Kolumne 2003

Dezember 2003: Sonst wird dich der Jäger holen ...

Dezember 2003: Sonst wird dich der Jäger holen ...

Sonst wird dich der Jäger holen ...

„Das Zusammenspiel von Hundelaut, Flintenknall und rollierenden Rotröcken ... bringt auch das grüne Blut der jugendlichen Jäger zum Kochen.“ Zeitschrift „Jäger“, zitiert nach „Der Spiegel“, 44/2001.

„Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit.“ (Theodor Heuss)

In manchen Gegenden Berlins glauben die Bewohner, die Machtübernahme der Wildschweine stehe kurz bevor. Viele meinen, es werde zu wenig gejagt. Unterdessen ruft eine „Initiative zur Abschaffung der Jagd“ zum wiederholten Mal zu einer Demonstration auf.
Die Hälfte aller Deutschen lehnt die Jagd ab. Bei den Frauen sind es zwei Drittel. Einiges spricht dafür, dass wir ohne sie auskommen könnten. Alles spricht dafür, dass wir sie nicht abschaffen können, weil die menschlichen „Beutegreifer“ mit Klauen und Zähnen, dass heißt mit einer mächtigen Lobby, ihre angestammten Rechte verteidigen.

Eine Frage der Macht
Mit der Jagd verbindet sich weit mehr als die bekannten Rationalisierungen: Regulierung des Wildbestandes, Schutz des Waldes, Nutzung von Fleisch und Fellen. Wäre es so, dann würden nur Tiere gejagt, die sich übermäßig vermehren, die man essen oder anders verwerten kann. Aber es gibt ganz andere, archaische Motive, die mit Macht zu tun haben, mit dem Wunsch, wenn schon nicht über die Mitmenschen, dann doch wenigstens über die anderen Geschöpfe zu herrschen, und mit der Lust am ungestraften Töten. Der „Waidmann“ spielt nicht ohne Grund in Mythen, Märchen und Liedern der Jahrhunderte eine so große Rolle, von der Jagdgöttin Artemis bis zum Schutzheiligen Hubertus, vom Freischütz bis zum Hasen im Kinderbuch, der auf den Jäger schießt.

Die Großwildjagd, das Erlegen von stärkeren und an Kraft und Schnelligkeit überlegenen Tieren, gehört zu den großen und teuren Abenteuern der Gegenwart. Wobei der Selbstbetrug darin besteht, dass man dem Tier nicht mehr mutig mit dem Speer gegenübertritt, sondern mit einer Technik, der es hilflos ausgeliefert ist. Bei uns gibt es leider keine Säbelzahntiger mehr. Dafür muss die Trophäe an der Wand umso eindrucksvoller aussehen.

Elch und Wisent – jagdbares Wild?
Bei allem Streit um das Für und Wider steht fest: das Bundesjagdgesetz soll entrümpelt werden. Es stammt aus dem Jahr 1934 und wurde 1952 mit geringen Veränderungen als Bundesgesetz übernommen. In der Koalitionsvereinbarung von 2002 heißt es: „Wir werden das Jagdrecht unter Berücksichtigung einer naturnahen Waldbewirtschaftung und unter Tierschutzaspekten novellieren.“ Inzwischen wird in dem zuständigen Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft an einem Entwurf gearbeitet, und die Umweltverbände haben ihre Positionen festgelegt. Der Deutsche Naturschutzring (DNR) hat die weitgehend einhelligen Argumente der Mitgliedsverbände gebündelt. In diesem Kreis behauptet sich der auch der kleine Ökologische Jagdverband (ÖJV) gegenüber dem Deutschen Jagdschutzverband mit einigen Hunderttausend Mitgliedern, der CDU und FDP im Rücken hat und jede Neuordnung ablehnt.
Bis heute nennt das Bundesjagdgesetz 96 Tierarten, die dem Jagdrecht unterliegen. Darunter kurioserweise auch Wisent und Elch, die in Deutschland längst ausgestorben sind, und zahlreiche Arten wie Fischotter, Luchs und Wildkatze, die stark oder sehr stark gefährdet sind und auf den Roten Listen stehen. Zwar haben einige dieser Tiere ganzjährige Schonzeiten, aber Naturschützer fordern, sie ganz aus dem Katalog der jagdbaren Arten herauszunehmen. Übrig bleiben sollten nur wenige Arten, der NABU nennt zwölf, „deren biologisch nachhaltige Nutzung gesichert ist.“ Greifvögel sollen ganz gestrichen werden.

Hauptargument der Jagdbefürworter ist es, die Jäger müssten die Wildbestände regulieren, weil die natürlichen Feinde fehlen. Fachleute bezweifeln, dass das so stimmt. Die Natur begrenzt durch hormonelle Regelungsmechanismen die Vermehrung einzelner Arten. Tiere, die ungestört leben, haben weniger Nachwuchs als die, die ständig verfolgt werden. Werden aus einem Wildschweinrudel die Bachen abgeschossen, dann wird der weibliche Nachwuchs schneller geschlechtsreif. Füchse, die in ihrem Revier bleiben, haben meist einen Wurf im Jahr. Werden sie vertrieben, dann werfen sie zweimal.

Trophäenträger bevorzugt
Hinzu kommt das Ärgernis der Wildfütterung, oft kombiniert mit Medikamenten. Sie verhindert die natürliche Auslese, sorgt für allzu große Bestände an Hirschen und Rehen und fördert damit den Wildverbiss in den Wäldern, den es angeblich gerade verhindern soll.
Trophäenträger werden gepäppelt, Beutegreifer als „Raubzeug“ und Jagdkonkurrenten verfolgt.

Seit der Tierschutz in das Grundgesetz aufgenommen wurde, werden Forderungen laut, grausame Jagdmethoden zu verbieten. Dazu gehört vor allem die Fallenjagd. Zulässig sind bisher Lebendfallen und solche, die das Tier sofort töten sollen. Das funktioniert leider nicht immer, und so werden Tiere häufig verletzt und gequält. Außerdem treffen die Fallen wahllos auch geschützte Arten.
Ein weiteres aktuelles Thema: die Zwangsmitgliedschaft kleinerer Grundbesitzer in den Jagdgenossenschaften. Bisher kann niemand, der weniger als 75 ha besitzt, die Jagd auf seinem Grund und Boden verhindern. Beendet werden muss auch dringend die Vergiftung der Umwelt und der Nahrungskette durch Unmengen von Bleischrot und bleihaltiger Munition.
Anhänger der Jagd berufen sich gern auf uralte Traditionen. Aber wir jagen auch nicht mehr mit Pfeil und Bogen. Wir haben heute die Chance, eine neue Tradition zu begründen, die den Erkenntnissen über Tier- und Naturschutz im 21. Jahrhundert gerecht wird.

Marianne Weno

November 2003: Baumschutz – verbessern statt verwässern!

November 2003: Baumschutz – verbessern statt verwässern!

Baumschutz – verbessern statt verwässern!


„Wegen der Bedeutung für die ... Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts, insbesondere zur Erhaltung der Lebensgrundlagen sowie zur Belebung ... des Orts- und Landschaftsbildes, Verbesserung des Stadtklimas und zur Abwehr schädlicher Einwirkungen wird der Baumbestand in Berlin ... geschützt.“
Aus §1 (Schutzzweck) der Baumschutzverordnung von 2001

Eine Beobachtung in der Nachbarschaft: ein Gartenbesitzer lässt mitten in der Brutzeit klammheimlich eine Reihe großer, alter Fichten fällen und Stämme und Stubben in aller Eile abtransportieren. Dafür wuchert jetzt in seinem Garten hoch wachsender Bambus. Damit hat er gleich doppelt gegen die Baumschutzverordnung verstoßen: Für Bäume mit einem Stammumfang von mehr als 60 cm braucht man eine Fällgenehmigung, und die vorgeschriebenen Ersatzpflanzungen sollen „standortgerecht“ sein, was man von Bambus sicher nicht behaupten kann.

Hätte damals schon gegolten, was heute als Novelle zur Baumschutzverordnung im Gespräch ist, dann hätte der Nachbar legal gehandelt – sieht man von der Fällung zur Unzeit ab. Die Fichte wäre nicht geschützt, Ersatzpflanzung daher auch nicht vorgeschrieben, und Bambus im Garten ist schließlich nicht verboten.

Legal – illegal
Wegen der strengen Auflagen werden viele Bäume illegal gefällt. Da jedoch nicht alle Gartenbesitzer so unverfroren vorgehen, müssen sich die Grünflächenämter mit einer Fülle von Genehmigungsverfahren herumschlagen. In einigen Bezirken geht es dabei großzügig zu, in anderen kämpft man um jeden Baum. In jedem Fall entstehen Kosten, die sich die Bezirke gern ersparen würden.
Von der FDP stammt der Vorschlag, die Baumschutzverordnung ganz zu streichen, um Bürokratie abzubauen. Viele Gartenbesitzer würden sich freuen, weil sie der Schatten unter großen Bäumen und das herbstliche Laubharken ärgert. Zum Glück hat die zuständige Senatsverwaltung einen solchen Freibrief abgelehnt. Geplant ist aber, die Verordnung „zu ‚verschlanken‘ und den Verwaltungsaufwand weitestmöglich zu reduzieren“.

Wir verlieren einen ganzen Wald

Umweltschützer sind alarmiert. Zwar sind sie nicht dagegen, dass man allzu bürokratische Verfahren vereinfacht. Die Neufassung böte eine Chance, den Schutz der Bäume zu verbessern. Das wäre auch sehr nötig, denn das Grün in der Stadt wird immer weniger. Aber der Entwurf der neuen Verordnung lässt wenig Gutes erwarten. So sollen Bäume erst ab einem Stammumfang von 80 cm (statt wie bisher von 60 cm) geschützt sein. Das bedeutet, dass viele jüngere, noch gesunde Bäume, die eine lange Lebensdauer vor sich hätten, bedroht wären, während die älteren oft schon schwer geschädigt sind und ohnehin bald gefällt werden müssen.

Sehr bedenklich auch, dass Bäume, die näher als 3m an einem Gebäude stehen, nicht mehr geschützt sein sollen. Sieht man sich in der Stadt um, dann wird klar, wie viele Gehölze davon betroffen wären. In Vorgärten und auf Höfen in der Innenstadt gäbe es kaum noch geschützte Bäume. Umweltdezernentin Schmiedhofer in Charlottenburg-Wilmersdorf bringt es auf den Punkt: Grundstücksbesitzer fällen einzelne Bäume, „aber in der Masse verlieren wir einen ganzen Wald“. Diskutieren lässt sich über die Frage, ob der Schutz auf Laubbäume und Kiefern beschränkt werden soll und was aus schwachwüchsigen Arten wie Rot- und Weißdorn wird. Denkbar wären einfachere Regeln bei Ersatzpflanzungen und Ausgleichsabgaben. Erleichtern könnte man es, in bestimmten Fällen Bäume fachgerecht zu beschneiden oder zu dicht stehende Baumgruppen auszulichten.
Bis zum 17. November können die Naturschutzverbände sich schriftlich zu den Plänen äußern. Am 24. November gibt es einen offiziellen Erörterungstermin, und bis Ende des Jahres soll die neue Verordnung beschlossen werden. Dann könnte noch vor Beginn der Brutzeit am 1. März das große Sägen beginnen. Sollte der jetzige Entwurf umgesetzt werden, dann wären nach einer Statistik des Spandauer Bezirksamtes 36% weniger Bäume geschützt als bisher.

Es gab einmal einen Bausenator in Berlin, der versprach, sich schützend vor jeden Baum zu stellen. Da würden wir unseren Umweltsenator auch gern stehen sehen.

Marianne Weno

Oktober 2003: Alles halb so schlimm?

Oktober 2003: Alles halb so schlimm?

Alles halb so schlimm?

Vor sieben Jahren erschien das Buch „Ökooptimisten“, in dem uns die Autoren Maxeiner und Miersch einreden wollten, mit unserer Umwelt sei alles in bester Ordnung. Die Diskussion um das Klimaproblem war für sie Kaffeesatzleserei. Inzwischen ist das dumme Buch vergessen, und kein ernsthafter Wissenschaftler zweifelt mehr daran, dass es wärmer wird auf der Erde und dass wir mit unserem Energieverbrauch daran schuld sind.

Jetzt hat sich in einem Spiegel-Interview der weltweit anerkannte Meteorologe Hans von Storch, Mitglied im Klimabeirat der Uno, zu den Klima-Aussichten im 21. Jahrhundert geäußert. Seine Positionen lassen sich in drei Thesen zusammenfassen:

1. Der Klimawandel ist unausweichlich. Wir können uns nur bemühen, ihn in Grenzen zu halten. „Selbst wenn wir uns … mächtig anstrengen, wird sich der CO2-Gehalt immer noch verdoppeln.“

2. Die Klimagase zu reduzieren „kostet Unsummen“. „Die Gesellschaften werden sich keinen unbegrenzten Klimaschutz leisten können.“

3. Das alles sei kein Grund zur Panik. „Global gesehen kann eine solche Entwicklung durchaus hier und da nachteilige Folgen haben. Aber ... wir werden genug Zeit haben, uns darauf einzustellen.“ Von Storch ist überzeugt, dass sich die Menschen mit technischen Mitteln unter den veränderten Bedingungen einrichten können. „Der Mensch ist sehr anpassungsfähig und erfinderisch“.

Wir belügen uns selbst
Dem ersten Punkt muss man wohl leider zustimmen. Mit der jetzigen Energie- und Verkehrspolitik belügen wir uns selbst. Zwar gilt Deutschland als Vorreiter auf diesem Gebiet, aber die selbst gesteckten Ziele werden wir kaum noch erreichen. Die Wirtschaftspolitik steht dem Klimaschutz zu oft im Wege. So hören wir täglich die widersprüchlichsten Signale: Wir sollen vor allem für den Aufschwung sorgen, mehr und größere Autos kaufen, mehr fliegen, überhaupt mehr konsumieren. Dass wir das Geld besser für die Wärmedämmung unserer Häuser ausgeben sollten, sagt man uns nicht. Überhaupt ist von der Einsparung als wichtigster „Energiequelle“ kaum noch die Rede.

Auch die Chance, die Stromversorgung neu zu strukturieren, wenn bald viele alte Kraftwerke ersetzt werden müssen, dürfte kaum genutzt werden. Die Stromerzeugung ist bei uns für 40% der Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich. Zwar fördern wir die erneuerbaren Energien, aber die Hauptlast werden wahrscheinlich nach wie vor große, zentrale Kohlekraftwerke tragen. Dabei ist Kohle, vor allem die Braunkohle, der klimaschädlichste Primärenergieträger, noch vor Erdöl und weit vor Erdgas. Aber Wirtschaftsminister Clement will die deutsche Kohle weiter fördern und warnt vor „übertriebenem“ Klimaschutz. Ein anderes Thema: die Kraft-Wärme-Koppelung. Würden kleinere Kraftwerke in der Nähe der Verbraucher gebaut, damit auch die Abwärme genutzt werden kann, dann wären wir schon einen großen Schritt weiter, aber die Interessen der Energiewirtschaft sehen anders aus.

Zur zweiten These: Klimaschutz kostet viel Geld. Allerdings werden die fossilen Brennstoffe, die in absehbarer Zeit zu Ende gehen, allmählich so teuer werden, dass wir dann froh sein können, wenn wir rechtzeitig für Alternativen gesorgt haben. Die Forschung auf diesem Gebiet und der Bau der Anlagen schaffen schon heute viele Arbeitsplätze. Hinzu kommen die Exportchancen für ausgereifte Verfahren. Die Vorreiter werden die Gewinner sein.

Wieder ein Ökooptimist?
Dritter Punkt: Die Technik kann fast alles. Hans von Storch erwähnt jedoch mit keinem Wort, dass die Natur bei Weitem nicht so flexibel und anpassungsfähig ist wie der Mensch. Das Aussterben der Arten unter veränderten klimatischen Bedingungen könnte sich so beschleunigen, wie wir es uns heute kaum vorstellen können. Wenn Brandenburg zur Steppe wird, werden wir kaum zum Trost unter Palmen spazieren. Von Storch meint, in dreißig Jahren würden die Landwirte ganz andere Nutzpflanzen anbauen als heute. Denkbar, dass in einer biologisch verarmten Landschaft dann immer noch genmanipuliertes Getreide und Gemüse gedeihen kann.
Richtig ist, dass wir einen anderen Waldbau brauchen, um Waldbrände einzudämmen, und den Umgang mit den Flüssen ändern müssen, um Überschwemmungskatastrophen zu verhindern. Unbeantwortet bleibt die Frage, was aus den armen Ländern wird, die wenig zur globalen Erwärmung beitragen, aber unter den Folgen am meisten leiden. Sie werden sich kaum all die Klimaanlagen leisten können, mit denen wir uns die Hitze erträglich machen – vorausgesetzt, dass sie sich dann emissionsfrei betreiben lassen. Keine Technik wird die Ausbreitung der Wüsten verhindern. Bangladesh oder die Südseeinseln werden die Schutzbauten nicht finanzieren können, die nötig wären, wenn der Meeresspiegel steigt. Hans von Storch meint, wir könnten ihnen dabei helfen, wenn wir nicht so viel Geld für den Klimaschutz verschwenden würden. Für einen Wissenschaftler klingt das ziemlich naiv.

„Alles eine Frage des Geldes“, sagt der Autor. Wohl wahr, wenn wir es richtig einsetzen.

Marianne Weno

  • „Wir werden das wuppen“, Spiegel-Gespräch. Der Klimaforscher Hans von Storch über die Ursachen des Sahara-Sommers, unbegründete Ängste vor dem Weltuntergang und die Anpassung des Menschen an die globale Erwärmung. Der Spiegel Nr. 34 vom 18. August.

September 2003: Kein Leben ohne Chemie

September 2003: Kein Leben ohne Chemie

Kein Leben ohne Chemie

Haben Sie schon einmal die kleingedruckte Inhaltsangabe auf Ihrer Zahnpastatube gelesen? Schlauer sind Sie dabei wohl kaum geworden. Wer weiß schon, wie all diese Stoffe auf uns und die Umwelt wirken? Schwedische Forscher haben kürzlich gewarnt, dass in den meisten Zahnpasten enthaltene Triclosan schädige Fische und andere Wassertiere. In unserer Kleidung, besonders in den „natürlichen“ Baumwoll- und Seidenstoffen, stecken unzählige Ausrüstungschemikalien. Kosmetika, Spielzeug, Wasch- und Putzmittel, Möbel, Fernseher und Computer setzen im Gebrauch Chemikalien frei, und selbst die industriell hergestellten Lebensmittel kommen nicht ohne chemische Zusätze aus. Chemiefreie Lebensbereiche gibt es nicht. Unbestreitbar erleichtern uns viele Stoffe aus der Retorte das tägliche Leben. Aber mit der unüberschaubaren und unkontrollierten Vielfalt von Substanzen, die in der Natur nicht vorkommen, riskieren wir manchmal auch Kopf und Kragen.

Rund 100 000 Chemikalien waren Ende der neunziger Jahre bei der EU registriert. Die meisten sind niemals auf ihre Umweltauswirkungen untersucht worden. Auch Erfahrungen wie die mit dem PCP in Holzschutzmitteln, dessen Gefährlichkeit sich erst herausstellte, als viele Häuser unbewohnbar und viele Menschen krank geworden waren, haben daran nichts geändert. Verbote folgen immer erst nach einem Desaster. 

Ein Jahrhundertgesetz?
Das möchte die EU-Kommission jetzt ändern. Nach langer Vorbereitung will sie noch in diesem Herbst den Entwurf für eine einheitliche europäische Chemikalienverordnung vorlegen. Begonnen hatte das Verfahren im Februar 2001 mit einer „Strategie für eine künftige Chemikalienpolitik”. Darin wurde ein neues Regulierungssystem „REACH“ (Registrierung, Evaluation und Autorisierung von Chemikalien) vorgeschlagen. Die Hersteller sollten verpflichtet werden, für ihre Produkte Sicherheitsdaten vorzulegen. Experten der Mitgliedsstaaten und eine zentrale Koordinierungsbehörde sollten die Daten bewerten. „Besorgniserregende“ Chemikalien müssten danach ein Zulassungsverfahren durchlaufen. In schweren Fällen könnten sie unter bestimmten Bedingungen aus dem Verkehr gezogen oder in ihrer Nutzung eingeschränkt werden.

Manche Chemikalien sind „nur“ giftig, andere aus mehreren Gründen bedenklich. Als „sehr besorgniserregend“ gelten für die EU-Kommission Stoffe, die Krebs erzeugen, das Erbgut verändern oder hormonell wirken, außerdem Substanzen, die sich besonders weit verbreiten, schwer abbaubar (persistent) sind und sich im Körpergewebe von Mensch und Tier anreichern (bioakkumulierbar). Einige Stoffe haben gleich mehrere dieser Eigenschaften. Besonders bedrohlich, auch für künftige Generationen, sind die Substanzen, die auf das Hormonsystem einwirken und die Entwicklung und Fortpflanzungsfähigkeit bei Mensch und Tier stören. Dazu gehören die bromierten Flammschutzmittel und die allgegenwärtigen Phtalate als Weichmacher im PVC, in Spielzeug, Lebensmittelverpackungen und vielen Kosmetika.
Schon Neugeborene haben allerlei Gifte gespeichert, die von der Mutter auf sie übergegangen sind. Nicht nur in den Industriestaaten, sondern bis in die Arktis haben sich Stoffe wie PCBs und DDT verbreitet. Obwohl seit Langem verboten, werden sie dort immer noch nachgewiesen, zum Beispiel im Fettgewebe von Eisbären.

Globales Experiment
Ab Mai dieses Jahres konnten sich alle interessierten Gruppen an einer Internetkonsultation beteiligen. Jetzt überarbeitet zunächst die Kommission ihren Entwurf. Danach beginnt ein kompliziertes und langwieriges Gesetzgebungsverfahren, an dem der Ministerrat und das EU-Parlament beteiligt sind. Ende 2005 soll die Verordnung in Kraft treten, und alle EU-Staaten müssen es in das nationale Recht übertragen. Die Frage ist, was dann von den ursprünglichen Absichten übrig geblieben ist. Schon jetzt polemisiert der Verband der chemischen Industrie in großen Anzeigen unter der Überschrift „Können wir uns noch weniger Wachstum leisten“ gegen den Entwurf und droht wie üblich: „Wenn diese Vorschläge umgesetzt würden, könnten viele Chemikalien aus Zeit- und Kostengründen nicht mehr in Europa produziert und verarbeitet werden ...“
Die Umweltverbände BUND, Deutscher Naturschutzring und WWF sehen überraschenderweise in der EU-Chemikalienpolitik „eine riesige Chance ... zu einer progressiveren, vorsorglich orientierten und wissenschaftsbasierten Chemikalienpolitik“. Zugleich kritisieren sie jedoch in einer gemeinsamen Stellungsnahme* die vielen Schwachpunkte des Entwurfs. Bleibt es bei den Vorschlägen, dann wird es weiter sehr schwierig sein, auch nur die gefährlichsten Stoffe aus dem Verkehr zu ziehen. Die Verbände fordern außerdem eine Kontrolle importierter Chemikalien und ein Recht der Öffentlichkeit auf Information. „Jeder von uns spielt eine ungeschriebene Rolle in einem globalen chemischen Experiment, da Hunderte synthetischer Chemikalien eine weitverbreitete Belastung von Menschen und Tieren ... verursachen“ , heißt es in dem Papier. „Das könnte sich ändern, wenn eine rigorose Chemikalienpolitik in Europa verabschiedet würde.“ Ja, wenn ...

Die Frage bleibt, ob die EU die Chance wahrnimmt.

Marianne Weno 

* Hintergrundpapier von BUND, DNR und WWF zur Reform der EU-Chemikalienpolitik, Überblick zur EU-Chemikalienpolitik und zum Reformprozess, Chemie und Gesundheit, Chemie und Naturschutz

August 2003: Vertrauen schaffen?

August 2003: Vertrauen schaffen?

Vertrauen schaffen?

Der Drache namens Dieselsteuer, aus dem Sommerloch hervorgelockt von zwei vorwitzigen Abgeordneten, wurde vom Kanzler aller Autos schnell zur Strecke gebracht. Wichtig sei es, so der Drachentöter, „beim Verbraucher Ruhe und Vertrauen zu schaffen.“ Greenpeace stellte daraufhin vor der Berliner SPD-Zentrale einen Sarg ab mit der Aufschrift: „Hier ruht ein Verbraucher, der Vertrauen zur Regierung hatte.“

Tatsächlich hat der noch lebende Verbraucher Grund zur Skepsis. Denn auf der Straße lauern Risiken, die weit größer sind als die Gefahr, unter die Räder zu kommen. War doch Anlass der Diskussion eine neue Studie des Umweltbundesamtes (UBA) über die Auswirkungen der Dieselfahrzeuge auf Umwelt und Gesundheit, mit alarmierenden Ergebnissen. Besonders spektakulär und von den Medien entsprechend verbreitet ist die Zahl von ca.14.000 Todesfällen pro Jahr durch Dieselruß. Sie liegt doppelt so hoch wie die Zahl der Verkehrstoten. Sehr vertrauenerweckend ist das nicht. Das krebserzeugende Potenzial von Dieselabgasen ist zehnmal so hoch wie das von Benzinmotoren. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hält den Dieselruß in den Städten für „das größte derzeit existierende Luftverschmutzungsproblem“.

Doch kein Vorteil für den Klimaschutz?
Der Anteil der Diesel-Pkw ist in den letzten Jahren kräftig gestiegen. Bei Neuzulassungen liegt er jetzt bei 40%. Der Grund: Diesel ist steuerbegünstigt, weil die Fahrzeuge als besonders klimafreundlich gelten. Sie brauchen weniger Treibstoff als Ottomotoren und produzieren entsprechend weniger Kohlendioxid. Das wird allerdings durch einen höheren Ausstoß an Stickoxiden (NOx) erkauft. Stickoxide sind für den „Sommersmog“ durch bodennahes Ozon verantwortlich und damit indirekt auch am Treibhauseffekt beteiligt. Und sie tragen zur Überdüngung der Gewässer und zum Waldsterben bei, aber das ist wieder ein anderes Thema. Brisanter noch: nach einer neuen Studie des Klimaforschers Mark Z. Jacobson an der Stanford University, den die UBA-Studie zitiert, sollen auch die Dieselpartikel so klimawirksam sein, dass der Vorteil durch den geringeren Verbrauch gegenüber Ottomotoren aufgehoben wird. Damit wäre es für den Klimaschutz sinnlos, den filterlosen Diesel weiter zu fördern, auch wenn er die CO2-Bilanz verbessert. 

Deutschland hinkt hinterher
Französische und italienische Autobauer bieten schon seit längerer Zeit verschiedene Diesel-Modelle mit Rußfiltern an. Sie können über 90% bis fast 100% der Rußpartikel zurückhalten. Warum zeigen sich die deutschen Hersteller so „verstockt“, wie Umweltminister Trittin meinte? Die Kosten für einen serienmäßigen Partikelfilter beim Pkw betragen nach Einschätzung des UBA 200-400 Euro, bei Nutzfahrzeugen 1.500 bis 3.000 Euro. Ab 2005 gilt EU-weit die EURO-4-Norm für Pkw, die neue, schärfere Grenzwerte vorschreibt. Diese Werte können kleinere Autos mit Schaltgetriebe jedoch auch ohne Partikelfilter erreichen, mittlere Modelle mit Automatik und schwerere Wagen nicht. Deshalb werden notgedrungen auf der Internationalen Automobilausstellung im Herbst einige deutsche Modelle mit Rußfiltern vertreten sein. Peugeot/Citroen hat kürzlich das 500.000ste Fahrzeug mit serienmäßigem Partikelfilter verkauft. Im Mai 2003 waren 14 Typen mit Rußfilter von französischen und italienischen Autobauern im Handel, von deutschen Herstellern kein einziges.

Nur Filter können helfen
Klar ist, dass die EURO-4-Norm das Problem Dieselruß nicht lösen kann. Die Lösung, die auch Minister Trittin bevorzugt, ist eine weitere Verschärfung der Grenzwerte in der EURO-5-Norm. Bis dahin möchte er Dieselfahrzeuge mit Rußfiltern bei der Kfz-Steuer begünstigen. Ein breites Bündnis von Umwelt- und Verbraucherschützern mit dem Titel „Kein Diesel ohne Filter“ betreibt Aufklärung über die Gefahren von Dieselruß und macht Druck auf Politik und Autoindustrie. Die Deutsche Umwelthilfe verlangt „maximale Anstrengungen“, damit schon ab kommendem Jahr alle Diesel-Pkw mit Rußfiltern ausgestattet werden.
In der Tat bleibt es schwer verständlich, dass noch auf Jahre hinaus so viele Krankheits- und Todesfälle in Kauf genommen werden und damit auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten, obwohl es eine ausgereifte Technik gibt, die den Dieselruß fast auf Null bringen könnte. Grund genug gäbe es für den Bundeskanzler, mit seiner Lieblingsindustrie ein ernstes Wort zu reden.

Marianne Weno

  • Future Diesel. Abgasgesetzgebung Pkw, leichte Nfz und Lkw – Fortschreibung der Grenzwerte bei Dieselfahrzeugen. Umweltbundesamt Berlin, Juli 2003.
  • Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. H.- Erich Wichmann: Abschätzung positiver gesundheitlicher Auswirkungen durch den Einsatz von Partikelfiltern bei Dieselfahrzeugen in Deutschland. Im Auftrag des Umweltbundesamtes Berlin, 7. Juni 2003.
  • UPI Umwelt- und Prognoseinstitut e.V.: Volkswirtschaftliche Kosten durch Dieselrußemissionen in der Bundesrepublik Deutschland. UPI-Bericht 49, Januar 2003.

Juli 2003: Ein Stoff mit Licht- und Schattenseiten

Juli 2003: Ein Stoff mit Licht- und Schattenseiten

Ein Stoff mit Licht- und Schattenseiten

Aluminium. Bei dem Begriff denken die meisten Leute wohl zuerst an Haushaltsfolie, Jogurtdeckel, Getränkedosen (die hierzulande meistens aus Weißblech mit Alu-Deckel bestehen) und andere Alltagsprodukte. Die Verpackungen machen aber nur gut ein Zehntel des Verbrauchs aus. Das meiste Aluminium wird beim Fahrzeugbau verbraucht, an zweiter Stelle folgt der Bausektor.

Keine Frage, Aluminium ist ein unentbehrlicher Werkstoff für langlebige Güter mit hervorragenden Eigenschaften: leicht, dauerhaft und formbeständig. Es ist nach Sauerstoff und Silizium das dritthäufigste Element in der Erdkruste. Abgebaut wird es vor allem in Australien, Brasilien, China, Indien, Ghana und anderen afrikanischen Ländern.

Die Umweltkosten sind hoch
Keine Frage auch: Auf dem Weg vom Abbau des Erzes Bauxit bis zum fertigen Produkt gibt es schwerwiegende Umweltprobleme. Landschaftszerstörung durch den Bauxit-Tagebau, giftige und klimaschädliche Emissionen auf allen Stufen, Transporte rund um die Erde, von der Bauxitmine zum Tonerdewerk, zum Hüttenwerk und von dort ins Walzwerk, die Gießerei und die Endverarbeitung. Das größte Problem ist jedoch der enorme Energieverbrauch im Hüttenwerk, wo aus der Zwischenstufe Aluminiumoxid (Tonerde) auf elektrolytischem Wege das reine Metall gewonnen wird. Pro Tonne Aluminium werden 13.500 Kilowattstunden gebraucht.

Ist Wasserkraft die Lösung?
Die Aluminiumindustrie tut viel, um ihr schlechtes Umweltimage zu verbessern. So betont sie, dass 60% des Stroms aus Wasserkraft erzeugt werden. Was das bedeuten kann, zeigt aktuell das heftig umstrittene Kârahnjôkar-Projekt auf Island. Dort soll inmitten unberührter Landschaft ein Fluss zu einem riesigen Wasserkraftwerk ausgebaut werden, um ausschließlich Strom für eine amerikanische Aluminiumhütte zu liefern. In Brasilien wurden in der Sierra dos Carajas für den Bau eines Stausees 10.000 Indianer zwangsumgesiedelt.

Die Industrie weist auch auf die großen Fortschritte bei der Filtertechnik und den Aufarbeitungsmethoden hin. Das gilt aber vor allem für die Betriebe in den Industrieländern, während in Entwicklungs- und Schwellenländern, vor allem beim Bauxitabbau und der Tonerdeherstellung, teilweise noch schlimme Umwelt- und Arbeitsbedingungen herrschen.

Energie sparen durch Energiefresser
Die Autoindustrie verwendet zunehmend Aluminium, um die Fahrzeuge leichter zu machen und den Kraftstoffverbrauch zu senken. Die Ökobilanz verbessert das allerdings nicht, wenn man den Energieverbrauch bei der Herstellung der Alu-Teile einrechnet.

Ein Argument, das für Aluminium spricht, ist die hohe Recyclingquote. Im Bausektor wird das Material schon zu 85 bis fast 100 Prozent wiederverwertet. Zwar entstehen beim Einschmelzen im Drehtrommelofen auch gasförmige Schadstoffe, darunter Dioxine und eine giftige Salzschlacke. Insgesamt sind die Emissionen und der Energieverbrauch jedoch wesentlich geringer als beim Primäraluminium.

Fast alle denkbaren Vorteile gehen jedoch verloren, wenn Aluminium zu kurzlebigen Wegwerfartikeln verarbeitet wird. Kleine zerknüllte Folienteile und Verbundstoffe lassen sich schlecht wiederverwerten. Der Aufwand bei der Herstellung steht in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen. Im Alltag können wir diesen Produkten kaum entgehen. Mehrwegflaschen haben Alu-Deckel, und selbst Kartonverpackungen für Bio-Milch sind manchmal mit Alufolie verschlossen. Aber es bleibt noch viel Überflüssiges, auf das wir bei einigem Nachdenken gut verzichten können.

Es gibt ein Leben ohne Alufolie.

Marianne Weno

Juni 2003: Wildwest am Teltowkanal

Juni 2003: Wildwest am Teltowkanal

Wildwest am Teltowkanal

Stadtflüchtige Berliner, die im Umland Ruhe und Natur gesucht haben, können fatale Überraschungen erleben. Weil so viele Leute auf die gleiche Idee gekommen sind, breitet die Stadt ihre Krakenarme aus und verschlingt unaufhaltsam das Grün. Der wenig appetitliche Name „Speckgürtel“ trifft es genau: Gewinnstreben von Investoren, oft gefördert durch ehrgeizige Kommunalpolitiker, hebelt immer wieder die vernünftigen Grundsätze der „Gemeinsamen Landesplanung“ aus und verschandelt die Landschaften. Wohin man sieht, Baumärkte, hässlich hingeklotzte Wohnblocks zwischen Feldern, isolierte, monotone Einfamilienhaussiedlungen – nichts wird ausgelassen, was das Wohnen im „engeren Verflechtungsraum“ vielfach so trist macht.

Ein Fall besonderer Art spielt sich jetzt im Südwesten ab. Kleinmachnow ist immer noch einer der schönsten Vororte Berlins, obwohl es auch hier schlimme Bausünden gegeben hat. Die Lage am Teltowkanal, der sich zum Machnower See erweitert, das viele Grün der Wälder und Gärten und die lockere Bebauung machen den Reiz des Ortes aus.
Das Besondere an der Geschichte liegt darin, dass die Gemeindevertretung ihr Grün schützen will und dabei einen mächtigen Konzern zum Gegner hat, der versucht, mit einem zweifelhaften Trick seine Pläne durchzusetzen.

Worum geht es?
Der Seeberg mit der Hakeburg ist das Kernstück des grünen Kleinmachnow und ein beliebtes Wander- und Erholungsgebiet. Die Anhöhe ist bedeckt mit einem wertvollen, abwechslungsreichen Mischwald, mit Bäumen aller Altersstufen. In alten Eichen und Kiefern brüten zahlreiche Vogelarten. Der Boden ist großflächig mit Blütenpflanzen wie Maiglöckchen und Sternmiere bedeckt. Dazwischen liegt eine Wiese, auf der Sommerkonzerte stattfinden. Verstreute Bauwerke, zum Teil unter Denkmalschutz, stören die Idylle nicht allzu sehr. 

Schöner Wohnen statt Wald
Leider gehört der größte Teil des Geländes der Telekom als Nachfolgerin der ehemaligen Reichspost. Diese hatte in den Gebäuden, die heute noch vorhanden sind, eine Versuchsanstalt betrieben. Daher ist der Bereich im Flächennutzungsplan als „Sondergebiet Bildung und Forschung“ ausgewiesen. Das bedeutet: Wohnbebauung ist ausgeschlossen. Etwa die Hälfte der Fläche ist Landschaftsschutzgebiet. 1999 hatte die Telekom schon einmal versucht ein großes Bauprojekt durchzusetzen. Sie wollte Gebäude für Forschung und Verwaltung mit 2000 Mitarbeitern errichten. Die Gemeindevertretung sagte nein, weil sie Schaden für das Landschaftsbild und starke Verkehrsströme befürchtete.

Damals verpachtete die Telekom zunächst einen Teil des Geländes und der Gebäude an zwei Schulen: eine Waldorfschule mit Kindergarten und die Berlin-Brandenburg International School. Sie arbeiten dort erfolgreich in der reizvollen Umgebung und haben bereits viel Geld in Umbauten und Gartenanlagen investiert. Allein in der Waldorfschule lernen über 300 Schüler. Eine baureife Planung für einen Campus im Grünen wurde erarbeitet. Die Gemeindevertretung unterstützt das Konzept.

Wenn die Telekom nicht andere Pläne hätte. Sie möchte rings um die Schulen 10 Hektar Wald abholzen lassen, die Hälfte davon Landschaftsschutzgebiet, um dort 60 Einfamilienhäuser auf großen Grundstücken zu bauen. Zu diesem Zweck hat sie das Planungsbüro Nalbach beauftragt, das Konzept der Schulen mit dem einer solchen Wohnbebauung zu kombinieren. Der Plan liegt inzwischen vor. Die Telekom will also bauen, gegen das Votum der gewählten Gemeindevertreter und gegen den Flächennutzungsplan.

Im Rechtsstaat unmöglich?
Im Pachtvertrag mit den Schulen gibt es allerdings eine Klausel, die besagt, dass die Einrichtungen nur dann weiter bestehen können, wenn der Flächennutzungsplan geändert und die Wohnbebauung genehmigt wird. Wie nennt man so etwas?
Der Gedanke liegt nahe, dass die Telekom ihre offensichtlich zu hoch bewerteten Immobilien auf diesem Wege aufwerten will. Oberflächlich betrachtet scheint der Konzern am längeren Hebel zu sitzen. Was wird aus den Schulen, wenn sie, wie angedroht, zum Jahresende die Kündigung erhalten? Und wie könnte, wie müsste die Gemeinde darauf reagieren? Sehr fraglich ist jedoch, ob die Kündigungsklausel rechtswirksam ist, da die Betroffenen keinen Einfluss auf die Planungen der Gemeinde haben. Ist es denkbar, dass sich in einem derartigen Konflikt durchsetzt, wer die besten Tricks kennt? Und wie nennt man es, wenn jemand auf solche Weise seine Interessen durchzusetzen versucht?

In jedem Fall heißt es für Schüler und Eltern, für Umweltschützer und alle Gegner des Projektes: gemeinsam Druck machen!

Marianne Weno

Mai 2003: Von Füchsen und Menschen

Mai 2003: Von Füchsen und Menschen

Von Füchsen und Menschen

Die Frau besteht darauf: sie habe im Wald einen Wolf getroffen. Der Förster müsse ihn sofort abschießen. Sie beschreibt ihn: rötliches Fell, buschiger Schwanz. Der Wolf war ein Fuchs. Der Förster erzählt von einer wahren Hysterie bei Anrufern, die einen Fuchs im Garten haben oder ihm irgendwo begegnet sind. Die Geschichten zeigen: Es gibt Urängste vor „gefährlichen“ Tieren, die man aus Märchen, Fabeln und Kinderliedern kennt, und es gibt Konflikte zwischen Stadtbewohnern und Wildtieren, die zum großen Teil auf Unwissenheit beruhen.

Seit Jahren ist bekannt, dass es in der Großstadt mehr Tier- und Pflanzenarten gibt als in der Kulturlandschaft des Umlandes, darunter auch etliche Rote-Liste-Arten. „Öko-Optimisten“ nehmen das als Zeichen dafür, dass es um die Natur doch noch recht gut bestellt ist. Sie berufen sich unter anderen auf den angesehenen Biologen Josef H. Reichholf, der schreibt, es gäbe im ehemaligen West-Berlin 120 Brutvogelarten, darunter vom bedrohten Pirol 100-150 Paare und der ebenfalls selten gewordenen Haubenlerche 90-130 Paare. Laut Reichholf beherbergt Berlin auch rund 50 Säugetierarten, 11 Lurcharten und ein Drittel aller Kriechtierarten. Aber Schlagzeilen machen natürlich nur die wenigen Mitbewohner, die lästig werden können, wie Wildschweine, Steinmarder und in letzter Zeit vor allem der Fuchs.

Aus dem Umland vertrieben
Diejenigen, die meinen, diese Vielfalt zeige, dass alles in bester Ordnung sei, erwähnen allerdings nicht die Gründe dafür, dass sich immer mehr Wildtiere in die Stadt zurückziehen. Reichholf beschreibt, wie die Kulturlandschaft in unserem dicht besiedelten Land ist immer lebensfeindlicher und artenärmer geworden ist. Flurbereinigung und Überdüngung sind die Hauptursachen. Nicht nur die Landwirtschaft ist dafür verantwortlich, sondern auch der Autoverkehr. Artenvielfalt bei Pflanzen und in der Folge auch bei Tieren gibt es nur auf mageren Böden. Wenn zum Beispiel die Futterpflanzen für Raupen fehlen, verschwinden die Schmetterlinge. Nur jene Arten, die von stickstoffliebenden Pflanzen wie Brennnesseln leben, können sich halten. Wird die Nahrungskette an einer Stelle unterbrochen, dann gehen auf allen Stufen die Arten zurück. Hinzu kommt, dass sich durch Überdüngung die Landschaft verändert. Pflanzen wachsen früher und höher auf. Das wirkt sich auf Bodentemperatur und Feuchtigkeit aus. Vielen Tieren fehlen Verstecke, Nistplätze und der Zugang zur Nahrung.
Berlin, immer als Paradebeispiel der städtischen Artenvielfalt genannt, hat freilich einen größeren Anteil an Grünflächen, Wald und Wasser als andere Metropolen. Die meisten Vögel brüten in Wäldern und Parks, auf Friedhöfen und Brachflächen. Dort tummeln sich Kaninchen, Füchse und andere Säugetiere. Aber auch die eigentliche, dicht bebaute Innenstadt bietet immer noch Rückzugsmöglichkeiten für allerlei Getier. Die Theorie von der „ökologischen Nische“, die jede Art braucht, um zu existieren, stimmt so offenbar nicht. Die Arten können sich durchaus an neue Lebensräume anpassen. Nicht nur die sogenannten „Kulturfolger“ finden sich problemlos in menschlichen Ansiedlungen zurecht. Die meisten Fischadler in Mecklenburg-Vorpommern brüten heute erfolgreich auf Hochspannungsmasten.

Ein reich gedeckter Tisch
Der große Vorteil, den die Stadt den Wildtieren bietet, ist der Überfluss an Nahrung. Mülltonnen, Überreste an Imbissbuden und Märkten, weggeworfene Schulbrote und Komposthaufen in Kleingärten sorgen dafür, dass kein Tier verhungern muss. Und dann gibt es noch die „Tierfreunde“, die Tauben, Enten und manchmal auch Wildschweine füttern. Weil es reichlich Mäuse, Ratten, und Tauben gibt, finden auch Greifvögel, Füchse und Marder alles, was sie zum guten Leben brauchen. Zurück zum Fuchs, vor dem sich viele Menschen fürchten. Die Tollwut ist bei uns durch jahrelange Köderimpfung praktisch ausgerottet, und der Fuchsbandwurm kommt in unseren Breiten kaum vor. Der Fuchs beißt keine Kinder und greift keine Hunde und Katzen an. Er macht sich vielmehr nützlich, indem er dafür sorgt, dass Mäuse, Ratten und Kaninchen nicht überhand nehmen.

Ein Problem besonderer Art sind die Wildschweine, die sich in den Berliner Wäldern sehr stark vermehren. Wird dort die Nahrung knapp, dann wandern sie in das Stadtgebiet, wo sie oft Verkehrsstaus verursachen. Zwar sind sie fast immer friedlich und zutraulich, aber sie machen viel Ärger, wenn sie die liebevoll gepflegten Gärten umgraben. Dagegen hilft nur ein stabiler Zaun.
Die Artenvielfalt in der Stadt hat ihre Licht- und Schattenseiten. Sie zeigt uns, wie sehr die ländlichen Ökosysteme gestört sind, und sie irritiert mitunter die naturentwöhnten Stadtmenschen. Aber nachdem wir die Lebensräume im Umland ruiniert haben, müssen wir Tieren und Pflanzen in unserer Nähe eine Überlebenschance lassen. Die Freude an überraschenden Naturerlebnissen, die man mitten im Häusermeer nicht erwartet hätte, könnte größer sein als gelegentlicher Ärger.

Marianne Weno

Literatur:

  • Josef H. Reichholf: „Comeback der Biber“, Ökologische Überraschungen, dtv-Taschenbuch
  • Ratgeber für den Umgang mit Wildtieren: „Wildtiere in Not“, Stiftung Naturschutz Berlin (Hrsg.)
  • „Wildtiere im Stadtgebiet“, Broschüre der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie

April 2003: Frösche in Zeiten des Krieges

April 2003: Frösche in Zeiten des Krieges

Frösche in Zeiten des Krieges

Worüber kann man noch schreiben, wenn Bomben fallen und Ölquellen brennen? Über Krötentunnel, Mauersegler-Kästen oder Seeadler, die an der Bahntrasse brüten? Oder vielleicht eher über die Frage, ob der Mensch selbst, weil es ihm so sehr an Vernunft mangelt, ganz oben auf die Rote Liste gehört? Sicher, es fällt schwer, sich in dieser Situation über totgefahrene Frösche zu erregen. Und dennoch ... Wir wissen längst, dass wir alle an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Wir versuchen, mehr oder weniger konsequent, etwas weniger parasitär zu leben. „Nachhaltig“ ist das alles nicht, auch wenn das Wort längst so häufig wie nichtssagend gebraucht wird. Dafür versuchen wir im Kleinen, in unserer näheren Umgebung, die Reste von Natur, die uns geblieben sind, zu erhalten. Ist das falsch? Es ist falsch, wenn wir meinen, wir könnten uns darauf ausruhen. Es ist richtig, wenn das Engagement aus dem Bewusstsein kommt, dass wir ohne die Natur allenfalls vegetieren können.

Die Zukunft – eine Kunstwelt?
Immer wieder tauchen Vorstellungen auf, nicht nur bei Science-Fiction-Autoren, wir könnten irgendwann, wenn die Erde nicht mehr bewohnbar ist, in den Weltraum ausweichen, in einem geschlossenen, autarken System, wie es einmal in dem Projekt „Biosphere 2000“ vorgedacht war. Das hat nicht funktioniert, aber eines Tages könnten die Fehler vielleicht behoben sein. Oder wir könnten in den Megastädten der Zukunft, die dann die ganze Erdoberfläche überziehen, ohne Tiere und Pflanzen leben und unsere Nahrungsmittel auf nanotechnischem Wege herstellen. Schon heute lässt sich der Duft von Kiefernnadeln, der Geschmack von Erdbeeren, lassen sich praktisch alle Aromen künstlich herstellen. Durch technische Tricks können in den Medien längst ausgestorbene Tiere täuschend „lebendig“ wieder auferstehen. Unsere Naturerlebnisse beziehen wir ohnehin zum größten Teil aus dem Fernsehen. Denkbar ist vieles, aber möchten wir so leben? Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson* spricht vom „Zeitalter der Einsamkeit“, das die Menschheit erwartet, wenn sie ihre Naturschätze zerstört. Noch gibt es „Hotspots“ der biologischen Vielfalt auf der Erde, Gebiete, in denen die Natur halbwegs intakt ist. Und es gibt immer mehr Menschen, denen die drohenden Verluste bewusst werden. In den USA, die gern und meist zu Recht als die großen Umweltignoranten gelten, gibt es private Organisationen wie den TMC (The Nature Conservancy), die mit Erfolg im großen Stil Geld sammeln, um bedrohte Gebiete aufzukaufen und zu schützen. Wilson erzählt von der Surinam-Initiative, der es auf diese Weise gelang, 1,6 Millionen Hektar Regenwald im ehemaligen Niederländisch-Guyana zu schützen.

Erfolge und Desaster
Unberührte Landstriche mit ursprünglicher Artenvielfalt gibt es in unserem dicht besiedelten Land nicht mehr. Seltene, relativ intakte Biotope gibt es noch, vor allem in den neuen Bundesländern, aber sie werden nach wie vor wirtschaftlichen Interessen geopfert. Man denke nur an das Desaster mit dem „Mühlenberger Loch“ oder die Zerstörung der Auwälder durch den Ausbau der Flüsse. Andererseits gibt es auch Erfolge der Naturschützer, die zeigen, dass sich das Bewusstsein allmählich verändert. Wenn die Bauarbeiten an der Bahnstrecke Hamburg-Berlin für Monate unterbrochen werden, um ein brütendes Seeadlerpaar nicht zu stören, dann ist das ein Hoffnungszeichen. Auch in Zeiten des Krieges.

Marianne Weno 

* Edward O. Wilson: Die Zukunft des Lebens. Siedler Verlag, 2002

März 2003: Teufel auf dem Berg

März 2003: Teufel auf dem Berg

Teufel auf dem Berg

Ein skandalöses Projekt wird durch langes Lagern nicht besser. 1997 fing der Ärger um eine Bebauung auf dem Teufelsberg an. Die Große Koalition hatte unter Federführung von Bausenator Klemann (CDU) das 5 Hektar große Gelände um die ehemalige Radarstation weit unter Wert an einen Investor verkauft, der dort eine Siedlung mit Hotel, Restaurant, Museum, Tagungszentrum und exklusiven Wohnungen errichten wollte. Berliner, die den Teufelsberg als beliebtes Ausflugsziel schätzen, gerieten in Aufruhr. Umweltschützer, Sportverbände, Gewerkschaften und Anwohnerinitiativen bildeten ein „Aktionsbündnis Teufelsberg“. Es gab Demonstrationen und 3000 Einwände gegen den „Vorhaben- und Erschließungsplan“, die in einer dicken Broschüre alle systematisch „widerlegt“ wurden. Der Vorgang zeigte exemplarisch, wie Bürgerbeteiligung zur Farce gemacht werden kann.

Gegen alle Widerstände
Rätselhaft bleibt bis heute, warum der Senat sich damals über alle rechtlichen Vorgaben hinwegsetzte, um ein derart fragwürdiges Projekt durchzupeitschen. So hieß es, die Fläche sei kein Wald, weil dort keine Bäume stünden. Nach dem Landeswaldgesetz gehören jedoch zum Wald auch Flächen, die keine Bäume tragen, wenn sie in einem geschlossenen Waldgebiet liegen. Nach dem Dauerwaldvertrag von 1915 sollte der ganze Grunewald als Erholungsgebiet unangetastet bleiben. Im Flächennutzungsplan von 1994 ist das Areal als „Sondernutzung Kultur mit hohem Grünanteil“ ausgewiesen. Darunter könnte man sich etwa eine Aussichtsplattform, ein Waldrestaurant oder ein kleines Museum vorstellen. Dieser Plan wurde einfach formlos „berichtigt“. Dem eigentlich zuständigen Bezirk Wilmersdorf, der das Projekt ablehnte, wurde die Entscheidungskompetenz entzogen. Die „Gemeinsame Landesplanung“ von Berlin und Brandenburg hatte im Landesentwicklungsplan festgelegt: „Die Verfestigung, Erweiterung und Entstehung von Splittersiedlungen ist zu vermeiden.“ Auch dieses selbstgestellte, sinnvolle Prinzip wurde hier vom Tisch gewischt.

Kein Geld und neue Pläne
Inzwischen sind mehr als fünf Jahre vergangen, und auf dem Teufelsberg tut sich – nichts. Ein paar eher symbolische Arbeiten haben stattgefunden, um den Baubeginn zu markieren, aber das ganze Projekt ist ein Luftschloss geblieben. Jetzt möchte der Investor anstelle des Hotel- und Tagungszentrums dort ein reines Luxus-Wohngebiet errichten. Er ist jedoch hoch verschuldet, wahrscheinlich kurz vor dem Konkurs, und auf dem Gelände liegen Hypotheken in zweistelliger Millionenhöhe. Das Gerücht kursiert, sie seien im Zusammenhang mit den Garantiefonds der Berliner Bank zu sehen. Das könnte erklären, warum der Senat immer noch zögert, den Kaufvertrag über das Gelände rückgängig zu machen. Nach dem Vertrag wäre das möglich.

Aus für das Waldgebiet
Würde das Projekt in der einen oder anderen Form doch noch verwirklicht, dann bedeutete dies die Zerstörung einer beliebten Erholungslandschaft, nicht nur auf der Kuppe des Berges. Allein die Bauarbeiten würden große Schäden anrichten. Baumaterialien und Schuttmassen müssten transportiert, Leitungen durch den Wald gezogen, Baumwurzeln abgehackt werden. Mitten im Wald würde ein Stadtquartier entstehen, mit dem unvermeidlichen Autoverkehr auf der steilen Auffahrtstraße. Im Winter müsste dort wahrscheinlich Salz gestreut werden, das dann in den Teufelssee fließen würde. Bewohner würden auf den erosionsgefährdeten Hängen umherstreifen, ihre Hunde laufen lassen und die Wildtiere vertreiben. Vor allem aber würde der nördliche Grunewald seinen Charakter als geschlossenes Waldgebiet verlieren.

Die Gegner müssen aufwachen
Umweltschützer haben schon oft erfahren, dass Geldmangel ein Segen sein kann, wenn er naturzerstörende Projekte verhindert. Auf dem Teufelsberg besteht die Chance, eine groteske Fehlentscheidung auf Kosten der Berliner Wald- und Seenlandschaft rückgängig zu machen. Unter den Abgeordneten sind die Meinungen geteilt. Die CDU möchte an der ursprünglichen Planung festhalten, die FDP will ein neues Bieterverfahren. Bündnis 90/Die Grünen lehnt jede Bebauung ab. Die rot-rote Koalition lässt erst einmal alles offen und will prüfen, prüfen, prüfen ... In dieser Situation kommt es darauf an, den eingeschlafenen Widerstand der Umweltverbände und Bürgerinitiativen wieder zum Leben zu erwecken. Vielleicht fehlt nur noch ein letzter Anstoß durch massive Proteste, um den Senat zu einem Schlussstrich zu bewegen.

Marianne Weno

Februar 2003: Krieg gegen die Umwelt

Februar 2003: Krieg gegen die Umwelt

Krieg gegen die Umwelt

Stellen wir uns einmal vor, das Rhein-Main-Gebiet mit Biblis und Hoechst würde bombardiert. Die Folgen kann sich jeder ausmalen. In Serbien wurden durch die Angriffe auf Industriestandorte ganze Regionen durch Giftschwaden verseucht. Giftstoffe flossen in die Donau und bis ins Schwarze Meer. In Vietnam leidet heute noch rund eine Million Menschen an den Folgen der Entlaubungsaktion mit Agent Orange.

Wenn das Öl brennt
Brennende Ölanlagen setzen große Mengen an Schwermetallen, polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAKs) und anderen Giftstoffen frei. Als Saddam Hussein im vorigen Golfkrieg die kuwaitischen Ölfelder anzünden ließ, gelangten diese Stoffe in den Boden, ins Meer und schließlich in die Nahrungskette. Trotz dieser Erfahrung wurde später die jugoslawische Ölindustrie zum bevorzugten Angriffsziel.
Im Golfkrieg hatten die USA panzerbrechende Munition mit einem Mantel aus „abgereichertem Uran“ (DU) verwendet. Die Atomenergiekommission sagte damals voraus, nach dem Einsatz von 50 Tonnen DU würde eine halbe Million Menschen an Krebs sterben. Die britische Zeitung „The Guardian“ schrieb im April 1999, die Nato-Staaten führten „aller Wahrscheinlichkeit nach einen heimlichen, unerklärten Nuklearkrieg“. Tatsächlich gibt es schon jetzt im Süden des Irak mehr Krebsfälle denn je.

Über alle Grenzen
Über die möglichen politischen Folgen eines neuen Golfkrieges wird viel diskutiert, über die Opfer auf beiden Seiten schon weniger. Fast ganz ausgeblendet wird, was ein moderner High-Tech-Krieg in der Umwelt anrichtet. Dabei gehen die Folgen weit über die eigentliche Kriegszeit hinaus. Nicht nur die jetzt Lebenden werden bekämpft, sondern zunehmend auch die noch nicht Geborenen. Und die Schäden überschreiten die Grenzen der beteiligten Staaten. Nach dem Bosnienkrieg wurden in Griechenland erhöhte Dioxin- und Furanwerte gemessen. Die Klimaauswirkungen betreffen alle Länder. 

Katastrophengesellschaft
Eine einzige konventionelle Bombe kann heute einen „Gaskrieg“ oder sogar einen atomaren GAU auslösen, wenn sie eine Chemiefabrik oder eine Atomanlage trifft. Besonders gefährlich wird es, wenn Werke der Chlorchemie getroffen werden, die Dioxine und Furane freisetzen. Alle Industrieländer, auch Deutschland, stehen voll solcher „Zeitbomben“. Selbst scheinbar harmlose Stoffe können im Feuer zu gefährlichen Giften werden. Das zeigen Brände von Gebäuden, in denen PVC verbaut wurde.

In einem internen Papier des Umweltbundesamtes (UBA) von 1999, das die TAZ veröffentlichte, hieß es: „Mit Sicherheit geht von den in Folge der Zerstörung von Industriestandorten entstandenen Altlasten eine weit über das Kriegsende hinausreichende Gefährdung der Menschen in den betroffenen Regionen aus“. Das könnte dazu führen, so die Behörde, „dass eine zivile Nutzung weiter Teile dieser Regionen wegen der Kontaminationen von Boden, Grund- und Oberflächenwasser nicht möglich sein wird“. Die Risikogesellschaft, in der wir leben, wird im Konfliktfall schnell zur Katastrophengesellschaft.

Klimaschutz – Nebensache
Kriege sind immer eine Zumutung für die Vernunft, weil sie Regeln und Vereinbarungen der Zivilisation außer Kraft setzen. Schon bevor der Krieg beginnt, ist der Klimaschutz zum kleinen Randproblem geworden. Wir kaufen Energiesparlampen und fragen uns, ob wir uns einen Ferienflug nach Mallorca noch leisten dürfen, aber selbst in den Medien ist kaum die Rede davon, wie viel Kohlendioxid der Transport von Hunderttausenden Soldaten samt Gerät an den Golf schon vor Kriegsausbruch produziert, von späteren Bombereinsätzen und Großbränden ganz zu schweigen. Kriege sind eigentlich unmöglich geworden. Aber sie finden immer noch statt.

Marianne Weno

Januar 2003: Wo bleibt die Lebensqualität?

Januar 2003: Wo bleibt die Lebensqualität?

Wo bleibt die Lebensqualität?

Droht uns jetzt der Rückfall, nicht gerade ins Mittelalter, aber doch in finstere Nachkriegszeiten, als es noch kein Dosenbier gab? Ältere werden sich erinnern, dass sie als Kinder zum Bierholen mit einer großen Kanne in die Kneipe geschickt wurden. Später kam die Mehrweg-Glasflasche und dann, als Krönung des Fortschritts, die bequeme und vielseitige Dose. Sogar Berliner Luft als Souvenir ließ sich darin verpacken. Als erste Zweifel am ökologischen Sinn des Undings aufkamen, ließ sich die Werbewirtschaft die Kampagne „Ich war eine Dose“ einfallen. „Wunderbar", sollten wir denken, „wenn aus den wiederverwerteten Blechbüchsen so hübsche bunte Spielsachen werden, dann kann ich sie ja beruhigt weiter kaufen“.

Symbol der Verschwendungswirtschaft
Glaubt man den Medien, dann regt zurzeit kaum ein Thema die Menschen so auf wie das Dosenpfand. „Auf alles Mögliche sollen die Deutschen im neuen Jahr verzichten. Und jetzt auch noch auf die Dose?“ wehklagt der Tagesspiegel, weil Aldi und Lidl die neuerdings ungeliebten Dinger aus den Regalen nehmen. Offenbar gibt es ziemlich viele Leute, die meinen, ein Stück Lebensqualität einzubüßen, wenn sie eines der dümmsten und überflüssigsten Produkte der Wegwerfgesellschaft nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen kaufen können. Ein Produkt, das teurer ist als sein Inhalt, und das unter großem Rohstoff- und Energieaufwand einzig zu dem Zweck hergestellt wird, um aus dem Laden nach Hause oder in die Landschaft getragen, leer getrunken und dort weggeworfen zu werden.

Woraus das Unding besteht
In den meisten Fällen aus Weißblech, das heißt, verzinntem Stahlblech, mit einem Deckel aus Aluminium. Stahlblech entsteht aus Eisenerz, das im Hochofen zu Roheisen, im Stahlwerk zu Stahl und im Walzwerk zu Blech verarbeitet wird. Auf allen Stufen wird sehr viel Energie verbraucht.
Zinn ist ein kostbarer Rohstoff, denn die Vorräte auf der Erde sind begrenzt. Sie werden allenfalls noch einige Jahrzehnte reichen.

Aluminium wird unter großem Energieaufwand und Schadstoffausstoß aus Bauxit gewonnen. Der Abbau geht mit enormen Umweltschäden und Zwangsumsiedlungen einher. Auch die Verhüttung findet meist da statt, wo die Umweltauflagen gering sind.
Getränkedosen werden zweimal lackiert, einmal zum Schutz gegen Korrosion und einmal mit dem bunten Aufdruck. Viele Arbeitsgänge also bis zum Füllen, Kaufen und Wegwerfen.
Beim Recycling gelangen viele Schadstoffe in die Umwelt, und am Ende entsteht ein minderwertiges, weil vielfach verunreinigtes Material, das allenfalls zu Baustahl verarbeitet werden kann. Die bunte Blechschildkröte war ein Phantasieprodukt aus der Werbeküche.

Tote Dose?
Ein Vorteil der neuen Verordnung steht schon fest: Aus der Landschaft wird das Blech weitgehend verschwinden. Aber wird auch der Anteil der Dosen am Markt zurückgehen? Sollte der Boykott der Discounter Bestand haben, dann könnte es sein, dass die Dosen insgesamt teurer werden und hauptsächlich noch in Fußballstadien verkauft werden. Es kann aber auch so gehen wie in Schweden, wo die Händler sich ganz auf Rücknahmesysteme für Dosen und Pet-Flaschen eingestellt haben und kaum noch Mehrweg-Glasflaschen verkauft werden.
Alles hängt von den Verbrauchern ab. Wenn sie entdecken, dass es auch ohne Coladose nicht wie auf einem Schwarzwaldhof vor hundert Jahren zugeht, und dass man Bier auch aus der Flasche trinken kann, dann könnte Rückschritt diesmal ein Fortschritt sein.

Marianne Weno