Kolumne 2007

Dezember 2007: Unterm Pilz

Dezember 2007: Unterm Pilz

Unterm Pilz

Was denkt sich wohl eine Familie, die ihr Haus für viel Geld klimafreundlich umrüstet, wenn das Restaurant gegenüber mit „Heizpilzen“ im Vorgarten die Straße heizt?

Heißen die Dinger so ihrer Form wegen, oder weil sie zurzeit wie Pilze aus dem Boden schießen? 5000 bis 8000 Stück sollen es in Berlin inzwischen sein, und es werden immer mehr. Da fallen einem eher Giftpilze als Pfifferlinge ein. Ein paar Dinge gibt es, auf die wir dem Klima zuliebe gut verzichten könnten, ohne als miesepetrige Asketen durch die Welt zu laufen: Tropenparks im Winter, Eislaufen im Sommer, Skipisten in der Halle und als Krönung des Unfugs – Heizpilze.

Sicher, es hat seinen Reiz, im Winter im Freien und Warmen seinen Kaffee zu trinken und den frierenden Spaziergängern zuzusehen. Das Nichtraucherschutzgesetz hat dem Trend einen zusätzlichen Schub gegeben, weil Leute, die ihre Lunge teeren, sich dabei keinen Schnupfen holen wollen. Also stellen die Wirte ein paar Gasbrenner in den Vorgarten, damit die Gäste in aller Gemütlichkeit draußen qualmen können. Ob sich das lohnt, ist die Frage, denn wenn alle draußen sitzen, bleibt der gut geheizte Innenraum leer, und die Rechnung für das Propangas könnte zur bösen Überraschung werden. Mit dem Verbrauch zweier Heizstrahler pro Saison könnte man bequem ein Einfamilienhaus heizen. Ein solches Exemplar setzt im Jahr 4 Tonnen CO2 frei, wenn es 36 Stunden pro Woche in Betrieb ist. Das entspricht ungefähr den Emissionen eines Autos, das 12.000 km fährt.

Unsinn verbieten?
Wägt man den zweifelhaften Nutzen ab gegen die düsteren Aussichten für das Klima, wie sie gerade der Welt-Klimarat wieder bestätigt hat, dann ist klar: Man müsste diese und ähnliche Energieverschwender sofort verbieten. Auf Antrag der Grünen wurde im Senat darüber diskutiert und am Ende verkündet, ein Verbot sei aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Umweltsenatorin Katrin Lompscher war anfangs dafür, erklärte dann aber: „Man muss nicht jeden Unsinn verbieten“. Da hört man doch im Hintergrund die Tourismus-Lobby flüstern. Stefan Klinski, Professor für Umweltrecht, meint, man könne ohne Weiteres ins Energiespargesetz schreiben: „Die Beheizung von Freiflächen ist verboten“. Das würde dann auch für Privatleute gelten, die immer häufiger auf ihren Terrassen „Frühlingserwachen“ spielen.

Verbieten – das klingt in manchen Ohren gleich nach Öko-Diktatur. Sicher, besser wäre es, wenn man erfolgreich an die Einsicht der Menschen appellieren könnte. Dazu gehören aber auch die Vorbilder im öffentlichen Raum. Wem kommen nicht Zweifel am Nutzen der eigenen Energiesparlampen, wenn er die immer maßlosere Adventsbeleuchtung in den Geschäftsstraßen sieht?

Gibt es einen Mittelweg? Können und müssen Staat und Kommunen nicht wenigstens den größten Unsinn verhindern? In der Kölner Altstadt sind Heizpilze schon verboten, allerdings eher aus ästhetischen Gründen. In der Stuttgarter Innenstadt gilt seit dem 1. November ein Verbot, seltsamerweise jedoch nur von November bis März. An kühlen Sommerabenden darf weiter geheizt werden. In Tübingen will der Oberbürgermeister die Gastwirte aufrufen, freiwillig auf die Klimakiller zu verzichten.

Marianne Weno

November 2007: Wie man die Politik verkohlt

November 2007: Wie man die Politik verkohlt

Wie man die Politik verkohlt

Seit wann wissen wir vom Klimawandel und seinen Folgen? Spätestens Ende der achtziger Jahre musste uns klar sein, dass sich Bedrohliches ankündigt. Wir wussten, dass sich vieles ändern müsste, um das Schlimmste noch zu verhindern. Aber wir hatten damals schon Zweifel, ob die Politik das Nötige durchsetzen würde.

Erst einmal wurde verdrängt. Schon damals hätte man schlüssige Konzepte für eine klimafreundliche Energiepolitik entwickeln können und müssen. Zwar ist seitdem einiges geschehen, vor allem auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien, aber erhalten geblieben ist die Macht der Konzerne, die die Struktur der Energieversorgung und die Wahl der Energieträger bestimmen. Der Weg weg von den zentralen Großkraftwerken hin zu Kraft-Wärme-Koppelung bei allen Anlagen und der Entscheidung für den jeweils saubersten Energieträger war und ist so versperrt.

Wasser predigen ...
Das alles zeigt die Absurdität einer Politik, die sich ständig großartige Ziele setzt und im Bremserhäuschen sitzend selbst verhindert, dass sie erreicht werden. Da profiliert sich die Bundeskanzlerin auf allen internationalen Foren – verbal – als größte Klimaschützerin, während in Deutschland reihenweise Kohlekraftwerke geplant und gebaut werden, viele davon mit Braunkohle, dem schmutzigsten Energieträger von allen. Da gibt es in Brandenburg einen Ministerpräsidenten, der einmal Umweltminister war und als engagiert und kompetent galt. Inzwischen hat er offenbar alles vergessen, was in seinem früheren Ressort wichtig gewesen war: Klima-, Natur- und Landschaftsschutz. Heute sichert seine Politik dem Land auf Dauer den Titel „Größter Klimasünder Deutschlands“, gefährdet den Wasserhaushalt und zerstört durch den Tagebau große Teile der Landschaft, die den Reiz und Reichtum des sonst armen Bundeslandes ausmacht. In Brandenburg steht das älteste und schmutzigste Braunkohlekraftwerk Deutschlands, Jänschwalde, Wirkungsgrad 36 Prozent, sowie das 1997 erbaute, aber mit einem Wirkungsgrad von 41 Prozent nicht viel effizientere Kraftwerk Schwarze Pumpe. Ihnen ist es zu verdanken, dass in Brandenburg pro Kopf der Bevölkerung jährlich über 23 Tonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen – mehr als in den USA. Auf 61 Millionen Tonnen pro Jahr summiert sich das. Den größten Anteil daran hat die Braunkohle. Das selbst gesteckte Ziel des Landes, 53 Mio. Tonnen pro Jahr, ist damit so illusionär wie alle Reduktionsziele, die die Bundesregierung verkündet. Nach dem Willen der Regierung in Potsdam, wo – ironisch genug – das Institut für Klimafolgenforschung arbeitet, soll die Zukunft der Braunkohle langfristig gesichert bleiben.

Gute Geschäfte gegen das Klima
Der Grund: Der Konzern Vattenfall spielt wirtschaftlich eine große Rolle in Brandenburg. Er sichert direkt und indirekt viele Arbeitsplätze, wenn auch nicht so viele wie behauptet. Er hat sich auch auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien engagiert. Heute könnten schon alle Privathaushalte des Landes mit einheimischem Ökostrom versorgt werden. Aber Vattenfall exportiert ein Drittel des Braunkohlestroms – ein lohnendes Geschäft. Der Deal, ganz nach den Wünschen des Konzerns, sieht so aus: Bis 2020 kann alles weiterlaufen wie bisher. Der Ministerpräsident verkündet, dass danach kein neues Kraftwerk mehr genehmigt werde, das „ohne moderne CO2-Abscheidung „ arbeitet. Ob er daran wohl selbst glaubt? Tatsächlich arbeitet der Konzern daran, das Klimagas aufzufangen und unterirdisch zu lagern. Die CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) ist aber noch längst nicht ausgereift, und niemand weiß, ob und wann sie je funktionieren wird. Und wenn es gelänge – das Verfahren verbraucht selbst viel Energie, dadurch sinkt der Wirkungsgrad der Kraftwerke. Nur 90 Prozent der dann höheren CO2-Emissionen könnten aufgefangen werden, insgesamt würden sie um etwa drei Viertel reduziert. Neben dem 1600-Megawatt-Kraftwerk Schwarze Pumpe entsteht zurzeit ein kleiner 30-Megawatt-Block mit der neuen Technik. Er könnte der Erste und Letzte bleiben.

Und wenn es nicht klappt?
Die Lagerstätten sind ein weiteres, längst nicht gelöstes Problem. In Ketzin wird zurzeit in 800 Metern Tiefe ein „saliner Aquifer“ erkundet. Bisher weiß man nicht, wie sich das Gestein verhält und wie verhindert werden kann, dass das Gas wieder austritt. Sollte der Versuch positiv verlaufen, dann könnten dort im Jahr ganze 60.000 Tonnen CO2 eingelagert werden. Das ist so viel, wie das Kraftwerk Schwarze Pumpe an zwei Tagen produziert. Und der Rest? Ähnliche geologische Formationen gibt es an vielen Orten in Norddeutschland. Auch leere Erdgasfelder kommen in Betracht. Sie zu erkunden und zu erschließen könnte viele Jahre dauern. Zu den Endlagern würde das Gas durch Pipelines geleitet. Sie müssten absolut dicht sein, damit das CO2 nicht unterwegs wieder in die Atmosphäre gelangt. Bisher sind all diese Leitungen mehr oder weniger undicht, wie die Verluste beim Erdgas zeigen. Viele Probleme, und niemand weiß, ob sie je gelöst werden. Aber die Landesregierung glaubt, dass Freund Vattenfall schon alles richten wird. Und wenn nicht? Neue Kraftwerke sollen dann nicht genehmigt werden, einen Alternativplan gibt es nicht. Also dürften Jänschwalde und Schwarze Pumpe fröhlich weiterlaufen und für Vattenfall Gewinn bringen.

Ein Bündnis aus Umweltverbänden und Parteien hat eine Volksinitiative „Keine neuen Tagebaue“ in die Wege geleitet und verlangt mittelfristig das Ende der Braunkohle. Bis dahin soll ein wirtschaftliches Alternativkonzept entwickelt werden. Andere Regionen, die sich von der Kohle getrennt haben, zeigen, dass es geht.

Schon jetzt können wir alle etwas gegen die verheerende Politik von Vattenfall tun: Wir können uns einen klimafreundlichen Anbieter suchen.

Marianne Weno

  • Toralf Staud/Nick Reimer: „Wir Klimaretter – So ist die Wende noch zu schaffen“, Kiepenheuer & Witch, 2007, € 8,95

Oktober 2007: Kleine grüne Männchen

Oktober 2007: Kleine grüne Männchen

Kleine grüne Männchen

Sie kommen aus dem Weltraum, um die Erde zu retten, erfunden von fantasievollen Drehbuchautoren. Kleine grüne Lebewesen, die wohl nicht die Erde retten, aber einige ihrer Probleme lösen könnten, gibt es jedoch schon, und sie werden immer interessanter.
Gemeint sind einzellige Grünalgen.

Diese Algen sind Grünpflanzen, und als solche nehmen sie Kohlendioxid auf, um daraus ihre Körpermasse aufzubauen. Dass man aus Biomasse Treibstoffe herstellen kann, ist bekannt, aber auch, dass der Boom von Bio-Diesel und Bio-Ethanol wenig Nutzen für das Klima und viel Schaden für Natur und Welternährung mit sich bringt. Diese Nachteile wären schon dann geringer, wenn Algen nur für die Treibstoffproduktion gezüchtet würden, da sie viel weniger Fläche brauchen. In den USA rechnet man damit, pro Quadratkilometer Algenfarm 7600 Tonnen Biodiesel und 4100 Tonnen Bioethanol zu gewinnen. Raps oder Mais bringen nur einen Bruchteil dieser Erträge. Aber Algen können noch viel mehr.

In den Kinderschuhen
Früher glaubten Forscher daran, dass Algen die Welternährung sichern könnten. Daraus ist nichts geworden. Auch nicht daraus, künstliche Algenblüten im Meer zu erzeugen, um damit das Klima abzukühlen. Heute arbeitet man in den Industrieländern daran, die besonderen Eigenschaften der Mini-Pflanzen im Kampf gegen den Klimawandel einzusetzen. Bisher ist man allerdings noch nirgends über das Versuchsstadium hinausgekommen. Ob und wann großtechnische Nutzungen möglich sind, weiß niemand. Aber die Hoffnungen sind groß.

Deutsche und amerikanische Forscher züchten versuchsweise Algen in Bioreaktoren direkt neben den Kraftwerken, leiten das CO2 und die Stickoxide hinein und düngen damit die Algen, die dadurch immer schneller wachsen und später zu Bio-Treibstoff verarbeitet werden. Diese Methode könnte eines Tages den Riesenaufwand ersetzen, mit dem Vattenfall das CO2 abtrennen und unterirdisch speichern will. Ein Problem: Für die Fotosynthese wird viel Sonnenlicht gebraucht. Das Verfahren eignet sich also eher für südliche Gegenden. Dorthin müsste das CO2 per Pipeline geleitet werden.

Neue Chance für den Wasserstoff?
Kohlendioxid einfangen und Biomasse liefern – das können Algen wie alle anderen Pflanzen. Bedeutsamer für die Energiezukunft könnte eine andere Fähigkeit der „kleinen Chemiefabriken“ sein: Mithilfe bestimmter Eiweißstoffe, der Hydrogenasen, erzeugen sie Wasserstoff, das Gas, das als der umweltfreundlichste Energieträger gilt, weil bei seiner Verbrennung nichts als Wasser entsteht. Bisher sind alle Hoffnungen auf ein künftiges Wasserstoff-Zeitalter gescheitert, weil das Gas nur elektrolytisch mit sehr großem Energieaufwand gewonnen werden konnte. Präsident Bush wollte allein dafür 50 neue Atomkraftwerke bauen.

2003 haben die Industriestaaten eine „Internationale Partnerschaft für die Wasserstoffwirtschaft“ gegründet und seitdem Milliarden in die Forschung auf diesem Gebiet investiert. Auf verschiedenen Wegen versucht man, Bio-Wasserstoff ohne Einsatz fossiler Energien zu erzeugen. Gelänge das in großem Maßstab und könnten auch Speicherung und Transport des Gases gesichert werden, dann wäre ein großer Teil unserer Versorgungsprobleme gelöst.

Bielefelder Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem Team in Brisbane/Australien eine Grünalge genetisch so verändert, dass sie Wasserstoff in fast reiner Form produzieren kann. Dabei entsteht kein CO2. Nach etwa zwei Wochen sind die Algen verbraucht, werden ersetzt und können auch noch als Biomasse genutzt werden. Die Wissenschaftler hoffen, auf diesem Wege in wenigen Jahren Wasserstoff industriell und wirtschaftlich produzieren zu können.

Noch wissen wir nicht, ob das alles Utopien sind, neue Sackgassen oder reale Chancen für eine nahe Zukunft. Es könnte sein, dass uns die Natur mit ihren perfekten Methoden wieder einmal auf die Sprünge hilft. Aber auch, wenn sich alles so entwickeln sollte, wie die Optimisten glauben – die Kosten werden hoch sein. Die Zeit der Verschwendung ist endgültig vorbei.

Marianne Weno

  • „Pack die Alge in den Tank“, FAZ, 17.12.2004
  • „Treibstoff aus Algen“, Technology Review Magazin Homepage, 22.7.2007
  • „Tümpelschleim als Weltenretter“, Die Zeit, Homepage 4.4.2007
  • „Algen fressen CO2“, Radio Bremen Homepage, 6.7.2007

September 2007: In Sack und Asche?

September 2007: In Sack und Asche?

In Sack und Asche?

Es hilft alles nichts, wir müssen uns bekleiden. Theoretisch könnten wir uns in Säcke hüllen, einen für den Sommer und einen dickeren für den Winter, die beide ein Leben lang halten.
Für die Umwelt wäre das sicher eine gute Lösung. Aber wir wollen uns ja nicht nur vor der Witterung schützen, sondern auch einen möglichst erfreulichen Anblick bieten. Davon lebt eine große Industrie, und weil sie immer noch besser leben möchte, sorgt sie dafür, dass unsere neuen Sachen schon nach wenigen Monaten wieder alt aussehen. Das macht auch nichts, denn die Kleidung, die Tchibo oder H&M anbieten, ist so billig wie noch nie.

Chemie auf der Haut
Früher wurden besonders die Kunstfasern verteufelt. Die „Birkenstock- und Tofu-Generation“ ließ nur Naturfasern an ihre Haut. Ob sie damit etwas für ihre Gesundheit tat, bleibt offen. Gerade Naturmaterialien erfüllen nicht von vornherein unsere Ansprüche.
Sie knittern, laufen ein, filzen und werden von Motten angefressen. Deshalb werden sie mit einem Cocktail aus der Chemieküche ausgerüstet, vom allgegenwärtigen Formaldehyd bis zu dem hochgiftigen Tributylzinn (TBT), das Greenpeace in Regenjacken für Kinder entdeckte. Gefärbt wird mit rund 7000 synthetischen Farben. Über die Haut nehmen wir Giftstoffe schneller und konzentrierter auf, als wenn wir sie schlucken würden.

Die Umweltbelastung beginnt schon viel früher. Die Hälfte unserer Kleidung wird aus Baumwolle hergestellt. Sie wächst in subtropischem Klima in großen Monokulturen, vor allem in Asien, Afrika, Brasilien und Australien. Die Pflanzen werden ausgiebig gedüngt, immer wieder mit gefährlichen Pestiziden und vor der Ernte mit Entlaubungsmitteln besprüht. Die Arbeiter auf den Plantagen leiden unter der Giftbelastung. Viele sterben daran. Das Hauptproblem ist der extreme Wasserbedarf. Für ein Kilogramm Baumwolle werden 8000 Liter Wasser gebraucht. An einem der größten Öko-Desaster, dem Austrocknen des Aralsees, ist der Baumwollanbau schuld.

Mit gut 40 Prozent sind die Kunstfasern am Markt beteiligt. Öko-Bilanzen, die Natur- und Kunstfasern klar vergleichen lassen, gibt es nicht. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass Kunstfasern „nach Maß“ produziert werden und nicht nachträglich chemisch „veredelt“ werden müssen. Sie brauchen nur 210 Liter Wasser pro Kilogramm. Der Nachteil: Sie werden aus Erdöl hergestellt und verbrauchen von der Rohstoffgewinnung bis zum fertigen Produkt sehr viel Energie.

Sklaverei heute
Hergestellt wird die Kleidung zu 95 Prozent in Osteuropa und der Dritten Welt. Dort arbeiten die Näherinnen, oft auch Kinder, unter kaum vorstellbaren Bedingungen zu Hungerlöhnen in den sogenannten Sweatshops. Die Auftraggeber bei uns suchen sich die jeweils billigsten Anbieter aus und ziehen weiter, wenn es in einem anderen Land noch billiger geht. So zahlen die Arbeiterinnen in Bangladesh für die Niedrigpreise bei uns.

Warum tun sich auch Leute, die aus Einsicht Bio-Lebensmittel kaufen, so schwer mit Öko-Mode? Das hat wohl vor allem psychologische Gründe. Ein Kleidungsstück soll auf den ersten Blick gefallen, zum Träger oder zur Trägerin passen, vielleicht eine bekannte Marke tragen. Man möchte es ausprobieren und sehen, wie man darin wirkt. Öko-Mode wird vor allem im Versandhandel und im Internet angeboten. Das heißt, wenn ein Kleidungsstück nicht passt oder nicht so attraktiv aussieht wie an dem Modell im Katalog, dann muss man es umständlich zurückschicken. Inzwischen gibt es in den Städten einige kleine Spezialgeschäfte, aber mit ihrer geringen Auswahl können sie sich meist nicht lange halten.

Schließlich ist die Orientierung schwierig. Es gibt keine einheitlichen Qualitätssiegel, sondern etwa hundert verschiedene Zeichen. Einige sagen nur etwas über die Schadstoffbelastung aus, andere auch über Anbau und Produktionsbedingungen. „Öko ist kein Verkaufsargument“ heißt es beim Otto-Versand, dem größten Anbieter von Öko-Kleidung (Pure Wear). Otto fördert dennoch den Anbau von Bio-Baumwolle und achtet auf die Arbeitsbedingungen bei den Herstellerfirmen. Ähnliches gilt für den zweitgrößten Anbieter Hess Natur. Andere Firmen wie H&M oder Exquisit haben ihre Öko-Kollektionen aufgegeben.

Auch wenn trotz allem die Nachfrage weiter wachsen sollte – das Angebot wird begrenzt bleiben. Der Anteil der Bio-Baumwolle liegt unter einem Prozent. Er wird sich auch nicht beliebig ausweiten lassen. Was wir heute schon tun können: Auf Öko-Mode achten und Kleidung nicht als billige Wegwerfartikel betrachten, sondern langlebige Qualität kaufen.

Und vor dem ersten Tragen waschen!

Marianne Weno

  • Greenpeace Magazin, Mai/Juni 2004
  • Greenpeace Magazin, April 2007
  • Natur + Kosmos, März 2006
  • Label-Online – Ein Informationsangebot der VERBRAUCHER INITIATIVE e.V.

August 2007: Bio – gerettet?

August 2007: Bio – gerettet?

Bio – gerettet?

Der Berg EU hat nach langen Geburtswehen eine unscheinbare (Gen-)Maus geboren. Ihr Name: „Verordnung ... über die ökologische/biologische Erzeugung und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen“. Am 1. Januar 2009 soll sie in Kraft treten.

Es hätte schlimmer kommen können. Der Hintergrund: Die bei uns bewährte Verordnung sollte nach Ansicht der EU-Kommission „vereinfacht“, besser gesagt aufgeweicht werden. Anlass war wohl ausgerechnet der Bio-Boom. Weil immer mehr Handelsketten und Discounter auf den Zug aufspringen und neue Bio-Eigenmarken einführen, wird die nach strengen Maßstäben produzierte Ware knapp und teuer. Deshalb hoffen die großen Unternehmen darauf, dass dank schwächerer Kriterien das Angebot zunimmt – vor allem bei Importwaren. Im Interesse der Käufer wäre das kaum.

Neu um jeden Preis?
Seit sechs Jahren haben wir uns auf das sechseckige Bio-Siegel verlassen, das von der damaligen Verbraucherministerin Künast eingeführt wurde und Produkte kennzeichnet, die nach den Regeln der bisherigen EU-Verordnung produziert wurden. Wer auf noch strengere Maßstäbe achtet, sucht nach den Zeichen der Anbauverbände Bioland, Demeter, Naturland u.a. Das alles ist klar und übersichtlich und hat nach einer Übergangsphase dazu beigetragen, dass die Verbraucher dem wachsenden Markt für Bio-Produkte vertrauen. Nun sollte wieder alles anders werden. Entsetzt reagierten Bio-Verbände und Verbraucherschützer, als Ende 2005 ein erster Entwurf der EU-Kommission bekannt wurde. Ein neues EU-weit gültiges Bio-Siegel sollte alle anderen Kennzeichen ersetzen. Erkennbar wäre dann nur noch der Mindeststandard der neuen Verordnung. Auch die Zeichen der Anbauverbände sollten verschwinden. Bis das neue europäische Siegel allgemein bekannt wäre, würden wieder Jahre vergehen. Die Begriffe „Öko“ und „Bio“ sollten nicht mehr gesetzlich auf reine Öko-Produkte beschränkt bleiben. Gegner des Entwurfs sahen in dem neuen Regelwerk den Versuch, die Öko-Kriterien zu verwässern. Die Bundesregierung erklärte damals, sie werde dem nicht zustimmen. Bio-Genfood?
Nach langen Diskussionen auf allen politischen Ebenen ist der ursprüngliche Vorschlag nun zum großen Teil entschärft und in gleichem Maße der Widerstand der Bundesregierung geschwunden. Im Dezember 2006 stimmte Minister Seehofer im EU-Agrarministerrat den Eckpunkten des EU-Entwurfes zu, trotz der Bedenken des EU-Parlaments, des Bundestages und Bundesrates. Er erklärte: „Ich freue mich über diesen erfolgreichen Abschluss, durch den die hohen Standards des Ökolandbaus europaweit auf eine neue Grundlage gestellt werden.“ Kritiker sehen weniger Grund zur Freude, aber immerhin den Fortschritt, dass das deutsche Siegel erhalten bleibt. Allerdings bedeutet „Bio – nach EU-Ökoverordnung“ dann nicht mehr dasselbe wie bisher. Auch die Zeichen der Anbauverbände dürfen weiter verwendet werden.

Was Minister Seehofer besonders freuen wird: Der Ärger mit der von ihm so geschätzten Gentechnik könnte schwächer werden, denn die neue Verordnung erlaubt auch für Bio-Produkte ausdrücklich 0,9% gentechnisch veränderte Organismen, die nicht angegeben werden müssen. Zwar darf die Bio-Branche nicht bewusst Gen-Tech-Produkte verwenden, aber was versehentlich, beim Transport oder durch Pollenflug, in die Waren hineingelangt, erfahren die Verbraucher bis zu diesem Grenzwert nicht. Allerdings: Mehr dürfen Bioprodukte in keinem Fall enthalten. Ein Grenzwert von 0,1%, wie vom europäischen Parlament gefordert, war nicht durchzusetzen. Der Wert von 0,9% galt bisher schon für ökologischen wie für konventionellen Anbau. Neu ist nur der „Freibrief“ in der Ökoverordnung. Darin liegt unausgesprochen das Eingeständnis, dass die geltenden Abstandsregeln eine gentechnikfreie Landwirtschaft praktisch unmöglich machen.

Zurück zur Giftspritze – wohl kaum
Einen zweiten bedenklichen Punkt sehen Fachleute darin, dass das strikte Verbot von chemisch-synthetischen Pestiziden unter bestimmten Voraussetzungen aufgehoben wird, wenn nämlich „ihre Verwendung unerlässlich ist für die Bekämpfung eines Schadorganismus oder einer bestimmten Krankheit, wenn keine anderen biologischen, physischen, zuchttechnischen Alternativen ... zur Verfügung stehen.“ Allerdings dürfen diese Stoffe nicht mit den essbaren Teilen der Pflanze in Kontakt kommen. Das heißt: Man kann zum Beispiel Pheromonfallen gegen Schadinsekten verwenden. Aber die Regelung ist dehnbar.

Ähnliche Ausnahmeregelungen gelten für Düngemittel und Tierfutter, wenn natürliche Stoffe nicht zur Verfügung stehen. Man fragt sich: Wie nur sind die Biobauern bisher zurechtgekommen?

Die Neufassung ist sicher kein „Quantensprung“, wie Minister Seehofer verkündet. Der Geschäftsführer des BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft), Alexander Gerber, nennt den Revisionsprozess der EU-Verordnung „... ein trauriges Kapitel europäischer Politik. Ziel war es, die Verordnung weiterzuentwickeln, letztlich ist das Ergebnis in zentralen Punkten ein Rückschritt.“

Unbefangene Beobachter könnten den Eindruck gewinnen, dass hier wie so oft ein großes Beschäftigungsprogramm mit kostenträchtigen Folgen und minimalem Nutzen abgelaufen ist. In noch einmal anderthalb Jahren werden wir uns an ein neues Biosiegel gewöhnen müssen. Sonst wird sich nicht viel ändern. Ein Mäuschen eben.

Marianne Weno

Juli 2007: Welt der Zwerge

Juli 2007: Welt der Zwerge

Welt der Zwerge

Warum reden wir so wenig darüber? Seit über einem halben Jahrhundert debattieren wir über die Kernenergie und schon ziemlich lange über Gentechnik, aber wir haben es zugelassen, dass sich von der Öffentlichkeit fast unbemerkt ein neuer Wissenschaftszweig mit all seinen praktischen Konsequenzen durchgesetzt hat. Das Ergebnis gilt heute als die Schlüsseltechnologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Gemeint ist die Nanotechnologie. Sie könnte die Welt stärker verändern als alle technischen Entwicklungen bisher, zum Guten und vielleicht auch zum Schlimmen – nur wissen die meisten Menschen bisher sehr wenig davon. Wenn die Medien gelegentlich über „Nano“ berichten, dann fast nur über die großartigen Chancen für die Zukunft. Dafür werden in den Industrieländern viele Milliarden an Forschungsgeldern investiert. Weniger als ein Prozent davon fließt in die Untersuchung der Risiken.

Jenseits des Vorstellbaren
Woher rührt die Zurückhaltung in der Öffentlichkeit? Daher, dass das Thema so schwer überschaubar ist, dass es unsere Vorstellungskraft übersteigt? Wird es verdrängt, weil es beängstigende Seiten hat, die in Science-Fiction-Geschichten weidlich ausgeschmückt werden? Die beteiligten Unternehmen preisen die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Sie erhoffen sich einen Innovationsschub für fast alle Branchen. Bisher wird die Nanotechnologie hauptsächlich für praktische Alltagszwecke genutzt, um etwa selbstreinigende Oberflächen, kratzfeste Autolacke und transparente Sonnenschutzmittel herzustellen. Schon jetzt sind mehr als 500 Nano-Produkte auf dem Markt, darunter auch Lebensmittel und Getränke. 200 Unternehmen, wie Kraft, Nestlé und Unilever, arbeiten an „Nanofood“. Für die Zukunft verspricht man sich jedoch Lösungen für viele unserer großen Probleme, zum Beispiel im Umweltschutz, in der Ressourcen- und Energieeffizienz und der Medizin. Forscher arbeiten an Nanorobotern, die so klein sind, dass sie in den Körper eingeschleust werden können, um Krankheitserreger zu bekämpfen.

Kleiner, am kleinsten
Ein Nanometer ist ein milliardstel Teil eines Meters. Das ist die Größenordnung der Atome.
Seit es technisch möglich ist, mit diesen kleinsten Strukturen umzugehen, arbeiten die Forscher daran, Moleküle in neuen Formen anzuordnen, Materialien zu verändern oder neu aufzubauen. Bei Partikeln in diesem Bereich, die nur aus wenigen Molekülen bestehen, verändern sich die Eigenschaften des Ursprungsmaterials. Das liegt wahrscheinlich an der Oberfläche, die im Verhältnis zu ihrem Volumen stark vergrößert ist. Ungiftige Verbindungen, wie zum Beispiel Titandioxid, das in der Kosmetik verwendet wird, können im Nanomaßstab giftig werden. Aluminiumoxid, Material für Zahnfüllungen, ist im Nanobereich hochexplosiv. Die Teilchen sind in der Lage, andere Substanzen anzulagern und sie auf ihren Wegen mitzunehmen. Sie sind imstande, die Blut-Hirn-Schranke zu durchdringen und das Immunsystem zu überwinden. Das kann die Medizin nutzen, um Wirkstoffe in den Körper einzuschleusen. Die Frage ist jedoch, was unerwünschte Nanopartikel im Körper tun, wenn sie zum Beispiel eingeatmet werden. Können sie in der Lunge ähnlich wirken wie Asbestfasern? Wir wissen auch nicht, wie sich Nanopartikel in Wasser, Luft und Böden verhalten. Was geschieht mit den wasserlöslichen Teilchen, die ins Grundwasser sickern und unterwegs Giftstoffe wie Kadmium anlagern? Bis heute gibt es keine Richtlinien und auch keine Deklarationspflicht für Nanomaterialien.

Technologischer Tsunami
Am heikelsten wird es da, wo sich die Grenzen zwischen lebender und lebloser Materie verwischen. Hier verbindet sich die Nano-Forschung mit der Gentechnologie zu einer unheimlichen Allianz. Lebende Maschinen, Mischwesen, die sich selbst reproduzieren können, sind offenbar keine reine Utopie mehr. Fantasievolle Autoren, wie Michael Crichton, malen sich schon aus, wie diese Maschinen eines Tages die Macht übernehmen.

Auch wenn die Nanotechnologie nicht annähernd so heftig diskutiert wird wie etwa die Genmanipulation, gibt es doch sachkundige Kritiker, die Moratorien verlangen, solange die vielfältigen Risiken ungeklärt sind. Am bekanntesten ist die kanadische ETC-Group, eine Bürgerrechtsbewegung, die schon zu den ersten Warnern vor der Gentechnik gehörte. Ihr Geschäftsführer Pat Mooney schildert in der Zeitschrift „Politische Ökologie“*, was nach Auffassung der Gruppe auf uns zukommt: „Ein technologischer Tsunami“. „Zwei Drittel der enormen finanziellen Investitionen in diese Technologie fließen in die Manipulation lebender Organismen. Es geht eben nicht um bessere Beschichtungen von Bratpfannen ... sondern ganz konkret um die Erschaffung neuer Lebensformen.“ Diese könnten sich explosionsartig vermehren und die Erde bevölkern. Im Laborversuch sollen sie bereits realisiert sein.
Spätestens hier stellt sich die Frage nach einer „Nano-Ethik“.

Können wir eine solche Entwicklung akzeptieren? Ließe sie sich in Teilen überhaupt noch stoppen?

Jedenfalls müssen wir dringend darüber reden.

Marianne Weno

  • „Nanotechnologie, Aufbruch ins Ungewisse“, Politische Ökologie, September 2006.
  • „Nanotechnologie, ihre Chancen und Risiken“, Natur + Kosmos, Mai 2004.

Juni 2007: Jeder Berliner hat einen Vogel – statistisch gesehen

Juni 2007: Jeder Berliner hat einen Vogel – statistisch gesehen

Jeder Berliner hat einen Vogel – statistisch gesehen

An schönen Frühsommer-Wochenenden zieht es viele Berliner hinaus „in die Natur“. Während sie etwa den Anblick von endlosen gelben Rapsfeldern genießen, wird ihnen kaum bewusst sein, dass sie zu Hause eine weit vielfältigere Natur hinter sich gelassen haben und dass sie sich nun in verarmten Landschaften bewegen, in denen die allgegenwärtige Überdüngung nur wenigen Tier- und Pflanzenarten Raum gelassen hat.

Moloch oder Lebensraum?
Früher galt die Großstadt als „unwirtlich“. Noch Konrad Lorenz verglich sie mit einem bösartigen Tumor, der sich in die natürliche Landschaft hineinfrisst. Heute sagt uns die Wissenschaft, dass unsere Großstädte die eigentlichen Naturrefugien sind, in denen die aus dem Umland verdrängten Arten ihre Lebensräume finden. Dabei nimmt Berlin in der Rangfolge der Metropolen den ersten Platz ein. Das liegt auch, aber nicht nur an dem 40-Prozent-Anteil an Wald, Grünflächen und Gewässern. Allgemein gilt: je größer die Stadt, um so größer der Artenreichtum. In den siebziger Jahren zeigte eine Untersuchung, dass in der Innenstadt von Westberlin 380 Pflanzenarten auf dem Quadratkilometer wuchsen. Viele davon sind Arten, die an Magerstandorten gedeihen und in landwirtschaftlich genutzten Gebieten keine Chance mehr haben. Kein Wunder, dass sich dort selten gewordene Schmetterlinge und andere Insekten einfinden und in der Folge Vögel und Fledermäuse. 141 Brutvogelarten gab es zwischen 1990 und 2000 in Berlin, mehr als in allen anderen deutschen Städten, davon etwa so viele Einzelexemplare wie menschliche Stadtbewohner. Seeadler, Wander- und Turmfalken brüten hier und rar gewordene Kleinvögel, wie Pirol und Haubenlerche. Die Stadt kann sich leicht mit bedeutenden Vogelschutzgebieten messen. Dazu kommen rund 50 frei lebende Säugetierarten. Der Biologe Josef H. Reichholf, der sich seit Langem mit dem Thema beschäftigt, nennt als Hauptgrund für den Artenschwund in der Kulturlandschaft den „Erstickstoff“ aus Gülle und Autoabgasen. In den Großstädten spielt die Landwirtschaft keine Rolle, und das innerstädtische Grün wird kaum gedüngt. Zwar sorgt der Autoverkehr für reichlich Stickstoff-Immissionen, aber Reichholf meint, dass das Regenwasser im Stadtgebiet schnell abgeleitet wird und die darin gelösten Nährstoffe weniger von den Pflanzen aufgenommen werden.
Auch hier wachsen Brennnesseln, Wiesenkerbel und andere „Stickstoffanzeiger“, aber nicht so üppig, dass sie alles andere verdrängen. Im Gegensatz zur Kulturlandschaft finden sich hier blütenreiche Pflanzengesellschaften, die Schmetterlinge, Hummeln und andere Insekten anziehen und damit auch den Vögeln Nahrung bieten.

Widersprüche
Die Stadt erfüllt für den Artenschutz Aufgaben, die die Kulturlandschaft nicht mehr wahrnehmen kann. Sie hat sich diese Rolle nicht ausgesucht. Während die Natur, ohne zu fragen, ihre Nischen besetzt, spielt sie im öffentlichen Bewusstsein einen eher bescheidenen Part. Die Forderung, Natur in der Stadt zu schützen, betrachten viele noch immer als Marotte. Urbanität, Eventkultur, Metropolengefühl – das alles scheint schwer vereinbar mit dem Thema Stadtnatur.

Die Vorstellungen, wie das Stadtgrün gestaltet werden sollte, gehen weit auseinander. So wünscht sich die Denkmalspflege repräsentative, nach historischen Vorbildern gestaltete öffentliche Parks und Gärten. Stadtplaner plädieren für freizeittaugliche „Intensiv-Grünflächen“ und „Aktiv-Parks“. Wildwuchs, also das, was für Vielfalt sorgt, wird eher im Verborgenen geduldet, da, wo es wenig stört.

Selber machen

Die positive Seite: Immer mehr Bürger wollen die grüne Stadt und sie tun etwas dafür. Es gibt zahllose Beispiele von liebevoll bepflanzten Baumscheiben, grünen Oasen in Innenhöfen, begrünte Wände und Dächer und Stadtbrachen, die von „Gartenpiraten“ in kleine, naturnah gestaltete Gärten verwandelt werden, bis hin zu der Interessengemeinschaft, die dem zuständigen Grünflächenamt mit sanfter Gewalt die Pflege und Gestaltung eines Grünzuges aus der Hand genommen hat. Wo immer Bäume gefällt werden sollen, wehren sich die Bürger.

Am 30.Juni und 1. Juli erleben wir den „Langen Tag der Stadtnatur“. Blättert man in dem umfangreichen Programmheft, dann findet man die fast unglaubliche Zahl von 400 Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene an rund 150 Standorten in allen Bezirken. Sie sollen den Blick schärfen für die oft übersehenen Schätze, neues Verständnis wecken und zu eigenen Initiativen anregen. Vieles von dem, was geboten wird, ist dem Engagement von Bürgern zu verdanken. Es zeigt, dass die Berliner die Natur lieben und brauchen und sie notfalls selbst in ihren Kiez holen, ohne lange um Erlaubnis zu fragen. Wenn das – bei allen Problemen – kein Grund zum Optimismus ist ...

Marianne Weno

  • * Josef H. Reichholf; „Comeback der Biber“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1993
  • Josef H. Reichholf „Der Tanz um das Goldene Kalb“, Wagenbach, 2004
  • Josef H. Reichholf  „Stadtnatur“, oekom verlag, 2007

Mai 2007: Das große Rätselraten

Mai 2007: Das große Rätselraten

Das große Rätselraten

Aus den USA kamen die ersten erschreckenden Nachrichten. Dort verschwinden auf ungeklärte Weise die Bienenvölker spurlos, in manchen Gegenden bis zu 80%. Für viele Besitzer von Obst- und Mandelplantagen ein Desaster, weil ein großer Teil der Bäume nicht mehr bestäubt wird. Ganz so spektakulär ist die Lage in Europa noch nicht, aber auch hier gibt es immer weniger Bienenvölker. „Der Todeskampf der Honigbiene und der Imkerei in Deutschland hat begonnen“, sagt Manfred Hederer, Präsident des Verbandes der Berufsimker.

Ohne Bienen leben?
Wer immer sich zu dem Thema äußert, zitiert Albert Einstein, der meinte, wenn die Bienen verschwänden, könnten die Menschen nur noch vier Jahre überleben, weil es dann keine Nahrung mehr gäbe. Diese Prognose ist vermutlich übertrieben. Wichtige Grundnahrungsmittel kommen ohne Bienen aus. Weizen und Reis werden vom Wind bestäubt. Aber sehr große Probleme bekommen wir schon, wenn es immer weniger Bienenvölker gibt. Auf den Honig können wir notfalls verzichten, aber 87 Prozent der wichtigsten Kulturpflanzen sind auf Insekten, hauptsächlich auf Bienen, angewiesen: Obst zu 90 Prozent und auch viele Gemüsesorten und Futterpflanzen, wie Klee und Luzerne.

Stress, Gift, Nahrungsmangel
Über die Gründe für das Verschwinden der Bienen wird viel gerätselt. Bekannt ist die Varroa-Milbe, die 1977 aus Asien eingeschleppt wurde und seitdem den Imkern viel Ärger macht. Aber es gibt Mittel dagegen, und bisher wurden die Bienen mit dem Eindringling, der sich von ihren Larven ernährt und auch Viruskrankheiten übertragen kann, einigermaßen fertig. Jetzt sieht es so aus, als ob das Immunsystem der Tiere nicht mehr funktioniert. Man spricht deshalb schon von „Bienen-Aids“, obwohl das HI-Virus nichts damit zu tun hat. Verdächtigt werden Insektizide, vor allem zwei Präparate von Bayer: Imidachloprid (Gaucho) und Fipronil. Beide werden zum Beizen von Saatgut verwendet, auch beim Raps, der im Frühjahr die Hauptnahrung der Bienen ist. Dagegen spricht, dass diese Mittel seit drei Jahren in Frankreich verboten sind und das Bienensterben dennoch anhält. Denkbar ist auch, dass die „Tankmischungen“ aus verschiedenen Pestiziden die Widerstandskräfte der Bienen schwächen.

Am Klima liegt es wohl bisher nicht. Wärmere Winter sind eher gut für die Bienen. Allerdings verändert sich die Pflanzenwelt, und Schädlinge und Krankheiten können sich ausbreiten.

Gentechnik – Aus für die Imkerei?
Der bei uns zugelassene genmanipulierte Bt-Mais produziert Giftstoffe gegen den Maiszünsler. Sie können in die Pollen übergehen und die Bienen schädigen. Wie bei den Pestiziden geht es auch hier um viel Geld. Entsprechend massiv wehren sich die Unternehmen gegen jeden Verdacht. Gutachten und Gegengutachten ohne Ende konnten bisher keine Klarheit bringen. Sollte sich die Grüne Gentechnik weiter durchsetzen, dann würde sie zum Niedergang der Imkerei beitragen. Bienen fliegen weit – für sie gibt es keine Sicherheitsabstände. Gentechnisch verunreinigter Honig wäre unverkäuflich. Eine bedrohte Spezies ist der Imker schon heute. Nachwuchs findet sich kaum noch. Die alljährlichen Verluste ganzer Völker und der billige Importhonig in den Supermarktregalen führen dazu, dass die Bienenhaltung als Beruf oder Hobby schnell zum Verlustgeschäft werden kann. Imkerpräsident Hederer meint, der Anbau genmanipulierter Pflanzen könne der Imkerei – und damit der Honigbiene – den Rest geben.

Eine unbekannte Ursache?
Vielleicht wird sie eines Tages entdeckt. Wahrscheinlicher ist, dass eine ganze Reihe von Stressfaktoren die Tiere belastet. Dann müssen wir das Bienensterben als Indikator für den Zustand der Natur sehen. Mehr als alles andere stört die intensive Landwirtschaft das Gleichgewicht zwischen den Arten. Wenn Raps und Obstbäume abgeblüht sind, brauchen die Bienen andere Blütenpflanzen. Da aber die Wiesen früh gemäht werden und die meisten „Unkräuter“ ausgerottet sind, können sie sich und ihre Brut zeitweise nur unzureichend ernähren. Und umgekehrt: Wo es wenig Bienen gibt, verschwinden auch die Blütenpflanzen.

Auch ohne Bienen würden wir uns weiter ernähren können, wenn auch eintöniger, teurer und vitaminärmer als heute. Aber weltweit würde sich der Mangel verschärfen, der schon durch Trockenheit und andere Wetterkatastrophen verursacht wird – und neuerdings durch die Konkurrenz zwischen Nahrungs- und Energiepflanzen.

Sollte Einstein eines Tages doch recht behalten?

Marianne Weno

April 2007: Ausgerechnet Potsdam ...

April 2007: Ausgerechnet Potsdam ...

Ausgerechnet Potsdam ...

... war der Ort, an dem Bundesumweltminister Gabriel vor den versammelten Kollegen nicht nur die Klimaziele der Regierung erläuterte, sondern auch besonders hervorhob, wie wichtig ein besserer Artenschutz für die Zukunft sei. Das alles in der Hauptstadt des Landes, das dank der Braunkohle bundesweit am meisten CO² emittiert, pro Kopf mehr als die USA, und mit Jänschwalde eines der ältesten und schmutzigsten Kraftwerke Europas besitzt. Soeben hat Ministerpräsident Platzeck erklärt, das Land plane keinen Ausstieg aus der Braunkohle, sondern setze auf das „kohlendioxidarme Kraftwerk“. Dass dies eine umstrittene Technologie im Anfangsstadium der Entwicklung ist und frühestens in zehn oder fünfzehn Jahren zur Verfügung stehen kann, wenn überhaupt, das sagt er nicht, und auch nicht, wie eine solche Politik mit den Klimazielen der Bundesregierung und der EU vereinbar sein soll.

Keine Chance für den Laubfrosch
Der innigen Zusammenarbeit mit Vattenfall will Brandenburg auch ohne Bedenken ein landschaftliches Juwel mit vielen geschützten Arten opfern. Die Rede ist von den Lacomaer Teichen am nördlichen Rand von Cottbus. Der Energiekonzern will die ungewöhnliche, ökologisch vielfältige Landschaft verwüsten, um an die darunter liegenden 40 Millionen Tonnen Braunkohle zu gelangen, die in Jänschwalde kräftig zur Klimaerwärmung beitragen werden. Welche Arten – außer Eisbären – der Umweltminister besonders schützen möchte, Rotbauchunke, Eremitenkäfer, Wiedehopf, Rohrdommel, Laubfrosch und Grüne Keiljungfer können es kaum gewesen sein. Insgesamt 170 Arten, mehr als 100 davon auf der Roten Liste, leben in dem 300 ha großen Areal aus Karpfenteichen, Erlenbrüchen und Wiesen.
Haben Sie schon einmal einen Laubfrosch in freier Natur gesehen? Hier gibt es noch Hunderte davon und etwa 5000 Exemplare der streng geschützten Rotbauchunke.
1968 wurden die Teichwiesen zum Landschaftsschutzgebiet erklärt, 2003 als Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH) unter europäischen Schutz gestellt. Zuvor hatte die Landesregierung lange versucht, die Meldung nach Brüssel zu vermeiden. Erst durch ein Vertragsverletzungsverfahren wurde sie dazu gezwungen. Inzwischen hat sich allerdings gezeigt, dass auch die EU-Kommission keinen Schutz bietet, wenn wirtschaftliche Interessen im Spiel sind: Im Herbst 2006 sah man in Brüssel ein „überwiegendes öffentliches Interesse“ und stimmte dem Abbau zu.

Bock zum Gärtner
Der Fall zeigt den ganzen Widersinn einer Klima- und Naturschutzpolitik, die sich wortreich große Ziele setzt und sie durch eigenes Handeln unerreichbar macht. Die Bundeskanzlerin, die sich gerade als die große Klimaschützerin zu profilieren versucht, hat sich ausgerechnet Lars Göran Josefsson, den Vorsitzenden von Vattenfall, als energiepolitischen Berater ausgesucht. Vattenfall – das heißt Kohle, besonders der schmutzigste Primärenergieträger Braunkohle. Weil man ja „leider“ zurzeit nicht auf Atomenergie setzen kann. Das von Vattenfall geplante riesige Steinkohlekraftwerk in Lichtenberg, das alle Einsparbemühungen Berlins zunichtegemacht hätte, ist ausnahmsweise einmal durch den Widerstand aller Parteien auf Eis gelegt worden – vorläufig. Aber die Braunkohle ist weiter im Aufwind. So berichtet der SPIEGEL, dass die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft Mibrag in Sachsen-Anhalt riesige Gebiete in „Mondlandschaften“ verwandeln will, weil sie dort 1,2 Milliarden Tonnen des „braunen Goldes“ vermutet, und dass bundesweit Dutzende von neuen Stein- und Braunkohlekraftwerken geplant sind.

Chronik der Proteste
Das sorbische Dorf Lacoma wurde schon 1337 urkundlich erwähnt. Der um 1450 erbaute Hammergraben, der die Teiche mit Wasser versorgt, gilt als technisches Denkmal. Auch er soll nach den Plänen von Vattenfall verschwinden. Die Proteste gegen den Tagebau Cottbus Nord reichen bis in die DDR-Zeit zurück. Nach der Wende sah es zunächst so aus, als würden die Pläne aufgegeben. 1993 versicherte der damalige Umweltminister Platzeck auf einem Dorffest in Lacoma, das Dorf und die Teichlandschaft würden erhalten bleiben. Zwei Jahre später wurden die letzten Häuser des Ortes abgerissen. Seitdem engagieren sich neben Bürgerinitiativen die Verbände Grüne Liga, BUND, NABU und Robin Wood dafür, wenigstens die Teichwiesen zu erhalten. Das Auf und Ab der Genehmigungsverfahren und Klagen geht weiter – mit ungewissem Ausgang. Im Februar stoppte das Verwaltungsgericht Cottbus Baumfällarbeiten im Landschaftsschutzgebiet am Hammergraben. Zurzeit betreibt das Landesbergamt die Ausgliederung des Teichgebietes aus der Schutzverordnung. Die Verbände klagen in der zweiten Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg gegen das ganze Vorhaben. Die Grüne Liga hat dafür ein Spendenkonto eingerichtet, denn der Rechtsweg ist so teuer wie langwierig.

Übrigens: Man muss seinen Strom nicht von Vattenfall beziehen. Wer wechseln will: Der BUND hilft weiter.

Marianne Weno

  • „Zwischenstand zum Kampf um den Erhalt der Lacomaer Teiche vor Gericht“ Libell, Rundbrief der Grünen Liga Brandenburg vom 22. März 07
  • „Lacoma kämpft jetzt vor Gericht“, Der Rabe Ralf, Februar/März 07
  • „Chronik des Kampfes um das Dorf Lacoma und die benachbarte Teichlandschaft“, Robin Wood, Februar 2007
  • „In der Klimafalle“ und „Reise in die Vergangenheit“, DER SPIEGEL, 12/07

März 2007: Für Birkhuhn und Sonnentau die letzten Moore schützen

März 2007: Für Birkhuhn und Sonnentau die letzten Moore schützen

Für Birkhuhn und Sonnentau die letzten Moore schützen

Die Gartensaison beginnt, und wieder stellt sich die Frage: Ist der Laubenpieper eigentlich ein Schädling oder ein Nützling? Beim näheren Hinsehen zeigt sich: Nicht jeder Garten- oder Balkonbesitzer ist der Naturschützer, für den er sich hält. Auch wer auf Giftspritze, Kunstdünger und Laubsauger verzichtet, kann – ohne es zu ahnen – zur Naturverödung beitragen. Denn in all den Säcken mit „Blumenerde“, die besonders im Frühjahr in Gärten und Balkonkästen verteilt wird, steckt ein Stück artenreicher, selten gewordener Landschaft: Torf aus dem Moor.

Archive der Naturgeschichte
Die Hoch- oder Regenmoore sind hierzulande die einzigen noch erhaltenen Urlandschaften. Sie sind vor mehr als 10 000 Jahren nach der letzten Eiszeit entstanden. Dort hat sich der Torf im Lauf der Jahrtausende gebildet, weil Wasser die abgestorbenen Torfmoose und andere Pflanzen von der Luft abgeschlossen und so am Verrotten gehindert hat. Torf ist also wie die Kohle ein fossiler Rohstoff, der nur in sehr langen Zeiträumen neu entstehen kann – falls es auch in Zukunft noch Moore gibt. Im Durchschnitt wächst der Torf um einen Millimeter pro Jahr. Eine Torfschicht von fünf Metern ist also etwa 5000 Jahre alt.
Diese Moore sind lebende „Datenbanken“ der Naturgeschichte. Im Torf haben sich Pollen, Samen und Pflanzenteile so gut konserviert, dass Wissenschaftler die Vegetation und das Klima früherer Jahrhunderte rekonstruieren können. Auch deshalb ist es wichtig, sie zu erhalten.

„O schaurig ist's, übers Moor zu gehen“ (Annette von Droste-Hülshoff)
Ursprünglich waren große Teile Europas von Mooren bedeckt. Sie galten als nutzloses Ödland. Den Menschen waren sie bis weit in die Neuzeit hinein unheimlich. Nebelschwaden, aus Faulgasen stammende Irrlichter, der unsichere Untergrund – das alles findet sich in Geschichten von Moorgeistern und Elfen wieder. Die Feuchtgebiete wurden gemieden und höchstens an den Rändern als dürftige Weiden genutzt.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entdeckte man den Torf als Brennmaterial, Ersatz für die weitgehend abgeholzten Wälder. Zugleich begann man, die Feuchtgebiete zu entwässern und als Wald- und Ackerland zu nutzen. Heute sind in Mitteleuropa nur wenige Moore erhalten.

Lebensraum für Spezialisten
In Mooren und Sümpfen lebt eine große Zahl spezialisierter Pflanzen und Tiere, die zum Aussterben verurteilt sind, wenn ihre Lebensräume verschwinden. Dazu gehören Moorvögel, wie Birkhuhn und Großer Brachvogel, Ringelnatter und Moorfrosch, zahlreiche Schmetterlinge und Libellen, deren Larven nur im Moorwasser leben. Fast alle stehen auf den Roten Listen, ebenso die Pflanzen, die nur auf den sauren und nährstoffarmen Böden gedeihen, wie der geschützte Sonnentau.

Als die Moore noch intakt waren, hatten sie eine wichtige Funktion im Wasserhaushalt der Landschaften. Als Wasserspeicher können sie das Zwanzigfache ihres Trockengewichts aufnehmen und so Überschwemmungen verhindern helfen. Heute sind sie nur noch an wenigen Stellen in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen.

Die Zerstörung der Moore wirkt sich auch auf das Klima aus. Die Torflager binden große Mengen Kohlenstoff und Stickstoff. Werden sie abgebaut oder entwässert, dann gelangen CO², Ammoniak und Distickstoffoxid (Lachgas) in die Atmosphäre und tragen zum Treibhauseffekt bei.

In Deutschland sind schon 95 Prozent der Hochmoore zerstört. Die Reste sind mehr oder weniger geschützt. Dennoch wird – vor allem in Niedersachsen – noch immer Torf abgebaut.
Die großen Mengen, die die hiesige Torfindustrie verbraucht, werden heute vor allem aus dem Baltikum importiert. Man kann sich leicht vorstellen, wann die baltischen Hochmoore ebenso ausgeräumt sein werden, wie die deutschen. Auch in Russland, Weißrussland und der Ukraine wird Torf industriell abgebaut, in Irland sogar in Kraftwerken verbrannt.

Torf soll im Moor bleiben
Es gibt also viele Gründe, die Moore zu schützen. Zumal man ihn fast überall durch andere Stoffe ersetzen könnte. Von dem importierten Torf werden zwei Drittel für den gewerblichen Gartenbau und ein Viertel, etwa 2,3 Millionen Kubikmeter, von Hobbygärtnern verbraucht. Was als Blumenerde verkauft wird, besteht zum größten Teil aus Torf. Er ist beliebt, weil er locker ist und Wasser gut speichert. In Wirklichkeit verbessert er die Bodenstruktur nur für kurze Zeit. Torf ist sauer und enthält so gut wie keine Nährstoffe. Ohne Kalk- und Düngerzusatz schadet er mehr, als er nützt.

Wer weiß, was der Torfabbau in der Natur anrichtet, wird sich auch deshalb nach Alternativen umsehen. Und es gibt sie. Gut und kostenlos ist der eigene Kompost. Aber auch immer mehr Firmen bieten torffreie Gartenerden an,*) die aus Holzfasern, Rindenhumus, Kompost, Tonmineralien und Lavagranulaten bestehen. Sie verbessern den Boden – und das ökologische Gewissen.

Marianne Weno

  • Claus-Peter Hutter (Hrsg.), Alois Kapfer, Peter Poschlos: „Sümpfe und Moore“, Weitbrecht BiotopBestimmungsBücher
  • WWF, Hintergrundinformation: Torfabbau zerstört Moore. www.wwf.de

Februar 2007: Märkische Posse

Februar 2007: Märkische Posse

Märkische Posse

Ort der Handlung: eine Straße im Barnim, nördlich von Bernau. 5,6 Kilometer lang, zwischen Rüdnitz und Danewitz. Bemerkenswert daran: Die Straße besitzt eine der ältesten, fast kompletten Ahornalleen des Landes, 760 Bäume, größtenteils über hundert Jahre alt, mit einem geschlossenen Kronendach. Ein Kleinod, möchte man meinen, das die örtlichen Behörden sorgfältig hüten und bewahren.

Das glauben naive Besucher. In Wirklichkeit bringt eine solche Allee nichts ein, sondern sie kostet. Sie muss gepflegt und verkehrssicher gehalten werden. Manchmal stirbt ein Baum ab und ist zu ersetzen. Wird sie hingegen beseitigt, in Verbindung mit einem mehr oder weniger sinnvollen Bauprojekt, dann bringt sie Geld: Fördermittel sprudeln aus verschiedenen Quellen, örtliche Firmen verdienen gut: Holzfäller, Holzhändler und Baumschulen, die für die Ausgleichspflanzungen sorgen.

Da trifft es sich gut, dass die Fahrbahn in schlechtem Zustand ist und dringend repariert werden muss. Dann kann man doch gleich die Straße verbreitern, von 4,75 auf 5,50 Meter. Bei dem dichten Verkehr von 250 Autos pro Tag (zehn pro Stunde) wäre das auch dringend nötig. Dumm nur, dass dafür die Allee weichen muss, obwohl es im Landesnaturschutzgesetz heißt: „Alleen dürfen nicht beseitigt, zerstört, beschädigt oder sonst ... beeinträchtigt werden“. Aber eine findige Kreisverwaltung hat schon Argumente parat, und wenn das eine nicht zieht, zaubert man eben das nächste aus dem Hut, sei es auch noch so fadenscheinig. Mit Protesten, die laut werden, sobald die Pläne bekannt sind, wird man schon fertig – wozu hat man seine Tricks?

Erster Akt
Angefangen hat die traurige Posse im Juli 2006. Hauptdarsteller und treibende Kraft hinter dem geplanten Sägemassaker ist Vize-Landrat Carsten Bockhardt. Seitdem herrscht eine Dauerfehde zwischen Alleefreunden und Alleegegnern. Viele Bürger engagieren sich für ihre Allee, unterstützt von Bündnis 90/Die Grünen und den Umweltverbänden. Erstes Argument der Kreisverwaltung: Die Bäume seien sowieso alle krank und würden die nächsten zehn Jahre nicht überstehen. Man werde 2,50 Meter von der Fahrbahn entfernt eine neue Allee pflanzen. Nachdem ein Gutachten festgestellt hat, dass die Mehrzahl der Bäume gesund ist, heißt es plötzlich, die Straße müsse auf die für Kreisstraßen übliche Breite gebracht werden, sonst könnte sie zur Gemeindestraße herabgestuft werden. Ein pfiffiges Argument, denn für die Anwohner hieße das, sie würden an den Straßenbaukosten beteiligt. So etwas schreckt ab. Eine Bürgerinitiative pro Fällaktion bildet sich, für die sich auch die Märkische Oderzeitung mächtig ins Zeug legt. Auf der anderen Seite wächst der Widerstand.

Bei einer öffentlichen Veranstaltung sagt Carsten Bockhardt den unvergleichlichen Satz, dies sei „eine der letzten großen Gelegenheiten, in Brandenburg eine Allee neu zu pflanzen“.

Nächster Akt
Im September schreibt ein sachkundiger Bürger, Mitglied im Umweltausschuss, einen offenen Brief an den Präsidenten des Landesumweltamtes und erhält zur Antwort, das Amt verbiete die Fällung. Gleich hat die Kreisverwaltung einen neuen Trick parat: Jetzt sollen so viele „Ausweichtaschen“ gebaut werden, dass jeder dritte Baum fallen muss. Beinahe wie ein Witz klingt die Begründung: Anderenfalls müsse die Straße zur Einbahnstraße umgewidmet werden.

Die Entscheidung des Landesumweltamtes ist ohnehin nicht von Dauer. Der Landrat beschwert sich bei Umweltminister Woidke, und siehe da: Auf einmal ist das Amt gar nicht mehr zuständig. Am 12. Dezember genehmigt die Untere Naturschutzbehörde die Fällung fast aller Bäume. Die Ausschreibung der Arbeiten kann beginnen.

Am 13. Dezember besteigt eine junge Frau einen der großen Spitzahorne und kündigt an, sie wolle dort Weihnachten und Neujahr verbringen. Daraus wird nichts – die Polizei beendet am selben Abend die Aktion. Immerhin berichtet der RBB in „Brandenburg aktuell“ darüber. Am 2. Januar besetzten erneut Mitglieder von Robin Wood und Grüner Liga vier der Bäume.

Vorläufig letzter Akt
Die Grüne Liga hat ein Spendenkonto eingerichtet*) und klagt gemeinsam mit dem BUND gegen die Entscheidung des Landkreises. Am 22. Januar verbietet das Verwaltungsgericht in Frankfurt/Oder in einem Eilverfahren vorläufig die Fällungen, weil das Landesumweltamt in diesem Fall allein zuständig sei. Die Kreisverwaltung hat jetzt drei Möglichkeiten: Sie zieht vor das Oberverwaltungsgericht, oder sie beantragt beim Landesumweltamt die Fällgenehmigung oder sie gibt auf und lässt die Bäume stehen ...
Der letzte Vorhang ist noch längst nicht gefallen.

Marianne Weno

Januar 2007: Abschied von Tiger & Co?

Januar 2007: Abschied von Tiger & Co?

Abschied von Tiger & Co?

Was bedeutet es, wenn eine Käferart ausstirbt, von der wir noch nie etwas gehört haben? Für die meisten von uns wohl sehr wenig. Aber wenn Menschenaffen, Eisbären, Nashörner und Tiger bedroht sind, Tiere, die schon die kleinen Kinder aus dem Bilderbuch kennen, dann berührt es uns alle. Zu den Wirbeltieren, besonders zu den großen Säugetieren, haben wir eine besondere, allerdings zwiespältige Beziehung. Wir erleben sie selten in freier Wildbahn, und wenn doch, dann oft als Bedrohung, wie der Fall des Bären „Bruno“ gezeigt hat. Dass manche, wie der Tiger, in Freiheit gefährlich sind, macht einen Teil ihrer Faszination aus. Der „Spiegel“ berichtet von reichen Amerikanern, die sich Tiger als Haustiere halten und zeigt einen solchen „Tierfreund“, der mit seiner „Hauskatze“ in einem Bett schläft. Nervenkitzel ist auch das Motiv, wenn bis heute die stärksten Raubkatzen im Zirkus „Männchen machen“ müssen. Andererseits bewundern wir die Tiere – ihre Kraft, die Schönheit ihrer Bewegungen, das sinnvolle Verhalten in ihrer natürlichen Umgebung.

Wir brauchen diese Tiere. Auch wenn die wenigsten von uns Tiger oder Gorillas in ihrer Heimat erlebt haben, gehören sie zu unserem Bild von der Welt. Neben vielen eindrucksvollen Fernsehfilmen, die Tiere in ihren Lebensräumen zeigen, angefangen von Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“, haben heute Zoosendungen auf allen Kanälen Konjunktur. Was sie zeigen, ist allerdings ein Bild, das mit dem Leben in der Natur wenig zu tun hat. Sie blicken hinter die Kulissen, handeln eher von Pflegern, die sich liebevoll und engagiert um die Tiere kümmern, sie füttern, mit ihnen reden, sie pflegen, wenn sie krank sind. Raubkatzen, denen man nicht im Freien begegnen möchte, werden gekrault wie Kuscheltiere, Jungtiere mit der Flasche aufgezogen. Auch nichts gegen die Schauseite unserer Zoos, die den Menschen, vor allem den Kindern, die wunderbare, vielfältige Tierwelt nahe bringt. Aber sie zeigt eine trügerische Idylle, die wenig mit dem Lebenskampf in der Wildnis zu tun hat.

Arme Welt
Sie zeigen das, was bald übrig bleiben könnte von der Artenvielfalt, wenn das Aussterben weitergeht wie bisher. Und das scheint unausweichlich. Schon in den frühen neunziger Jahren warnten Biologen vor dem größten Artensterben seit dem Ende des Erdmittelalters. Sie rechnen damit, dass die Hälfte aller Tierarten die nächsten hundert Jahre nicht überlebt. Ursache ist: das Wachstum der menschlichen Weltbevölkerung, die immer stärker in die Lebensräume der anderen Lebewesen drängt und immer mehr natürliche Ressourcen verbraucht. Wenn um die Mitte des Jahrhunderts acht bis 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben, dann wird es kaum noch Platz für Schutzgebiete geben. Schon heute wird es trotz internationaler Artenschutz-Konventionen immer schwieriger, Wildnisgebiete zu schützen, sobald wirtschaftliche Interessen im Spiel sind. Dazu kommt die Klimaveränderung, die große Gebiete verwüsten wird, und schließlich der kommerzielle Handel, gerade mit seltenen Tieren. Schon immer in der Erdgeschichte sind Arten ausgestorben, aber zum ersten Mal sind wir, die Menschen, daran schuld.

Von den geschätzten 30 bis 100 Millionen Arten sind bisher nur etwa eine Million bekannt und beschrieben. Die meisten davon sind Käfer und andere Wirbellose, und der überwiegende Teil lebt in den tropischen Wäldern. Gut erforscht und beschrieben sind die etwa 41 000 Wirbeltierarten, davon 4000 Säugetiere. Von ihnen ist ein Viertel akut vom Aussterben bedroht. Von ursprünglich neun Unterarten des Tigers gibt es noch sechs in Sibirien, China, Indien und Indonesien, die alle stark gefährdet sind. Eisbären drohen schon bald Opfer des Klimawandels zu werden. Auch unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, haben auf längere Sicht kaum noch eine Chance.

Moderne Arche Noah
Damit haben die Zoologischen Gärten heute eine neue Aufgabe: die „Erhaltungszucht“. Sie bewahren und züchten die Arten, die in der Freiheit keine Überlebenschance haben. Das Ziel: die Tiere wieder auszuwildern, wenn sich die Bedingungen dafür verbessert haben. Das kann schon bald der Fall sein, wie zum Beispiel bei der arabischen Oryxantilope, die in Oman wieder eingebürgert wurde. In den meisten Fällen ist es jedoch ein Projekt für Jahrhunderte: die Tiere sollen bewahrt werden für Zeiten, in denen die Bevölkerung zurückgegangen ist und die Lebensräume wieder hergestellt werden können. Ob es jemals so weit kommt und wann, weiß niemand. Die Befürworter sind dennoch nicht bereit, tatenlos einen großen Teil der Tierwelt untergehen zu lassen, wenn noch eine Chance besteht, sie für die Zukunft zu retten. Andere sind dagegen, Tiere in Gefangenschaft weiterleben zu lassen, wenn sie in der Freiheit keinen Platz mehr finden. Jenseits dieser Diskussion haben die Zoos jedoch längst ein umfangreiches und wissenschaftlich ausgeklügeltes Zuchtprogramm für eine moderne Arche Noah entwickelt. Die Tiere sollen sich nicht nur einfach vermehren, sondern man versucht, Inzucht zu vermeiden und die genetische Vielfalt zu bewahren. Ein Paar pro Art wie in Noahs Arche genügt nicht. Vielmehr werden international Zuchtbücher geführt, Tiere ausgetauscht oder die Populationen durch künstliche Befruchtung vermischt. Auch mit „Gefrierzoos“ wird experimentiert, die Keimzellen für fast unbegrenzte Zeit aufbewahren können. Aber die erfolgreichsten Zuchtbemühungen können nur einen kleinen Teil der ursprünglichen Vielfalt erhalten.

Filme und andere Medien könnten eines Tages unseren Urenkeln ein Bild von jener Tierwelt vermitteln, mit der wir uns einmal die Erde geteilt haben. Es könnte ihnen so fremd und unwirklich erscheinen wie uns die Saurier in „Jurassic Park“.

Marianne Weno

  • Colin Tudge: Letzte Zuflucht Zoo. Die Erhaltung bedrohter Arten in Zoologischen Gärten. 1993, Spektrum Akademischer Verlag.
  • Ende der biologischen Vielfalt, herausgegeben von E.O. Wilson, 1992, Spektrum Akademischer Verlag.
  • WWF: for a living planet, Hintergrundinformation
  • WWF: Zoos und Artenschutz, www.wwf.de