Kolumne 2005

Dezember 2005: Ein wolkiges Gebilde

Dezember 2005: Ein wolkiges Gebilde

Ein wolkiges Gebilde

Die Raben kreisten schon vor dem 18. September. Als alle glaubten, die Wahl sei entschieden, da meldeten sie sich nacheinander, aber in schöner Eintracht zu Wort und forderten, nun müsste endlich Schluss sein mit dem übertriebenen Umweltschutz: Industrie- und Handelskammertag, BDI und Heinrich von Pierer, der die Atomkraftwerke bis zur endgültigen Schrottreife laufen lassen möchte.

Schon vorher, im Wahlkampf, war „Umwelt“ zum Unwort geworden. „Vorfahrt für Arbeit“ ließ sich nur so interpretieren, dass Umwelt- und Naturschutz Luxusprojekte für bessere Zeiten seien. Am deutlichsten wurde Roland Koch, der verkündete, „wie unsinnig der Vorrang für Naturschutz vor Arbeitsplätzen ist“.

Nachhaltig verschleiern
Bekanntlich ist es dann anders gekommen. Die Anti-Umweltpartei FDP blieb außen vor, die schönsten Träume der Wirtschaftslobby waren erst einmal ausgeträumt, und im Koalitionsvertrag mussten beide Seiten die dicksten Kröten, die sie geschluckt hatten, mit schönen Sprechblasen verschleiern. So ist in dem ziemlich kleinen Umweltteil eines der häufigsten Wörter „Nachhaltigkeit“, obwohl natürlich alle Beteiligten wissen, dass unsere gegenwärtige Wirtschaftsweise niemals nachhaltig sein kann. Da ist von Nachhaltigkeit des Verkehrs die Rede, wie immer man sich das vorstellen soll, wenn gleichzeitig „gute Voraussetzungen für die erforderliche Mobilität ... für Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze“ geschaffen werden sollen.

Pferdefüße
Manches klingt gut in dem Vertragswerk, so die Passage zur Energieeffizienz. In diesem Bereich ist noch vieles möglich, bei der Gebäudesanierung oder bei der Kraft-Wärme-Koppelung. Vielleicht schafft es die Koalition, hier voranzubringen, was schon lange gefordert, aber nur unzulänglich realisiert wurde. Positiv auch, was unter „Nationales Naturerbe“ zu lesen ist. Fragt sich nur, was davon bleibt, wenn das angekündigte Planungsbeschleunigungsgesetz den Griff nach geschützten Flächen erleichtert.

Manchmal wird erst beim näheren Hinsehen der Pferdefuß sichtbar. So, wenn es zum Thema Endlagerung radioaktiver Abfälle heißt: „Wir beabsichtigen in dieser Legislaturperiode zu einer Lösung zu kommen“, was eigentlich nur heißen kann, dass Gorleben – trotz aller Bedenken der Geologen – wieder erste Wahl ist.

Während der Kabeljau am Aussterben ist und weltweit die Fischbestände rücksichtslos ausgebeutet werden, ist unter „nachhaltige Wald- und Fischereiwirtschaft“ von der „Zukunftsbranche Fischerei“ zu lesen. Was will die Regierung tun? Was schon die Regierungen vor ihr vergeblich versucht haben: zukunftsfähige Regelungen in der EU durchzusetzen.

Schlecht für die Hühner
Ein dicker Pferdefuß ist auch im Kapitel Tierschutz versteckt. Man will sich auf EU-Ebene „für die Festlegung von hohen Tierschutzstandards einsetzen ... damit darüber hinaus gehende nationale Regelungen möglichst nicht erforderlich sind.“ Das heißt im Umkehrschluss, dass zum Beispiel die Legehennenverordnung aus dem Künast-Ministerium, die schon weiter geht, vermutlich wieder auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurückgestutzt wird. Wie Ironie klingt es angesichts der Bedingungen, unter denen Schweine und Kälber, Puten und Masthühner vegetieren, wenn es heißt: „Der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz ist für uns Verpflichtung und Leitfaden für eine aktive Tierschutzpolitik.“

Im Kapitel Agrarpolitik wird der Bio-Landbau mit keinem Wort erwähnt. „Alle landwirtschaftlichen Unternehmen sollen ... gleichberechtigt nebeneinander wirtschaften können“. Mit einer besonderen Förderung dürfen die Biobauern wohl kaum rechnen. Ihnen droht vielmehr ein spezielles Desaster: die Grüne Gentechnik. Auch sie ist laut Vertrag eine „wichtige Zukunftsbranche“. Dass die Menschen sie ablehnen, spielt – anders als in der Schweiz – bei uns keine Rolle. „Die Wahlfreiheit der Landwirte und Verbraucher und die Koexistenz der unterschiedlichen Bewirtschaftungsformen müssen gewährleistet bleiben.“ Es fragt sich, wie der Gesetzgeber eine Koexistenz herbeizaubern soll, die praktisch nicht möglich ist. „Die Regelungen sollen so ausgestaltet werden, dass sie Forschung und Anwendung ... befördern.“ Wenn Wirklichkeit wird, was hier geplant ist, dann wird es keinen gentechnikfreien Anbau mehr geben. Aber, wie beruhigend: „Der Schutz von Mensch und Umwelt bleibt ... oberstes Ziel des deutschen Gentechnikrechts.“

Die Frage bleibt: Wie ernst muss man die schönen und weniger schönen Ankündigungen nehmen? Lässt sich daraus mehr als eine Tendenz erkennen? Ein Blick auf solche Vereinbarungen aus früherer Zeit und das, was aus ihnen geworden ist, zeigt: Koalitionsverträge sind immer wolkige Gebilde mit einer kurzen Halbwertzeit.

Marianne Weno

Gemeinsam für Deutschland – mit Mut und Menschlichkeit
Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD
11.11.2005

November 2005: Von Schweinen und Menschen

November 2005: Von Schweinen und Menschen

Von Schweinen und Menschen

Bewusstseinsspaltung ist ein Merkmal dieser Gesellschaft. Beispiele gibt es genug. Wir weisen Schutzgebiete aus, um sie bei nächster Gelegenheit für ein Industrieprojekt zu zerstören. Wir sparen Energie, um sie gleichzeitig für unsinnige Spielereien zu verschwenden. Wir verankern den Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz, lassen aber als Tiere offensichtlich nur Hunde, Katzen und andere Hausgenossen gelten, während die Fleischlieferanten Industrieprodukte sind, die keinerlei Schutz erwarten dürfen. Mit dem Vorwand „Arbeitsplätze“ werden Projekte durchgesetzt, die anderenorts viele Arbeitsplätze vernichten. Und die Verbraucher? Sie möchten ihren Kindern im Urlaub die niedlichen Ferkel auf dem Bauernhof zeigen – aber die Schnitzel kaufen sie beim Discounter.

Kennen Sie Haßleben?
Diese Widersprüche lassen sich gut an einem Vorhaben studieren, das seit zwei Jahren heftig umstritten ist: an der geplanten Schweinemastanlage in dem uckermärkischen Dorf Haßleben. Dort soll die alte, 1991 stillgelegte Anlage für 85 000 Schweine neu errichtet werden. Tier- und Naturschützer versuchen gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Kontra Industrieschwein“, das Projekt zu verhindern. Neben der Tierquälerei in den Massenställen befürchten sie Umweltschäden und einen Rückgang des mühsam aufgebauten Tourismus. Wer will schon im Gestank von Zigtausend Schweinen Ferien machen? Die versprochenen 50 Arbeitsplätze dürften kaum die Verluste im Tourismus und in der bäuerlichen Landwirtschaft aufwiegen. Das brandenburgische Umweltministerium ignoriert alle Bedenken.

Das Dorf mit 600 Einwohnern liegt in einer landschaftlich reizvollen Gegend zwischen dem Biosphärenreservat Schorfheide/Chorin und dem Naturpark Uckermärkische Seen. Schon in der DDR-Zeit gab es Widerstände gegen die Anlage. So befürchtete die Wasserwirtschaft Schäden durch die Gülle, die auf den Feldern ausgebracht wurde und in die Seen und ins Grundwasser gelangte. Für die Umwelt ist die Belastung durch Stickstoff ein Riesenproblem. Wir wissen, dass Überdüngung die Hauptschuld am Rückgang der Arten trägt, die Gewässer schädigt und das Trinkwasser gefährdet.

Eine Landschaft wird ruiniert
Die Gegend ist schon jetzt stark durch Stickstoffüberschüsse belastet, weit mehr als in den am intensivsten landwirtschaftlich genutzten Gebieten der alten Bundesländer, und nun soll die Landschaft noch weitere 190.000 Kubikmeter Gülle im Jahr aufnehmen. Damit gelangen auch Antibiotika und Schädlingsbekämpfungsmittel auf die Felder. Die Wälder sind schon durch die Ammoniak-Emissionen schwer geschädigt.

Hinzu kommt als neue Belastung der Lkw-Verkehr. Zu DDR-Zeiten wurden die meisten Transporte mit der Bahn abgewickelt. Heute soll alles auf der Straße an- und abgefahren werden. 9500 Tankwagen würden die Gülle abtransportieren, auf den schmalen Straßen mit ihren Alleebäumen täglich die Lastwagen mit Schlachttieren, Kadavern, Futtermitteln und anderem Material rollen. Keine guten Aussichten für eine Gegend, die auf Feriengäste hofft.

Das Geschäft mit der Tierquälerei
Rund 25 Millionen Schweine leben in Deutschland, ungefähr ein Schwein auf drei Einwohner, aufs Jahr gerechnet sehr viel mehr, denn die Tiere werden in 5 Monaten schlachtreif. Für die Nachfrage reicht das nicht: 21 Prozent des Bedarfs werden importiert. Und weil das Fleisch billig sein muss, wird der größte Teil der Tiere in fabrikartigen Anlagen gehalten, in denen keine auch nur ansatzweise artgerechte Haltung möglich ist. Die intelligenten Tiere, die im Freien ständig aktiv sind, stehen hier auf Betonspaltenböden ohne Auslauf, ohne Beschäftigung, ohne je Tageslicht zu sehen. Sauen werden in Kastenständen gehalten, die so eng sind, dass sie sich nicht umdrehen können. Männliche Ferkel werden ohne Betäubung kastriert.

Der Pate der armen Schweine
Inzwischen wird bekannt, dass es auch in Sachsen-Anhalt Pläne für derartige Anlagen gibt. Drei Standorte auf stillgelegten Militärflugplätzen sind im Gespräch: Allstedt, Zerbst und Mahlwinkel. Um die 100.000 Schweine sollen dort jeweils vegetieren. Die Investoren kommen – wie in Haßleben – aus Holland. Der Grund: In den überdüngten Landschaften der Niederlande erhalten die Großmäster Stilllegungsprämien, wenn sie ihre Betriebe aufgeben. Also kassieren sie und ziehen weiter nach Osten. Nach Kräften unterstützt sie dabei Dr. Helmut Rehhahn, der einmal, von 1994 bis 1996, Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt war. Heute ist er Unternehmensberater, spezialisiert auf das Riesengeschäft mit der industriellen Schweinehaltung. Damit arbeitet er nach Kräften gegen die Interessen der traditionellen Landwirtschaft. Alle Bedenken von Umweltschützern wischt er mit dem Hinweis auf modernste Technik vom Tisch, und zum Tierschutz sagt er: „Die Schweine werden sich wohlfühlen“.

Marianne Weno

  • Josef H. Reichholf: Der Tanz um das Goldene Kalb. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

Oktober 2005: Kennen Sie EMAS?

Oktober 2005: Kennen Sie EMAS?

Kennen Sie EMAS?

Es gibt Tage, da wünscht man sich ganz dringend eine positive Nachricht – in diesen Zeiten, in denen die Aussichten für die Umwelt eher depressiv machen. Wir wirtschaften noch immer, als ob wir eine zweite Erde in Reserve hätten. Dennoch hörte man schon vor der Wahl Stimmen – wie die des Industrie- und Handelskammertages – die forderten, nun müsse endlich Schluss sein mit dem übertriebenen Umweltschutz. Dabei wurden nach dem Motto „Vorfahrt für Arbeit“ bisher schon die verheerendsten Projekte genehmigt, wie der „Tropenpark“ in der ehemaligen Cargolifter-Halle bei Halbe mit seinem irrsinnigen Energieverbrauch oder die Mastanlage für 85.000 Schweine in Haßleben, die, wenn sie zustande kommt, Boden, Grundwasser und den Tourismus in der Uckermark ruinieren wird.

In der „Champions League“
Aber es gibt sie, die Nachrichten gegen die Depression. Es gibt bundesweit mehr als 2000 große und kleine Unternehmen, die nicht nur den Gewinn, sondern auch die Nachhaltigkeit im Blick haben. Zu ihnen gehört die Wohnungsbaugesellschaft „Stadt und Land“, die in Berlin und dem nahen Umland über 60.000 Wohneinheiten verfügt. Dort gab es am 29. August doppelten Grund zum Feiern. Man weihte die 25. Anlage zur Nutzung der Sonnenenergie ein, nach 20 thermischen Solaranlagen zur Warmwasserbereitung nun auch die fünfte Fotovoltaikanlage zur Stromerzeugung. Aus diesem Anlass gab es einen „Fotovol-TALK“ mit der Staatssekretärin Maria Krautzberger und anderen prominenten Gästen. Bei dieser Gelegenheit erhielt das Unternehmen die EMAS-Urkunde und gehört damit, wie der Vertreter der Industrie- und Handelskammer sagte, „in Sachen Umweltpolitik zur Champions League“.

EMAS ist ein europäisches System für Umweltmanagement und Umweltbetriebsprüfung, das helfen soll, die Umweltbedingungen in den Betrieben zu verbessern. Die Firmen können sich freiwillig daran beteiligen. Sie müssen die strengen Bedingungen einhalten und jedes Jahr eine Erklärung über ihre Umweltleistungen und -ziele veröffentlichen, die von einem Gutachter überprüft wird. Nach drei Jahren folgt dann die sogenannte große Revalidierung. Ist sie erfolgreich, dann dürfen die Firmen das EMAS-Logo führen.

Gute Nachricht – keine Nachricht?
Liest man die umfangreiche „Umwelterklärung“ der „Stadt und Land“, dann wundert man sich. Da gibt es in unserer Stadt das bundesweit erste Wohnungsunternehmen, das ausgezeichnet wurde, weil es sich seit Jahren konsequent um umweltfreundliche Lösungen bemüht. Aber wir haben kaum etwas davon erfahren. Wenn eine andere Wohnungsbaugesellschaft Kahlschlag in ihren Grünanlagen veranstaltet, finden wir reichlich Gelegenheit, uns – mit Recht – zu empören. Aber was hier entstanden ist, im Zusammenwirken mit Mitarbeitern und Mietern, und was eigentlich den Berlinern ständig als Vorbild vor Augen geführt werden sollte, wurde bisher nur wenig beachtet.

Dabei sind die Erfolge eindrucksvoll. Das reicht vom nahezu papierlosen Büro über Wärmedämmung, Regenwassernutzung und Verwendung umweltverträglicher Baumaterialien bis hin zu Gründächern und naturnah gestalten Außenanlagen. In einem Baumkataster sind alle Bäume des Bestandes erfasst und können so individuell gepflegt werden. Im Hellersdorfer Kienberg-Viertel wurde das Projekt „Ökologische Mustersanierung“ realisiert, das 1999 den „Bauherrenpreis“ erhielt. Seit 2003 darf „Stadt und Land“ im Firmennamen den Zusatz ÖKOPROFIT-Betrieb führen.

In Hellersdorf arbeitet das Unternehmen eng mit dem „Klub der Grüninspektoren“ zusammen, einer Mieterinitiative mit 40 Mitgliedern, die sich um den Zustand der Grünanlagen kümmert.

Im Jahr 2001 gewannen die Auszubildenden in Neukölln eine „Klimawette“ gegen den damaligen Bezirksbürgermeister. Ziel war es, in sechs Monaten acht Prozent der Kohlendioxid-Emissionen einzusparen. Erreicht wurde die dreifache Menge.

Kaum abschätzen lässt sich, was solch kontinuierliches Engagement in den Köpfen bewegt – bei Mitarbeitern, Mietern und deren Freunden.

Marianne Weno

  • Umwelterklärung 2005, STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft mbH Berlin Info@statdtundland.de

September 2005: Essen, was die Politik erlaubt?

September 2005: Essen, was die Politik erlaubt?

Essen, was die Politik erlaubt?

Alle Politiker reden von „Wahlfreiheit“, die sie erhalten wollen, während einige schon munter dabei sind, sie abzuschaffen. Es geht um die Frage, wie lange wir noch selbst entscheiden können, ob wir Gentechnik auf unseren Tellern haben wollen oder nicht.

Eine Mehrheit hierzulande will kein „Genfood“, und niemand kann uns sagen, wozu wir es unbedingt brauchen. Aber das Geschäft mit den „umgebauten“ Pflanzen ist zu groß, um es sich von „uneinsichtigen“ Bürgern verderben zu lassen. Entscheidend ist nicht, ob die „Grüne Gentechnik“ uns Verbrauchern oder den Landwirten irgendwelchen Nutzen bringt. Entscheidend ist, dass der Druck vonseiten mächtiger Firmen wie Syngenta, Monsanto und Aventis einige Politiker veranlasst, die Manipulation an der Natur als „Zukunftstechnologie“ zu verkaufen.

Ende der Wahlfreiheit
Es gibt viele Argumente gegen die Grüne Gentechnik. Da ist die diffuse Abneigung gegen Eingriffe in die Natur und die konkrete Angst vor Gesundheitsschäden, etwa durch in Pflanzen eingeschleuste Allergene. Große Bedenken gibt es bei Naturschützern, die um die Artenvielfalt fürchten, wenn neu „konstruierte“ Pflanzen die ursprünglichen Arten verdrängen.
Vor allem aber: Wenn sich der Anbau genveränderter Pflanzen durchsetzt und es nicht gelingt, ihre Ausbreitung durch Pollenflug verhindern, dann wird es keine gentechnikfreie Landwirtschaft mehr geben. Etliche Fachleute glauben, dass eine Koexistenz überhaupt nicht möglich ist. .

Die vermeintlichen Vorteile haben sich hingegen größtenteils als Luftblasen erwiesen. Erfahrungen aus den USA und anderen Ländern, wo die Gentechnik schon lange genutzt wird, haben gezeigt, dass Bauern nicht mehr ernten als früher, dass sie von den Saatgutkonzernen abhängig werden und konventioneller Anbau vielerorts nicht mehr möglich ist.

Gesetz mit Haken
Aufgetischt hat uns die EU das zweifelhafte Menü. Mit einer Richtlinie vom April 2001 hob sie den seit 1999 geltenden Zulassungsstopp für gentechnisch veränderte Organismen auf und regelte die Bedingungen für die Freisetzung. Bis Oktober 2002 sollten die Bestimmungen in nationales Recht umgesetzt werden. Erst m März 2005, nach einem blauen Brief aus Brüssel, trat bei uns das erste Gesetz zur Neuordnung des Gentechnikrechts in Kraft. Nun gelten immerhin strenge Haftungsregelungen, und das Gesetz verlangt Schutz vor unbeabsichtigter Ausbreitung der Pflanzen. Der Haken dabei: Einzelheiten der Umsetzung müssen in einem zweiten Gesetz geregelt werden, und dem müsste der Bundesrat zustimmen. Dort hatten die CDU-regierten Länder ursprünglich den Vermittlungsausschuss angerufen, sich aber im Juni aus dem Verfahren zurückgezogen, weil CDU und FDP ohnehin nach dem erhofften Wahlsieg die ganze Gesetzgebung zum Thema neu aufrollen wollen.

Die Kernfrage ist, ob für vier Jahre gewählte Politiker Entscheidungen treffen dürfen, die irreversibel sind. Atommüll kann nicht mehr aus der Biosphäre entfernt, ausgestorbene Tiere und Pflanzen können nur im „Jurassic Park“ wiederbelebt werden, und gentechnisch veränderte Organismen lassen sich nie mehr aus der Natur zurückholen. Rechtlich gesehen dürfen Politiker das alles, auch wenn eine Mehrheit der Bürger dagegen ist, und sie machen ohne Hemmungen davon Gebrauch.

Das große Essen
Protest findet täglich statt, wo Bauern ihre Felder zu gentechnikfreien Zonen zusammenschließen. 66 solcher Zonen gibt es schon in Deutschland, 164 in der EU und viele weltweit. Protestieren tun auch die Verbraucher, wenn sie darauf achten, dass ihnen im Supermarkt kein Genfood untergejubelt wird. Und am 11. September, eine Woche vor der Wahl, findet bundesweit eine Aktion „Tafeln! Für Bio – gegen Gentechnik“ statt. In vielen Gemeinden organisieren Bürger ein öffentliches, gemeinsames Frühstück. Initiator ist der Bundesverband der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Marianne Weno

  • In Berlin treffen sich die Gentech-Gegner am 11. September um 11 Uhr auf dem Schlossplatz zum größten Bio-Frühstück der Welt. Alle Berliner sind eingeladen. Die Veranstalter rechnen mit bis zu 5000 Teilnehmern. Das Essen, gesponsert von Erzeugern und Verarbeitern der Bio-Branche, ist kostenlos. Geschirr sollte man möglichst mitbringen. Viele Prominente haben ihre Teilnahme zugesagt.Veranstalter sind die Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg e.V. und die Stiftung Naturschutz. Weitere Informationen unter www.berliner-bio-fruehstueck.de
  • Dossier Nr. 2, Agro-Gentechnik, in „Schrot und Korn, August 2005
  • Greenpeace: Das neue Gentechnikgesetz, 11/2004
  • BMU, Pressearchiv, www.bmu.de

August 2005: Mar del Plástico – wo unser Gemüse wächst

August 2005: Mar del Plástico – wo unser Gemüse wächst

Mar del Plástico – wo unser Gemüse wächst

Wenn man über die südspanische Provinz Almeria fliegt, könnte man meinen, unten ein silbrig schimmerndes Meer zu sehen. Es erstreckt sich über 350 Quadratkilometer – etwas mehr als die Fläche Münchens. Die Einheimischen nennen es „mar del plástico“, „Plastikmeer“. Tatsächlich ist die ganze Ebene zwischen den Badestränden im Süden und dem Gebirgszug im Norden überspannt mit Plastikfolien. Landschaft, wie wir sie kennen, gibt es dort nicht: keinen Baum, keinen Strauch, keine Tiere. Auch Menschen sieht man kaum, aber sie sind da – bei bis zu 60°C Hitze unter den Polyethylenplanen. Einen „Moro“ pro Hektar brauche man, sagt einer der Landbesitzer. „Moro“ – gemeint sind die ausländischen, meist marokkanischen Saisonarbeiter, oft „Papierlose“, die keinerlei Rechte haben und für minimale Löhne unter fast unerträglichen Bedingungen arbeiten.

Am Grund dieses „Meeres“ wächst, was vor allem im Winter so bunt, schön und billig in unseren Supermärkten liegt: Tomaten, Paprika, Melonen und Erdbeeren. 350 000 Tonnen im Jahr werden mit Lastwagen dreitausend Kilometer weit zu uns transportiert, 2,8 Millionen Tonnen in die EU insgesamt. Almeria ist der größte und produktivste Agrarstandort und das wichtigste Anbaugebiet für den deutschen Gemüsemarkt. Der Preis dafür ist die Ausbeutung der Menschen und eine gigantische Umweltzerstörung. Nur so kann das Riesengeschäft funktionieren.

Mangelware Wasser
Almeria ist das Gebiet mit den meisten Sonnenstunden und zugleich die trockenste Gegend Europas. Das Grundwasser ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen und versalzen. Heute werden fossile Wasservorräte aus 100 Metern Tiefe hochgepumpt. Auch aus den Bergen nördlich des Gebietes wird Wasser in die Anbaugebiete geleitet. Es gibt sogar Pläne, über Pipelines den Rio Ebro im Norden Spaniens anzuzapfen.

Fördermittel der EU haben den Hightech-Ausbau der Anlagen und damit den wirtschaftlichen Aufschwung der Provinz erst möglich gemacht. Die Pflanzen in den Gewächshäusern wachsen meist nicht in Erde, sondern in Substraten. Bewässerung und Düngung werden von Computern gesteuert. Diese Form des Anbaus bringt bis zu fünf Ernten im Jahr. Heute reicht die Ebene nicht mehr für neue Anlagen, und man beginnt schon damit, Berge abzutragen, um neue Flächen zu gewinnen.

Berge aus Plastik und Giftmüll

Alle zwei bis drei Jahre müssen die Folien ausgewechselt werden. Recyclinganlagen gibt es, aber sie werden wenig genutzt. Kunststoffberge, vermischt mit Pestiziden, rotten übel riechend zwischen den Gewächshäusern vor sich hin.

Die Monokulturen locken viele Schädlinge an. Drei- bis viermal so viel Pestizide wie in Holland werden hier gespritzt. Entsprechend übersteigen immer wieder Rückstände auf dem Gemüse die bei uns erlaubten Höchstmengen. Auch die Böden werden mit Chemikalien desinfiziert. Die Arbeiter sind an ihren kaum belüfteten Arbeitsplätzen ständig den vielfältigen Giften ausgesetzt. Auch die primitiven Unterkünfte zwischen den Gewächshäusern und neben den Chemikalienlagern schützen kaum vor den schädlichen Emissionen. Hunderte von schweren Vergiftungsfällen mussten im nahegelegenen Krankenhaus behandelt werden, 25 Menschen starben an den Folgen.

Und die Verbraucher?
Ahnen sie, wenn sie selbstverständlich zu Weihnachten Erdbeeren kaufen, unter welchen Bedingungen diese gewachsen sind? Fragen sie sich, wie die günstigen Preise zustande kommen? Hören sie auf die Warnungen von Greenpeace und den Verbraucherverbänden vor überhöhten Pestizidrückständen? Und wie schmeckt ihnen das Obst und Gemüse zur Unzeit? Die Tomaten zum Beispiel werden grün auf die Reise geschickt und reifen unterwegs nach. Untersuchungen von Wissenschaftlern der HU haben ergeben, dass sich die meisten wertvollen Inhaltsstoffe nur bilden können, wenn die Tomate am Strauch reift. Eine Kostprobe beweist es: Die schönen roten Früchte schmecken fast nur nach Wasser. Die Kunden scheint das nicht zu stören.

Marianne Weno

  • Sandra Blessin: „Am Ufer des Plastikmeeres“, Fian-Magazin Food First, Nr. 2/05
  • Christoph Arndt, Felix Eisele, Christian Schulze, Isa Knauf: „Ein Meer aus glitzernden Plastikfolien“, TU intern, TU Berlin, Pressestelle
  • Eckart Granitza „Frühreif und geschmacksarm“, Textarchiv Berliner Zeitung, Ressort Wissenschaft Ökotipps, AT

Juli 2005: Eine anrüchige Geschichte

Juli 2005: Eine anrüchige Geschichte

Eine anrüchige Geschichte

„Was die ökologische Zukunft des Ackerbaus betrifft, herrscht eine schier unglaubliche Bedenkenlosigkeit.“ (Konrad Lorenz)

„Diesen heiligen Tieren vergangener Zeiten haftet heute ein Hauch von Pestilenz an ...“ (Jeremy Rifkin)

Wer außerhalb der Saison den beliebten Urlaub auf dem Bauernhof bucht, kann Pech haben. Anstelle der würzigen Landluft kann er erleben, wie es von den Feldern zum Himmel stinkt. Schließlich muss entsorgt werden, was die Lieferanten unserer Steaks und Schnitzel hinterlassen.

15 Millionen Rinder in Deutschland
Das Lebendgewicht aller Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen pro Quadratkilometer in Deutschland beträgt durchschnittlich 75 Tonnen. Die Menschen auf der gleichen Fläche wiegen ca. 20 Tonnen. Auf natürliche, ökologisch unschädliche Weise könnte ein Quadratkilometer 5 Tonnen Pflanzenfresser ernähren. Aber bei uns leben die Kühe nicht vom Gras der Weiden, sondern werden in Massenställen mit überwiegend importiertem Futter gemästet. Auf diese Weise können in unserem dicht besiedelten Land 15,7 Millionen Rinder und 23,7 Millionen Schweine existieren. Dazu kommen 82 Millionen Hühner.

Verarmte Landschaft
Die Folgen sind auch Naturschützern nicht immer bewusst. Beim Thema Landwirtschaft denken viele Menschen nach wie vor an heile Natur und ländliche Idylle. Dass unsere Landschaft jedoch in einem kaum vorstellbaren Maße überdüngt ist, lässt die Roten Listen der Tier- und Pflanzenarten immer länger und die Kulturlandschaft zur ökologischen Wüste werden. Das Übermaß an Stickstoff in den Böden sorgt dafür, dass einige wenige Pflanzenarten üppig wachsen und die Vielzahl derer, die magere Böden lieben, verdrängt wird. Das wirkt sich auf die Tierwelt aus: Zum Beispiel gibt es fast nur noch Schmetterlinge, deren Raupen auf Brennnesseln und anderen Stickstoff liebenden Pflanzen leben. Mit den Insekten verschwinden die Vögel. Durch das starke Wachstum bestimmter Pflanzenarten verändert sich das Kleinklima am Boden. Es wird kälter und feuchter, was jungen Feldhasen, Rebhuhn- und Fasanenküken das Überleben schwer macht.

Ursache des Übels ist weniger der Mineraldünger, den der Bauer auf den Feldern ausbringt. Die Mengen sind in den letzten Jahren zurückgegangen. Auch die Abgase der Autos tragen weniger dazu bei als die Ausscheidungen von Kühen, Schafen und Hühnern. Während die menschlichen Abwässer nach strengen Vorschriften teuer geklärt werden, gelangen die Abwässer der Massentierhaltung in Form von Gülle auf die landwirtschaftlichen Flächen. Das geschieht nicht nach und nach während der Vegetationsperiode und in kleineren Mengen, die die Pflanzen verwerten könnten, sondern in großen Schüben einige Male im Jahr. Dadurch gelangt ein großer Teil in Bäche und Flüsse und ins Grundwasser.

Ökokolonialismus
1994 hatte Jeremy Rifkin in seinem Buch „Das Imperium der Rinder“ die globalen Schäden durch den Fleischhunger in den Industrieländern dargestellt: die Zerstörung der Regenwälder, die Versteppung und Verwüstung durch die weidende Riesenherden, die Tatsache, dass ein Drittel der weltweiten Getreideernte als Viehfutter dient und den Menschen als Nahrung fehlt, und nicht zuletzt das Problem der Methan-Emissionen, die im gleichen Maße am Klimawandel beteiligt sind wie der Autoverkehr.

Der Ökologe Josef Reichholf greift all diese Fragen auf und wendet sich in seinem Buch „Der Tanz um das Goldene Kalb“ besonders der Lage in Deutschland zu. Er zeigt deutlich, wie verheerend sich die Massentierhaltung auf unsere Natur auswirkt, und stellt die Frage, was unser Konsumverhalten und unsere Landwirtschaftspolitik für die übrige Welt bedeutet. Er spricht vom „Ökokolonialismus Europas“, weil unsere Fleischproduktion nur durch Futterimporte aus Ländern wie Brasilien möglich ist, mit schlimmen Folgen für die dortige Umwelt. Übrigens dient die „Überbevölkerung“ in unseren Ställen nicht nur dazu, unseren Fleischhunger zu stillen. Vielmehr wird fast die Hälfte des Rind- und Kalbfleisches exportiert und konkurriert dadurch mit weit ökologischer produziertem Fleisch, zum Beispiel aus den argentinischen Grassteppen.

Rund zwei Euro pro Tag zahlt die EU nach Angaben des „Spiegel“ für jede Kuh. In der Auseinandersetzung um die EU-Landwirtschaftssubventionen, die Tony Blair gerade angestoßen hat, bleibt der ökologische Aspekt wohl unbeachtet. Zu befürchten ist ohnehin, dass die Diskussion im Sande verlaufen wird. Die Lobby für die Natur ist schwächer als die Bauernverbände.

Konrad Lorenz

  • Jeremy Rifkin: Das Imperium der Rinder, 1994, Campus Verlag
  • Josef Reichholf: Der Tanz um das Goldene Kalb, 2004, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

Juni 2005: Zurück zu Lenné

Juni 2005: Zurück zu Lenné

Zurück zu Lenné

Der östliche Tiergarten soll nach historischem Vorbild umgestaltet werden. Ein Vorschlag für die Gartendenkmalpflege: Wenn die Umgestaltung abgeschlossen ist, sollten Spaziergänger nur im historischen Gewand zugelassen werden. Das würde gut zu den Pferdekutschen passen, die dann doch sicher auf den schnurgeraden Alleen fahren sollen.

In der Zeit von Peter Joseph Lenné, der 1838 den Tiergarten neu gestaltete, gab es noch keinen Artenschutz. In den Städten war „Natur“ nicht gefragt. Parks mussten dekorativ und aufgeräumt sein. Wo man damals auf breiten Alleen flanierte, laufen heute Jogger auf verschlungenen Trampelpfaden. Der Tiergarten ist zur „grünen Lunge“ geworden, zu einer Oase inmitten des Autoverkehrs, in der pflastermüde und von Abgasen eingenebelte Berliner und Touristen aufatmen können.

Hauptstadt der Kettensäge
Die Städte ersetzen aber auch vielen Tier- und Pflanzenarten die Lebensräume, die in der Kulturlandschaft verloren gegangen sind. Im Berliner Stadtgebiet wurden 140 verschiedene Brutvogelarten gezählt, mehr als in bedeutenden Vogelschutzgebieten. Ähnlich sieht es mit Säugetieren, mit Insekten und seltenen Pflanzenarten aus. Oberstes Ziel müsste es sein, diese Vielfalt zu schützen. Leider geschieht das Gegenteil. Überall in der Stadt werden gesunde Bäume gefällt. Ursache ist neben dem Freibrief „Verkehrssicherungspflicht“ vor allem die Denkmalpflege. Sie sorgt dafür, dass Grün beseitigt wird, wo es nicht ins historische Bild passt. So geschehen am Lauenburger Platz in Steglitz, in der „Wohnstadt Carl Legien“ in Prenzlauer Berg und zuletzt – ein besonders grotesker Fall – im Schöneberger Rudolf-Wilde-Park, wo Bäume nur deshalb weichen mussten, weil sie das Spiegelbild des U-Bahnhofs im Wasser stören würden.

Nun also der Tiergarten

So, wie er zwischen ehemaliger Entlastungsstraße, Scheidemann-, Ebert- und Lennéstraße aussieht, passt er nicht mehr zu einer repräsentativen hauptstädtischen Grünanlage. Jetzt haben die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und das Bezirksamt Mitte ihren Plan für die Neugestaltung dieses Bereichs nach den Plänen von Lenné vorgelegt. Schon die Diktion der Verlautbarungen lässt Schlimmes erwarten: Da spricht Senatsbaudirektor Stimmann von „unansehnlichen Langgraswiesen“, und der oberste Gartendenkmalpfleger Klaus von Krosigk nennt den Goldfischteich ein „unförmiges Feuchtbiotop“.

Am 11. Juni findet im Tiergarten der GEO-Tag der Artenvielfalt statt. Dann können die Teilnehmer an Ort und Stelle besichtigen, was Denkmalpflege beim Artenschutz anrichten kann. Läuft man heute durch den Ostteil des Parks, der der Umgestaltung zum Opfer fallen soll, dann findet man eine etwas wilde, aber reizvolle Landschaft, in der sich Waldstücke, dichte Gebüsche und Lichtungen abwechseln. Ein vielstimmiges Vogelkonzert deutet darauf hin, dass es hier reichlich ungestörte Brutmöglichkeiten gibt. Die bunt und üppig blühenden Wiesen, die zahlreiche Insekten anziehen, sollen verschwinden. Wird an ihrer Stelle englischer Rasen angelegt, dann wird man dort keine Biene und keinen Käfer mehr sehen. An einigen Stellen wachsen gar Brennnesseln – für die Befürworter eines repräsentativen Parks ein empörender Anblick. Dass etliche Schmetterlingsarten auf diese Futterpflanzen angewiesen sind – wen interessiert das schon?

Anstelle der „Trampelpfade“, die nach den Bedürfnissen heutiger Besucher entstanden sind, soll es 15 Meter breite Alleen geben, in der Mitte gepflastert und von jungen, neu gepflanzten Bäumen gesäumt. Dafür werden viele der alten gefällt, weil sie nicht in den Plan passen – wie viele, wird diskret verschwiegen. Gerüchte sprechen von 1200 Bäumen, die nach dem Kahlschlag der Nachkriegszeit aufgewachsen und inzwischen über 50 Jahre alt sind.

Was darf der Denkmalschutz?

Kosten soll das Ganze fünf Millionen Euro. Die erste Phase wird mit 140 000 Euro aus Ausgleichs- und Ersatzmitteln bezahlt. Ein solches Verfahren gilt als höchst fragwürdig, denn diese Gelder sollen der ökologischen Aufwertung und nicht der Naturzerstörung dienen. Über die Zweckentfremdung der Abgaben wurde schon vor einem halben Jahr zwischen Naturschutzverbänden und Senatsverwaltung heftig gestritten. Nach einer Klagedrohung der Verbände wurde Besserung versprochen ... Der Bezirk Mitte ist mit 1,9 Millionen dabei, für den Rest erhofft man sich EU-Fördermittel und weitere Ausgleichsabgaben.

Denkmalschutz, der sich um historische Gebäude kümmert, erfüllt eine wichtige Aufgabe. Auch Schlossgärten und Parks, die im alten Zustand erhalten geblieben sind, müssen selbstverständlich geschützt werden. An vielen Orten hat es die Gartendenkmalpflege jedoch mit lebendigen „Objekten“ zu tun, die sich wandeln und in der veränderten Umwelt neue Aufgaben erfüllen müssen. Wenn ein kleiner Teil des 220 Hektar großen Tiergartens sich im Schatten der Mauer naturnäher entwickelt hat, dann fragt man sich schon, warum er nun wieder in den naturfernen Stil alter Zeiten zurückversetzt werden soll. Sicher wäre es möglich und nötig, das Gebiet behutsam zu pflegen und allzu viel Wildwuchs einzudämmen, damit sich die Metropole nicht vor ihren anspruchsvollen Besuchern schämen muss.

Über das Gewicht der Gartendenkmalpflege gegenüber den Interessen von Natur- und Artenschutz muss dringend neu und öffentlich diskutiert werden. Ein Zurück zu Formen früherer Jahrhunderte, Naturvernichtung inklusive, führt ins Öko-Disneyland.

Marianne Weno

Mai 2005: Politik mit Rückständen

Mai 2005: Politik mit Rückständen

Politik mit Rückständen

Der Landwirt kommt vom Feld, wo er gerade ein Insektizid gespritzt hat. In dem Spritzgerät sind noch ein paar Liter der Giftbrühe übrig. Sie werden beim Reinigen mit schöner Selbstverständlichkeit in den Gully gespült. Der Kollege nebenan hat noch Reste eines jetzt verbotenen Mittels im Schuppen. Legales Entsorgen kostet meist Geld. Also klammheimlich in den Fluss damit. Darauf steht zwar Geldstrafe oder sogar Gefängnis, aber wer lässt sich schon erwischen? Der NABU beschreibt diese Missstände in seiner Veröffentlichung unter dem Titel „Giftspritze außer Kontrolle“.

Pestizide sind allgegenwärtig, auch da, wo sie nie angewandt wurden. Wind und Regen verteilen sie in den Meeren und in der Arktis. Sie finden sich in der Muttermilch und als Rückstände in unseren Lebensmitteln. Viele Tierarten sind durch die Gifte vom Aussterben bedroht. 2003 wurden in Europa knapp 300 000 Tonnen der Wirkstoffe verkauft, in Deutschland 29 000 Tonnen. Das sind durchschnittlich 1,7 Kilogramm pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Der Erfolg ist zweifelhaft: Obwohl immer mehr Insektizide versprüht wurden, haben sich die Ernteverluste durch Insekten in den letzten vierzig Jahren verdoppelt. Das liegt vor allem daran, dass die natürlichen Feinde der Schädlinge mit vernichtet werden.

Schätzungsweise 30 Tonnen Wirkstoffe pro Jahr gelangen in unsere Gewässer. Das Grundwasser ist heute kaum weniger belastet als 1990, obwohl viele Substanzen, die dort gefunden werden, schon längst verboten sind. Das gilt zum Beispiel für das berüchtigte Herbizid Atrazin. Es findet sich vor allem in Bayern in vielen Trinkwasserbrunnen, in Mengen weit über dem Grenzwert.

Gift für die Welt

Deutsche Hersteller von Pestiziden sind nicht nur bei uns sehr erfolgreich, sondern auch auf dem Weltmarkt. Mit ihren Produkten exportieren sie – vor allem in die armen Länder – Vergiftungen, künftige Altlasten und Umweltschäden. Das beginnt schon damit, dass Gebrauchsanweisungen nicht in den Sprachen der Anwender gedruckt werden, dass Schutzkleidung und Masken fehlen oder in heißen Gegenden unbrauchbar sind, und dass die Arbeiter sich nicht gegen gefährliche Aufträge wehren können. Mit importierten Lebensmitteln kehren manche der Giftstoffe auf unsere Teller zurück. Wie viele Mittel, die hier verboten sind, in Entwicklungsländer verkauft werden, lässt sich nur vermuten. Organisationen wie PAN Germany und Brot für die Welt verlangen einen „gläsernen Pestizidexport“ – also Informationen darüber, welche Wirkstoffe in welchen Mengen ausgeführt werden. Diese Forderung wurde jetzt teilweise erfüllt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit soll künftig mehr Daten zum Thema veröffentlichen. Allerdings fehlen weiterhin Angaben über die einzelnen Empfängerländer.

Viel spritzen – viel ernten?
Die Chemiekonzerne sind eine mächtige Interessengruppe, die durchgreifende Verbesserungen immer verhindern konnte. „Erkläre – warum geht von modernen Pflanzenschutzmitteln keine Belastung der Umwelt aus?“ heißt es unverfroren in einer Unterrichtshilfe, herausgegeben vom Industrieverband Agrar e.V. (IVA). Die Aussage wäre auch dann noch fragwürdig, wenn überall der Pestizideinsatz auf das Nötigste beschränkt, die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten und alle Vorsichtsmaßnahmen beachtet würden. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Manche Landwirte glauben immer noch an die Formel: viel spritzen = viel ernten. Damit es billiger wird, werden die Mittel oft importiert, legal oder illegal – darunter auch solche, die in ganz Deutschland oder für bestimmte Bereiche nicht zugelassen sind. Erlaubt sind sogenannte Parallelimporte aus EU-Ländern, wenn in Deutschland ein vergleichbares Mittel zugelassen ist. Ein besonderer Fall sind Hobbygärtner, die noch die letzte Blattlaus an ihren Rosen umbringen – und die Marienkäfer gleich mit – und die mit dem in Berlin verbotenen Unkrautvernichter für die makellose Eintönigkeit ihres Rasens sorgen.

Bei uns wird das Pflanzenschutzgesetz zurzeit novelliert. Dabei wird es vor allem um Regelungen zum „Parallelimport“ gehen, und darum, dass die Landwirte verpflichtet werden sollen, Aufzeichnungen über ihre Pestizidanwendungen zu führen. Alle Umweltverbände kritisieren die bisher vorliegende Fassung als zu industriefreundlich. Verbesserungen erhoffen sie sich jedoch von dem „Reduktionsprogramm chemischer Pflanzenschutz“, das Anfang des Jahres begonnen wurde. Daran haben 60 Gruppen und Verbände aus Landwirtschaft, Umwelt- und Verbraucherschutz, Wissenschaft und Politik mitgearbeitet.

Unser aller privates Reduktionsprogramm heißt: Ökoprodukte kaufen.

Marianne Weno

  • Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU): „Giftspritze außer Kontrolle“ und „Pflanzenschutzpolitik in Deutschland“, NABU-Infoservice, Florian Schöne, Herbert-Rabius-Straße 26, 53225 Bonn, Tel. 0228/4036-169, E-Mail florian.schoene(at)nabu.de.
  • PAN Germany: Broschüre „Für einen gläsernen Pestizidexport“, und weitere Informationen unter www.pan-germany.org

April 2005: Apotheke Natur

April 2005: Apotheke Natur

Apotheke Natur

„Sanfte Medizin“, Ayurveda, chinesische Heilkunst – das ist alles in Mode gekommen, während Schulmedizin und synthetische Medikamente vielen Menschen als eine Art von Teufelswerk gelten. Pflanzliche Mittel sind gut, Chemie ist gefährlich. Dabei wird kaum bedacht, dass die Grenzen fließend sind. Auch mit pflanzlichen Mitteln kann man sich schaden. Viele Verbindungen, die man früher aus Pflanzen gewonnen hat, werden heute synthetisch hergestellt. Andererseits sucht die Pharmaindustrie besonders in tropischen Regionen intensiv nach neuen, unbekannten pflanzlichen Wirkstoffen. Auch die Schulmedizin nutzt zahlreiche pflanzliche Arzneimittel.

Wie hilfreich all die alten und neu entdeckten pflanzlichen Präparate sind, lässt sich im Einzelfall schwer sagen. Manche tauchen plötzlich auf dem Markt auf, werden eine Zeit lang als Wundermittel gepriesen, erweisen sich gelegentlich als schädlich oder verschwinden wieder, weil sie nicht halten, was sie versprochen hatten. Andere sind seit Urzeiten bekannt und bewährt. Tatsache ist jedoch, dass die „Naturmedizin" in all ihren Varianten einen Boom erlebt, und dass Deutschland der viertgrößte Importeur von Heilpflanzen weltweit und der größte Verbraucher innerhalb der EU ist.

Die Kehrseite
Zwischen den Anhängern naturmedizinischer Methoden und dem Kreis der Natur- und Umweltschützer gibt es vermutlich große Schnittmengen. Den wenigsten unter ihnen ist jedoch bewusst, dass der riesige und immer noch wachsende Markt der Naturheilmittel zahlreiche Pflanzen- und auch Tierarten auszurotten droht. Die wenigsten Heilpflanzen werden angebaut, die meisten in der Natur gesammelt, zum größten Teil in ärmeren Ländern. Hauptexporteure sind China und Indien, aber auch Bulgarien, Albanien und die Türkei. Mehr als 400 000 Tonnen Rohware werden weltweit jedes Jahr verbraucht, davon nur 5 Prozent aus Plantagen, und der Handel setzt rund 16 Milliarden Euro damit um. Der Anbau ist oft schwierig oder unmöglich, in jedem Fall aber teurer als das Sammeln in der Natur. Die Sammler werden schlecht bezahlt und nicht informiert, wie sie die Pflanzen schonend ernten können.

Gefährdet sind so bekannte Arten wie Ginseng und Ginkgo biloba, aber auch einheimische Pflanzen wie gelber Enzian und Arnika. Die Schlüsselblume, bei uns geschützt, ist in der Türkei so gut wie ausgestorben, ebenso das Adonisröschen in Bulgarien und Albanien. Zahlreiche Pflanzen, die seit Jahrhunderten zur asiatischen Medizin gehören, sind bedroht, seit man sie im Westen industriell verwertet. Von den rund 50 000 Heilpflanzen könnten nach Angaben der Weltnaturschutzunion (IUCN) 4.000 vom Erdboden verschwinden, nach anderen Schätzungen bis zu 10 000 Arten.

Anbau – nicht immer die Lösung
Ginseng zum Beispiel wird in Plantagen kultiviert. Aber noch immer gilt die Wildform als wertvoller. Bei anderen Pflanzen kann es umgekehrt sein: Wenn der Anbau gelingt, verlieren die Wildpflanzen ihren Wert und werden nicht mehr geschützt. Das führt zur genetischen Verarmung der angebauten Sorten.

Der WWF und die Organisation Traffic suchen gemeinsam nach Lösungen für eine nachhaltige Nutzung der Heilpflanzen. Mit einem Symposium auf der Expo 2000 entstand die Initiative „Medizin und Artenschutz“. Es gab eine „Gemeinsame Erklärung für die Gesundheit von Mensch und Natur", unterzeichnet von über 100 Organisationen und Unternehmen, die sich um den Schutz von Heilpflanzen bemühen. Die Vorschläge reichen von besserer Ausbildung für die Sammler bis zu restriktiveren Zollbestimmungen.

Viel hängt von den Verbrauchern ab
Wer auf bestimmte Heilmethoden vertraut, wird sich kaum dem Artenschutz zuliebe davon abbringen lassen. Aber wissen sollte man schon, dass die „Naturmedizin" durch den massenhaften Verbrauch ihre ökologische Unschuld verloren hat. Wenn die Kunden in Apotheken und Reformhäusern immer wieder nach Mitteln aus umweltfreundlicher Produktion fragen, nach Alternativen suchen und nicht kritiklos alles ausprobieren, was das Etikett „natürlich" trägt, dann tragen sie zum Schutz der gefährdeten Arten bei. Damit es nicht eines Tages heißt: „Apotheke Natur geschlossen".

Marianne Weno

  • WWF: Heilen mit Pflanzen zum Unheil der Pflanzen.
    Weitere Informationen: www.wwf.de
    WWF Deutschland, Susanne Honnef, Rebstöcker Straße 55, 60326 Frankfurt am Main.

März 2005: Kohl oder Bäume?

März 2005: Kohl oder Bäume?

Kohl oder Bäume?

Am 22. Mai vorigen Jahres schlug in den Berlin die „Stunde der Gartenvögel“. Der Naturschutzbund (NABU) hatte die Gartenbesitzer aufgerufen, zwischen neun und zehn Uhr früh die Vögel in den Gärten zu zählen, getrennt nach Arten. Unter den 1109 Einsendungen, die der NABU erhielt, kamen viele von Kleingärtnern. Neben „Wald- und Wiesenarten“ wie Haussperlinge, Meisen und Amseln wurden auch seltenere Arten wie Mönchsgrasmücke, Tannenmeise und Zilpzalp beobachtet – insgesamt eine große Zahl und überraschende Vielfalt.

Ein Kettensägenmassaker
In den Kleingärten könnte es damit bald vorbei sein, wenn der Kahlschlag unter den Bäumen dort weitergeht wie bisher. Seit am 1. April 2004 die neue Baumschutzverordnung gilt, wirkt sie in vielen Kolonien eher als Baumfällverordnung. Bisher gab es einen Widerspruch zwischen Baumschutz- und Kleingartenrecht. Fast alle Baumarten ab 60 cm Stammumfang durften nur mit Genehmigung gefällt werden und mussten dann durch Neupflanzungen ersetzt werden. Heute sind – bis auf Waldkiefer und Eibe – Nadelbäume überhaupt nicht mehr geschützt, Laubbäume erst ab 80 cm Umfang. Das heißt, dass Kolonievorstände jetzt die in den Pachtverträgen verankerte Bestimmung durchsetzen können, nach der Waldbäume in Kleingärten prinzipiell verboten sind. Sie können, aber sie müssen nicht in jedem Fall auf Fällung bestehen. Jedoch greifen auch etliche Pächter freiwillig und gern zur Säge, weil die Bäume sie ohnehin stören.

Ein stummer Frühling

Verbandsvertreter haben immer betont, wie wichtig die rund 85 000 Berliner Kleingärten für Stadtklima, Naturhaushalt und Artenschutz sind, besonders dann, wenn galt, Kolonien gegen den begehrlichen Blick von Behörden und Investoren zu verteidigen. Nun hängt der ökologische Wert auch sehr vom Bestand an älteren Bäumen ab. Zugleich aber engt das Bundeskleingartengesetz die Möglichkeit ein, die Gärten naturnah zu bewirtschaften. Verlangt wird eine ganz bestimmte, „kleingärtnerische Nutzung“, das heißt, es ist genau festgelegt, welche Fläche dem Obst- und Gemüseanbau dienen soll und wie viel Ziergarten erlaubt ist. Große Bäume könnten den Anbau von Kohl und Möhren beeinträchtigen und sind deshalb unerwünscht. Dass in einem heißen Sommer wie 2003 ein schattiger Sitzplatz im Grünen den Aufenthalt im Garten überhaupt erst erträglich macht, steht auf einem anderen Blatt, ebenso die Tatsache, dass einige Vogelarten fast ausschließlich in Koniferen brüten und mehrere Fledermausarten sich dort ihr Quartier suchen. Spechte, Hauben- und Tannenmeisen leben im Winter von den Zapfen. Wo es keine Bäume mehr gibt, singen auch keine Vögel, und gegen unerwünschte Insekten hilft dann nur noch die Giftspritze.

Ordnung muss sein

Reglementierung ist der Preis für die geringe Pacht. Die Vorstände haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein ordentlicher Garten auszusehen hat. Wildwuchs wird nur selten geduldet. Allerdings sind Erholung und Freizeitnutzung im Laufe der Zeit wichtiger geworden als die Selbstversorgung mit Gemüse. In der Praxis hat das dazu geführt, dass die Regeln immer weniger beachtet wurden. So findet man heute statt korrekter Gemüsebeete oft genug einen grünen „Salon“ mit Blaufichten und Edelrosen auf kurz geschorenem Rasen, umrahmt von kunstdüngergepäppelten Prachtstauden. Von Artenvielfalt ist in solchen Gärten wenig zu sehen. Es gibt auch Kolonien, die sich für eine naturnahe Gestaltung einsetzen, während andere Wildkräuter und Blumenwiesen als „Unkraut“ verbannen möchten.

Sind die Kleingärten noch zu retten?

Traurige Tatsache ist, dass ein großer Teil der Berliner Kleingärten durch Bodenspekulation oder, wie aktuell in Treptow, durch Straßenbauprojekte bedroht ist. Bei einigen ist die Schutzfrist abgelaufen, bei anderen wurde sie bis 2010 oder 2014 verlängert. Für Unruhe hat ein Urteil des Bundesgerichtshofs gesorgt. Danach verloren rund tausend Parzellen in Pankow ihren Kleingartenstatus, weil einige Pächter dort dauerhaft wohnen. Auch um einer solchen Bedrohung entgegenzuwirken, haben sich manche Kolonievorstände wieder auf die ursprünglichen Regeln besonnen und halten die Laubenpieper dazu an, nicht nur gesetzwidrige Bauten abzureißen, sondern auch größere Bäume in den Gärten fällen zu lassen. In Neukölln wurde die Kolonie Neuhofer Straße in gemeinsamer Arbeit der Pächter wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt, unzulässige Gebäude abgerissen und die „kleingärtnerische Nutzung“ überprüft. Erst danach war der Bezirk bereit, die Schutzfrist zu verlängern.

Wir brauchen die Bäume
Wo sich Fällungen nicht vermeiden lassen, sollten dafür unbedingt hochstämmige Obstbäume gepflanzt werden. Das kommt den ursprünglichen Vorstellungen von der „richtigen“ Nutzung entgegen und verhindert, dass sich in den Gärten baumlose Tristesse ausbreitet.

Zu hoffen ist, dass man in allen Kolonien den Passus im Berliner Naturschutzgesetz respektiert nach dem es verboten ist, in der Vegetationszeit vom 1. März bis 31. September Bäume zu fällen. Dann bleibt Zeit genug, um sorgfältig zu prüfen, welche Bäume tatsächlich die Nutzung stören, und welche ökologisch zu wertvoll sind, um sie einem überholten Prinzip zu opfern.

Marianne Weno

  • Quelle: „Gartenfreund“ Verbandszeitschrift für das Kleingartenwesen.

Februar 2005: Unser täglich Dioxin

Februar 2005: Unser täglich Dioxin

Unser täglich Dioxin

Welches Lebensmittel ist wohl am meisten mit Dioxin belastet? Lachs? Pflanzenöl? Rindfleisch? Der SPIEGEL weiß es: die Muttermilch. Ihr Dioxingehalt überschreitet nach Aussage des Magazins den WHO-Vorsorgewert von einem Picogramm (1 billionstel Gramm) pro Tag und Kilogramm Körpergewicht um das 10- bis 50-fache.

Dioxin ist allgegenwärtig. In den sechziger und siebziger Jahren, als wir noch wenig über das „Supergift“ wussten, über seine Entstehung und seine Auswirkungen haben wir mit unserer Industrie die Böden großflächig verseucht. Es kam aus den Schloten der Müllverbrennungsöfen und Industrieanlagen, aber auch aus den Schornsteinen der Wohnhäuser. Inzwischen haben technische Entwicklungen und schärfere Auflagen dafür gesorgt, dass der gesamte Ausstoß in Deutschland von 1,2 Kilogramm auf 70 Gramm pro Jahr gesunken ist. Leider ist das Gift aber sehr beständig. Es bleibt über Jahrzehnte im Boden, und es wird in unserem Körper gespeichert. Dort dürfte sich bei uns allen einiges angesammelt haben. Dioxin findet sich vor allem in Milch, Fleisch, Fisch und Eiern. Dioxinfrei ernähren können wir uns nicht. Wie viel davon wirklich gefährlich ist, weiß niemand genau. Die Grenzwerte orientieren sich eher an der Realität: Man kann sie nicht so hoch setzen, dass man ganze Lebensmittelklassen aus dem Verkehr ziehen müsste, aber sie sollen die Gesamtbelastung möglichst niedrig halten.

Panikmache – wem nützt sie?
Hühner, die im Freien picken und scharren, nehmen Dioxin aus dem Boden auf – das wissen wir spätestens, seit das große Geschrei um den überschrittenen Grenzwert bei Freilandeiern ausgebrochen ist. Fachleute wussten es schon länger. Deshalb galt der EU-Grenzwert von drei Picogramm pro Gramm Fett ursprünglich nur für Käfigeier. Seit Anfang des Jahres gilt er auch für Freilandeier, mit der Folge, dass die Überschreitungen, die es immer gab, jetzt amtlich festgestellt werden. „Dioxin gehört nicht in Lebensmittel“, sagt Verbraucherschutzministerin Renate Künast. Belastete Eier würden aus dem Verkehr gezogen. Aber sie weiß natürlich, dass dioxinfrei essen eine Illusion ist. Sie könnte auch sagen, dass ein Mensch mit 60 Kilogramm Körpergewicht pro Tag 20 Eier 3 Picogramm Dioxin essen müsste, um den WHO-Vorsorgewert zu erreichen. Auf die Gesamtbelastung kommt es an, und da spielen andere Lebensmittel eine weit größere Rolle. So kann eine Portion Ostseehering so viel Dioxin enthalten wie zwei Dutzend Eier.

Ein Schelm, wer Böses denkt?
Klar ist, dass die Veröffentlichung über vermeintlich belastete Freilandeier ganz anderen Zwecken dient als dem Schutz der Verbraucher. Bärbel Höhn, Renate Künasts Kollegin aus NRW, wird deutlich: sie sei sich „sehr sicher“, dass hinter der Veröffentlichung die Lobby der Käfighalter stecke.

Das Timing war ja auch verblüffend: Wenige Tage vor der Grünen Woche berichtete „Bild am Sonntag“ über erhöhte Dioxinwerte in angeblich 28% aller Freiland- und Bioeier, Zahlen, die sich schon nach wenigen Tagen als weit übertrieben erweisen sollten. In Niedersachsen, wo anfangs von 28% belasteten Freilandeiern die Rede war, lag 2004 von 70 untersuchten Eiern nur eines über dem Grenzwert. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) hatte sich dennoch beeilt, umgehend zu verkünden, Eier aus Käfighaltung seien eben die bessere Alternative. Ziel ist es offensichtlich, eine erneute Debatte über das Verbot der Legebatterien anzuzetteln. Die Lobby der Käfighalter, zu der sich neben Minister Ehlen auch Bauernpräsident Sonnleitner zählen darf, möchte Ministerin Künast einen Schuss vor den Bug zu setzen, weil sie das Ende der Tierquälerei in Käfigen ab 2007 durchgesetzt hat, und weil manchen Leuten die ganze Richtung nicht passt.

Viel Lärm um nichts also?
Wohl nicht. Es ist gut, dass die Dioxinbelastung unserer Lebensmittel wieder einmal im Gespräch ist. Es ist gut, dass die Länder schärfere Kontrollen versprechen, und dass man vielleicht intensiver darüber nachdenken wird, was sich gegen die Altlasten in den Böden tun lässt. Ganz schlecht ist jedoch, dass hier wieder einmal versucht wird, Verbraucher mit Horrorgeschichten zu irritieren, Verbraucherschutz gegen Tierschutz auszuspielen und gleichzeitig der ungeliebten Bio-Landwirtschaft eins auszuwischen.

Marianne Weno

  • „Macht des Faktischen“, DER SPIEGEL 4/2005
  • „Macht des Faktischen“, DER SPIEGEL 4/2005
  • taz vom 17.1.2005
  • Hamburger Morgenpost vom 18.01.2005
  • Der Tagesspiegel vom 24.01.2005
  • Pressemitteilung des Vereins „Vier Pfoten“
  • Pressemitteilung der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau
  • Berlin-Brandenburg e.V.

Januar 2005: Die Kaufkraft der Schweine

Januar 2005: Die Kaufkraft der Schweine

Die Kaufkraft der Schweine

Der Schweinebraten, das Huhn oder die Pute auf unserem Tisch kosten nicht viel. Nur ein paar Euro im Discountladen und ein Stückchen Regenwald. Aber wer weiß das schon? Wer weiß, dass – bei 82 Millionen Einwohnern – in deutschen Massenställen 26 Millionen Schweine und 82 Millionen Hühner vegetieren, abgesehen von all den Puten, Enten und Gänsen, und dass diese Massenproduktion nur möglich ist, weil riesige Mengen Soja als Futtermittel importiert werden. Hauptexporteur ist Brasilien, und der großflächige Anbau dieser asiatischen Hülsenfrüchte bedroht den Amazonas-Regenwald stärker als der bekannte Raubbau durch Tropenholzhandel, Goldsucher und Rinderzucht.

Soja ist auch für Menschen ein wertvolles Lebensmittel. Es enthält viel Eiweiß, das sich aus essenziellen Aminosäuren zusammensetzt, sowie das cholesterinfreie Sojaöl mit einem großen Anteil an ungesättigten Fettsäuren. Bis 1945 kannten wir es kaum, aber seitdem sind mit der asiatischen Küche Sojasoße, Tofu und Miso zu uns gekommen und aus unserer Küche kaum mehr wegzudenken. Für Vegetarier liefert die Bohne vollwertigen Fleischersatz. Viele Menschen, die unter- oder mangelernährt sind, wie etwa 60% der Bevölkerung in Brasilien, könnten mit Soja gut versorgt werden. Aber die Zeitschrift „Regenwald-Report“ bringt es auf den Punkt: „Die Kaufkraft eines deutschen Schweins ist größer als die einer armen brasilianischen Familie“. 70% der gesamten Sojaernte landen in den Mägen der Tiere und schließlich so „veredelt“ auf unseren Tellern.

In den siebziger Jahren begannen die Menschen in den Industrieländern, immer mehr Fleisch zu essen. Die Massentierhaltung entwickelte sich, um die wachsende Nachfrage zu befriedigen. Nur - womit die vielen Tiere ernähren? Man musste Futtermittel importieren und entdeckte Sojaschrot, der mit seinem hohen Eiweißgehalt für kräftiges Wachstum sorgt. Nach BSE und dem Verbot, Tiermehl zu verfüttern, bekam der Soja-Boom noch einmal einen Schub. Ohne die Unmengen zusätzlicher Soja-Importe wäre die Massentierproduktion in Europa zusammengebrochen.

Billiges Fleisch – arme Natur
Die Nachfrage verlangt nach immer größeren Anbauflächen. Die aber gibt es fast nur noch in Südamerika. Brasilien ist das zweitgrößte Anbauland, und der brasilianische Staat fördert massiv den Devisenbringer Soja. Neue Straßen und Schienenwege wurden durch den Regenwald gebaut, Hochspannungsleitungen gezogen und der Einsatz von Pestiziden subventioniert. Früher wurden die Ernten mit Lastwagen zu den Häfen im Südosten des Landes transportiert. Inzwischen hat man den Madeira-Fluß zur Wasserstraße ausgebaut, um die Transporte per Schiff über den Amazonas an die Küste zu leiten. Ausländische Investoren und inländische Großunternehmer verdrängen einheimische Kleinbauern, legen riesige Soja-Monokulturen an und roden rücksichtslos Savannen und Waldgebiete, um immer mehr Fläche zu gewinnen. In den nächsten zwei Jahren soll sich die Soja-Ernte verdoppeln. Empfindliche und artenreiche Ökosysteme, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt gibt, wurden und werden zerstört. Im Amazonasbecken hat man 55.000 Pflanzen-, 428 Säugetier- und 1.600 Vogelarten nachgewiesen. Viele sind noch gar nicht bekannt, aber etliche vom Aussterben bedroht.

Soja braucht gewaltige Mengen an Chemie. Die gerodeten Flächen werden zunächst mit sehr viel Kunstdünger, Insektiziden und Fungiziden vorbereitet. Während die Pflanzen wachsen, werden sie noch mehrmals besprüht. Das alles gelangt mit dem Regen in die Flüsse und vergiftet Trinkwasser und Fische.

Sogenannte Entwicklungshilfe

Die Weltbank fördert mit einem Entwicklungsprogramm für Mato Grosso die Umweltzerstörung durch den Sojaanbau. Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) hat dem größten Soja-Multi Grupo Andre Maggi einen 12-Millionen-Dollar-Kredit gegeben. Auch die WestLB hat sich mehrfach an Geldspritzen für das Unternehmen beteiligt. Inzwischen ist auch Gen-Soja im Kommen. In den USA seit Langem zugelassen, wird es voraussichtlich auch in Brasilien demnächst legalisiert werden und dann unvermeidlich über das Fleisch auf unsere Teller gelangen. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

Was tun?
Biobauern und Landwirte, die nach den Neuland-Grundsätzen arbeiten, dürfen aus den beschriebenen Gründen kein Soja verfüttern, sondern nur Ackerbohnen, Lupinen und Erbsen aus regionaler Produktion. Wir müssen nicht gleich alle zu Vegetariern werden – aber weniger Fleisch zu essen und keines mehr aus der Massentierhaltung – das wäre ein gutes Zeichen gegen Tierquälerei und Naturzerstörung.

Marianne Weno

  • Regenwald-Report, herausgegeben von „Rettet den Regenwald e.V.“, Friedhofsweg 28, 22337 Hamburg, www.regenwald.org