehr Natur als in den meisten Metropolen: Wälder und Seen, mehr als 2500 öffentliche Grünanlagen und über 400 000 Straßenbäume sorgen für ein gutes Stadtklima, wirken dem Treibhauseffekt entgegen, locken Touristen an und bieten den Berlinern vielfältige Erholungsmöglichkeiten. Außerdem ist die Stadt längst zum Rückzugsgebiet für viele Tier- und Pflanzenarten geworden, die in der Kulturlandschaft keine Lebensräume mehr finden.

Reichtümer verkommen
Das Grün ist also so etwas wie das „Tafelsilber“ Berlins, und man sollte meinen, dass es sorgfältig geputzt wird. Schließlich gehört es zum Anlagevermögen der Stadt und erhöht ihren Wert als Wohn-, Investitions- und Tourismusstandort. Aber die Kassen sind leer und so lässt man Reichtümer verkommen, die man in Zukunft fast noch nötiger brauchen wird als heute. 80 Millionen Euro im Jahr lässt sich der Senat die Pflege der öffentlichen Grünflächen kosten. Das klingt ganz gut, ist aber nur halb so viel wie noch vor zehn Jahren und viel zu wenig für die Größe der Aufgabe. Die Bezirke verfügen über die Gelder und nutzen sie öfter auch, um in anderen Bereichen Löcher zu stopfen. Das Ergebnis ist an vielen Orten zu besichtigen, kaum an repräsentativen Plätzen in der Innenstadt, aber umso mehr in den Randbezirken, in die sich Touristen selten verirren. Es gibt vier Pflegeklassen. Für die Flächen der vierten Klasse fällt kaum noch etwas ab.

Die Pflege der Grünflächen ist Aufgabe der Bezirke und meist sind die Grünflächenämter dafür zuständig. Dort wurden in den letzten Jahren ständig Stellen abgebaut und durch Ein-Euro-Jobber ersetzt. 5000 sollen es jetzt schon sein, und sie erledigen häufig Arbeiten, die eigentlich Fachkräften überlassen bleiben sollten. In einigen Bezirken wurde die Zahl der festen Mitarbeiter fast halbiert. Auch werden preisgünstige Fremdfirmen mit Pflegearbeiten beschäftigt, die nicht immer sachkundig arbeiten und von den ausgedünnten Ämtern kaum kontrolliert werden.

„Berliner Bürstenschnitt“
Das Ergebnis: 2005 wurden 4.182 Straßenbäume gefällt und 2.520 ersetzt, 2006 war das Verhältnis 3.625 zu 2.726. Es gibt spektakuläre Fälle, die zeigen, wie viel Ahnungslosigkeit bei der „Grünpflege“ im Spiel ist. So wurden in Reinickendorf zehn gesunde Eschen gefällt, weil eine Praktikantin sie für unerwünschte Götterbäume hielt. Aber auch der Alltag in Parks und auf Grünflächen sieht düster aus. Unsinnig genug ist es, wenn jetzt überall röhrende Laubbläser das halb verrottete Laub unter den Gehölzen beseitigen – und mit ihnen die dort lebenden Insekten, Larven und Puppen. Ein anderes Beispiel: Überall sieht man den „Berliner Bürstenschnitt“. Gehölze, die aus Kostengründen über Jahre nicht beschnitten wurden, werden zum Ausgleich nun auf Kniehöhe gestutzt. Eine der Folgen neben dem unansehnlichen Anblick: Immer mehr Nistmöglichkeiten gehen verloren.

Der nächste Streich ...
... könnte ein Beschluss im Rat der Bürgermeister sein. In den Bezirken sollen einheitlich zehn Fachämter gebildet werden, um die bisher unterschiedlichen Strukturen zu ersetzen. An sich ein sinnvolles Unternehmen, das nur leider gerade da in die falsche Richtung zu gehen scheint, wo es um die Zukunft der Stadtnatur geht. Geplant ist, die Grünflächenämter aufzulösen. Für Unterhaltung und Neubau von Grün- und Freiflächen soll künftig ein Tiefbau- und Landschaftsplanungsamt zuständig sein. Für Natur- und Artenschutz, Umweltordnungsaufgaben, Umweltplanung und Beratung soll ein neues „Umwelt- und Naturschutzamt“ entstehen. Unerfindlich bleibt, warum nicht ein gemeinsames Amt für alle Grünbereiche zuständig sein kann, und warum ausgerechnet der Tiefbau, bisher allein für das Straßenland zuständig, nun völlig fachfremde Aufgaben mit übernehmen soll.

Gegen diese Pläne wenden sich Umwelt- und Fachverbände sowie Mitarbeiter der Bezirksämter – offenbar vergeblich. Befürchtet wird, dass künftig an die Stelle von Gartenbauingenieuren Fachleute für den Straßenbau entscheiden und Prioritäten zulasten der Natur gesetzt werden. Absurd erscheint es, die Pflege der Grünanlagen vom Natur- und Artenschutz zu trennen, da nur beides zusammen die Vielfalt und den ökologischen Wert des Stadtgrüns erhalten kann. So werden sich die Arbeitsfelder beider Ämter oft überschneiden und Reibungsverluste unvermeidlich sein. Für einzelne Entscheidungen könnten künftig zwei oder drei Stellen zuständig sein, wobei die Frage, wer die Kosten trägt, wohl manch gute Idee im Keim ersticken dürfte.

Das Grün in der Stadt zu erhalten und zu entwickeln ist eine langfristige Aufgabe. Sie braucht Konzepte – und Geld, das in Berlin knapp ist. Aber die Alternative für die Zukunft wäre „Die graue Stadt an der Spree.“

Marianne Weno

März 2008: Nicht in die Tüte

März 2008: Nicht in die Tüte

Nicht in die Tüte

„Jute statt Plastik“ – das war gestern. Genauer gesagt, nach der Ölkrise in den siebziger Jahren. Damals verkaufte die Fair-Handelsorganisation GEPA in zehn Jahren fünf Millionen in Bangladesh genähte Jutetaschen. Heute sind sie verschwunden. Irgendwann hatte das Umweltbundesamt erklärt, Tüten aus Kunststoff seien energetisch besser als solche aus Papier. Vom Naturschutz war in dem Zusammenhang noch kaum die Rede. Heute gehen noch ein paar umweltbewusste Leute mit Baumwollbeuteln oder Körben zum Einkaufen, aber die Flut der Plastiktüten wächst und wächst. Mit den praktischen, bunt bedruckten Dingern tragen die Kunden kostenlos Werbung für die Händler durch die Stadt.

Aber plötzlich sind sie wieder im Gespräch. Kürzlich kündigte die australische Regierung an, nach den Glühlampen nun auch die Plastiktüten verbieten zu wollen. Wir hörten von dem Städtchen Modbury in Südwest-England, das nach einer Probezeit von sechs Monaten praktisch tütenfrei ist, und von mehreren ostafrikanischen Ländern, in denen man Strafe zahlen muss, wenn man mit einer Plastiktüte erwischt wird. San Francisco hat sie seit November vorigen Jahres aus den Supermärkten verbannt. China plant ein Verbot ab Juni, Frankreich ab 2010.

Das Meer als Müllkippe
Der amerikanische Autor Alan Weisman hatte in seinem 2007 erschienenen Bestseller „Die Welt ohne uns“ ein langes Kapitel der „Unvergänglichkeit der Polymere“ gewidmet. Darin beschreibt er eindrucksvoll, was die 125 Millionen Tonnen Kunststoffe anrichten, die wir Jahr für Jahr produzieren, und die, wenn sie nicht verbrannt werden, wohl ein halbes Jahrtausend oder länger erhalten bleiben. Weisman berichtet über die Forschungen des Briten Richard Thompson, der sich mit den Auswirkungen der Müllberge in den Ozeanen beschäftigt. Er beschreibt den Nordpazifikwirbel, auch „großer pazifischer Müllstrudel“ genannt, der sich zwischen Kalifornien und Hawaii gebildet hat. In einem Gebiet von der Größe Mitteleuropas kreist im Uhrzeigersinn ein rund drei Millionen Tonnen schwerer Plastikteppich, der sich ständig vergrößert. Auch in anderen Bereichen der Ozeane gibt es solche Wirbel, aber dieser ist der größte.

Der Zivilisationsmüll wird von Schiffen ins Meer geworfen, vom Wind und von den Flüssen hineingetragen und von den vermüllten Stränden ins Wasser gespült. Recycling und die Verbrennung an Land spielen im Weltmaßstab kaum eine Rolle – in vielen Ländern kennt man so etwas nicht. Das meiste endet in der Landschaft oder eben im Meer – mit schlimmen Folgen für die Natur. Fische, Vögel und Meeressäuger verfangen sich in den Plastikteilen oder fressen sie und verenden daran, nach Schätzungen der World Conservation Union (IUCN) jährlich eine Million Seevögel, 100 000 Meeressäugetiere und ungezählte Fische. Eine weitere Gefahr liegt darin, dass das Plastik Giftstoffe wie DDT, PCBs und andere Chemikalien anlagert. Die größeren Stücke werden nicht biologisch abgebaut, aber allmählich zu kleinsten Teilchen zerrieben und vom tierischen Plankton aufgenommen. So gelangen sie in die Nahrungskette und enden schließlich, samt ihrer Giftfracht, auf unseren Tellern.

Endstation Natur
Was müsste also geschehen? Die Menschen haben manche Geister gerufen, die sie nicht mehr los werden. Eine Welt ohne Kunststoffe – bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts Realität – ist heute nicht mehr denkbar. Wir sind umgeben von billigen Wegwerfartikeln, von Flaschen, Tuben, Folien, Schaumstoffen, Gefrierbeuteln, Spielsachen und – von Weisman extra erwähnt – den allgegenwärtigen Plastikstielen der Wattestäbchen. Das alles endet – wenn nicht im gelben Sack – in der Natur, hässlich, schädlich und unzerstörbar. Die Einkaufstüte ist ein Teil des Problems, und sicher ein entbehrliches. Ein Verbot wäre auch bei uns möglich. Der grüne Umweltsenator von Bremen, Reinhard Loske, hat es vorgeschlagen, aber aus dem Hause von Umweltminister Gabriel wurde ihm gleich Aktionismus vorgeworfen. In diesem Jahr stünden ganz andere ökologische Themen auf der Agenda. Auch seien nicht alle Plastiktüten gleich. Einige könnten wiederverwertet werden. Ja, wenn sie nicht in der Landschaft herumfliegen würden ... Wie wäre es, Herr Minister, mit einer kleinen Dienstreise zum großen pazifischen Müllstrudel?

Marianne Weno

  • Alan Weisman: „Die Welt ohne uns“, Piper, München, Zürich, 2007

Februar 2008: Schön und giftig

Februar 2008: Schön und giftig

Schön und giftig

Valentin, im dritten Jahrhundert Bischof von Terni, soll Paaren, die er heimlich getraut hatte, Rosen aus seinem Garten geschenkt haben. Deswegen gilt er als Schutzpatron der Verliebten. Der Valentinstag ist – wie der Muttertag – ein Import aus den USA zum Nutzen des Blumenhandels, der am 14. Februar mit einem guten Geschäft rechnen kann.

Allerdings sind die Rosen in unseren Läden oft vergiftet – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. 80% der Blumen, die hier verkauft werden, sind importiert. Den größten Anteil daran hat Holland, zweitgrößter Exporteur ist Kolumbien, danach folgen andere Länder im Tropengürtel von Lateinamerika und Afrika. Von dort gelangen Rosen, Nelken und andere Blumen per Luftfracht über Zehntausende Kilometer nach Europa, um uns ein paar Tage lang zu erfreuen und dann weggeworfen zu werden. Dann sollten sie übrigens nicht auf dem Kompost, sondern in der Mülltonne landen, weil sie oft reichlich mit Pestiziden belastet sind. Mitunter wird sogar empfohlen, man solle beim Hantieren mit dem Geburtstagsstrauß Handschuhe anziehen. Aber was macht eine Floristin oder ein Händler auf dem Blumengroßmarkt? Und vor allem: Was bedeutet das für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Blumenplantagen?

Im Pestizidnebel
Dass der Import aus weit entfernten Ländern trotz der Kosten für den Lufttransport immer noch billiger ist, als wenn die Blumen bei uns gezogen würden, liegt nicht nur am Klima, sondern auch an den verheerenden Arbeitsbedingungen auf den Plantagen. Überwiegend Frauen arbeiten dort zu minimalen Löhnen oft 12 bis 16 Stunden am Tag in einer äußerst gesundheitsschädlichen Umgebung. Die großflächigen Monokulturen sind anfällig für Schädlinge. Deshalb werden massenhaft Pestizide gespritzt, oft solche, die bei uns längst verboten sind. Das größte Geschäft machen dabei die europäischen und US-amerikanischen Chemiekonzerne. Meist gibt es keine Schutzkleidung, und kaum jemand kann die Anwendungsvorschriften auf den Behältern lesen. Wo gespritzt wurde, wird ohne Wartezeiten weiter gearbeitet. Viele der Beschäftigten leiden an Vergiftungserscheinungen, Frauen haben Fehlgeburten oder bekommen missgebildete Kinder. Wer krank ist, wird entlassen. Arbeitsrechte existieren nicht, Gewerkschaften werden von den Plantagen ferngehalten.

Gerodete Wälder, verseuchtes Wasser
Nicht weniger schwer als die sozialen Probleme wiegen die Umweltschäden. Die Blumenplantagen entziehen der Umgebung viel Wasser, der Grundwasserspiegel sinkt und das Trinkwasser wird knapp. Böden und Grundwasser werden vergiftet, viele einst fischreiche Gewässer sind tot. Oft wurden für die Plantagen auch Wälder gerodet. Bodenerosion ist die Folge. Sollte der Blumenanbau eines Tages nicht mehr lohnen, dann können auf den belasteten Böden über Jahre keine Nahrungsmittel mehr angebaut werden.

Es gibt andere Möglichkeiten
Was also tun? Keine importierten Blumen mehr kaufen und vorzugsweise selbst gepflückte Wildblumen verschenken? Das würde den Arbeiterinnen und Arbeitern auf den Plantagen nicht helfen. Seit den neunziger Jahren gibt es Alternativen. Damals gründeten mehrere Menschenrechtsorganisationen, darunter „FIAN“, „Brot für die Welt“ und „Terre des hommes“, die Blumenkampagne, um aufzuklären und bessere Arbeitsbedingungen auf den Plantagen zu erreichen. Mit einigem Erfolg. Betriebe, die bestimmte soziale und ökologische Standards einhalten, dürfen ihre Blumen mit dem FLP-Gütesiegel (Flower-Label-Program) kennzeichnen. Das heißt, Käufer können erkennen, dass die Blumen sozial verträglich und umweltschonend produziert wurden. Vor drei Jahren hatten schon 60 Betriebe mit etwa 15 000 Beschäftigten das Siegel erhalten. Besonders in Ecuador und Kenia war das Programm bisher erfolgreich, während es in Kolumbien und anderen Ländern immer noch sehr viel Widerstände gibt.

Aber wie sieht es bei uns, aufseiten der Käufer aus? Wissen Sie, wo es in Ihrer Nähe FLP-Blumen gibt, und achten Sie beim Einkauf darauf? Offenbar sind nicht allzu viele Leute informiert – trotz der jahrelangen Kampagne. Ganze 36 Blumengeschäfte, die in Berlin an dem Programm beteiligt sind, findet man unter www.fairflowers.de. Andere, die vor einigen Jahren damit angefangen hatten, haben wohl wieder aufgegeben. Immerhin gibt es eine Reihe von Städten, darunter München, in denen städtische Dienststellen nur Blumen aus regionaler oder fairer Produktion kaufen dürfen. So etwas würde auch Berlin gut anstehen.

Marianne Weno

Januar 2008: Ist die Ostsee noch zu retten?

Januar 2008: Ist die Ostsee noch zu retten?

Ist die Ostsee noch zu retten?

Gemessen an den Ozeanen ist die Ostsee eine Pfütze und eine ziemlich schmutzige dazu. Neun Staaten grenzen an das kleine, flache Meer, dessen Oberfläche einem Tausendstel der Weltmeere entspricht, und sorgen mit 70 bis 85 Mio. Einwohnern in den Küstenregionen und den Einzugsgebieten der Flüsse für Verschmutzungen jeder denkbaren Art.

Tote Zonen
Industriebetriebe an den Flüssen oder direkt an der Küste belasten das Meer mit Schwermetallen, wie Blei, Kadmium und Quecksilber, sowie anderen ökotoxischen Substanzen, wie PCBs. Besonders viele Schadstoffe transportiert die Weichel aus den südpolnischen Industrieregionen in die Danziger Bucht. TBT (Tributylzinn) stammt aus den inzwischen verbotenen Antifoulinganstrichen der Sportboote. Aus den kommunalen Abwässern, die zum Teil aus unzulänglichen Kläranlagen oder ganz ungereinigt in die Flüsse gelangen, aus den Toiletten der vielen Fähren und Kreuzfahrtschiffen und vor allem aus der Landwirtschaft stammt die Überdüngung, die zu den regelmäßigen Algenblüten führt. Die absterbenden Algen sinken auf den Grund und bei ihrem Abbau wird der Sauerstoff des Wassers verbraucht.

In diesen Bereichen bilden Bakterien giftigen Schwefelwasserstoff. Das Ergebnis sind etwa 20 000 Quadratkilometer „tote Zonen“ am Meeresgrund, in denen außer den Mikroben nichts Lebendiges existiert. Solche Gebiete gibt es in der Rigaer Bucht und der Bottnischen See ebenso wie im westlichen Teil, im Großen und Kleinen Belt, der Kieler und Mecklenburger Bucht. Die Böden sind zum Teil mit dichten Schlammschichten bedeckt, während das Oberflächenwasser noch relativ sauerstoffreich und sauber ist.

Wenig Hilfe aus der Nordsee
Die Selbstreinigung wird erschwert durch den geringen Wasseraustausch mit der Nordsee durch die engen Belte und den Öresund. Jeder Tropfen Wasser bleibt durchschnittlich 35 Jahre in der Ostsee, mit all seinen Schmutz- und Giftfrachten. Obendrein gibt es unheimliche Altlasten. In der Tiefe des Gewässers liegt Munition aus zwei Weltkriegen, darunter auch Chemiewaffen, die 1947 von Usedom aus im Meer versenkt wurden und langsam vor sich hin rosten und von denen niemand weiß, wo genau sie liegen und wie gefährlich sie eines Tages werden könnten.

Fische gibt es noch in der Ostsee, Hering, Dorsch und Scholle, aber wie in allen Meeren auch hier durch Schadstoffe und Überfischung bedroht. Damit könnte auch für die wenigen überlebenden Robben und Schweinswale die Nahrung knapp werden.

Und jetzt auch noch das ...
Im September 2005 vereinbarten Präsident Putin und Bundeskanzler Schröder – beide nicht gerade als lupenreine Umweltschützer bekannt – den Bau einer Gaspipeline zwischen Viborg in Russland und Lubmin bei Greifswald. Vielleicht wurde hier eine Rechnung ohne den Wirt gemacht, das heißt, ohne die Länder zu fragen, durch deren Wirtschaftszonen die Trasse führen sollte. Proteste von Umweltverbänden folgten schnell und ihre Argumente wurden von einigen Ländern gern aufgegriffen. So sorgen sich Schweden und Finnland um unerforschte Meeresbiotope vor ihren Küsten. Die Rohre sollen dicht an der beliebten schwedischen Ferieninsel Gotland vorbeiführen. Finnland fürchtet, dass auf dem unebenen Boden des Finnischen Meerbusens die Leitung stellenweise 70 Meter durchhängen würde, und verlangt, die Trasse weiter südlich zu verlegen. Damit ist wiederum Estland nicht einverstanden und hat alle Untersuchungen in seiner Wirtschaftszone verboten. Für Deutschland fürchtet der WWF vor allem Schäden im Naturschutzgebiet Greifswalder Bodden, dem Laichgebiet vieler Fischarten. Die 15 Meter breiten und vier Meter tiefen Rinnen würden Seegraswiesen und andere wertvolle Biotope zerstören. Der WWF verlangt einen Umwelt-TÜV für die Trasse.

Schon 1974 wurde die Helsinkikommission (Helcom) zum Schutz der Ostsee gegründet. In der Helsinkikonvention verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten, die Verschmutzung der Ostsee zu bekämpfen. 1992 und 2007 wurde jeweils ein neuer „Baltic Sea Action Plan“ entwickelt, an dem alle neun Anrainerstaaten beteiligt waren. Tatsächlich hat sich der Zustand des Meeres in den letzten dreißig Jahren verbessert, aber von einem akzeptablen Zustand noch weit entfernt. Der soll bis 2021 erreicht werden – mit erholten Fischbeständen, ohne Überdüngung und tote Zonen. Aber natürlich wehren sich alle irgendwie Betroffenen: Fischer, Landwirte, Schifffahrt und die Betreibergesellschaft der Pipeline. So wird es wohl weiter beim kleinsten gemeinsamen Nenner bleiben. Ob die Ostsee am Ende gewinnt oder endgültig zum toten Meer wird – die Frage muss offenbleiben.

Marianne Weno