Kolumne 2004

Dezember 2004: Naturschutz in der Stadt – wozu?

Dezember 2004: Naturschutz in der Stadt – wozu?

Naturschutz in der Stadt – wozu?

Seit Langem wissen wir, dass die Großstadt Rückzugsgebiet für viele Tier- und Pflanzenarten ist, die in den ausgeräumten und überdüngten Kulturlandschaften des Umlandes keine Chance mehr haben. So wird von einer Vierteilmillion Brutpaaren aus 120 Vogelarten berichtet, von mindestens 50 verschiedenen Säugetierarten und 380 Pflanzenarten in der Berliner Innenstadt.*

Was folgt daraus? Dass wir uns in der Großstadt ganz besonders um die Pflege dieses Reichtums bemühen sollten? Die Praxis der letzten Jahre sieht anders aus. Neben allerlei Freizeitaktivitäten im städtischen Grün hat offensichtlich auch der Denkmalschutz Vorrang gegenüber dem Naturschutz.

Ein harmonisches Miteinander wäre zu wünschen. Es wird jedoch dadurch erschwert, dass Bauwerke sich gleich bleiben, während das Grün wächst, sich ausbreitet und die Umgebung der Bauten verändert. Aber so, wie die Gesellschaft sich gewandelt hat, ist auch unsere Sicht auf die Natur heute anders als vor siebzig oder hundert Jahren. Denkmalschützer können die Pferdekutsche nicht zurückholen, aber sie versuchen allzu oft, das Stadtbild aus der Entstehungszeit der Bauten oder Grünanlagen punktuell wieder herzustellen – auf Kosten der Natur.

Beispiele gibt es viele. Allein das Wort „Sichtachsen“ lässt Naturschützer inzwischen rot sehen, bedeutet es doch, dass wieder einmal gesunde Bäume verschwinden sollen, um den Blick auf mehr oder weniger bedeutende Bauwerke freizugeben.

Bürger werden nicht gefragt
Zwei besonders schlimme Fälle in jüngster Zeit haben gezeigt, dass man die Wünsche der Bürger gern auf Alibiveranstaltungen anhört, um sie dann ungerührt vom Tisch zu wischen. So geschehen im Stadtplanungsausschuss von Steglitz-Zehlendorf, wo eine Bürgerinitiative versuchte, die gewachsene Natur am Lauenburger Platz vor der Aufräumwut der Gartendenkmalpflege zu retten. Der kleine Park an der vielbefahrenen Bismarckstraße war seit Jahren nicht gepflegt worden, aber in dem dichten Strauchwerk brüteten viele Vögel, und in dem Wasserbecken schwammen nicht nur Plastiktüten und Bierflaschen, sondern auch Fische und Frösche. Jetzt soll der Park nach „historischem Vorbild“ wieder hergestellt werden, mit Pyramidenpappel am Wasserbecken und freiem Blick auf den nicht ganz so historischen Autoverkehr. Dafür mussten zwei große, gesunde, aber nicht denkmalgerechte Hainbuchen gefällt und die Sträucher bis auf spärliche Reste beseitigt werden. Stimme aus dem Bezirksamt: Die Vögel würden sich schon anderswo Brutplätze suchen. Das Wasserbecken wurde ausgepumpt und gereinigt, die Fische angeblich gerettet, Frösche seien nicht gefunden worden. Fragt sich nur, wer da im Frühjahr gequakt hat. Ein Mitarbeiter des Grünflächenamtes erklärte unmissverständlich, wenn es um die denkmalgerechte Gestaltung eines Stadtplatzes gehe, müsse der Naturschutz eben zurückstehen. Übrigens: Dieser ganz legale Vandalismus kostet 400.000 Euro.

Kahlschlag für die Weltkultur
Szenenwechsel: Ein Spaziergang in Prenzlauer Berg führt uns in eine Wüste. Unterwegs werden wir immer wieder von Leuten angesprochen, die sich über die Zerstörung ihres Wohnumfeldes empören. Wir befinden uns in der denkmalgeschützten „Wohnstadt Carl Legien“, die Ende der zwanziger Jahre von Bruno Taut erbaut wurde und heute der BauBeCon Wohnen GmbH gehört. Die Häuser wurden in den letzten Jahren saniert und heben sich architektonisch positiv von der umliegenden Wohnbebauung ab. Das Land Berlin hat die Siedlung auf die Vorschlagsliste für das Weltkulturerbe gesetzt. Aber in den schmalen Straßen zwischen den Wohnblocks gibt es keine Bäume mehr, in den Innenhöfen sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld, und Büsche und Bäume, die die offenen Höfe zur Straße hin abschirmten, sind größtenteils beseitigt. Die Gesellschaft argumentiert, um auf die Welterbeliste zu kommen, müssten die Sichtachsen so frei sein wie zur Entstehungszeit der Siedlung – als die frisch gepflanzten Bäume und Sträucher noch jung waren. Die Deutsche UNESCO-Kommission widerspricht dieser Behauptung, aber die BauBeCom zieht ihre Planung durch. Welche Interessen dahinter stehen, lässt sich nur ahnen. Auch hier hatten Gespräche mit den Bewohnern Alibifunktion. Die Gesellschaft brach sie ab, als die Gegenseite „uneinsichtig“ blieb. Obwohl eine Befragung durch Studenten der Humboldt-Universität ergab, dass 93 % der Mieter das Grün in der bisherigen Form erhalten wollten, wurden in einer ersten Runde sämtliche Straßenbäume, die in den Vorgärten standen, beseitigt – mit fragwürdiger Genehmigung durch das Bezirksamt Pankow. Stattdessen sollen Rasenflächen entstehen, die sich hervorragend als Hundeklos eignen dürften. Wildkräuter, die Vögeln und Insekten Nahrung bieten könnten, soll es nicht mehr geben. Auch in den Innenhöfen wurde der „Wildwuchs“ schon zum großen Teil entfernt. Eintönige Rasenflächen mit vereinzelten Bäumen sollen das Bild bestimmen. Das Dröhnen der Rasenmäher wird dann die Vogelstimmen ersetzen.

Seit Oktober kämpft die Bürgerinitiative „Grüne Vielfalt“ – unterstützt vom Bund für Umwelt und Naturschutz – für die Reste des gewachsenen Grüns und der Artenvielfalt. Mit ungewissem Ausgang. Zwar hat die Senatorin für Stadtentwicklung und Umweltschutz erklären lassen, dass gegen den Willen der Mieter keine Bäume mehr gefällt würden, aber selbst wenn es dabei bleibt – viel ist nicht mehr zu retten.

„Wir sanieren und modernisieren unsere Wohnsiedlung für Sie“ steht auf den Bauschildern. Die Mieter werden sich bedanken.

Marianne Weno

Kontakte:

  • Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Herbert Lohner, Tel. 78 79 00 24.
  • BI Grüne Vielfalt, Matthias Thiemann, Sültstraße 34, 10409 Berlin, Tel. 42 02 14 48

Literatur:

  • Josef H. Reichholf: „Comeback der Biber“, dtv, 1996.

November 2004: „Wie hältst du's mit der Umwelt?“

November 2004: „Wie hältst du's mit der Umwelt?“

„Wie hältst du's mit der Umwelt?“

Die Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts stellen Umweltministerium und Umweltbundesamt alle zwei Jahre den Bundesbürgern. Eine repräsentative Gruppe von 2018 geduldigen Leuten hat auch diesmal wieder die umfangreichen Fragebögen ausgefüllt. Die Ergebnisse sind auf fast 100 Seiten im Internet nachzulesen*.

Die Studie umfasst das ganze Spektrum der Umweltthemen: vom Klimaschutz bis zum „Blauen Engel“, vom Verkehr bis zur Gesundheit. Neu gegenüber früheren Untersuchungen sind Fragen zur Lebensqualität, zum Freizeitverhalten und zur Bereitschaft, sich für die Umwelt zu engagieren.

Wenig Interesse bei den Jungen
Nachdem das Umweltbewusstsein seit 1988 stetig zurückgegangen ist, steigt es nun seit 2002 wieder langsam an. 18 % der Befragten nennen den Umweltschutz unter den wichtigsten Problemen im Lande, nach Arbeitsmarkt und wirtschaftlicher Lage und gleichauf mit sozialer Gerechtigkeit. Dabei erschreckt die Tatsache, dass die 18- bis 24-Jährigen das geringste Interesse an Umweltthemen aufbringen, also gerade diejenigen, um deren Zukunft sich die Älteren besonders sorgen. Das größte Interesse zeigen die 30- bis 39-Jährigen, danach sinkt es etwas ab, bleibt aber auf hohem Niveau.

Die größten Ängste weckt immer noch die Atomtechnologie. 59 % halten sie für äußerst oder sehr gefährlich. An zweiter Stelle folgt der Klimawandel mit 53 %, und 51 % sehen sich und ihre Familien äußerst oder sehr gefährdet durch gentechnisch veränderte Lebensmittel. Das eigentliche Problem der „grünen Gentechnik“, die Auswirkungen auf die Natur, wurde nicht angesprochen. Überhaupt kommt der Naturschutz nur sehr am Rande vor.

Widersprüche
Dass es Widersprüche zwischen Einsichten und eigenem Handeln gibt, überrascht wenig. So klagen viele der Befragten über Verkehrslärm und Abgase und sind dafür, den Autoverkehr einzuschränken. 68 % möchten die Innenstädte für den Autoverkehr weitgehend sperren, aber 69 % erklären, dass sie im Nahverkehr häufig oder sehr häufig das Auto benutzen. Nach Meinungen zu dem umweltschädlichsten Verkehrsmittel Flugzeug wurde leider nicht gefragt.

58 % glauben, dass die Grenzen des Wachstums in den Industrieländern erreicht oder überschritten sind und dass wir auf eine Umweltkatastrophe zusteuern. Dennoch gehört für fast alle das Thema „Wirtschaft ankurbeln“ zu den wichtigsten Aufgaben. Dieser Grundwiderspruch wird nicht thematisiert, obwohl klar ist, dass manche Entlastungen der Umwelt Folge der wirtschaftliche Stagnation sind.

Die Umweltqualität in ihrer näheren Umgebung beurteilen 86 % als sehr gut oder recht gut, obwohl die Tatsachen oft dagegen sprechen. Für 82 % gilt das gleiche auch für ganz Deutschland. Dennoch fordern 63 %, dass die Politik mehr für den Umweltschutz tun soll. Höhere Steuern wollen die meisten jedoch nicht dafür zahlen.

Ganz anders fällt das Urteil über die weltweite Situation aus. 84 % beurteilen sie als eher schlecht oder sehr schlecht. Dennoch wollen 4 % weniger als 2002 den Umweltschutz in den Entwicklungsländern fördern. Dass unsere Klimazukunft von der weltweiten Politik abhängt, hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen.

Rational, irrational, ahnungslos ...

Die Antworten spiegeln neben Wissen und Einsicht einiger Befragter auch irrationale Ängste, Verdrängung oder schlichte Ahnungslosigkeit. Ein Beispiel: Von dem Begriff „Nachhaltigkeit“ hatten nur 22 % schon einmal gehört. Das bedeutet nicht, dass sie wissen, was damit gemeint ist. Deutlich wird, dass die Medien zu wenig und zu oberflächlich berichten. Wer mehr wissen will, muss sich aktiv um die Informationen kümmern.

Aufschlussreich ist, welchen Institutionen die Bürger in Sachen Umwelt vertrauen. Ganz oben stehen Umweltschutzorganisationen und -verbände mit 18 %. Bis auf Bündnis 90/Die Grünen, die auf 10 % kommen, liegen die Parteien, Gewerkschaften und die Industrie abgeschlagen an letzter Stelle mit 1 %, nur CDU/CSU schaffen es auf ganze 4 %.

Das Vertrauen in die Umweltverbände geht einher mit einer verhältnismäßig großen Bereitschaft, sich selbst zu engagieren. 9,6 % geben an, Mitglied in einem Naturschutzverband zu sein. Von den übrigen kann sich ein Drittel vorstellen, ehrenamtlich mitzuarbeiten oder sich an Einzelaktionen zu beteiligen. Hier gibt es also ein großes Potential für die Zukunft. Allerdings sagen 74 % dieser Gruppe, dass sie gegenwärtig zu wenig Zeit haben, und 56 %, dass die internen Strukturen der Verbände sie abschrecken. Grund genug zum Nachdenken!

Das Vertrauen der Menschen verpflichtet die Umweltschützer. Sachliche Aufklärung ist eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Die Fragen und Antworten in der Studie könnten dafür ein Leitfaden sein. Vor allem aber auch das, was nicht gefragt wurde.

Marianne Weno

  • www.umweltstudie2004.de
    Herausgeber: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU). Redaktion: Umweltbundesamt.

Oktober 2004: Rauchzeichen

Oktober 2004: Rauchzeichen

Rauchzeichen

„Die EU-Umweltminister: Rauchen zerstört Wälder und Ackerland.“ Neben den gut gemeinten Gruselsprüchen der Gesundheitsminister könnte auch dieser Satz auf den Zigarettenpackungen stehen. Aber vermutlich wäre er ebenso wirkungslos.

Gemessen an der Weltproduktion spielt der Tabakanbau in Europa nur eine geringe Rolle. Die Pflanze ist anspruchsvoll und anfällig für Krankheiten und Schädlinge und braucht daher viel Dünger und Pestizide. Der Anbau bei uns lohnt sich nur durch die EU-Subventionen und die Abnahmegarantie durch die Weiterverarbeiter. Vier bis sechs Euro zahlen sie für das Kilo, und von der EU kommen Zuschüsse in der gleichen Größenordnung. Damit könnte aber bald Schluss sein. In Brüssel plant man eine neue Tabakmarktordnung. Danach soll ab 2006 nur noch die Hälfte der Subventionen direkt an die Landwirte gezahlt werden. Die andere Hälfte könnte bis 2009 in einen Strukturfonds fließen, der den Tabakbauern das Umsteigen auf andere Anbauprodukte erleichtern soll. Ab 2010 soll es gar kein Geld mehr geben. Das könnte das Ende des europäischen Tabakanbaus bedeuten. Landwirtschaftsministerin Renate Künast begründet das so: Es bestehe ein Widerspruch zwischen der Förderung des Anbaus und dem Kampf gegen das Rauchen. Ein wenig überzeugendes Argument, denn kaum jemand wird mit dem Rauchen aufhören, weil der Tabak – wie schon heute zum größten Teil – aus der Dritten Welt kommt. Und gerade dort entstehen die größten Umweltprobleme.

Blauer Dunst für die Ärmsten
Tabak wird fast überall auf der Welt angebaut. Ganz vorn liegt China, wo auch ein Drittel der Weltproduktion verraucht wird. Wichtige Anbauländer sind Brasilien, Indien, die Türkei und verschiedene afrikanische und asiatische Länder. Die mächtigen multinationalen Tabakkonzerne, die den Weltmarkt beherrschen, versuchen mit allen Mitteln, neue Anbaugebiete und zugleich neue Absatzmärkte zu erschließen. Während der Umsatz in den Industrieländern dank der massiven Anti-Raucher-Kampagnen sinkt, wächst in den Entwicklungsländern die Zahl der Raucher. Auf den Philippinen machten schon in den neunziger Jahren Tabaksteuern die Hälfte der Staatseinnahmen aus. Zugleich nehmen die Gesundheitsprobleme zu. Menschen, denen es am Nötigsten zum Leben fehlt, werden zum Rauchen animiert, immer mehr sterben an den Folgen.

Tabak schafft Wüsten
Um den Anbau auszuweiten, werden meist Kleinbauern überredet, sich auf Tabakanbau umzustellen. Was das für Folgen hat, ahnen sie nicht. Die Konzerne verkaufen den Bauern Saatgut, Dünger und Pestizide im Paket, diktieren die niedrigen Preise und bringen so die Menschen in eine totale Abhängigkeit. Die Weltbank unterstützt diese Form der „Entwicklungshilfe“, die dem alten kolonialen Schema folgt: billige Rohstoffe aus der Dritten Welt für riesige Gewinne in den Industrieländern.

Die Tabakpflanze entzieht dem Boden mehr Nährstoffe als alle anderen Nutzpflanzen. Wenn nicht ständig gedüngt wird, ist er nach zwei Jahren für jeglichen Anbau unbrauchbar. Auch werden bis zu 16mal im Jahr Pestizide gespritzt, darunter einige, die bei uns längst verboten sind, wie Aldrin, Lindan und DDT. Tabakanbau ist Handarbeit, und so sind die Feldarbeiter, darunter viele Frauen und Kinder, schweren Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Nach zwei Jahren müssen die Bauern ihre ausgelaugten und vergifteten Äcker aufgeben. Dann roden sie Wald, um neue Anbauflächen zu gewinnen.

Bäume rauchen

Das Schlimmste ist jedoch, dass der Tabak nach der Ernte getrocknet werden muss. Bei uns geschieht das mit Öl- oder Gasfeuerung. In den tropischen Ländern hängt man die Blätter an Leinen auf, unter denen eine Woche lang die Holzfeuer brennen. Weltweit werden pro Jahr für die Zigarettenproduktion 82,5 Millionen Kubikmeter Holz verbrannt, fünfzig Mal so viele wie Deutschland an Tropenholz importiert. 1,2 Millionen Hektar Wald, so viel wie die Fläche Indiens, fallen jährlich diesem Verfahren zum Opfer. Riesige Landstriche werden so verwüstet. „In ganz Andhra Pradesh kann man kaum einen Baum sehen, der mehr als eineinhalb Meter hoch ist“, schrieb schon vor Jahren die „Times of India“. Und John Waluye, Journalist aus Tansania, beschreibt in dem Buch „Rauchopfer“* eindringlich die Zerstörungen, die die Tabakkonzerne in seinem Land anrichten. „Es macht mich traurig zu sehen, wie das Land voller Wälder sich in eine Wüste verwandelt.“ Die Konzerne, vor allem BAT, loben sich selbst, weil sie angeblich wieder aufforsten. Aber wenn überhaupt, dann werden schnellwachsende Eukalyptusbäume gepflanzt, die sehr viel Wasser verdunsten, den Grundwasserspiegel sinken lassen und die ökologische Lage nur noch verschlimmern.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat errechnet, dass für 300 Zigaretten ein Baum verfeuert wird. Ein mäßiger Raucher „verbraucht“ also pro Monat einen Tropenbaum.

Marianne Weno

  • *Helmut Geist, Peter Heller, John Waluye: RAUCHOPFER. Die tödlichen Strategien der Tabakmultis. Verlag Horlemann.
  • Natur und Kosmos, Heft 8/2003

September 2004: 361.000.000.000 $

September 2004: 361.000.000.000 $

361.000.000.000 $

361 Milliarden US-Dollar jährlich, fast eine Milliarde pro Tag, geben die EU, die USA und Japan aus, um ihre Landwirtschaft zu unterstützen. „Dass sie gleichzeitig den Freihandel predigen, gilt zu Recht als hohe Schule der Heuchelei“, so bringt es Fritz Vorholz in der ZEIT auf den Punkt.

Spätestens seit der Konferenz von Rio 1992 ist klar, dass die Industrieländer durch ihre Landwirtschaftspolitik zur fortschreitenden Verarmung der Entwicklungsländer beitragen, in denen die Existenz der meisten Menschen von der Landwirtschaft abhängt. Dennoch – eine ganze Reihe internationaler Konferenzen hat an der Situation nichts Entscheidendes geändert, weil die nationalen Egoismen nicht mit den schönen Absichtserklärungen in Einklang zu bringen sind. Was geschehen müsste, ist klar: Die Agrarsubventionen der reichen Länder müssten abgebaut und vor allem die Exportbeihilfen gestrichen werden, damit die Produkte der südlichen Länder konkurrenzfähig werden. Auch müssten Zölle abgebaut werden, um allen Produzenten Zugang zu den Märkten zu eröffnen.

Subventionen für Umweltzerstörung
Das System der Agrarsubventionen belastet auch die Umwelt im Norden wie im Süden. Die Organisationen Germanwatch und Euronatur weisen darauf hin, dass die Beihilfen in der EU eher naturzerstörende Wirtschaftsformen fördern. Als Beispiel nennen sie die Viehhaltung. Weil Getreideanbau subventioniert wird, das ökologisch wertvollere Grünland aber nicht, werden die Tiere in Ställen mit Mais gefüttert, statt sie auf die Weide zu treiben. In Deutschland wurden innerhalb von zwanzig Jahren bis 1992 zwölf Prozent des Grünlandes in Ackerflächen umgewandelt.

In den Entwicklungsländern führt die handelsverzerrende Politik dazu, dass vor allem Kleinbauern aufgeben müssen, weil sie mit den Preisen der importierten Lebensmittel nicht konkurrieren können. Sie ziehen in die Städte, wo sie die Slums vergrößern, oder in die Waldgebiete, die sie abholzen, um notdürftig für den eigenen Bedarf zu produzieren. Oft wird ihr eigenes Land von internationalen Konzernen aufgekauft, die dann in Monokulturen Exportprodukte wie Ananas auf den Philippinen oder Blumen in Kenia produzieren. Dafür werden diese Länder immer abhängiger von importierten Lebensmitteln, die sich die verarmte Landbevölkerung meist nicht leisten kann.

Konferenzen und kein Ende
1994 wurde die Welthandelsorganisation (WTO) als Nachfolgerin von GATT gegründet. Seitdem wurde auf einer Reihe von Konferenzen ergebnislos über diese Themen debattiert. Das Treffen im mexikanischen Cancœn vor einem Jahr scheiterte, weil sich die Entwicklungsländer erneut benachteiligt sahen. Die diesjährige WTO-Konferenz in Genf endete am 1. August mit einem mühsam zusammengezimmerten Rahmenabkommen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Verhältnisse schnell verbessern. Zwar sollen die Exportsubventionen abgeschafft werden, die als die schlimmsten Zerstörer landwirtschaftlicher Strukturen im Süden gelten, aber Zeitpläne und Umfang der Veränderungen sollen erst in der nächsten Doha-Runde festgelegt werden. Diese „Entwicklungsrunde“, die 2001 in Doha, der Hauptstadt von Katar, zum ersten Mal stattfand, könnte, wenn alles gut geht, Anfang 2007 abgeschlossen werden. Das heißt, es kann noch Jahre dauern und viele bäuerliche Existenzen kosten, bis sich hier etwas ändert. Die Vorschläge zur Marktöffnung durch Abbau von Zöllen lassen noch viel Streit erwarten. Ähnliches gilt für die internen Beihilfen, die die reichen Länder ihren Landwirten zahlen. In Genf wurde beschlossen, sie massiv zu beschneiden, aber wer den Einfluss der Interessenverbände kennt, muss bezweifeln, dass es in absehbarer Zeit dazu kommt. Während der brasilianische Außenminister Celso Amorim meint, das Abkommen bedeute „das Ende der Agrar-Subventionen“, sagt Bundeswirtschaftsminister Clement, das Paket sei „eine gute Grundlage für weitere Verhandlungen und ein wichtiges Signal für Wachstum und Beschäftigung“. Bei uns, wohlgemerkt ...

Marianne Weno

  • Germanwatch und Euronatur: Die WTO Agrarverhandlungen und Naturschutz: für eine nachhaltige, naturverträgliche ländliche Entwicklung
  • Fritz Vorholz: Der Agrar-Fluch über dem Welthandel. Die Zeit, 32/2004
  • WTO: Doha Work Programme –Decision Adopted by the General Council on 1 August 2004.

August 2004: Muss Ordnung sein?

August 2004: Muss Ordnung sein?

Muss Ordnung sein?

Die Berliner sind ordentliche Leute. Doch, doch. Zwar ist kaum eine andere Stadt so vermüllt wie die unsere. Aber Natur muss aufgeräumt sein, da kennen die Bürger keinen Spaß. Förster und Grünflächenämter können ein Lied davon singen, wie oft sich die Leute über Totholz und liegen gelassenes Laub in Wald und Park und über „Unkräuter“ am Straßenrand beschweren.

Englischer Rasen statt Wildwuchs
Einige Beispiele unter vielen: In unserer Straße findet sich – wie vielerorts in der Stadt – zwischen Gehweg und Fahrbahn ein schmaler Grünstreifen. Diese Streifen werden nur noch ein- oder zweimal im Jahr gemäht. Die Folge – neben dem Spareffekt: Dort siedelt sich eine Vielfalt von Wildkräutern an. Auf einem Quadratmeter können es zwölf bis fünfzehn Arten sein, an anderen Stellen vielleicht noch mehr. Entsprechend groß ist die Zahl der Insekten und Spinnentiere. Im Frühjahr blühten dort die ersten Veilchen. Das alles ist einigen Anwohnern jedoch viel zu unordentlich, und so gehen immer mehr Leute daran, die Streifen umzugraben, zu planieren, zu düngen und Rasen auszusäen, den sie dann später mit dröhnendem Motormäher „englisch" kurz halten. Manchmal kann man sie beobachten, wie sie missmutig die ersten Unkräuter in ihrem „Chlorophyll-Asphalt“ betrachten und hier und da einen unbotmäßigen Löwenzahn ausstechen. Keine Biene, kein Schmetterling und kein Käfer verirrt sich mehr in das sterile Grün.

Bäume verstümmeln
Zweites Beispiel: Einige Straßenbäume, vor allem Linden, aber auch Robinien, treiben am Boden aus und bilden dicht belaubte Büsche um den Stamm. In der Natur geschieht nichts Sinnloses, und so haben auch diese Triebe ihre Funktion. Stadtbäume werden durch Luftverschmutzung, verdichtete Böden und Wassermangel stark belastet. Die Kronen der älteren Bäume sind oft so gelichtet, dass die Blätter nicht genug assimilieren, d.h. Kohlendioxid speichern können. Die Nebentriebe übernehmen einen Teil dieser Aufgabe. Sie sind also eine Art Lebensversicherung für die Bäume und sie nützen dem Klima. Außerdem schützen sie den Stamm vor Hundeurin und Beschädigungen. Was aber meinen die „ordnungsliebenden“ Anwohner? Die Bäume sähen unordentlich aus. Sie rufen bei den zuständigen Ämtern an oder greifen selbst zur Heckenschere.

BSR: Weg mit dem Grünzeug
Das dritte und ärgerlichste Beispiel liefert die Berliner Stadtreinigung. Um die kümmerlichen Gräser und Kräuter zu beseitigen, die manchmal in den Ritzen des Gehwegpflasters überleben, hat sie 23 „Rotofix"-Geräte angeschafft und 127 Mitarbeiter daran ausgebildet. Mithilfe dieser Maschinen soll das Totalherbizid Roundup Ultra der Firma Monsanto verteilt werden und dem störenden Grünzeug den Garaus machen. Warum? Es könnte ja jemand über ein Grasbüschel stolpern. Oder sich wieder einmal über die Unordnung beklagen. Nun verbietet das Berliner Naturschutzgesetz Herbizide außerhalb von landwirtschaftlichen Betrieben und Gärtnereien – aus gutem Grund, weil sie das Grundwasser extrem belasten. Aber die BSR hat die Genehmigung bekommen, mit dem Argument, das Mittel werde als Schaum nur auf die Pflanzen, nicht auf den Boden aufgetragen, könne nicht ins Grundwasser gelangen und schädige weder Menschen noch Tiere. Aber selbst wenn das alles zuträfe und das Mittel immer ganz sachgemäß verwendet würde, muss man sich doch fragen, warum das letzte Kräutlein auf unseren Wegen abgetötet werden muss und die selbsternannten „Ordnungshüter“ in ihrem Kampf gegen „unerwünschtes“ Grün bestärkt werden. Im vorigen Herbst waren wir aufgerufen, das Kastanienlaub einzusammeln, um die Miniermotte zu bekämpfen. Die arme, überlastete BSR wäre damit überfordert gewesen. Wie man sieht, hatte sie ja Wichtigeres zu tun. Aber auch die eifrigen Straßenverschönerer ließen sich bei der Aktion kaum blicken.

Marianne Weno

Juli 2004: Beton rein – Natur raus

Juli 2004: Beton rein – Natur raus

Beton rein – Natur raus

Berlin verkauft sich immer noch als „grüne Metropole“. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Natur in der Stadt ständig auf dem Rückzug ist. Vereinigung und Hauptstadtrolle haben dafür gesorgt, dass immer mehr Flächen versiegelt und zugebaut werden. Zwar gibt es noch die Wälder, auch wenn die Hemmungen schwinden, sie stückweise der Event-Kultur auszuliefern, wie das glücklich gescheiterte Projekt Teufelsberg oder die Misshandlung des Tiergartens durch die Love-Parade zeigt. Aber die kleineren Oasen in der Innenstadt, die letzten Brachflächen, naturnahen Uferstreifen und kleinen Stadtteilparks, die noch eine gewisse Artenvielfalt beherbergen, für bessere Luft sorgen und den Stadtkindern eine Ahnung von Natur vermitteln können, werden zusehends weniger. Beigetragen hat dazu auch die neue Baumschutzverordnung. Seitdem ein großer Teil der Bäume nicht mehr geschützt ist, hört man überall das Jaulen der Kettensägen, auch im Arbeitsbereich der Grünflächenämter, obwohl das Berliner Naturschutzgesetz das Fällen in der Brutzeit grundsätzlich verbietet. Schwerwiegende Beispiele: der Kahlschlag in der Bernauer Straße und die Fällungen in der Bruno-Taut-Siedlung aus „ästhetischen Gründen“.

Weg mit dem Wildwuchs
Seit die zuständige Senatsverwaltung in erster Linie für „Stadtentwicklung“ steht und Umweltschutz unter „ferner liefen“ rangiert, scheint im Senat wie in den Bezirken die Einstellung zu herrschen: Biotope in der Großstadt sind überflüssig. Naturfreunde können ins Umland fahren. Wenn schon Grünflächen dann müssen sie repräsentativ sein, aufgeräumt und schön möbliert mit Bänken, befestigten Wegen und Brücken, Teichen aus Beton und allerlei Freizeit-Schnickschnack. Allerdings fehlt für all diese hübschen Dinge das Geld. Aber da gibt es doch noch den gut gefüllten Topf mit Geldern, die für Ersatzmaßnahmen bestimmt sind ...

Pech nur: Das Gesetz sagt, dass diese Mittel ausschließlich dafür bestimmt sind, Eingriffe in Natur und Landschaft auszugleichen oder zu kompensieren. Das heißt: Wird an einer Stelle Boden versiegelt, muss an anderer Stelle entsiegelt werden. Wird eine Trockenrasenfläche bebaut, dann lässt sich das nur dadurch ausgleichen, dass anderswo Trockenrasen angelegt wird. Wenn das nicht möglich ist, kann als Ersatz auch ein gleichwertiges Biotop geschaffen werden. In jedem Fall ist die Ersatzfläche ökologisch aufzuwerten. Würde das Prinzip streng durchgehalten, dann bliebe der Anteil an Natur in der Stadt unverändert.

„Intensiv-Grünflächen“ und „Aktiv-Parks“
Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Grünanlagen inklusive Wege, Brücken, Bänke, Skulpturen und Spielplätze werden fast nur noch mit Mitteln für Ersatzmaßnahmen bezahlt. Von rund 150 Millionen Euro, die seit 1995 aus diesen Töpfen geflossen oder verplant sind, wurde ein großer Teil für naturfremde oder sogar naturzerstörende Projekte investiert. Ökologisch aufgewertet wird kaum eine Fläche, oft geschieht genau das Gegenteil. So wurde für den Bau der Stadtautobahn BAB 100 am Sachsendamm der Baluschek-Park angelegt, mit einem 4 Meter breiten Radweg, versiegelten Plattformen und einer Fußgängerbrücke. Als Ersatz für den Ausbau der Bahn wurden repräsentative Promenaden am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal mit Wegen, Steineinfassungen und Skulpturen gebaut. Auf dem Magerrasenbiotop des Flugplatzes Johannisthal entstanden für 9 Millionen Euro Ausgleichsmittel „Intensiv-Grünflächen“ für die Erholungsnutzung mit Skaterbahnen, Steinbecken und Betonwegen.

Aus der Senatsverwaltung heißt es dazu, der Erholungswert für die Bürger stehe im Vordergrund und keines der schönen Projekte sei rechtswidrig. Das sehen die Umweltverbände anders. Die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN), der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund (NABU) haben dazu ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Der Gutachter kommt zu dem Ergebnis, die ständige Zweckentfremdung der Gelder sei nicht mit dem Berliner Naturschutzgesetz und erst recht nicht mit dem novellierten Bundesnaturschutzgesetz von 2002 vereinbar. Die etwas schwammigeren Formulierungen des Berliner Gesetzes sind inzwischen außer Kraft. Sie müssen an das Bundesrecht angepasst werden. Aber schon bisher wurden sie nach Auffassung des Gutachters vom Senat falsch interpretiert – zulasten des Naturschutzes.

Sollten weitere Gespräche mit der Senatsverwaltung ergebnislos bleiben, dann erwägen die Verbände eine Klage.

Wer einmal miterlebt hat, wie der letzte Schmetterling aus seiner Nachbarschaft verschwunden ist, weil eine leicht verwilderte Brachfläche der Trostlosigkeit eines „Aktiv-Parks“ weichen mußte, kann einen solchen Schritt nur begrüßen.

Marianne Weno

  • Berliner Naturschutzgesetz (NatSchGBln)
  • Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG)
  • „Der schnelle Griff in die Ökokasse“, Hintergrundinfo des BUND Berlin

Juni 2004: Fair beim Frühstück

Juni 2004: Fair beim Frühstück

Fair beim Frühstück

Wenn am Morgen der Kaffeeduft durch die Wohnung zieht, haben wir dann einen freundlichen Gedanken übrig für all die Frauen und Männer, die in tropischer Hitze all die kleinen Kaffeekirschen gepflückt haben? Die meist für einen Hungerlohn und oft unter gesundheitsschädlichen Bedingungen arbeiten? Wohl kaum. Wer weiß schon, woher der Muntermacher kommt, wie er wächst, verarbeitet und gehandelt wird?

Kaffee ist nach Erdöl das zweitwichtigste Welthandelsprodukt. In 76 Ländern um den Äquator arbeiten rund 100 Millionen Menschen in seiner Produktion und Verarbeitung. 160 Liter trinken wir durchschnittlich pro Kopf und Jahr in Deutschland. Und Kaffee war noch nie so billig wie jetzt. Das liegt daran, dass immer mehr produziert wird. Ursprünglich waren es hauptsächlich selbstständige Kleinbauern, die Kaffeesträucher pflanzten und von den Erträgen einigermaßen leben konnten. Sie arbeiteten traditionell und relativ umweltschonend, mit natürlicher Schädlingsbekämpfung, Schattenbäumen und nutzbaren Unterpflanzungen. Der Preisverfall hat viele von Ihnen zum Aufgeben gezwungen. Ihr Land wurde meist von Großproduzenten aufgekauft, die den Kaffee auf großen Plantagen in Monokulturen mit entsprechendem Pestizideinsatz anbauen.

Aus für die Kleinbauern
Immer mehr Kleinbauern werden so verdrängt. Die Menschenrechtsorganisation FIAN beschreibt einen Fall in Uganda, an dem die deutsche Neumann Kaffee Gruppe beteiligt ist. Dort wurden über 2000 Menschen gewaltsam von ihrem Land vertrieben, größtenteils ohne Entschädigung, damit die Firma Kaweri, eine Tochter des deutschen Unternehmens, dort eine Kaffeeplantage errichten konnte.

Eine ähnliche Entwicklung, wie sie bei fast allen landwirtschaftlichen Produkten der Dritten Welt zu beobachten ist: bei Blumen, Kakao, Bananen und Ananas. Menschenrechts- und Umweltprobleme sind fast immer zwei Seiten einer Medaille. Multinationale Firmen kaufen Land auf, errichten riesige Monokulturen, vertreiben einheimische Bauern, die dann als Tagelöhner oder Saisonarbeiter bei ihnen arbeiten dürfen, und verseuchen Böden und Gewässer mit Pestiziden und Herbiziden.

Schon seit den siebziger Jahren gibt es den fairen Handel. Er hat sich im Laufe der Zeit einen festen, wenn auch immer noch zu kleinen Marktanteil erobert. Produkte mit dem TransFair-Siegel werden bei Kleinbauern-Kooperativen gekauft und garantieren den Produzenten einen Preis, der zwei- bis dreifach über dem Weltmarkt-Niveau liegt und von dem sie leben können. Ein Teil des Erlöses fließt den Bauern direkt zu, über den Rest bestimmen sie gemeinsam, bauen Gemeinschaftseinrichtungen, fördern Frauenprojekte und vieles andere. Für die beteiligten Bauern haben sich die Lebensverhältnisse erheblich verbessert.

Verbraucher sind gefragt
Seit 2003 versucht die Verbraucher Initiative gemeinsam mit dem Transfair Verein und dem Weltladen-Dachverband durch die Kampagne „fair feels good" Verbraucher für den fairen Handel zu gewinnen. Neben Kaffee gibt es auch Tee, Bananen, Schokolade und viele andere Produkte mit dem TransFair-Siegel. Man findet sie inzwischen nicht nur in den Weltläden, sondern – vor allem den Kaffee – auch in vielen Supermärkten.

Das TransFair-Siegel sagt noch nichts über die Öko-Qualitäten aus. Aber unter den beteiligten Kooperativen gibt zunehmend solche, die auf ökologischen Anbau setzen und auf Kunstdünger und Pestizide verzichten. Inzwischen tragen viele Packungen neben dem TransFair- auch ein Biosiegel.

Am 8. Mai trafen sich die Berliner Teilnehmer am Freiwilligen Ökologischen Jahr zu ihrem diesjährigen Aktionstag. Sie schwärmten aus, um Gastronomen, die TransFair-Produkte anbieten, mit einer Plakette auszuzeichnen, die außen an den Lokalen angebracht wurde.

Und wir? Für uns ist der TransFair-Kaffee natürlich teurer, besonders verglichen mit den vielen Lockangeboten des Handels. Aber pro Tasse macht der Mehrpreis nur ungefähr 1,7 Cent aus – sehr wenig, wenn man den großen Nutzen bedenkt – und die hervorragende Qualität. Wenn schon nicht beim Frühstück – beim Kaffeekauf sollten wir daran denken: „fair feels good“.

Marianne Weno

  • Informationen durch: TransFair e.V., Remigiusstraße 21, 50937 Köln, Tel. 0221-94 20 40 0. www.transfair.org
  • Kampagne „fair feels good“ über Verbraucher Initiative e.V., Georg Abel, Elsenstraße 106, 12435 Berlin

Mai 2004: Sammelmeister und Papiertiger

Mai 2004: Sammelmeister und Papiertiger

Sammelmeister und Papiertiger

Es ist noch nicht so lange her, da haben wir unsere Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke in leicht bräunlich buntes Papier verpackt, dem man die Herkunft aus Altpapier und das vorbildliche Umweltbewusstsein des Schenkenden ansah. Wir haben unsere Nasen tapfer mit grauen Papiertüchern geputzt, die manchmal Juckreiz verursachten. Und wir kauften einen Computer mit Hinweis darauf, dass nun das papierlose Büro Einzug halten und damit den Wald retten würde. Das alles spielte sich ab, als das Waldsterben noch im Gespräch war.

Und heute? Dem Wald geht es weltweit kaum besser, aber wir reden nicht mehr darüber. Recycling Geschenkpapier findet man höchstens noch in den seltenen Spezialgeschäften, die grauen Taschentücher sind fast weiß und hautfreundlich, aber man muss lange nach ihnen suchen, Kopierer und Drucker könnten klaglos 100 Prozent Altpapier verarbeiten – wenn wir sie ließen.

Aus der Mode?
Beim Sammeln von Altpapier sind wir (fast) Weltmeister, nur die Schweizer sind noch besser. Anderswo spottet man über den teutonischen Sammeleifer. Durchschnittlich wirft jeder und jede von uns jährlich 139 Kilogramm in die Container. Allerdings nicht sehr sorgfältig. Beim Dualen System hat man aufgelistet, was alles in den Tonnen landet: unter anderem Kleiderbügel, Toaster und tote Hunde. Weniger kurios, aber auch störend, werden Tesafilm, Post-it-Klebezettel und Verbundmaterialien mit gesammelt.

Aber beim Verbrauch des recycelten Produkts sind wir Papiertiger. Während wir pro Kopf und Jahr 220 Kilogramm Papier verbrauchen, bei weiter steigender Tendenz, ist der Absatz von Recyclingpapier um 10 Prozent geschrumpft. Woran das liegt? Zum Teil wohl daran, dass das Interesse an Umweltfragen abnimmt. Den Wald gibt es schließlich immer noch, und es hat sich wohl auch herumgesprochen, dass hierzulande keine Bäume für die Papierherstellung gefällt werden. Dass dafür in Russland, Kanada, Indonesien, Skandinavien und anderswo riesige Wälder verschwinden und in den Papierfabriken enden und dass mit der Papierherstellung aus Holz gewaltige Umweltbelastungen verbunden sind, beeindruckt die Verbraucher offenbar weniger. Auch hat es Kampagnen gegeben unter dem Motto: „Wir sammeln den Wald zu Tode“. Waldbesitzer behaupteten, es würde kein Durchforstungsholz mehr verarbeitet, deshalb könnten die Wälder nicht richtig gepflegt werden. Das stimmt schon deshalb nicht, weil hiesige Papierfabriken fast ausschließlich importierten Zellstoff verwenden. Und Müllentsorger beklagten, der Anteil von Papier in den Müllverbrennungsanlagen sei zu gering, um für die nötigen Temperaturen zu sorgen. Auch wurde immer wieder behauptet, Drucker und Faxgeräte würden durch Recyclingpapier beschädigt, was allenfalls in der Anfangsphase passieren konnte.

Jeder fünfte Baum wird zu Papier
1970 wurden weltweit 110 Millionen Tonnen Papier verbraucht, 2000, dreißig Jahre später, waren es schon 310 Millionen. Weil die Papierflut nicht zu stoppen ist und in kaum vorstellbarem Ausmaß Naturressourcen vernichtet, ist Papierrecycling wichtiger denn je. Viel mehr Bäume werden gerodet als nachwachsen, zum großen Teil in unersetzlichen Urwäldern, und jeder fünfte gefällte Baum wird zu Papier verarbeitet. Das Schwinden der Wälder heizt auch den Klimawandel an. Um Zellstoff für hochwertiges Papier zu gewinnen, werden Holzschnitzel mit Schwefelsalzen gekocht. Die Chemikalien gelangen in Flüsse und Meere. Zum Bleichen nimmt man Chlorverbindungen, die Krebs und Erbgutschäden verursachen. Fische aus der Ostsee sind mit Dioxinen belastet. Auch „chlorfrei gebleicht“ ist keine sichere Alternative. Eine Ökobilanz für graphische Papiere im Auftrag des Umweltbundesamtes hat klar gezeigt, dass Recyclingpapier auf allen Stufen der Herstellung wesentlich umweltverträglicher ist als Papier aus Frischfasern.

Initiative2000plus
Umwelt und Verbraucherverbände in NRW unter der Schirmherrschaft des Umweltbundesamtes und der Umweltministerin Bärbel Höhn haben schon 2000 eine Kampagne begonnen unter dem Motto: „Initiative 2000 – Schulmaterialien aus Recyclingpapieren“. Mit vielfältigen Aktionen versuchen sie, Einzelhändler und Schulen dafür zu gewinnen. Vor allem soll gerade bei den „nachwachsenden“ Verbrauchern der Sinn für die Probleme geweckt werden, die mit dem Papierverbrauch verbunden sind.

In Berlin läuft eine ähnliche Kampagne, an der sich neben Umweltverbänden und der Stiftung Naturschutz auch die BSR beteiligt. Am 30. April fand im Ökowerk eine Tagung zu dem Thema statt. Die BUND Jugend hat eine Broschüre herausgegeben, mit Tipps für Schüler, die den Verkauf von Recyclingpapier an Schulen organisieren wollen.

Das alles soll Erwachsene nicht daran hindern, über ihren eigenen Papierverbrauch und die Folgen nachzudenken. Sammeln ist gut, Recyclingpapier auch nutzen ist besser – und Papier sparen am besten.

Marianne Weno

  • „Umweitfreundliche Schulmaterialien“, Grünstift spezial, Stiftung Naturschutz
  • „Paper news“ 1999 bis 2002, ein Magazin von Stern, Der Spiegel, Hörzu, TV Höfen und sehen, Für Sie, Focus, Die Zeit, Nachrichten und Meinungen zum Thema Papier.
  • „Umweitschutzpapier an Schulen“, eine Broschüre der BUND-Jugend

April 2004: Schilda in Brandenburg

April 2004: Schilda in Brandenburg

Schilda in Brandenburg

Die Bürger von Schilda bauten ein Rathaus ohne Fenster und versuchten dann, das Licht in Säcken hineinzutragen. Die Schildbürger von heute wollen eine Schleuse bauen, für Schiffe, die fast so real sind wie das Licht in den Säcken. Dass dafür ein wertvoller alter Buchen- und Eichenbestand vernichtet werden soll, stört dabei wenig. Schilda eben.

Das ganze Drama spielt in Kleinmachnow am Teltowkanal. Mit dem überdimensionierten und naturzerstörenden „Projekt 17 Deutsche Einheit“, dem Ausbau der Wasserstraße Hannover-Magdeburg-Berlin, sollte auch der Teltowkanal mit der denkmalgeschützten Kleinmachnower Schleuse für Großmotorgüterschiffe und Schubverbände von 185 m Länge ausgebaut werden. Das ganze Projekt hatte bald nach der Wende der damalige Verkehrsminister Krause in die Welt gesetzt, und trotz vieler Proteste, niederschmetternder Verkehrsprognosen und leerer Kassen haben all seine Nachfolger daran festgehalten.
Welche Schäden an der Natur dadurch entstehen, lässt sich in Kleinmachnow exemplarisch beobachten.

Schöne Aussicht: Bauwerke betrachten
Die „Südtrasse“ über den Teltowkanal sollte den Osthafen an das Wasserstraßennetz anbinden. In südöstlicher Richtung sollten die großen Schiffe bis Königs Wusterhausen und über den Oder-Spree-Kanal nach Eisenhüttenstadt fahren. Damit die 185 m langen Schubverbände unentkoppelt durch die Schleuse gelangen, sollte eine Schleusenkammer von 190 m Länge gebaut werden. Dazu war eine Wartestelle am Nordufer geplant, für die ein 43 m breiter Streifen das Landschaftsschutzgebietes abgebaggert und weitere 32 m für eine Böschung gerodet werden sollten. Der Wald am Ufer nahe der Hakeburg mit seinen alten Bäumen gehört zu den reizvollsten und ökologisch wichtigsten Grünzügen der Region. Die Wasserbau- und Schifffahrtsdirektion Ost schätzt die Veränderungen in schöner Bürokratenlyrik so ein: „Die technischen Komponenten der Anlage werden gegenüber dem heutigen naturnahen Zustand deutlich in den Vordergrund treten. Aspekte des 'Naturerlebens' werden notwendigerweise hinter der Betrachtung der technischen Bauwerke zurücktreten müssen ...“

Beschluss ist Beschluss
Für den Schleusenausbau und die damit verbundenen Rodungen gibt es einen Planfeststellungsbeschluß vom Februar 2002. An ihm halten die Wasserbauer fest, obwohl sich inzwischen alle Rahmenbedingungen geändert haben und das ganze teure Projekt überflüssig ist.

Der Anteil der Binnenschifffahrt am Gütertransport ist zurückgegangen und wird allen Prognosen nach weiter schrumpfen. Ursprünglich hieß es, 2015 würden 10 Millionen Tonnen Güter durch die Schleuse transportiert werden. Inzwischen ist man bei 1,5 Millionen Tonnen angekommen. Hält man heute am Kanalufer Ausschau nach den Schiffen, die sich dort bald dicht an dicht vor der Schleuse drängen sollen, dann kann man ziemlich lange warten und über den tieferen Sinn des Vorhabens nachdenken.

Im Februar 2001 hatte der Berliner Senat beschlossen, den Osthafen zu schließen und erklärt: „Der Senat sieht deshalb keine Notwendigkeit zum Ausbau des Teltowkanals für Großmotorgüterschiffe ...“ Im November desselben Jahres beschließt der Haushaltsausschuss des Bundestages: „Auf einen über die Wasserstraßenklasse IV hinausgehenden Ausbau (der Südtrasse) wird verzichtet.“ Die Klasse IV ist heute schon erreicht. Im Bundesverkehrswegeplan 2003 ist der Ausbau der Südtrasse in Richtung Osten nicht mehr enthalten.

Es bleibt das Argument, auch Schubverbände bis 145 m Länge müssten unentkoppelt durchgeschleust werden können. Aber – Schilda lässt grüßen – auf dem Weg nach Eisenhüttenstadt befindet sich die Schleuse Wernsdorf. Sie wird ausgebaut – auf 115 Meter!

Bürger protestieren
Im Oktober 2003 kündigte das Wasserstraßen-Neubauamt an, die Rodung auf dem Nordufer werde im Dezember beginnen. Das haben die Kleinmachnower und befreundete Naturschützer erst einmal verhindert. Mehr als fünfhundert empörte Bürger demonstrierten an der Schleuse, schrieben Briefe an Politiker und erreichten, dass das Umweltministerium das Zerstörungswerk erst einmal stoppte. Die Gemeindevertreter forderten, den Planstellungsbeschluss zu überprüfen und nur noch eine Schleusenkammer von 115 m zu planen.

Marianne Weno

  • Quelle: Dokumentation der Bürgerinitiative „pro Kanallandschaft Kleinmachnower Schleuse“ vom Januar 2004.
  • Kontakt: Dipl.-Ing. Gerhard Hallmann, Am Mooskissen 11, 14532 Kleinmachnow, Tel. 033203 21531.

März 2004: Im Trüben fischen

März 2004: Im Trüben fischen

Im Trüben fischen

In der Fischhandlung sieht es aus wie immer: Kabeljau, Rotbarsch und Seelachs neben exotischen Fischen und Schalentieren. Alles nicht gerade billig, aber noch erschwinglich. Hier wird ein Überfluss vorgetäuscht, den es so längst nicht mehr gibt.

Ernährungswissenschaftler raten uns dazu, regelmäßig Fisch zu essen. Lebensnotwendig ist das nicht. Der Seefisch könnte zum Luxusgericht an Feiertagen werden. Aber für große Teile der Weltbevölkerung, die sich kaum Fleisch leisten können, sind die Meeresbewohner die Haupt-Eiweißquelle. Sollte sie versiegen, dann würden noch viel mehr Menschen an Unter- und Fehlernährung leiden.

Schon lange wissen wir, dass weltweit die Fischbestände zurückgehen. Von Kriegsende bis 1995 wurden die Erträge der Fangflotten von 18 Millionen auf 84 Millionen Tonnen gesteigert. Der Preis dafür: Zahlreiche Fanggründe wurden aufgegeben, weil sie erschöpft waren, und die Trawler weichen in immer weiter entfernte Gebiete aus. Auch werden heute Fischarten vermarktet, die man früher kaum beachtet hatte.

Schwimmende Fischfabriken ruinieren die Meere
Es gibt verschiedene Gründe für den Rückgang der Fischfauna, aber Hauptursache ist die Überfischung durch immer größere Fangschiffe mit immer raffinierterer Technik. Sie orten mit Echolot und Satellitentechnik die Fischschwärme. Riesige, engmaschige Treib- und Schleppnetze und andere effektive Geräte kämmen unterschiedslos alles Lebendige aus den Fanggebieten heraus, darunter Delphine, Seevögel und Meeresschildkröten. Überlange Treibnetze sind seit 1993 weltweit verboten, werden aber insgeheim weiter benutzt. An die 40.000 Supertrawler ziehen die Hälfte bis zu einem Drittel der gesamten Fänge an Land. Was Menschen nicht essen, wird zu Fischmehl verarbeitet und an Schweine oder Zuchtfische und Zuchtgarnelen verfüttert. Die kleinen Fischerboote in Küstennähe sind keine Gefahr für die Bestände, sondern Verlierer im Kampf um die Ressourcen.

Die Nordsee ist von Natur aus ein überdurchschnittlich produktives Meer. Der Grund: Ein relativ großer Anteil ihrer Fläche besteht aus küstennahen Schilfgebieten, in denen sich die Fischbruten entwickeln und die Fische reichlich Nahrung finden. Ähnliches gilt für die Ostsee, die früher ein sehr fischreiches Gewässer war. Aber beide Meere sind gerade auch durch ihre lange Küstenlinie und die zahlreichen Flussmündungen besonders stark verschmutzt und überdüngt. In der Ostsee gibt es in großen Bereichen keinen Sauerstoff mehr.

Die „Umweltweisen“
warnen
Jetzt hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen ein Sondergutachten „Meeresumweltschutz für Nord- und Ostsee“" veröffentlicht. Es beginnt mit der Überschrift: „Keine Entwarnung für Nord- und Ostsee“. Das Gutachten betont, dass es Entlastungen gegeben hat, vor allem bei der Abwasserreinigung und beim Immissionsschutz, aber die Überfischung ist ebenso weitergegangen wie die Überdüngung durch die Landwirtschaft, und die Belastungen durch Schiffsverkehr, Tourismus, Aquakulturen und die geplanten Off-Shore-Windanlagen nehmen weiter zu.

Die Gutachter beschreiben in nüchterner Wissenschaftssprache erschreckende Zustände. Sie fordern eine „gesamtheitliche Schutzgebietskonzeption“, entwickeln Strategien für eine wirksamere Meeresumweltpolitik und betonen, dass die Gesetze und Richtlinien der nationalen und europäischen Institutionen besser koordiniert und vor allem entschiedener durchgesetzt werden müssen.

Auf dem Weg zum „toten Meer“

Der größte Schaden entsteht nach ihrer Ansicht durch die intensive Fischerei. Sie hat dazu geführt, dass wichtige Fischarten, wie der Kabeljau, so weit zurückgegangen sind, dass sie sich möglicherweise nicht mehr erholen können. Bedrohlich ist auch der „Beifang“: Fische und andere Meerestiere, die nicht genutzt werden können, in den Netzen verenden und über Bord geworfen werden. Bodennetze zerstören großflächig am Boden bestehende (benthische) Lebensgemeinschaften. Durch die wahllose Vernichtung der Artenvielfalt wird auch die Nahrungskette vom Plankton bis zur Robbe (und zum Menschen) durchbrochen.

Der Sachverständigenrat empfiehlt, die Fischbestände „oberhalb der biologischen sicheren Grenzen“ zu bewirtschaften, beziehungsweise dafür zu sorgen, dass sie sich bis zu diesem Niveau erholen können. Das würde strenge Fangquoten bis hin zu totalen Verboten bedeuten. Zugleich könnte damit den Nord- und Ostseefischern eine Zukunft gesichert werden, die es nicht geben wird, wenn der Raubbau weitergeht wie bisher. Zu befürchten ist jedoch, dass die Politik wie so oft eher kurzatmig auf die Interessen der jetzt aktiven Generation blickt. Dann wären Nord- und Ostsee wirklich auf dem Weg zum „toten Meer“.

Marianne Weno

  • SRU, Rat von Sachverständigen für Umweltfragen: Sondergutachten „Meeresumweltschutz für Nord- und Ostsee“, Februar 2004
  • Kurzfassung, 28 Seiten, unter www.umweltrat.de.
  • Langfassung, 461 Seiten, im Buchhandel oder direkt von der Nomos Verlagsgesellschaft mbH; Postfach 1320, 53003 Bonn
  • Dietrich Jörn Weder: Noahs Arche heute, Seiten 86-117, Kreuz Verlag Stuttgart, ISBN 37831 1804 2

Februar 2004: Die Natur wird umgebaut

Februar 2004: Die Natur wird umgebaut

Die Natur wird umgebaut

Durch die Medien ging kürzlich die schaurig-schöne Geschichte von dem Bauern, der vom Gen-Saulus zum Öko-Paulus wurde, nachdem fünf seiner Kühe verendet waren. Sie hatten den Gen-Mais Bt-176 von Syngenta gefressen, der den Schädling Maiszünzler bekämpfen soll. Der Vorfall wurde passend zu dem Zeitpunkt publik, als die Verbraucherschutzministerin erklärte, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die „Grüne Gentechnik“ die Gesundheit von Tieren und Menschen schädige. Natürlich beweisen fünf tote Kühe nichts, allenfalls zeigen sie, dass die Frage bis heute nicht geklärt ist.

Die Äußerung von Renate Künast fiel, als sie den Entwurf des neuen Gentechnik-Gesetzes vorstellte, und, obwohl sie es pflichtgemäß als „gute Regelung“ pries, war ihr wohl anzumerken, dass ihr diese Aussage gewaltig gegen den Strich ging. Ein Kolumnist meinte jedenfalls, die Ministerin habe aus diesem Anlass ein Gesicht gemacht wie ein mit Bt-176 vergifteter Maiszünzler.

Wer sind die Gen-Verschmutzer?

Die Skeptiker, zu denen Renate Künast gehört, kann der Entwurf nicht beruhigen. Auch die Ministerin weiß, dass der Kompromiss, der nach langen Kontroversen mit den Ministerien für Wirtschaft, Forschung und Justiz ausgehandelt wurde, die Probleme in der Praxis nicht lösen kann. Das gilt vor allem für die Bestimmungen, die gentechnikfrei arbeitende Betriebe vor Verunreinigung, z. B. durch Pollenflug, von benachbarten Feldern mit transgenen Organismen (GVO) schützen sollen. Zwar sieht das Gesetz vor, dass die Verursacher haften, aber wie sich die Ursachen feststellen und beweisen lassen, und ob dadurch eine Flut von Nachbarschaftskonflikten und Prozessen entsteht, bleibt offen. Ebenso die Frage, was geschehen kann, um eben solche Verunreinigungen zu vermeiden, und ob sie sich durch „gute fachliche Praxis“ verhindern lassen. Viele Fachleute meinen, dass in Zukunft überhaupt kein gentechnikfreier Anbau mehr möglich sein wird.

Das Gesetz kommt zu früh und zu spät. Zu früh, weil die Auswirkungen nach wie vor nicht abzuschätzen sind. Zu spät, weil die neue Freisetzungsrichtlinie der EU vom April 2001 eigentlich bis Oktober 2002 in nationales Recht umgesetzt werden sollte. Damit sollte der faktisch bestehende Zulassungsstopp für GVO aufgehoben werden. Den Termin haben allerdings zwölf der fünfzehn Mitgliedsländer nicht eingehalten, und so gab es schon blaue Briefe aus Brüssel.

Was kann passieren?

Eine Mehrheit der Verbraucher in Deutschland will keine Gentechnik auf dem Teller. Grund dafür ist zum Teil eine unbestimmte Furcht vor „unnatürlichen“, neu „konstruierten“ Lebewesen, aber auch die konkrete Angst vor Krankheiten. Mit den Fremdgenen könnten zum Beispiel Allergene in die Pflanzen gelangen. So musste der Versuch eingestellt werden, Erdnussgene in Sojapflanzen einzuschleusen, weil Nussallergiker protestierten. Kritisch sind auch die sogenannten Markergene zu sehen. Es handelt sich meist um Resistenzgene gegen Antibiotika, die dazu dienen, GVO in den Produkten nachzuweisen. Diese Gene könnten auf Krankheitserreger übergehen und Antibiotika wirkungslos machen.

Weit schwerer noch wiegen Probleme, die sich erst herausstellen, wenn es zu spät ist: Wir wissen nicht, wie es sich auf die natürliche Umwelt auswirkt, wenn neue, nicht von der Natur geschaffene Organismen in die Biosphäre gelangen. Genveränderte Pflanzen können die fremden Gene an Wildpflanzen weitergeben. Transgene Pflanzen könnten ihren Selektionsvorteil nutzen, etwa die Resistenz gegen Schädlinge oder die Unempfindlichkeit gegen Frost oder Trockenheit, um andere Pflanzen zu verdrängen und sich zu „Superunkräutern“ zu entwickeln. Sie könnten die Nahrungskette stören und das Ökosytem aus dem Gleichgewicht bringen. Die Artenvielfalt wäre noch mehr gefährdet als heute schon. Einmal freigesetzte Organismen lassen sich nicht mehr zurückholen.

Haben wir die Wahl?

Um Erzeugern und Verbrauchern die Wahl zu lassen, gibt es Kennzeichnungspflichten. Sie sind aber bereits erheblich verwässert. Das beginnt beim Saatgut. Dort sind unbeabsichtigte Beimischungen von bis zu 0,7% zulässig. Bei den Endprodukten liegt die Grenze bei 0,9 %. Jedoch gibt es viele Einschränkungen. So muss Fleisch von Tieren, die mit GVO gefüttert wurden, nicht gekennzeichnet werden.

Die Gentech-Industrie bemüht sich nach Kräften, das Riesengeschäft mit ihren Produkten auch in Europa voranzubringen – auch gegen die Widerstände der Verbraucher. Unterstützt wird sie von der CDU, die das Gesetz im Bundesrat ablehnen will. Sie sieht darin den Versuch, eine wichtige Zukunftsindustrie in Deutschland abzuwürgen. Nach Ansicht der Umwelt- und Verbraucherverbände und zahlreicher anderer Organisationen reichen die Sicherheitsbestimmungen nicht aus, um die konventionelle und die ökologische Landwirtschaft zu schützen. Schon gibt es etliche Versuche, ganze Regionen zu „gentechnikfreien Zonen“ zu erklären. In der Uckermark ist das bereits beschlossen, im Spreewald gibt es ähnliche Pläne.

Jetzt liegt es an den Verbrauchern zu entscheiden, ob die Entwicklung noch aufzuhalten ist. Wenn sie die manipulierten Lebensmittel konsequent in den Regalen lassen, werden sich die Bauern gut überlegen, ob sie die vielen Auflagen und Haftungsrisiken auf sich nehmen wollen. Voraussetzung ist allerdings auch, dass die Kunden nicht mit einer Lupe zum Einkauf gehen müssen, um das Kleingedruckte auf dem Schokoriegel zu lesen.

Marianne Weno

Januar 2004: Wann geht uns ein Licht auf?

Januar 2004: Wann geht uns ein Licht auf?

Wann geht uns ein Licht auf?

Advent, abends, in den achtziger Jahren: durch die amerikanische Wohnsiedlung an der Clayallee sind Familien unterwegs, die ihren staunenden Kindern die üppig beleuchteten Weihnachtsdekorationen zeigen, Schnee- und Weihnachtsmänner, Rentierschlitten und Weihnachtsbäume mit bunten Lämpchen. Zu Hause zündet man dann die Kerzen an, „erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier ...“ Inzwischen sind die Amerikaner weg, aber wir haben in gewohnter Perfektion den ganzen Glitzerkram übernommen und noch ausgebaut. Strom sparen – doch nicht jetzt, Geld sparen – aber doch nicht an Lichterketten und Lichtschläuchen, die schließlich die Nachbarhäuser in den Schatten stellen sollen. Der Strom kann laut Stiftung Warentest schon für eine Kette mit 35 Lämpchen, die vier Wochen brennt, so viel kosten wie der für den Kühlschrank im ganzen Jahr. Der BUND hat ausgerechnet, dass das Lichtspektakel im Lande die Produktion eines Großkraftwerkes verbraucht. Der SPIEGEL berichtet von Hausbesitzern, die zwischen 20 und 40.000 Lämpchen aufhängen, aber auch Morddrohungen bekommen und tote Mäuse im Briefkasten finden. Eigentlich wollten wir ja Weltmeister im Klimaschutz sein. Aber umgekehrt proportional zum Klimawandel scheint sich ein Hang zur sinnlosen Energieverschwendung auszubreiten.

Nicht nur zur Weihnachtszeit
Was gerade jetzt besonders auffällt, macht sich zu allen Jahreszeiten bemerkbar: Der Mensch von heute liebt es hell. Auf Satellitenbildern erscheinen die bewohnten Gebiete als ein immer dichter werdendes Netz aus Lichtpunkten. Erleuchtete Hochhäuser, Straßen und Flugplätze, Leuchtreklamen und Flutlichtanlagen und in letzter Zeit die weit in den Himmel strahlenden „Sky-Beamer“ machen die Nacht zum Tage. Astronomen können am hellen Himmel kaum noch die Sterne beobachten.

Schlimm ist nicht nur der Klimaeffekt. Was die wenigsten wissen: Die Natur leidet ganz direkt unter den Folgen. Schon einfache Straßenlaternen ziehen nachtaktive Insekten magisch an. Sie fliegen auf die Lichtquellen zu, umkreisen sie in spiralförmigen Bahnen, bis sie an Erschöpfung sterben, an heißen Lampen verbrennen oder in die Gehäuse hineingeraten und dort verenden. Dabei gäbe es einfache Abhilfe. Umweltschützer fordern, die üblichen Quecksilberdampf-Hochdrucklampen, die mit ihrem Spektralbereich besonders viele Insekten anlocken, durch das gelbe Licht der Natriumdampf-Hochdrucklampen zu ersetzen. Auf die Dauer würde das sogar billiger, da diese Lampen bei geringerem Stromverbrauch mehr Licht geben. Auch sollten die Laternen so konstruiert sein, dass sie nach unten und nicht nach allen Seiten strahlen. Die Stadt Augsburg macht es vor: Dort werden nach und nach alle Straßenlaternen umgerüstet.

... wie Motten das Licht
Die meisten Schmetterlingsarten sind Nachtfalter. Sie werden zur Bestäubung vieler Pflanzen gebraucht und sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette. Noch jagen Vögel und Fledermäuse gern in der Nähe der Lichtquellen, wo sie leichte Beute finden, aber wenn die Insekten rar werden, bekommen auch sie ein Problem. So ziehen die Lichter am Potsdamer Platz Millionen von Faltern, Käfern, Eintagsfliegen und Motten aus dem Tiergarten an. Der beleuchtete gläserne Bau des Lehrter Bahnhofs, der auf die Tiere wie eine helle Wasserfläche wirkt, könnte noch schlimmere Folgen haben.

Auch die übrige Tierwelt leidet unter den unnatürlichen Lichtverhältnissen und dem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus. Viele Vögel sterben, weil sie gegen Leuchttürme, Bohrplattformen und Hochhäuser fliegen. Zugvögel werden durch angestrahlte Burgen und Flugplätze von ihren Routen abgelenkt. Aus einem hessischen Städtchen wird berichtet, dass 2000 Kraniche auf ihrem Herbstzug dort strandeten, verwirrt durch die Flutlichtanlage einer nahen Burgruine. Erst als die Beleuchtung ausgeschaltet wurde, konnten die Vögel weiterfliegen. Aus Florida kommt die Nachricht, dass die dort aufwändig geschützten Meeresschildkröten, wenn sie aus den Eiern geschlüpft sind, nicht mehr zum Meer finden, weil sie das Licht der Städte sie in die falsche Richtung lockt.

Als bisher einziges Land hat Tschechien ein Gesetz gegen die Auswüchse der Beleuchtungstechnik. Dort sind Skybeamer verboten, und für falsch angebrachte Lampen, Leuchtreklamen und Flutlichtanlagen gibt es hohe Geldstrafen. Ähnliche Ansätze finden sich in einigen Staaten der USA, in der Lombardei, in Katalonien und auf den Kanarischen Inseln.

Bei uns hat die Politik offenbar noch nicht wahrgenommen, dass neben der Luftverschmutzung auch die „Lichtverschmutzung“ das Ökosystem bedroht. Aber die Stimmen von Wissenschaftlern und Umweltverbänden, die Abhilfe fordern, werden lauter. In Berlin widmet sich die Arbeitsgruppe Natur- und Artenschutz des BUND seit Jahren intensiv diesem Thema. 2001 zeigte sie eine Ausstellung „Lichtökologie“ und im Februar 2003 veranstaltete sie eine Tagung zum gleichen Thema mit hochkarätigen Fachleuten in den Räumen der Stiftung Naturschutz. Seitdem wächst auch in den Bezirken das Interesse an besseren Beleuchtungskonzepten.

Vielleicht geht auch uns bald ein Licht auf.

Marianne Weno

  • Dr. Ing Claudia Kaul, Dipl. Ing. Frank-Michael Hassel: „Umweltfreundliche Außenbeleuchtung (k)ein Thema?“ Zu beziehen durch Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V., Kreisgruppe Alzey-Worms, Gärtnergasse 16, 55116 Mainz.
  • „Die HELLE NOT. Künstliche Lichtquellen – ein unterschätztes Naturschutzproblem.“ Tiroler Landesumweltanwalt (Hrsg.), Innsbruck 2001.
  • „Licht und Umwelt. OSRAM GmbH 1999.