Kolumne 2006

Dezember 2006: Naturschutz stört

Dezember 2006: Naturschutz stört

Naturschutz stört

Naturschutz kann ganz schön lästig sein. Da möchte ein Investor eine exklusive Wohnsiedlung in die Landschaft bauen und darf es nicht – Landschaftsschutzgebiet.
Da beschweren sich Landwirte, Jäger oder Sportler – alles Wähler – über Einschränkungen im Nationalpark. Da klagen Politiker über die Kosten, die durch die Pflege geschützter Biotope entstehen. Da gerät der Bau einer Straße oder einer Fabrik in Gefahr, weil er den Lebensraum einer bedrohten Art zerstören würde. Als Beispiel muss immer der Feldhamster herhalten, wenn irgendwo über den „übertriebenen Naturschutz“ geschimpft wird.

Das unvermeidliche Minimum
In letzter Zeit hören wir immer öfter Zauberworte, wie „Bürokratieabbau“ oder „Deregulierung“. Mit dieser eleganten Begründung versuchen einige Bundesländer, sich auf das unvermeidliche Minimum zu beschränken, das das europäische und bundespolitische Naturschutzrecht vorschreibt. So heißt es in der Koalitionsvereinbarung der neuen Großen Koalition in Schwerin: „ ...wird die im Rahmen von Vertragsverletzungsverfahren unabweisbare Nachmeldung von Vogelschutzgebieten sowie die ausstehende Nachmeldung von Special Protection Areas ... und marinen FFH-Gebieten ... nur in dem unabweisbaren Umfang erfolgen ...“ Natürlich streben die Partner „keine weitere Ausweitung von Großschutzgebieten an.“ Betont wird, dass das Freiwilligkeitsprinzip im Naturschutz Vorrang haben soll und nur im Notfall ordnungsrechtliche Maßnahmen greifen sollen. Und „die Managementplanung für die Natura 2000 Gebiete ... wird konsequent mit den Erfordernissen der wirtschaftlichen Entwicklung ... koordiniert.“ Ins Deutsche übersetzt: Naturschutz nur, wo er sich nicht vermeiden lässt, und das ausgerechnet in einem Land, in dem der Naturtourismus der einzige florierende Wirtschaftszweig ist.

Hessen probt den Kahlschlag
Was in Schwerin nur angedroht wird, ist in Wiesbaden schon Gesetz: ein Kahlschlag im Naturschutz. „Brutalstmöglich“, die Unwort-Schöpfung des hessischen Ministerpräsidenten, passt haargenau zu dieser legalisierten Naturzerstörung. Seit die Pläne für die Novelle des Landesnaturschutzgesetzes bekannt wurden, sind alle großen Naturschutzverbände dagegen Sturm gelaufen, gemeinsam mit einer Reihe anderer Vereine und den Forstleuten in der IG Bau. „Hessen schafft Naturschutz ab“, titelte die taz.

Nach dem nun verabschiedeten Gesetz werden 15 Landschaftsschutzgebiete von 600 000 Hektar in den hessischen Mittelgebirgen aufgehoben. Die Verbände fürchten eine Baulawine in den schönsten Landschaften.

Nicht ganz so spektakulär, aber ebenso bedrohlich sind andere Punkte. Im Gesetz heißt es nur, dass die zuständigen Behörden für Naturschutzgebiete „Pflegepläne zur Bestandssicherung“ aufstellen. Von einer Pflegepflicht des Staates ist nicht mehr die Rede. Das kann dazu führen, dass seltene Arten in kurzer Zeit verdrängt werden und die jahrelange Arbeit zum Schutz wertvoller Biotope vergebens war.

Rettung für die Streuobstwiesen

Eigentlich sollte nach dem ursprünglichen Entwurf auch der Schutz der hessischen Streuobstwiesen mit 700 000 Obstbäumen aufgegeben werden. Erst als klar wurde, dass damit nicht nur der Steinkauz, sondern auch das hessische Nationalgetränk „Ebbelwoi“ in Gefahr käme, wurde dieser Punkt gestrichen.

Der naturschutzpolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion im hessischen Landtag, Elisabeth Apel, war es offenbar nicht peinlich, den Gesetzentwurf so zu kommentieren: „Mit der Novelle ... leistet die hessische Landesregierung einen entscheidenden Beitrag zu echtem Naturschutz anstelle von überzogener Bürokratie“. Das Beispiel könnte in anderen Ländern Schule machen.

Marianne Weno

  • Hessisches Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege (Hessisches Naturschutzgesetz – HENNatG)
  • Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und CDU in Mecklenburg-Vorpommern
  • Klaus-Peter Klingelschmitt: Hessen schafft Naturschutz ab.
  • die tageszeitung vom 6.11.2006
  • Gemeinsame Presseerklärung von HGON (Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz), BUND, NABU, SDW, IG BAU, HVNL (Hessische Vereinigung für Naturschutz und Landschaftspflege) und DGWV (Deutsche Gebirgs- und Wandervereine).

November 2006: Raus aus der Nische

November 2006: Raus aus der Nische

Raus aus der Nische

In Berlin gibt es 13 „Weltläden“, einen davon im Turm der Gedächtniskirche. Ein kleiner, runder Raum, voll mit einem bunten Sortiment: Textilien und Kunsthandwerk, Spielzeug, Schmuck, Wein und Bio-Lebensmittel – alles aus fairem Handel. Es duftet nach exotischen Gewürzen. Eine Fundgrube, auch für ungewöhnliche Weihnachtsgeschenke. Selbst an einem gewöhnlichen Werktag drängen sich dort die Kunden. Die Statistik bestätigt es: Der faire Handel verlässt allmählich die Nische.

800 Weltläden in Deutschland verkaufen Produkte aller Art. Lebensmittel, die 86 Prozent des Umsatzes ausmachen, werden auch in vielen Supermärkten und Naturkostläden angeboten. Überall in den Städten gibt es Cafés, Restaurants und Kantinen und neun Universitäten, die diese Produkte verarbeiten und damit werben. 64 Prozent der Waren tragen neben dem Fairtrade- auch das Bio-Siegel. Und sie werden gekauft, zu Preisen, die ein Stück über dem Üblichen liegen. Das bekannteste und erfolgreichste Produkt ist Kaffee, an zweiter Stelle folgen die Bananen.

Der Weltmarkt macht arm
Natürlich wissen alle, die gelegentlich über solche Themen nachdenken, dass wir Kaffee, Kakao und Bananen nur deshalb so günstig einkaufen können, weil die Menschen in den Ländern des Südens sie unter miserablen Bedingungen billig produzieren, und das oft mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Methoden. Großplantagen verdrängen die Kleinbauern, die dann dort bestenfalls als Tagelöhner arbeiten können und unter dem Existenzminimum entlohnt werden. Andere Bauern müssen aufgeben, weil sie bei den niedrigen Weltmarktpreisen nicht mehr auf ihre Kosten kommen. Fairness gehört nun einmal nicht zu den Kriterien, nach denen die reichen Länder Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte importieren. Wäre es anders, dann würden wir teurer einkaufen, aber wir könnten uns viel Entwicklungshilfe sparen.

Beim fairen Handel geht es nicht nur um mehr Geld für die Kleinbauern, sondern auch um Partnerschaft und Selbstbestimmung. Die einzelnen Produzenten oder ihre Kooperativen erhalten dauerhaft Mindestpreise, die über dem Weltmarktniveau liegen. Für biologischen Anbau gibt es Zuschläge, die den Mehraufwand decken, und Kredite für die Umstellung. Die Fair-Handels-Importeure schließen langfristige Verträge ohne Zwischenhandel direkt mit den Erzeugern. Das alles führt dazu, dass sich die Lebensverhältnisse bei den Familien der Kleinbauern und der Plantagenarbeiter verbessern. Die Mitglieder der Kooperativen entscheiden demokratisch darüber, wie Überschüsse zu verwenden sind. So wird in Schulen, in das Gesundheitswesen und den Umweltschutz investiert.

Mehr, aber nicht genug
Erfreulich, dass offenbar immer mehr Menschen die Probleme erkennen und Konsequenzen daraus ziehen. Den fairen Handel gibt es seit den siebziger Jahren, 1992 wurde das TransFair-Siegel eingeführt. In den letzten Jahren hat diese Form des gerechteren Handels kräftig zugelegt. Dazu hat wohl auch die Kampagne „Fair feels good“ beigetragen, die vom Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert wurde. Die Produktpalette wird ständig größer. Im Oktober fand in Stuttgart eine Fair Handelsmesse statt, mit einem umfangreichen Vortrags- und Workshop-Programm. Dort wurde unter vielem anderen über Rosen aus Kenia und Tansania und über „faires Reisen“ berichtet.

Der Umsatz des fairen Handels hat weltweit die Grenze von 1,1 Milliarden Euro überschritten. In Deutschland lag er 2005 bei 121 Millionen Euro, das entspricht einer Steigerung um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Etwas nüchterner klingt es, wenn man die Marktanteile nennt. Der Anteil von Transfair-Kaffee liegt bei einem Prozent, in der Schweiz bei 5 Prozent. Es bleibt also noch viel zu tun.

Marianne Weno

Oktober 2006: Palmen am Wannsee?

Oktober 2006: Palmen am Wannsee?

Palmen am Wannsee?

Manche Leute stellen sich das ganz idyllisch vor. Wenn hier eines Tages ein Klima wie in Spanien herrscht, könnte man sich die Reisen in den Süden sparen.
Die ersten Vorboten des Klimawandels sehen allerdings weniger erfreulich aus. Denken wir an die Zecken, die sich in den letzten Jahren stark vermehrt und ausgebreitet haben. An die Borkenkäfer und andere Parasiten, die früh ausschwärmen und über die unter Trockenstress leidenden Bäume herfallen. Oder an das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia), das gerade jetzt als „Gau für Allergiker“ von sich reden macht. Die Pflanze gibt es bei uns zwar schon seit 1863, aber offenbar sorgen die längeren Sommer und der erhöhte Kohlendioxidgehalt in der Luft dafür, dass sie mehr Pollen bildet und sich stark vermehrt.

Vergebliche Mühe?
Naturschützer bemühen sich, die vorhandenen, vertrauten Ökosysteme zu erhalten. Eingewanderte Tier- und Pflanzenarten werden weniger geschätzt. Vor ein paar Jahren gab es regelrechte Kampagnen gegen „Neophyten“. Gartenbesitzer, Grünflächenämter und Förster sollten möglichst nur noch einheimische Arten pflanzen. In den Wäldern werden die amerikanischen Roteichen gefällt, während einheimische Trauben- und Stieleichen seit dem Hitzesommer 2003 stärker geschädigt sind als alle anderen Baumarten.

Heute stehen wir vor der Frage, ob der traditionelle Naturschutz auf verlorenem Posten steht. Ob er Arten zu schützen versucht, die keine Chance mehr haben, wenn es stetig wärmer wird. Vielleicht müssen sich die Naturfreunde darauf einstellen, in einigen Jahrzehnten hier ein völlig neues Artenspektrum mit überwiegend eingewanderten Arten vorzufinden, während ein großer Teil der gegenwärtigen Flora und Fauna verschwunden ist.

Kein Zweifel – es kommen heiße Zeiten
Dass der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten ist, darüber sind sich alle seriösen Klimaforscher einig. Es kann nur darum gehen, ihn in den Grenzen zu halten, in denen die Folgen gerade noch beherrschbar sind. Ob das gelingt, weiß niemand. Als kritische Schwelle gilt eine durchschnittliche Erwärmung um 2° Celsius.

Seit 1998 gab es die vier heißesten Sommer seit Beginn der Klimaaufzeichnungen. In den letzten hundert Jahren ist die globale Mitteltemperatur um 0,6° C gestiegen. Gemessen an dem, was Wissenschaftler für dieses Jahrhundert vorhersagen, noch ein geringer Anstieg, und doch zeigen sich schon erste Auswirkungen auf die Ökosysteme. Hochrechnungen einer internationalen Forschergruppe haben ergeben, dass 15 bis 37 Prozent aller Arten aussterben könnten. Bei einer Erwärmung zwischen 2 und 3 Grad befürchten sie den Zusammenbruch des Amazonas-Regenwaldes.

Was wird aus der Natur?
Weltweit sind die Schäden an empfindlichen Ökosystemen schon deutlich zu erkennen, etwa an den Korallenriffen, die in dem wärmer gewordenen Wasser zugrunde gehen, oder an den artenreichen Lebensgemeinschaften der Hochgebirge unterhalb der Baumgrenze, die vor der Wärme immer weiter noch oben ausweichen, bis sie an die Gipfel gelangen. In Mitteleuropa sind heißere, trockene Sommer und nasse Winter mit vielen Überschwemmungen zu erwarten. In den Mittelmeerländern drohen Tropentemperaturen und Dürren. Ein Drittel Spaniens könnte zur Wüste zu werden.

Auch bei uns gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich die Ökosysteme wandeln. Kälteempfindliche Pflanzen wie die Stechpalme (Ilex aquifolium) breiten sich nach Norden aus, in der Nordsee schwimmen wärmeliebende Arten wie Sardinen und pazifische Austern. Exotische Vögel wie Silberreiher, Wüstengimpel und Bienenfresser tauchen in Süddeutschland auf. Zugvögel brechen später in den Süden auf und kommen früher zurück, wenn sie nicht sogar ganz sesshaft werden. Der Blattaustrieb beginnt früher, der Laubfall im Herbst später. Manche Schädlinge vermehren sich explosionsartig, andere, die es früher bei uns nicht gab, wie der Schwammspinner, wandern ein. Die Veränderungen betreffen nie eine einzelne Art, sondern fast immer die ganze Nahrungskette. Wenn Raupen früher schlüpfen und dann verhungern, weil ihre Futterpflanze noch keine Blätter getrieben hat, dann fehlen sie den Vögeln bei der Aufzucht ihrer Jungen. So ergeht es den Trauerschnäppern, die niederländische Forscher beobachtet haben. Sie kommen früher aus dem Süden zurück und beginnen zu brüten. Wenn die Jungen geschlüpft sind, fehlen die Insektenlarven. Daher sind die Populationen der Trauerschnäpper in manchen Gegenden um 90 Prozent zurückgegangen.

Die Landwirtschaft wird sich auf neue Sorten umstellen müssen. So wurden am Bodensee schon die Cox-Orange-Bäume gerodet, weil die Früchte Hitze schlecht vertragen.

Wir wissen noch nicht, wie die Natur bei uns und weltweit in dreißig oder vierzig Jahren aussehen wird. Sicher scheint, dass sie nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem haben wird, was uns heute vertraut ist. Viele Arten, die wir kennen, wird es nicht mehr geben, andere werden ihre Stelle eingenommen haben.

Nur Ahnungslose können sich auf Ferien unter Palmen freuen.

Marianne Weno

  • S. Rahmsdorf, H.J.Schellnhuber: Der Klimawandel. C.H.Beck, 2006
  • Tim Flannery: Wir Wettermacher. S. Fischer Verlag, 2006
    „Ecological responses to recent climate change“, „Nature“ Bd. 416, S.389 - 395

September 2006: Wo sind die Papageien?

September 2006: Wo sind die Papageien?

Wo sind die Papageien?

Auf der Hand der Pädagogin sitzt eine Zebraspinne. Die Kinder stehen um sie herum und betrachten gespannt das schwarz-weiß gemusterte Tier. Man hört kein „Iiih“ oder „eklig“. Nur Fragen: Wo wohnt die Spinne? Was frisst sie? Legt sie Eier? Die Kinder kommen aus der Großstadt und wissen oft nur das über die Natur, was sie aus dem Fernsehen kennen. Es gibt Geschichten von Kindern, die im Berliner Wald Papageien oder Affen erwarten. Andere sind schon recht gut informiert. Aber für die meisten gilt: Was sie bei dem Ausflug in die Waldschule erleben, das werden sie nicht so schnell vergessen. Es kann der Beginn eines lebenslangen Interesses sein.

Umweltbildung – wozu?
Noch nie war es so wichtig, eine Generation intensiv mit Natur und Umwelt vertraut zu machen. Die Kinder, die heute in die Schule kommen, werden als Erwachsene sehr viel tun müssen, um das zu erhalten, was wir ihnen von der einstigen Artenvielfalt übrig gelassen haben. Und sie müssen die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel, Ressourcenverschwendung und Naturzerstörung verstehen, damit sie die schlimmsten Folgen noch abwenden können.

Was diese Kinder für die Zukunft brauchen, ist also vor allem Umweltwissen. Es müsste ihnen auf allen Altersstufen so intensiv vermittelt werden wie die deutsche Sprache. Dabei sollte schon die natürliche Neugier der Vorschulkinder genutzt werden, um sie mit Tieren und Pflanzen ihrer Umgebung vertraut zu machen.

Gute Vorsätze
In das Berliner Naturschutzgesetz wurde im Juli dieses Jahres ein Paragraf „Umweltbildung und Umwelterziehung“ aufgenommen. Darin heißt es: „Der nachhaltige Umgang mit Natur und Landschaft sowie der verantwortungsvolle Umgang mit den Naturgütern sollen zum Inhalt der Aus- und Fortbildung aller in Bildung und Erziehung Tätigen gemacht werden ...Die Umweltbildung und Umwelterziehung sind im schulischen und außerschulischen Bereich zu fördern ...“

Wie sieht es damit in der Realität aus? Auf den ersten Blick gut. Berlin fördert 11 Umweltbildungsstätten, davon 7 Waldschulen und das Naturschutzzentrum Ökowerk. Hinzu kommen die bezirklichen Gartenarbeitsschulen und zahlreiche Einrichtungen der Umweltverbände und anderer freier Träger. All die „grünen Lernorte“, aufgelistet und beschrieben in einer Veröffentlichung der Stiftung Naturschutz, sind voll ausgelastet mit Kita- und Schulgruppenarbeit und Lehrerfortbildung, obwohl nur zwischen 10 und 20 Prozent der Grundschulklassen die Angebote nutzen. Dabei liegt Lichtenberg an der Spitze und Mitte am Ende der Skala. Zählt man die Oberschulen mit, dann liegt der Anteil nur bei 3,9 bis 12,5 Prozent. Keine Statistik sagt aus, wie viel davon auf Hauptschulen oder auf Schulen in Problemvierteln entfällt.

Im Spiel der Natur begegnen
Umweltbildung steht nicht auf dem Lehrplan. Es hängt vom Interesse der Lehrer ab, ob sie die Fortbildungsangebote nutzen und mit den Kindern in die Natur gehen, aber auch davon, ob das Zeitbudget der Schulen solche Ausflüge erlaubt, die einen ganzen Schultag kosten. Die häufigsten Besuchergruppen sind Kita- und Grundschulklassen, die bei diesen Ausflügen oft zum ersten Mal spielerisch mit der Natur in Kontakt kommen. Sollte sich aber die Politik ernsthaft das Ziel setzen, dass jede Grundschulklasse mindestens einmal eine Waldschule oder eine ähnliche Einrichtung besucht, dann würde das heutige Angebot bei aller Vielfalt nicht ausreichen.

In den Klassen 5 und 6 steht dann Naturwissenschaft mit vier Wochenstunden auf dem Lehrplan – viel Gelegenheit, das theoretisch Gelernte in der Natur zu vertiefen. Bis dahin hat aber nur ein kleiner Teil der Zehnjährigen schon einmal eigene Erfahrungen im Grünen gemacht.
Je älter die Schülerinnen und Schüler, umso weniger lassen sie sich neu für Vögel und Insekten begeistern. Für die elfte Klasse werden im Fach Erdkunde Exkursionen zum Thema Stadtökologie vorgeschlagen. Aber der volle Stundenplan und die Fülle des Lehrstoffes erlauben allzu selten zusätzliche, freiwillige Aktivitäten. Das Fach Biologie lässt sich auch mit „gut“ abschließen, wenn man eine Ulme nicht von einer Buche unterscheiden kann.

Von den Zielen, die das Naturschutzgesetz nennt, sind wir weit entfernt. So lange Umweltkunde nicht selbstverständlich und überprüfbar in die verschiedenen Fächer integriert ist, wird nur ein Bruchteil der Großstadtkinder frühzeitig mit den drängenden Themen vertraut werden, und allen wird der Eindruck vermittelt, dass der Schutz der Umwelt ein untergeordnetes Thema ist.

Marianne Weno

August 2006: Bio – Handel stark, Anbau schwach

August 2006: Bio – Handel stark, Anbau schwach

Bio – Handel stark, Anbau schwach


„Es geht um eine neue Partnerschaft von Naturschutz, nachhaltiger Landwirtschaft und umweltverträglichem Tourismus.“ Aus dem Koalitionsvertrag vom November 2005

Es gibt noch Wachstumsbranchen in Deutschland. Im letzten Jahr wurde im Durchschnitt jede Woche ein Bio-Supermarkt eröffnet. Immer mehr Verbraucher haben es offensichtlich satt, ständig von Pestizidrückständen und Schlachtabfällen in ihren Lebensmitteln und von der Tierquälerei in den Massenställen zu hören. Der Umsatz bei Bio-Lebensmitteln ist 2005 um 14 Prozent auf rund vier Milliarden Euro gewachsen.

Einsame Salatköpfe
Glänzende Absatzchancen für die deutschen Biobauern – könnte man denken. Aber wie sieht das Angebot aus? Stichprobe in einem Berliner Bio-Supermarkt: Kartoffeln und Tomaten kommen aus Italien, Gurken aus Spanien, Möhren aus Israel, Äpfel und Birnen aus Argentinien. Ein paar einsame Salatköpfe, Spinat und Brokkoli aus Deutschland, mit dem Hinweis „regional“. Bei den Discountern, die nach und nach auf den Zug aufspringen, gibt es preisgünstige Bio-Ware – aus Österreich und Osteuropa.

Die deutsche Öko-Landwirtschaft dagegen kämpft – fast unbemerkt von den Verbrauchern – ums Überleben. Sie liegt europaweit auf dem zehnten Platz hinter Estland und Slowenien. Dass der Handel seine Ware aus aller Welt zusammenkauft, liegt am geringen Angebot hierzulande.

Kein Lieblingskind der Politik
Ein Wirtschaftszweig, der glänzende Entwicklungschancen hat, Arbeitsplätze in strukturschwachen Gebieten schafft, der Umwelt nützt und Wünsche der Verbraucher erfüllt, sollte der Politik lieb und teuer sein. Das Motto „Vorfahrt für Arbeit“, sonst immer zur Hand, wenn umweltschädliche Projekte durchgeboxt werden sollen, müsste eigentlich dazu führen, dass Bio-Landwirte nach Kräften unterstützt würden. Aber so geht es in der Politik nicht zu.

Schon als Landwirtschaftsminister Seehofer sein Amt antrat, konnte man Böses ahnen. Er verkündete sogleich – zur Freude des Bauernverbandes – nun sei Schluss mit der einseitigen Bevorzugung der Biobauern. Worin diese Bevorzugung bestehen sollte, konnte der Minister nicht sagen – es gab sie nämlich nicht. Eine Studie der Universität Hohenheim im Auftrag der EU hat gezeigt, dass vielmehr der Öko-Landbau durch die Agrarpolitik benachteiligt wird. Schon immer haben die konventionellen Großbetriebe den Löwenanteil der Direktsubventionen aus der EU-Förderung kassiert, die sich nach der Flächengröße richteten. Lediglich aus der „zweiten Säule“ der Förderung, den Agrarumweltprogrammen, erhielten die Biobauern zusätzliche Gelder für ihre Leistungen im Umwelt- und Naturschutz. Diese Mittel werden nun um ein Viertel oder 300 Millionen Euro gekürzt – ein Ergebnis der Brüsseler Haushaltsverhandlungen, bei denen die Bundeskanzlerin die vermeintlich deutschen Interessen vertrat.

Hahn zu bei der Förderung
Wie viel dennoch weiter gezahlt wird, ist offen. Die Förderbeträge setzen sich aus EU-, Bundes- und Landesmitteln zusammen, und die Länder nutzen die Gelegenheit, auch ihre Anteile zu kürzen. Brandenburg liegt beim ökologischen Landbau mit einem Flächenanteil von 8,3 Prozent bisher an zweiter Stelle hinter Bayern. Besonders in Kreisen mit großen Naturschutzgebieten wird ökologisch gewirtschaftet, zum Beispiel im Biosphärenreservat Spreewald auf 30 Prozent der Fläche. Anfangs gab es Schwierigkeiten bei der Vermarktung der Produkte. Heute können die Biobauern nicht so viel liefern, wie verlangt wird. Nun hat in Brandenburg Landwirtschaftsminister Woidke verkündet, dass das Land künftig keine Umstellungsbetriebe mehr fördern will. Auch den bestehenden Betrieben sollen die Prämien gekürzt werden. Ähnliche Pläne sind aus Schleswig-Holstein und dem Saarland bekannt.

Während die ehemalige Verbraucherministerin Renate Künast den Anteil des Ökolandbaus auf 20 Prozent der Fläche steigern wollte, wofür es inzwischen gute Chancen gäbe, hat man heute den Eindruck, dass die Politik in Bund und Ländern diese Form der Landwirtschaft bewusst aushungern will.

Zurück zur Giftspritze?
Die Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft hat 130 Öko-Bauern befragt und erfahren, dass jeder Fünfte notgedrungen daran denkt, zum konventionellen Anbau zurückzukehren. Während bei uns die Bio-Landwirtschaft widerwillig und unzureichend gefördert wird, haben unsere Nachbarländer die Chance erkannt und tun viel für ihre Biobauern – mit dem Ergebnis, dass man hierzulande der Konkurrenz kaum noch standhalten kann.

Übrigens: Die Bundesregierung und das Seehofer-Ministerium arbeiten weiter fleißig daran, die Öko-Landwirtschaft zu ruinieren, indem sie die „grüne Gentechnik“ zur Zukunftsbranche erklären. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Marianne Weno

  • Naturland: Bio boomt an der Ladentheke – aber nicht auf deutschen Feldern.  www.naturland.de
  • DER SPIEGEL Nr.26 vom 26.6.06:Landwirtschaft “An die Wand gefahren“

Juli 2006: Sind wir schuld am Artensterben?

Juli 2006: Sind wir schuld am Artensterben?

Sind wir schuld am Artensterben?

Mit „wir“ sind diesmal alle gemeint, die sich haupt- oder ehrenamtlich mit Naturschutz beschäftigen. Eine absurde Frage? Gerade hat der Bundesverband Beruflicher Naturschutz zur Jubiläumsfeier eingeladen: „Hundert Jahre staatlicher Naturschutz“, da nutzt ein bekannter Wissenschaftler die Gelegenheit, den Naturschutz zum zweiten Hauptfeind der Artenvielfalt zu erklären – gleich nach der Landwirtschaft, der unbestreitbar der erste Platz gehört.

Der da so heftig im Wespennest gestochert hat, ist Josef H. Reichholf, Professor für Biologie und Naturschutz in München. Im vorigen Jahr erschien sein Buch „Die Zukunft der Arten“, in dem er seine Aussagen zur Rolle des Naturschutzes ausführlich begründet. Das führte erst einmal zu Empörung bei denen, die eigentlich gar nicht oder nur am Rande gemeint sind: den Mitgliedern der Umweltverbände und anderen ehrenamtlichen Naturschützern. Reichholf zielt eher auf die vielen Gesetze und Verordnungen, die seit dem „Europäischen Naturschutzjahr“ 1970 den Umgang mit der Natur regeln – offensichtlich nicht zum Nutzen der Arten, denn in dieser Zeit sind die Roten Listen immer länger geworden. Reichholf begründet das ausführlich und zum größten Teil einleuchtend – auch wenn an einigen Punkten Zweifel erlaubt sind.

Lob des Kahlschlags
Natürlich gibt es Kontroversen, zum Beispiel, wenn es um den modernen Waldbau geht. Naturschutzverbände haben seit Langem den naturnahen Mischwald gefordert. Heute sehen sie es als ihren Erfolg, dass ihr Konzept sich in vielen Gebieten durchgesetzt hat. Der Wissenschaftler erkennt jedoch – im wörtlichen Sinne – die Licht- und Schattenseiten. Er sieht in Waldbränden, Stürmen aber auch in Kahlschlägen keine Katastrophen, sondern die Chance, dass dort zumindest vorübergehend sonnige Lichtungen mit wärmeren, trockenen Böden entstehen. Viele Tier- und Pflanzenarten brauchen diese Lebensräume, während sie in den hoch und dicht zugewachsenen Wäldern keine Chance haben. Auf den Roten Listen finden sich zahlreiche Waldbewohner, die auf lichte Wälder mit freien Bodenstellen angewiesen sind. Dort finden sie auch ihre Nahrung, zum Beispiel die Ameisen, die aus den schattigen Wäldern immer mehr verschwinden. Von ihnen leben viele Vögel, zum Beispiel das Birkhuhn und verschiedene Spechte. Auf den Lichtungen gab es viele Tiere, die heute selten geworden sind, Waldeidechsen, Blindschleichen und Schmetterlinge wie Schillerfalter und Trauermantel. Die Kahlschläge „brachten viel mehr für die Artenvielfalt, als der gesamte Naturschutz seit 1970 für die Artenvielfalt in unseren Wäldern hat erreichen können.“

Frösche auf dem Trocknen
Zu den Bestimmungen, die die Natur schützen sollten, aber das Gegenteil bewirkt haben, zählt Reichholf das Verbot des „wilden“ Kiesabbaus. Früher, als nach Kies da gegraben wurde, wo es Bedarf gab, bildeten sich viele Kleingewässer, in denen vor allem Amphibien laichen konnten. Sie ersetzten die feuchten Bereiche in den Auwäldern, die den Flussausbauten zum Opfer gefallen sind, und die herkömmlichen Teiche, die meist überdüngt, mit Pestiziden vergiftet oder mit laichfressenden Fischen besetzt sind. Naturfreunde, die Krötenzäune aufstellen und die Tiere über die Straße tragen, tun das mit besten Absichten, aber die bedrohten Arten werden sie nicht retten. An ihrem dramatischen Rückgang ist nicht der Autoverkehr schuld, sondern die Tatsache, dass es immer weniger Laichgewässer gibt. Heute darf Kies nur in genehmigten, zentralen Gruben abgebaut werden, die anschließend sofort aufgefüllt und rekultiviert oder zu Badeseen umgestaltet werden.

Der Autor nennt noch viele Beispiele für fehlgeleiteten Naturschutz. Warum müssen Dämme und Böschungen an Autobahnen mit Gehölzen bepflanzt werden, während sie als offene, trockene Standorte Lebensraum für viele seltene Arten von Schmetterlingen, Eidechsen und Schlangen bieten könnten? Warum werden bei uns die Unmengen von Gülle ungereinigt in der Landschaft verteilt, aber unsere Abwässer so weit geklärt, dass in den Gewässern die organischen Abfallstoffe fehlen? Auf sie wären Muscheln und viele Wasserinsekten, Libellen, Fische und indirekt viele Vogelarten angewiesen.

Natur vor den Menschen schützen?

Ein Thema, über das sich streiten lässt, das aber Reichholf seit Langem empört, sind die Schutzbestimmungen, die die Menschen der Natur entfremden. Er beklagt, dass wir Naturschutzgebiete nicht betreten, kaum noch Blumen pflücken, keine Schmetterlinge und Käfer mehr sammeln dürfen. Dass Kinder nicht die lebendige Natur kennenlernen, weil sie die Entwicklung der Kaulquappe zum Frosch oder der Raupe zum Schmetterlinge nicht mehr zu Hause beobachten dürfen. Kein Wunder, dass von Kindern zwischen 7 und 13 Jahren nur jedes zweite einen Sperling erkennt und zwei Drittel glauben, das Reh sei „die Frau vom Hirsch“. Aber ist es nicht doch ein wenig blauäugig es zu glauben, dass nur behutsame Naturfreunde die empfindlichen Gebiete betreten, nur kleine Blumensträuße pflücken und seltene Arten schonen würden? Der Zustand unserer Wälder nach einem schönen Wochenende lässt daran zweifeln.

Der Ausblick ist nicht sehr optimistisch. Reichholf betont, dass es Erfolge beim Artenschutz gegeben hat. Schwarzstorch und Silberreiher, Seeadler und Uhu brüten wieder bei uns, und die Biber sind zurückgekehrt. Aber in vielen Bereichen ist Umdenken bitter nötig, denn „ein Artenschutz, der nicht verhindern kann, dass die Biotope umgewandelt, vernichtet oder nicht immer wieder neu geschaffen werden, hat keine Basis“.

Marianne Weno

  • Josef H. Reichholf: „Die Zukunft der Arten“, Verlag C.H.Beck, 2005
  • Josef H. Reichholf: „Hundert Jahre Naturschutz: Viel Lärm um Nichts.“, Natur + Kosmos, Mai 2006.

Juni 2006: Mobil – um welchen Preis?

Juni 2006: Mobil – um welchen Preis?

Mobil – um welchen Preis?

Fast alle, die heute noch mit dem Dreirad fahren, werden vermutlich das Ende des Ölzeitalters erleben. Das heißt, es gilt, schnell genügend Alternativen zu finden, damit sie nicht eines Tages auf die Pferdekutsche umsteigen müssen.

Das ist die eine Seite. Die andere: 800 Millionen Kraftfahrzeuge verbrauchen weltweit 10 Millionen Tonnen Erdöl pro Tag. Das ist mehr als die Hälfte der Weltproduktion und damit der größte Beitrag zum Klimawandel. Wichtigstes Ziel wäre es also, klimafreundliche Treibstoffe zu entwickeln.

Was der drohende Klimawandel nicht schafft, das bewirkt die Sorge um unsere künftige Mobilität: Die Forschung an neuartigen Treibstoffen läuft auf Hochtouren. Während die Aussicht auf ein künftiges Wasserstoffzeitalter allmählich in weite Ferne gerückt ist, haben Energieträger aus Biomasse Konjunktur – zum Teil mit fatalen Folgen.

Mogelpackung "bio"
Grundsätzlich lässt sich aus jedem organischen Material Treibstoff herstellen, in Form von Biodiesel, Bioethanol und Biogas. „Bio“ heißt in diesem Fall jedoch nur, dass die Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Die Vorteile für das Klima sind bescheiden, die Auswirkungen auf Natur und Lebensbedingungen oft verheerend.

Die Energiebilanz der Bio-Treibstoffe ist längst nicht so günstig, wie man uns seit Langem erzählt. Zwar geben Pflanzen bei der Verbrennung nur so viel Kohlendioxid ab, wie sie vorher aufgenommen haben. Aber der Verbrauch ist höher als bei herkömmlichen Treibstoffen, und viel Energie wird beim Anbau für Dünger und Pestizide verbraucht, beim Transport der großen Mengen und bei der Verarbeitung. Werden Wälder für den Anbau gerodet, dann schwindet der Klimavorteil noch weiter.

Das gelbe Land
Wer heute durch ländliche Gegenden fährt, sieht gelb. Auf einem Zehntel der Anbaufläche in Deutschland wächst Raps, die einzige Pflanze, deren Öl bisher bei uns im größeren Stil zu Diesel verarbeitet wird. Das ergibt maximal drei Millionen Liter pro Jahr. Verbraucht werden in Deutschland 130 Millionen Liter. Die EU fördert den Anbau. Bis 2010 soll der Anteil der Bio-Kraftstoffe 5,75% am Verbrauch betragen, bis 2020 sogar 20%. Mit einheimischen Rohstoffen ist das nicht annähernd zu schaffen.

Die frühere Landwirtschaftsministerin Renate Künast sah die Bauern schon als die „Ölscheichs von morgen“. Aber die Euphorie ist längst verflogen. Umweltverbände und Umweltbundesamt gehen auf Distanz zum vermeintlichen „Bio“-Treibstoff. Sie erinnern an die Belastungen durch Pflanzenschutzmittel, Überdüngung und die Emissionen des Ozonkillers Lachgas. Bisher geförderte Brachflächen, ein Segen für die Artenvielfalt, verschwinden unter der gelben Pracht.

Was bleibt für die Menschen?
Der SPIEGEL zitiert Professor Scheffer vom Institut für Nutzpflanzenkunde in Kassel mit der Aussage, der Energiegehalt der Biomasse, die auf der Erde nachwächst, sei acht bis zehnmal so hoch wie der Bedarf. Das klingt beruhigend, sagt aber nichts darüber, wie viel davon für die Ernährung der Menschen gebraucht wird. Dabei wächst die Erdbevölkerung, und die bebaubaren Flächen nehmen ab. Die Gefahr besteht, dass weltweit die Nahrungsmittelproduktion zugunsten der Energiepflanzen zurückgeht. Der britische Autor George Monbiot fürchtet, der Boom der Bio-Treibstoffe könnte zu einer globalen Hungersnot führen. Schon heute hungern ungefähr so viele Menschen, wie es Autos gibt.

Die Nachfrage bewirkt, dass vor allem in Malaysia und Indonesien, aber auch in Kolumbien Ölpalmen auf riesigen Plantagen angebaut werden. Dafür werden Kleinbauern vertrieben und großflächig Regenwälder gerodet. Die Plantagen bedrohen bereits die Lebensräume der letzten Orang-Utans. Eine Delegation der indonesischen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Sawit Watch war kürzlich in Berlin, um über die Folgen für ihr Land zu informieren. Sie kritisierten, dass in Emden mit Subventionen des Landes Niedersachsen eine große Raffinerie gebaut wird, die aus 430 000 Tonnen indonesischen Palmöls 400 Millionen Liter Diesel herstellen soll. Ähnlich sieht es in Brasilien aus. Das Land setzt auf Bioethanol aus Zuckerrohr, auch hier auf Kosten des Regenwaldes. Das Gleiche gilt für Soja, das nicht nur unser Vieh mästet, sondern dessen Öl nun auch unsere Autos antreiben soll.

Sparen und forschen
Lange, bevor das Öl endgültig zu Ende geht, wird es knapp und teuer werden. Um die Mobilität zu erhalten, muss auf verschiedenen Wegen Ersatz gefunden werden. Bio-Treibstoffe könnten einen Anteil daran haben. Abfälle aus der Land- und Forstwirtschaft lassen sich relativ schadlos verwerten, aber sie reichen bei Weitem nicht für alle Fahrzeuge der Welt. Es muss andere Wege geben. So könnte auf lange Sicht die Wasserstoff-Technologie doch noch eine Chance bekommen, ebenso wie andere, bis heute unbekannte Verfahren. Vor allem aber muss gespart werden. Ein wichtiger Schritt wäre es, wenn Autos nur noch drei Liter oder weniger verbrauchen dürften. Zu befürchten ist jedoch, dass die „marktwirtschaftliche Lösung“ Bio-Treibstoff auf Kosten von Mensch und Natur sich durchsetzt.

Marianne Weno

  • „Bohrtürme zu Pflugscharen“, DER SPIEGEL 16/2006
  • George Monbiot: „Autos ernähren statt Menschen“, www.bionachrichten.de

Mai 2006: Und wenn er nicht gestorben ist ...

Mai 2006: Und wenn er nicht gestorben ist ...

Und wenn er nicht gestorben ist ...

dann lebt er heute noch – der lange totgesagte Wald. Vor zwanzig Jahren waren wir überzeugt, dass wir um die Jahrtausendwende statt in den Grunewald in der baumlosen Grunesteppe spazieren gehen würden. Und jetzt? Dem Wald geht es nicht gut, das hat der Waldzustandsbericht für 2005 wieder gezeigt, aber vom „Waldsterben“ spricht niemand mehr, und oberschlaue Leute sagen, sie hätten schon immer gewusst, dass das Ganze nur Panikmache von Öko-Apokalyptikern gewesen sei.

Es begann Ende der siebziger Jahre. Damals zeigten sich bei verschiedenen Baumarten die ersten deutlichen Schäden. Wissenschaftler, wie der Göttinger Bodenforscher Bernhard Ulrich, diagnostizierten den sauren Regen, der aus den schwefelhaltigen Abgasen der Kraftwerke entstand, als Ursache. 1979 erklärte er, dass die Wälder nicht mehr zu retten seien und die ersten innerhalb von fünf Jahren sterben würden. Tatsächlich gingen in manchen Höhenlagen, besonders im Erzgebirge, aber auch im Schwarzwald, Wälder großflächig zugrunde.

Entwarnung für den Wald?
In den folgenden Jahren legte sich die Aufregung wieder. Internationale Verträge und das Bundesemissionsschutzgesetz hatten schon Ende der siebziger Jahre dazu geführt, dass die Kraftwerke entschwefelt wurden. Der saure Regen war bald keine Schlagzeile mehr wert. 1993 veröffentlichte das Bundesforschungsministerium ein Expertengutachten, an dem Professor Ulrich beteiligt war. Darin hieß es, ein Absterben ganzer Wälder sei nicht mehr zu befürchten. Hieß das Entwarnung? Wohl kaum. Während das Schwefeldioxid als Ursache ausgedient hat, gelten heute Stickstoffemissionen aus Landwirtschaft und Autoverkehr und das bodennahe Ozon als Waldzerstörer. Vor allem aber ist offensichtlich der Klimawandel schuld daran, dass nur noch wenige gesunde Bäume in unseren Wäldern stehen. In Berlin sind es ganze 10%.
Ein Widerspruch ist es nicht, dass der Wald zugleich stärker wächst denn je. Dafür sorgt die Überdüngung durch Stickstoff aus der Luft. Solange die Bäume leben, produzieren sie Holz. Über den Gesundheitszustand der Wälder sagt das wenig.

Trockenstress und Stürme
Seit 1984 gibt es die jährlichen Erhebungen, anfangs „Waldschadensberichte“, heute freundlicher „Waldzustandsberichte“ genannt. Sie orientieren sich an der „Kronenverlichtung“ bei den verschiedenen Baumarten. Manche Wissenschaftler halten das für wenig aussagekräftig. Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr, und neben den verschiedenen Schadstoffen spielt die Witterung eine große Rolle. Seit 1976 hat es 7 extrem trockene Vegetationsperioden gegeben. Der heiße Sommer 2003 hat besonders den Laubbäumen schwer zugesetzt. Der Baum, der bundesweit am stärksten leidet, bleibt die Eiche. Das gilt für Berlin-Brandenburg wie für das ganze Bundesgebiet, für die Stileiche mehr als für die Traubeneiche. Über die geschwächten Bäume fallen dann noch allerlei Schädlinge her. Nach dem Waldzustandsbericht für 2005 sind 51% aller Eichen schwer geschädigt.

1990 war das Jahr des Orkans Wiebke, der 120 Millionen Waldbäume umwarf. Betroffen waren vor allem Fichten- und Kiefern-Monokulturen. Seitdem ist bei Politikern wie Forstleuten die Einsicht gewachsen, dass die Wälder „umgebaut“, das heißt in Mischwälder aus Laub- und Nadelbäumen verschiedener Altersstufen umgestaltet werden müssen. Das geschieht tatsächlich in vielen Gebieten. Für die Brandenburger Landeswälder gilt eine Waldbaurichtlinie, nach der in den letzten Jahren 10.500 Hektar Laub-Nadelholz-Mischwald entstanden sind. Der Berliner Wald wird seit 2002 nach den Richtlinien des Forst Stewardship Council (FSC) und des Naturlandverbandes bewirtschaftet und zertifiziert.

Was aus den Wäldern wird, wenn die Klimaerwärmung weiter fortschreitet, wissen wir nicht. Werden je nach Standort die richtigen Baumarten gepflanzt und gepflegt, dann können sie einiges aushalten, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Aber gemessen an dem, was noch heißere Sommer und häufigere Trockenperioden anrichten, könnte die Zeit des sauren Regens eines Tages tatsächlich als harmlose Episode erscheinen.

Marianne Weno

April 2006: Fischzucht – die Rettung?

April 2006: Fischzucht – die Rettung?

Fischzucht – die Rettung?

Dass die Meere immer schneller leergefischt werden, hat sich herumgesprochen. Nicht nur beliebte Speisefische wie Kabeljau und Wildlachs sind bedroht. Die ausgefeilte Fangtechnik ruiniert die Artenvielfalt in der gesamten Nahrungskette vom Plankton bis zu Seevögeln und Meeressäugetieren. Andererseits verlangt die wachsende Weltbevölkerung nach immer mehr Fisch. Laut FAO ist allein in Asien mehr als eine Milliarde Menschen auf Fisch als Proteinquelle angewiesen. Der Rückgang der Bestände verschärft das Problem des Hungers und der Fehlernährung.

Mastschwein des Meeres
Viele Leute verzichten inzwischen auf wild gefangene Fische – auch, weil sie teuer sind – und kaufen das „Mastschwein des Meeres“, den Zuchtlachs oder andere künstlich aufgezogene Arten. Schon stammt ein Drittel aller weltweit verkauften Fische und Meeresfrüchte aus Teichen oder Fischfarmen im Meer. Die Züchter experimentieren mit immer neuen Arten. Das World Watch Institute ist dafür, das Meer künftig genau so zu bewirtschaften wie das Land. „Essen aus dem Wasser wird unsere Zukunft bestimmen“.

Kann die Aquakultur die Wildfischbestände entlasten? Zu befürchten ist das Gegenteil. Das Hauptproblem: Die meisten Zuchtfische sind Räuber, die sich von anderen Fischen ernähren. In den Fischfarmen werden sie mit Fischmehl gefüttert. Um ein Kilo Zuchtlachs zu produzieren, braucht man vier bis fünf Kilo Futterfisch, der dann den wild lebenden Artgenossen fehlt. Die sogenannte Gammelfischerei holt massenhaft kleine Arten und solche, die wir nicht essen mögen, aber auch Jungfische aus den Meeren, die sonst anderen Fischen, Vögeln und Robben als Nahrung dienen. Sie werden zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet und zur Hälfte an Zuchtfische, zur Hälfte an Hühner und Schweine verfüttert.

Masse macht krank
Eine weitere Gefahr: Fischfarmen verbreiten Krankheiten. Die Seeläuse, gefürchtete Parasiten, vermehren sich in den voll besetzten Gehegen explosionsartig und verseuchen im Umkreis von 30 Kilometern die gesamte Fischfauna. Wie bei der Massentierhaltung an Land treten bakterielle Infektionen auf, die mit Antibiotika bekämpft werden. Rückstände von diesen und anderen Medikamenten landen oft genug auf den Tellern der Verbraucher.
In Proben des Fischfleisches finden sich immer wieder Schwermetalle und krebserregende chlorierte Kohlenwasserstoffe, wie Dioxin und PCB.

In der Anfangszeit der Zuchtanlagen bildete sich unter den Netzkäfigen oft eine dicke Schicht aus Fäkalien und Futterresten. In einer schottischen Lachsfarm entstand 1998 eine große Methanglasblase, die eines Tages explodierte und alle Fische tötete. Inzwischen werden die Anlagen nicht mehr so dicht besetzt, aber nach wie vor wird die Umgebung verschmutzt und überdüngt, was zum Beispiel auch giftige Algen kräftig wachsen lässt. Eine mittelgroße Lachszuchtanlage produziert so viel Abwasser wie eine Stadt mit 40 000 Einwohnern.
Es lässt sich leicht ausmalen, was das für die Ökosysteme bedeutet.

Schließlich droht die genetische Verarmung der wilden Bestände. Häufig entkommen die überzüchteten, mitunter auch gentechnisch veränderten Fische aus den Netzgehegen und übertragen ihr Erbgut auf die frei lebenden Artgenossen. Zugleich konkurrieren sie mit ihnen um das Futter. So meint der WWF, die Zuchtfarmen hätten das Potenzial, den Wildlachs auszurotten.

Ist „Öko“ die Lösung?
Unausweichlich wird sich die Fischzucht weiter ausbreiten, weil die Nachfrage nach Fisch zunimmt und wirksame internationale Abkommen über nachhaltigen Fischfang nicht durchzusetzen sind. Öko-Verbände, wie „Naturland“, haben immerhin Richtlinien für ökologisch halbwegs verträgliche Zuchtmethoden ausgearbeitet. Danach sollen Aquakulturen höchstens 10 Kilo Fisch pro Kubikmeter Wasser halten. In konventionellen Anlagen sind es oft 30 Kilogramm. Verfüttert werden darf nur Fischmehl, das bei der Verarbeitung der Speisefische anfällt. Die Gehege müssen weit von der Küste im offenen Meer verankert sein. Antibiotika, Pestizide und anderen Chemikalien sind verboten. An staatlichen Siegeln oder EU-Richtlinien für „Bio-Fisch“ wird noch gearbeitet.

Sicher ist diese aufwendige Haltungsform schonender für die Fischbestände und die Meeresumwelt. Fraglich ist nur, ob Öko-Fischzucht in der Lage ist, die Schäden auszugleichen, die durch die Massenproduktion entstehen, und ob sie mit der Nachfrage Schritt halten können. So lehnen kanadische Naturschützer eine Bio-Zertifizierung ab, weil die Bio-Farmen zwar in kleinerem Umfang wirtschafteten, aber im Grunde die gleichen Schäden anrichteten wie alle Fischfarmen. Selbst wenn die Kritik überzogen ist – die Meere und ihre Bewohner retten und die Ernährung der Weltbevölkerung sichern, das werden die Öko-Fischfarmen kaum schaffen. Aber wenn wir ein Bio-Lachssteak essen, können wir darauf hoffen, dass uns wenigstens kein Giftcocktail mitgeliefert wird.

Marianne Weno

März 2006: Wenn Milchmädchen rechnen ...

März 2006: Wenn Milchmädchen rechnen ...

Wenn Milchmädchen rechnen ...

Sie haben Tradition in der Stadt und verbreiten ein freundliches, warmes Licht in vielen Straßen. Jetzt sollen sie alle weg – die 44.000 Gaslaternen, die es in Berlin noch gibt. Zu teuer, marode, umweltschädlich, so verkündet es eine seltsame Allianz aus Bürgermeister (CDU), und Baustadträtin (Grüne) des Bezirks Mitte und einer Firma, die natürlich ihre eigenen Interessen verfolgt. Seit 2001 ist der Bezirk für die gesamte Berliner Straßenbeleuchtung zuständig. Wartung und Betrieb wurden der Stadtlicht GmbH übertragen, einer Tochter des niederländischen Stromkonzerns Nuon.

Ein neues „Tempodrom“?
Noch im Dezember 1992 hatte das Abgeordnetenhaus beschlossen, die Gasbeleuchtung in Berlin zu erhalten. 2001 erklärte Frau Dubrau, Baustadträtin von Mitte, „Politik der Bezirksämter ist grundsätzlich die Erhaltung der Gasbeleuchtung“. Man wolle sogar „in Einzelfällen die elektrische Beleuchtung durch Gasbeleuchtung ... ersetzen.“ Heute vertritt sie vehement das Gegenteil. Innerhalb von 2 Jahren sollen alle Gaslaternen gegen elektrische Leuchten ausgetauscht werden, zum Spottpreis von 52 Millionen EURO, wie die Planer behaupten, oder 80 bis 130 Millionen, wie die Kritiker vorhersagen. Der nächste Untersuchungsausschuss könnte schon am Horizont winken.

Berliner werden nicht gefragt
Als die neuen Pläne im Juli 2005 bekannt wurden, gab es viel Wirbel in der Presse und Öffentlichkeit. Mehrere Initiativen pro Gasbeleuchtung wurden gegründet. Eine „Gaslichtinitiative Berlin“ kämpft für das Kulturgut Gaslicht, ebenso eine Gruppe „Fachleute für Straßenbeleuchtung“, darunter ehemalige leitende Mitarbeiter der Gasag und der Bauverwaltung. Sie widersprechen den technischen und finanziellen Argumenten. Bei einer Veranstaltung des BUND Südwest erläuterten sie, dass das Projekt viel gigantischer und kostspieliger würde, als die Planer es darstellen.

Unbestritten: Wartung und Energieverbrauch sind bei Gaslicht teurer. Die Befürworter der Umstellung rechnen damit, 8 Millionen im Jahr einsparen zu können, sodass sich die Investitionen in zehn bis 15 Jahren refinanzieren würden. Bei realistischer Kalkulation könnte sich diese Zeitspanne so weit ausdehnen, dass die Beteiligten dann längst pensioniert sind. Die Behauptung, die Gasleuchten seien marode, halten die Fachleute für vorgeschoben. Im Gegenteil: ein Großteil der 186.000 elektrischen Leuchten sei dringend sanierungsbedürftig.

Bäume kaputt, Falter tot
Bei der ganzen Diskussion spielten die Folgen für den Naturschutz keine Rolle. Aber auch sie wiegen schwer. Die meisten Gaslaternen stehen dicht neben den ohnehin schon stark belasteten Straßenbäumen. Für jede Leuchte, die ersetzt werden soll, braucht man drei Baugruben, insgesamt also 132 000. In Straßen, in denen noch keine elektrischen Leitungen liegen, etwa an Friedhofsmauern, müssen sie in kilometerlangen Gräben neu verlegt werden. Auch verlangt das Gesetz, stillgelegte Gasleitungen sofort zu entfernen. Wie wohnlich und attraktiv Berlin dadurch wird, lässt sich leicht ausmalen, aber auch, was es für das Grün in der Stadt bedeutet.

Die Beleuchtungsorgien in den Großstädten sorgen dafür, dass es immer weniger nachtaktive Insekten gibt und damit auch weniger Vögel, Fledermäuse, Spinnen und andere Tiere, die von Insekten leben. In und an den Gehäusen der elektrischen Leuchten finden sich Unmengen toter Nachtfalter. Gaslicht lockt keine Insekten an. Gerade in den „grünen“ Bezirken gibt es noch viele Gaslaternen. Würden sie umgerüstet, dann würde auch hier das Artensterben verstärkt weitergehen.

Und das Klima?
Die Befürworter des Riesenprojektes argumentieren, die Gasleuchten würden 43.000 Tonnen Kohlendioxid emittieren. Das sind knapp 0,1% des gesamten CO2-Ausstoßes in einer Stadt, die 25 Millionen Tonnen produziert und noch nie durch eifriges Energiesparen aufgefallen ist. Eine Gasleuchte gibt pro Stunde 200 g CO2 ab, so viel wie ein Auto durchschnittlich pro Kilometer. Ein Bruchteil der Investitionssumme, für Energiesparmaßnahmen verwendet, könnte wesentlich mehr bewirken. Über die Emissionen bei der Stromerzeugung wird nichts gesagt. Sie hängen davon ab, in welchen Kraftwerken, mit welchem Wirkungsgrad und mit welcher Primärenergie der Strom erzeugt wird. Auch müsste man redlicherweise den Energieverbrauch bei der Umrüstung mit einbeziehen.

Einen sauren Bonbon für die Berliner, die ihre Gasleuchten behalten wollen, hält die Stadtlicht GmbH jetzt großzügig bereit: Man könnte doch – trotz hoher Kosten – 4.000 Gaslaternen an historisch bedeutsamen Orten erhalten. Und der Bezirk Mitte möchte uns eine hübsche Mogelpackung verkaufen: ein Leuchtenmodell, das nach Gas aussieht, aber mit Strom leuchtet. O-Ton Dubrau: „Alle, die die neuen Leuchten gesehen haben, waren begeistert.“

Marianne Weno

  • Gaslichtinitiative Berlin, c/o B.Grimm/J. Raetzer, Viktoriastraße 6, 12105 Berlin, Tel. 886 774 57, E-Mail: gaslicht(at)gmx.de
  • Fachleute für Straßenbeleuchtung, c/o Freunde und Förderer des Deutschen Technikmuseums Berlin e.V., Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin

Februar 2006: Du bist das Klima ...

Februar 2006: Du bist das Klima ...

Du bist das Klima ...

Energiesparen ist wieder im Gespräch. Der Bundesumweltminister bemerkte kürzlich, wenn wir auf alle Stand-by-Schaltungen verzichten würden, könnten wir zwei Atomkraftwerke abschalten. Ja, wenn ...

Die meisten von uns verzichten eben nicht, auch nicht auf die überflüssigsten Dinge. Nicht auf die spritsaufenden Geländewagen, nicht auf die alljährliche Flugreise um die halbe Welt, nicht darauf, im Winter auf beheizten Caféterrassen zu sitzen. Sie verdrängen, was sie über den Klimawandel wissen, obwohl die Auswirkungen immer näher kommen. Gründe dafür sind auch falsche Signale aus der Politik.

Energiewende – vorgedacht und vergessen
Vor einem Vierteljahrhundert erschien das Buch „Energiewende“ aus dem Freiburger Ökoinstitut, in dem die Autoren Szenarien für bessere Energienutzung und alternative Energieversorgung entwarfen. Damals, 1980, ging es hauptsächlich darum, die Abhängigkeiten von Öl und Atom zu beenden. Zum ersten Mal tauchte das Wort vom Energiesparen als ergiebigster Energiequelle auf. 1995 veröffentlichten Ernst Ulrich von Weizsäcker und zwei amerikanische Mitautoren „Faktor vier“, das noch detaillierter beschrieb, wie allein durch mehr Energieeffizienz „doppelter Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch“ möglich wäre.

Das alles erschien ebenso schlüssig wie utopisch. Würde, was praktisch möglich war, sich politisch durchsetzen lassen? Während bei den erneuerbaren Energien sehr langsam Einiges in Bewegung gekommen ist, blieb die „Energieeffizienz“ größtenteils in den Ansätzen stecken. Zwar hat die Industrie aus Kostengründen viel getan, um ihren Energieverbrauch zu reduzieren, aber wie zu erwarten war, sind die grundlegenden Strukturveränderungen im Lande am Widerstand der Energiewirtschaft gescheitert. Kleinere dezentrale Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Koppelung passten ebenso wenig ins Konzept wie das Energiesparen allgemein. Auch Rot-grün war hier ziemlich machtlos.

Die Logik des Verdrängens
Energiesparen ist nicht nur Technik, sondern auch Psychologie. Ohne die Bereitschaft der Bürger, nach ihren Kräften etwas für das Klima zu tun, werden wir unsere Einsparziele nicht erreichen. Solange es nicht als peinlich gilt, mit Vierradantrieb zum Briefkasten zu fahren und Energieverschwendung allgemein nicht geächtet wird, werden sich auch die Kommunen nicht von unsinnigen Projekten abbringen lassen. Was antwortet heute jemand, den man fragt, ob er nicht einen Teil seiner weihnachtlichen Lichterketten abmontieren will? „Dann seht euch doch mal in der Stadt um“. Auf die Frage, ob er nicht die Heizung um ein Grad drosseln könnte, wird er vielleicht an den Tropenpark in der Cargolifter-Halle erinnern, die gegen jede Wärmeschutzverordnung im Sommer und Winter auf Tropentemperatur aufgeheizt wird. Wären wir wirklich unglücklicher ohne Eishäuser und Kunstschneepisten? Blieben Lebensträume unerfüllt, wenn wir nicht mal schnell und superbillig nach London fliegen könnten?

Ab und zu lesen wir in der Zeitung, wie lange es dauern wird, bis der Golfstrom versiegt, oder was es bedeutet, wenn die Gletscher verschwinden. Aber niemand fordert uns auf, Konsequenzen zu ziehen. Wir sehen Wirbelstürme und Überschwemmungen im Fernsehen, aber akzeptieren wir einen Zusammenhang mit unserem Verhalten? Nein, im Zweifel haben wir dafür andere Sündenböcke.

Aufklärung ist nicht erwünscht und findet auch kaum statt. Wir sollen konsumieren und uns nicht zu viele Gedanken machen. Bis heute lassen sich Politiker bei Automessen gern in den größten Schlitten fotografieren. Die Medien folgen bereitwillig dieser Linie. So sind kritische Umweltsendungen im Fernsehen, wie seinerzeit „Globus“, längst eingestellt. Nirgends gibt es Appelle, die schlimmste Verschwendung einzustellen. Die Politik redet vom Energiesparen so unverbindlich wie von „Nachhaltigkeit“. Wie wäre es mal mit einer Kampagne: „DU BIST DAS KLIMA“?

Marianne Weno

  • Florentin Krause, Hartmut Bossel, Karl-Friedrich Müller-Reißmann: „Energie-Wende, Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“. Ein Alternativ-Bericht des Öko-Instituts Freiburg. S. Fischer, 1980.
  • Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory B. Lovins und L. Hunter Lovins: „Faktor vier“ Droemer Knaur, 1995

Januar 2006: Natur auf Abruf?

Januar 2006: Natur auf Abruf?

Natur auf Abruf?

Die Biber ahnen nicht, dass es mit dem guten Leben bald vorbei sein könnte. Sie fällen ihre Bäume, arbeiten an ihren Bauwerken und vermehren sich munter. Vor dreißig Jahren lebten an der Elbe noch 560 ihrer Art, heute gibt es dort wieder rund 1700 Exemplare. Dass sich die Tiere in diesem Bereich so wohl fühlen, liegt daran, dass sie hier noch ihren natürlichen Lebensraum vorfinden: ausgedehnte Weichholzauen, wie sie an den kanalisierten und denaturierten Flüssen Westdeutschlands kaum noch zu finden sind. Und Biber sind nicht die einzigen Arten, die auf diese Landschaftsform angewiesen sind. Auwälder gehören zu den artenreichsten Biotopen in unseren Breiten. See- und Fischadler, Schwarzstorch, Flussregenpfeifer, Eisvogel und Großer Brachvogel sind dort heimisch, selten gewordene Amphibien, Schmetterlings- und Libellenarten. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. In einem Forschungsprojekt „Elbe-Ökologie“ haben 300 Wissenschaftler zehn Jahre lang den Fluss untersucht und festgestellt, wie groß seine Bedeutung für den Natur- und Artenschutz ist. Die Elblandschaft zwischen Geesthacht und Magdeburg mit dem Unesco-Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe“ ist unersetzlich – und bedroht.

Einheit in der Zerstörung
Bald nach dem Ende der DDR gab es erste Forderungen, die ostdeutschen Flüsse zu „Wasserautobahnen“ auszubauen. Das „Projekt 17 Deutsche Einheit“ des Verkehrsministers Krause sorgt bis heute für Kontroversen zwischen Naturschützern auf der einen und der Ausbaulobby, unterstützt von den jeweiligen Bundesverkehrsministern auf der anderen Seite. „Deutsche Einheit“ bedeutete hier, dass die östlichen Flüsse ebenso ruiniert werden sollten, wie es die westlichen längst waren. Besonders umstritten von Anfang an: die Zukunft der Elbe. 1996 einigten sich die Naturschutzverbände mit dem damals zuständigen Minister Wissmann auf die so genannte „Elbeerklärung“. Danach sollten die Binnenschiffe zwischen Magdeburg und Geesthacht auf den Mittelland- und Elbe-Seitenkanal umgeleitet und die Elbe in diesem Bereich nicht ausgebaut werden. Allerdings waren „Reparaturen“ an den Flussbauwerken weiter erlaubt, was wieder zu Streit führte, weil natürlich doch Buhnen neu gebaut und Ufer befestigt wurden. Nach dem Elbe-Hochwasser 2002 gab es für kurze Zeit einen totalen Ausbaustopp. Es war sogar die Rede davon, Deiche zurückzuverlegen und neue Auwälder zu schaffen.

Schon vergessen?
Und heute? Im Koalitionsvertrag steht noch relativ unauffällig in schönstem Amtsdeutsch: „Unser Ziel ist es, die notwendigen seewärtigen und landseitigen Anbindungen der deutschen Seehäfen gezielt und koordiniert auszubauen.“ Der „SPIEGEL“ übersetzte das ins Allgemeinverständliche und ließ sich von dem bekannten Naturschützer und Elbe-Spezialisten Ernst Paul Dörfler (BUND) erläutern, was da droht: Ausbau der Elbe bis zur tschechischen Grenze, damit Containerfrachter vom Hamburger Hafen nach Berlin, Dresden und Prag fahren können. Mindestens 1,60 m tief soll die Fahrrinne an fast allen Tagen des Jahres sein. Heute wird das nur drei Monate lang erreicht. Deshalb sollen Buhnen vergrößert, der Fluss bei Coswig umgeleitet und der Domfelsen in Magdeburg abgetragen werden.

Das alles sind nicht nur vage Absichtserklärungen. Es gibt einen Vertrag zwischen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes und der Stadt Hamburg einerseits und Niedersachsen und Schleswig-Holstein andererseits. Darin werden alle Schritte bis zum Baubeginn festgelegt: Gutachten zu allen denkbaren Aspekten, Bürgerbeteiligung, Umweltverträglichkeitsprüfung, Planfeststellungsverfahren. Da man mit Recht Konflikte erwartet, wurde ein neutraler Moderator bestimmt, der die Gegensätze ausbügeln soll. Trübe Erfahrungen lassen befürchten, dass am Ende das herauskommt, was die Planer erwarten.

Wer profitiert?
Der wirtschaftliche Sinn des Unternehmens liegt im Dunkeln. Containerschiffe mit einem Tiefgang von 2,50 Metern werden dort nicht fahren können. Die Befürworter des Ausbaus argumentieren aber gerade damit, dass die Binnenschifffahrt künftig große Gütermengen aus Übersee vom Hamburger Hafen übernehmen soll. Bis jetzt werden auf der Elbe nur etwa zwei Prozent dessen transportiert, was die Rheinschifffahrt bewältigt. Bei einer Fahrrinnentiefe von 1,60 Metern erwarten Fachleute keinen großen Zuwachs. Die Forderung nach Staustufen wird nicht lange auf sich warten lassen. Und die Kosten für das Projekt sind gewaltig. Den größten Nutzen dürfte die überdimensionierte Wasser- und Schifffahrtsverwaltung mit ihren 15.000 Mitarbeitern daraus ziehen, die endlich wieder ihre Existenzberechtigung nachweisen möchte.

Zu befürchten ist, dass all diese Planungen nur der Anfang einer fortschreitenden Zerstörung sind. Mit der Vertiefung der Fahrrinne sinken der Wasserspiegel und zugleich das Grundwasser. Das bedeutet längerfristig, dass die Feuchtwiesen und Auwälder austrocknen und mit ihnen die Artenvielfalt verschwindet. Die reich gegliederte Uferlandschaft wird einer Monotonie weichen, Sandbänke und Inseln, auf denen sich Wasservögel sammeln, werden verschwinden. Wie heißt es im Koalitionsvertrag so schön: „Unser Land verfügt über ein reichhaltiges Naturerbe. Dieses wollen wir für zukünftige Generationen bewahren.“ „... falls keine anderen Interessen vorgehen“, möchte man hinzufügen.

Marianne Weno

  • Vereinbarung zwischen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes ... sowie der Freien und Hansestadt Hamburg ... und dem Land Niedersachsen ... sowie dem Land Schleswig-Holstein ... http://www.zukunftelbe.de
  • Rafaela von Bredow: „Angriff aufs Auenland“, Der Spiegel, 50/2005
  • Dr. Eva-Maria Mößmer: „Wald, Wasser, Leben“, Broschüre der Stiftung Wald in Not, 2000.