Eine „grande dame“ verlässt die Bühne

Marianne Weno, Träger des Berliner Naturschutzpreises 1997, ist verstorben


Mit Marianne Weno verlässt eine leidenschaftliche, unabhängige und liebenswerte Umwelt- und Naturschützerin die gesellschaftspolitische Bühne. Wir werden ihren wachen Verstand und ihren nachdenklichen Optimismus sehr vermissen. 

Eine Auswahl der besten Kolumnen von Marianne Weno der letzten 10 Jahre haben wir hier für Sie zusammengestellt.

September 2002: Flüsse in der Zwangsjacke

September 2002: Flüsse in der Zwangsjacke

Flüsse in der Zwangsjacke

Es gibt staatliche Projekte, die so erkennbar unsinnig sind, dass einem allein der gesunde Menschenverstand sagt: was da versprochen wird, kann nicht funktionieren. Deshalb bestellen die Verantwortlichen Gutachten, die für viel Geld die Vorzüge der Planung beweisen und die Naturzerstörung durch das Projekt klein rechnen sollen. Gegengutachten, die zu anderen Ergebnissen kommen, werden möglichst ignoriert. Indessen läuft die Planung munter weiter, erste Abschnitte werden realisiert, und je mehr investiert worden ist, umso weniger ist die Politik bereit, das Ganze zu stoppen. Da hilft dann auch kein Regierungswechsel mehr, die Gigantomanie ist zum Selbstläufer geworden, Einzelinteressen werden zuverlässig bedient. Drei Beispiele unter vielen: der Rhein-Main-Donau-Kanal, den der ehemalige Verkehrsminister Volker Hauff „das dümmste Bauwerk seit dem Turmbau zu Babel“ nannte, der Transrapid Berlin-Hamburg und die Airbus-Baustelle, für die das einzigartige Süßwasserwatt Mühlenberger Loch ruiniert wurde.

Stopp oder Flop?

Am Ende gibt es drei Möglichkeiten: Entweder das Projekt wird realisiert, zerstört Natur und Landschaft und erweist sich als Flop, über den man besser nicht mehr redet, so beim Rhein-Main-Donau-Kanal. Oder ein Mensch mit wirtschaftlichem Sachverstand hat zufällig die Macht, einzugreifen und den Plan vom Tisch zu fegen, wie beim Transrapid geschehen. Oder ein großes Desaster bestätigt die Befürchtungen der Kritiker und bringt die Verantwortlichen – vielleicht – zum Nachdenken.

So könnte es mit dem absurden Vorhaben „Projekt 17 Deutsche Einheit“ gehen, dem geplanten Ausbau von Elbe und Havel zur „Wasserautobahn“ für große Schiffe und Schubverbände. Es war nach der Wende vom damaligen Verkehrsminister Krause in die Welt gesetzt und seitdem von all seinen Nachfolgern weiter betrieben worden, obwohl offenkundig ist, dass es sich niemals rechnen kann, dafür aber die letzten naturnahen Flussabschnitte, die artenreichen Auwälder und Feuchtgebiete zerstört und, wie man jetzt gesehen hat, ein Hochwasser zur Sintflut machen kann.

Nachdenken, Umdenken – kein Gedanke?

Angesichts der Todesopfer und der enormen Schäden verbietet es sich, von einer „guten Seite“ der Katastrophe zu sprechen. Aber zu hoffen ist doch, dass sich jetzt in den Köpfen etwas bewegt, und sei es nur die einfache Rechnung, dass der wirtschaftliche Schaden eines Hochwassers von diesem Ausmaß größer ist als jeder denkbare Nutzen des Projekts. Wer heute, noch bevor das Wasser abgelaufen ist, erklärt, der Elbeausbau werde fortgeführt wie geplant, muss sich fragen lassen, wo er seine Maßstäbe hernimmt. Wenige Tage später klangen die Aussagen aus dem zuständigen Ministerium dann schon auch etwas anders: alles werde geprüft ...

Über den Tisch gezogen

1996 war zwischen dem damaligen Bundesverkehrsminister Wissmann und den Vorsitzenden der Umweltverbände NABU, BUND und WWF eine „Elbeerklärung“ vereinbart worden, die man allerdings unter den Ausbaugegnern an der Basis der Verbände mit größter Skepsis betrachtete. Danach sollte der Elbe-Seitenkanal „ertüchtigt“ werden, um die Untere Elbe mittelfristig von den großen Schiffen zu entlasten. Die Elbe selbst würde nicht mehr ausgebaut werden, dort sollten nur noch „Instandhaltungsmaßnahmen“ stattfinden. Inzwischen ist doch wieder die Rede vom „Ausbau", der die Schifffahrt auf der Elbe sicherstellen soll. Das heißt, es werden weiter die Ufer befestigt und die Buhnen erneuert und verlegt, alles mit dem Ziel, die Fahrrinne zu vertiefen. Das führt dazu, dass das Wasser schneller abfließt und bei Niedrigwasser die Auwälder und Feuchtgebiete austrocknen, während bei Hochwasser die Überschwemmungsgefahr in den Ortschaften am Fluss zunimmt.

Normalfall Jahrhundertflut?

1992 waren vier Milliarden für das Projekt 17 veranschlagt, inzwischen dürften es einige mehr geworden sein. Würde man sie heute für die Renaturierung der Flüsse, für Entsiegelung und Überflutungsflächen verwenden, dann würden Steuergelder einmal für einen natur- und menschenfreundlichen Zweck statt für ein sinnloses Prestigeprojekt genutzt. Obendrein könnten die Wasserbaubehörden hier ein nützliches Tätigkeitsfeld finden, statt wie bisher um das Projekt 17 zu kämpfen, weil sie an den letzten, noch nicht ganz kanalisierten und regulierten Flüssen ihre Existenzberechtigung nachweisen möchten. Im Februar 1995, nach dem großen Rhein-Hochwasser, schrieb Wolfgang Blum in der Zeit: „Sterbende Wälder, eingedeichte Flüsse, versiegelte Böden – wenn der Mensch nicht aufhört, seine Umwelt zu vergewaltigen, werden Jahrhunderthochwasser zum Normalfall ... Wasserbauer und Meteorologen denken seit Jahren bereits an ein Schreckensszenario, neben dem die derzeitige Überschwemmung wie eine Pfütze wirkt ...“ 2002 ist daraus Realität geworden.

Marianne Weno

Mehr zum Thema:

  • Petschow, U. und Meyerhoff, J.: Ökonomisch-ökologische Bewertung  des Projektes 17 Deutsche Einheit – Der Ausbau der Havel zur Großschifffahrtsstraße. Schriftenreihe des IÖW 63. Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Berlin, 1993
  • Sachverständigenrat für Umweltfragen (Hrsg.): Umweltgutachten 1998. Verlag Metzler-Poeschel. Stuttgart, 1998
  • Umweltbundesamt (Hrsg.): Nachhaltiges Deutschland – Wege zu einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung. Erich Schmidt Verlag, Berlin, 1998

April 2003: Frösche in Zeiten des Krieges

April 2003: Frösche in Zeiten des Krieges

Frösche in Zeiten des Krieges

Worüber kann man noch schreiben, wenn Bomben fallen und Ölquellen brennen? Über Krötentunnel, Mauersegler-Kästen oder Seeadler, die an der Bahntrasse brüten? Oder vielleicht eher über die Frage, ob der Mensch selbst, weil es ihm so sehr an Vernunft mangelt, ganz oben auf die Rote Liste gehört? Sicher, es fällt schwer, sich in dieser Situation über totgefahrene Frösche zu erregen. Und dennoch ... Wir wissen längst, dass wir alle an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Wir versuchen, mehr oder weniger konsequent, etwas weniger parasitär zu leben. „Nachhaltig“ ist das alles nicht, auch wenn das Wort längst so häufig wie nichtssagend gebraucht wird. Dafür versuchen wir im Kleinen, in unserer näheren Umgebung, die Reste von Natur, die uns geblieben sind, zu erhalten. Ist das falsch? Es ist falsch, wenn wir meinen, wir könnten uns darauf ausruhen. Es ist richtig, wenn das Engagement aus dem Bewusstsein kommt, dass wir ohne die Natur allenfalls vegetieren können.

Die Zukunft – eine Kunstwelt?

Immer wieder tauchen Vorstellungen auf, nicht nur bei Science-Fiction-Autoren, wir könnten irgendwann, wenn die Erde nicht mehr bewohnbar ist, in den Weltraum ausweichen, in einem geschlossenen, autarken System, wie es einmal in dem Projekt „Biosphere 2000“ vorgedacht war. Das hat nicht funktioniert, aber eines Tages könnten die Fehler vielleicht behoben sein. Oder wir könnten in den Megastädten der Zukunft, die dann die ganze Erdoberfläche überziehen, ohne Tiere und Pflanzen leben und unsere Nahrungsmittel auf nanotechnischem Wege herstellen. Schon heute lässt sich der Duft von Kiefernnadeln, der Geschmack von Erdbeeren, lassen sich praktisch alle Aromen künstlich herstellen. Durch technische Tricks können in den Medien längst ausgestorbene Tiere täuschend „lebendig“ wieder auferstehen. Unsere Naturerlebnisse beziehen wir ohnehin zum größten Teil aus dem Fernsehen. Denkbar ist vieles, aber möchten wir so leben? Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson* spricht vom „Zeitalter der Einsamkeit“, das die Menschheit erwartet, wenn sie ihre Naturschätze zerstört. Noch gibt es „Hotspots“ der biologischen Vielfalt auf der Erde, Gebiete, in denen die Natur halbwegs intakt ist. Und es gibt immer mehr Menschen, denen die drohenden Verluste bewusst werden. In den USA, die gern und meist zu Recht als die großen Umweltignoranten gelten, gibt es private Organisationen wie den TMC (The Nature Conservancy), die mit Erfolg im großen Stil Geld sammeln, um bedrohte Gebiete aufzukaufen und zu schützen. Wilson erzählt von der Surinam-Initiative, der es auf diese Weise gelang, 1,6 Millionen Hektar Regenwald im ehemaligen Niederländisch-Guyana zu schützen.

Erfolge und Desaster

Unberührte Landstriche mit ursprünglicher Artenvielfalt gibt es in unserem dicht besiedelten Land nicht mehr. Seltene, relativ intakte Biotope gibt es noch, vor allem in den neuen Bundesländern, aber sie werden nach wie vor wirtschaftlichen Interessen geopfert. Man denke nur an das Desaster mit dem „Mühlenberger Loch“ oder die Zerstörung der Auwälder durch den Ausbau der Flüsse. Andererseits gibt es auch Erfolge der Naturschützer, die zeigen, dass sich das Bewusstsein allmählich verändert. Wenn die Bauarbeiten an der Bahnstrecke Hamburg-Berlin für Monate unterbrochen werden, um ein brütendes Seeadlerpaar nicht zu stören, dann ist das ein Hoffnungszeichen. Auch in Zeiten des Krieges.

Marianne Weno

  • Edward O. Wilson: Die Zukunft des Lebens. Siedler Verlag, 2002

April 2004: Schilda in Brandenburg

April 2004: Schilda in Brandenburg

Schilda in Brandenburg

Die Bürger von Schilda bauten ein Rathaus ohne Fenster und versuchten dann, das Licht in Säcken hineinzutragen. Die Schildbürger von heute wollen eine Schleuse bauen, für Schiffe, die fast so real sind wie das Licht in den Säcken. Dass dafür ein wertvoller alter Buchen- und Eichenbestand vernichtet werden soll, stört dabei wenig. Schilda eben.

Das ganze Drama spielt in Kleinmachnow am Teltowkanal. Mit dem überdimensionierten und naturzerstörenden „Projekt 17 Deutsche Einheit“, dem Ausbau der Wasserstraße Hannover-Magdeburg-Berlin, sollte auch der Teltowkanal mit der denkmalgeschützten Kleinmachnower Schleuse für Großmotorgüterschiffe und Schubverbände von 185 m Länge ausgebaut werden. Das ganze Projekt hatte bald nach der Wende der damalige Verkehrsminister Krause in die Welt gesetzt, und trotz vieler Proteste, niederschmetternder Verkehrsprognosen und leerer Kassen haben all seine Nachfolger daran festgehalten.
Welche Schäden an der Natur dadurch entstehen, lässt sich in Kleinmachnow exemplarisch beobachten.

Schöne Aussicht: Bauwerke betrachten

Die „Südtrasse“ über den Teltowkanal sollte den Osthafen an das Wasserstraßennetz anbinden. In südöstlicher Richtung sollten die großen Schiffe bis Königs Wusterhausen und über den Oder-Spree-Kanal nach Eisenhüttenstadt fahren. Damit die 185 m langen Schubverbände unentkoppelt durch die Schleuse gelangen, sollte eine Schleusenkammer von 190 m Länge gebaut werden. Dazu war eine Wartestelle am Nordufer geplant, für die ein 43 m breiter Streifen das Landschaftsschutzgebietes abgebaggert und weitere 32 m für eine Böschung gerodet werden sollten. Der Wald am Ufer nahe der Hakeburg mit seinen alten Bäumen gehört zu den reizvollsten und ökologisch wichtigsten Grünzügen der Region. Die Wasserbau- und Schifffahrtsdirektion Ost schätzt die Veränderungen in schöner Bürokratenlyrik so ein: „Die technischen Komponenten der Anlage werden gegenüber dem heutigen naturnahen Zustand deutlich in den Vordergrund treten. Aspekte des 'Naturerlebens' werden notwendigerweise hinter der Betrachtung der technischen Bauwerke zurücktreten müssen ...“

Beschluss ist Beschluss

Für den Schleusenausbau und die damit verbundenen Rodungen gibt es einen Planfeststellungsbeschluß vom Februar 2002. An ihm halten die Wasserbauer fest, obwohl sich inzwischen alle Rahmenbedingungen geändert haben und das ganze teure Projekt überflüssig ist.

Der Anteil der Binnenschifffahrt am Gütertransport ist zurückgegangen und wird allen Prognosen nach weiter schrumpfen. Ursprünglich hieß es, 2015 würden 10 Millionen Tonnen Güter durch die Schleuse transportiert werden. Inzwischen ist man bei 1,5 Millionen Tonnen angekommen. Hält man heute am Kanalufer Ausschau nach den Schiffen, die sich dort bald dicht an dicht vor der Schleuse drängen sollen, dann kann man ziemlich lange warten und über den tieferen Sinn des Vorhabens nachdenken.

Im Februar 2001 hatte der Berliner Senat beschlossen, den Osthafen zu schließen und erklärt: „Der Senat sieht deshalb keine Notwendigkeit zum Ausbau des Teltowkanals für Großmotorgüterschiffe ...“ Im November desselben Jahres beschließt der Haushaltsausschuss des Bundestages: „Auf einen über die Wasserstraßenklasse IV hinausgehenden Ausbau (der Südtrasse) wird verzichtet.“ Die Klasse IV ist heute schon erreicht. Im Bundesverkehrswegeplan 2003 ist der Ausbau der Südtrasse in Richtung Osten nicht mehr enthalten.

Es bleibt das Argument, auch Schubverbände bis 145 m Länge müssten unentkoppelt durchgeschleust werden können. Aber – Schilda lässt grüßen – auf dem Weg nach Eisenhüttenstadt befindet sich die Schleuse Wernsdorf. Sie wird ausgebaut – auf 115 Meter!

Bürger protestieren

Im Oktober 2003 kündigte das Wasserstraßen-Neubauamt an, die Rodung auf dem Nordufer werde im Dezember beginnen. Das haben die Kleinmachnower und befreundete Naturschützer erst einmal verhindert. Mehr als fünfhundert empörte Bürger demonstrierten an der Schleuse, schrieben Briefe an Politiker und erreichten, dass das Umweltministerium das Zerstörungswerk erst einmal stoppte. Die Gemeindevertreter forderten, den Planstellungsbeschluss zu überprüfen und nur noch eine Schleusenkammer von 115 m zu planen.

Marianne Weno

  • Quelle: Dokumentation der Bürgerinitiative „pro Kanallandschaft Kleinmachnower Schleuse“ vom Januar 2004.
  • Kontakt: Dipl.-Ing. Gerhard Hallmann, Am Mooskissen 11, 14532 Kleinmachnow, Tel. 033203 21531.

Januar 2005: Die Kaufkraft der Schweine

Januar 2005: Die Kaufkraft der Schweine

Die Kaufkraft der Schweine

Der Schweinebraten, das Huhn oder die Pute auf unserem Tisch kosten nicht viel. Nur ein paar Euro im Discountladen und ein Stückchen Regenwald. Aber wer weiß das schon? Wer weiß, dass – bei 82 Millionen Einwohnern – in deutschen Massenställen 26 Millionen Schweine und 82 Millionen Hühner vegetieren, abgesehen von all den Puten, Enten und Gänsen, und dass diese Massenproduktion nur möglich ist, weil riesige Mengen Soja als Futtermittel importiert werden. Hauptexporteur ist Brasilien, und der großflächige Anbau dieser asiatischen Hülsenfrüchte bedroht den Amazonas-Regenwald stärker als der bekannte Raubbau durch Tropenholzhandel, Goldsucher und Rinderzucht.

Soja ist auch für Menschen ein wertvolles Lebensmittel. Es enthält viel Eiweiß, das sich aus essenziellen Aminosäuren zusammensetzt, sowie das cholesterinfreie Sojaöl mit einem großen Anteil an ungesättigten Fettsäuren. Bis 1945 kannten wir es kaum, aber seitdem sind mit der asiatischen Küche Sojasoße, Tofu und Miso zu uns gekommen und aus unserer Küche kaum mehr wegzudenken. Für Vegetarier liefert die Bohne vollwertigen Fleischersatz. Viele Menschen, die unter- oder mangelernährt sind, wie etwa 60% der Bevölkerung in Brasilien, könnten mit Soja gut versorgt werden. Aber die Zeitschrift „Regenwald-Report“ bringt es auf den Punkt: „Die Kaufkraft eines deutschen Schweins ist größer als die einer armen brasilianischen Familie“. 70% der gesamten Sojaernte landen in den Mägen der Tiere und schließlich so „veredelt“ auf unseren Tellern.

In den siebziger Jahren begannen die Menschen in den Industrieländern, immer mehr Fleisch zu essen. Die Massentierhaltung entwickelte sich, um die wachsende Nachfrage zu befriedigen. Nur - womit die vielen Tiere ernähren? Man musste Futtermittel importieren und entdeckte Sojaschrot, der mit seinem hohen Eiweißgehalt für kräftiges Wachstum sorgt. Nach BSE und dem Verbot, Tiermehl zu verfüttern, bekam der Soja-Boom noch einmal einen Schub. Ohne die Unmengen zusätzlicher Soja-Importe wäre die Massentierproduktion in Europa zusammengebrochen.

Billiges Fleisch – arme Natur

Die Nachfrage verlangt nach immer größeren Anbauflächen. Die aber gibt es fast nur noch in Südamerika. Brasilien ist das zweitgrößte Anbauland, und der brasilianische Staat fördert massiv den Devisenbringer Soja. Neue Straßen und Schienenwege wurden durch den Regenwald gebaut, Hochspannungsleitungen gezogen und der Einsatz von Pestiziden subventioniert. Früher wurden die Ernten mit Lastwagen zu den Häfen im Südosten des Landes transportiert. Inzwischen hat man den Madeira-Fluß zur Wasserstraße ausgebaut, um die Transporte per Schiff über den Amazonas an die Küste zu leiten. Ausländische Investoren und inländische Großunternehmer verdrängen einheimische Kleinbauern, legen riesige Soja-Monokulturen an und roden rücksichtslos Savannen und Waldgebiete, um immer mehr Fläche zu gewinnen. In den nächsten zwei Jahren soll sich die Soja-Ernte verdoppeln. Empfindliche und artenreiche Ökosysteme, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt gibt, wurden und werden zerstört. Im Amazonasbecken hat man 55.000 Pflanzen-, 428 Säugetier- und 1.600 Vogelarten nachgewiesen. Viele sind noch gar nicht bekannt, aber etliche vom Aussterben bedroht.

Soja braucht gewaltige Mengen an Chemie. Die gerodeten Flächen werden zunächst mit sehr viel Kunstdünger, Insektiziden und Fungiziden vorbereitet. Während die Pflanzen wachsen, werden sie noch mehrmals besprüht. Das alles gelangt mit dem Regen in die Flüsse und vergiftet Trinkwasser und Fische.

Sogenannte Entwicklungshilfe

Die Weltbank fördert mit einem Entwicklungsprogramm für Mato Grosso die Umweltzerstörung durch den Sojaanbau. Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) hat dem größten Soja-Multi Grupo Andre Maggi einen 12-Millionen-Dollar-Kredit gegeben. Auch die WestLB hat sich mehrfach an Geldspritzen für das Unternehmen beteiligt. Inzwischen ist auch Gen-Soja im Kommen. In den USA seit Langem zugelassen, wird es voraussichtlich auch in Brasilien demnächst legalisiert werden und dann unvermeidlich über das Fleisch auf unsere Teller gelangen. Aber das ist wieder ein anderes Kapitel.

Was tun?

Biobauern und Landwirte, die nach den Neuland-Grundsätzen arbeiten, dürfen aus den beschriebenen Gründen kein Soja verfüttern, sondern nur Ackerbohnen, Lupinen und Erbsen aus regionaler Produktion. Wir müssen nicht gleich alle zu Vegetariern werden – aber weniger Fleisch zu essen und keines mehr aus der Massentierhaltung – das wäre ein gutes Zeichen gegen Tierquälerei und Naturzerstörung.

Marianne Weno

  • Regenwald-Report, herausgegeben von „Rettet den Regenwald e.V.“, Friedhofsweg 28, 22337 Hamburg, www.regenwald.orgOpens external link in new window

September 2006: Wo sind die Papageien?

September 2006: Wo sind die Papageien?

Wo sind die Papageien?

Auf der Hand der Pädagogin sitzt eine Zebraspinne. Die Kinder stehen um sie herum und betrachten gespannt das schwarz-weiß gemusterte Tier. Man hört kein „Iiih“ oder „eklig“. Nur Fragen: Wo wohnt die Spinne? Was frisst sie? Legt sie Eier? Die Kinder kommen aus der Großstadt und wissen oft nur das über die Natur, was sie aus dem Fernsehen kennen. Es gibt Geschichten von Kindern, die im Berliner Wald Papageien oder Affen erwarten. Andere sind schon recht gut informiert. Aber für die meisten gilt: Was sie bei dem Ausflug in die Waldschule erleben, das werden sie nicht so schnell vergessen. Es kann der Beginn eines lebenslangen Interesses sein.

Umweltbildung – wozu?
Noch nie war es so wichtig, eine Generation intensiv mit Natur und Umwelt vertraut zu machen. Die Kinder, die heute in die Schule kommen, werden als Erwachsene sehr viel tun müssen, um das zu erhalten, was wir ihnen von der einstigen Artenvielfalt übrig gelassen haben. Und sie müssen die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel, Ressourcenverschwendung und Naturzerstörung verstehen, damit sie die schlimmsten Folgen noch abwenden können.

Was diese Kinder für die Zukunft brauchen, ist also vor allem Umweltwissen. Es müsste ihnen auf allen Altersstufen so intensiv vermittelt werden wie die deutsche Sprache. Dabei sollte schon die natürliche Neugier der Vorschulkinder genutzt werden, um sie mit Tieren und Pflanzen ihrer Umgebung vertraut zu machen.

Gute Vorsätze
In das Berliner Naturschutzgesetz wurde im Juli dieses Jahres ein Paragraf „Umweltbildung und Umwelterziehung“ aufgenommen. Darin heißt es: „Der nachhaltige Umgang mit Natur und Landschaft sowie der verantwortungsvolle Umgang mit den Naturgütern sollen zum Inhalt der Aus- und Fortbildung aller in Bildung und Erziehung Tätigen gemacht werden ...Die Umweltbildung und Umwelterziehung sind im schulischen und außerschulischen Bereich zu fördern ...“

Wie sieht es damit in der Realität aus? Auf den ersten Blick gut. Berlin fördert 11 Umweltbildungsstätten, davon 7 Waldschulen und das Naturschutzzentrum Ökowerk. Hinzu kommen die bezirklichen Gartenarbeitsschulen und zahlreiche Einrichtungen der Umweltverbände und anderer freier Träger. All die „grünen Lernorte“, aufgelistet und beschrieben in einer Veröffentlichung der Stiftung Naturschutz, sind voll ausgelastet mit Kita- und Schulgruppenarbeit und Lehrerfortbildung, obwohl nur zwischen 10 und 20 Prozent der Grundschulklassen die Angebote nutzen. Dabei liegt Lichtenberg an der Spitze und Mitte am Ende der Skala. Zählt man die Oberschulen mit, dann liegt der Anteil nur bei 3,9 bis 12,5 Prozent. Keine Statistik sagt aus, wie viel davon auf Hauptschulen oder auf Schulen in Problemvierteln entfällt.

Im Spiel der Natur begegnen
Umweltbildung steht nicht auf dem Lehrplan. Es hängt vom Interesse der Lehrer ab, ob sie die Fortbildungsangebote nutzen und mit den Kindern in die Natur gehen, aber auch davon, ob das Zeitbudget der Schulen solche Ausflüge erlaubt, die einen ganzen Schultag kosten. Die häufigsten Besuchergruppen sind Kita- und Grundschulklassen, die bei diesen Ausflügen oft zum ersten Mal spielerisch mit der Natur in Kontakt kommen. Sollte sich aber die Politik ernsthaft das Ziel setzen, dass jede Grundschulklasse mindestens einmal eine Waldschule oder eine ähnliche Einrichtung besucht, dann würde das heutige Angebot bei aller Vielfalt nicht ausreichen.

In den Klassen 5 und 6 steht dann Naturwissenschaft mit vier Wochenstunden auf dem Lehrplan – viel Gelegenheit, das theoretisch Gelernte in der Natur zu vertiefen. Bis dahin hat aber nur ein kleiner Teil der Zehnjährigen schon einmal eigene Erfahrungen im Grünen gemacht.
Je älter die Schülerinnen und Schüler, umso weniger lassen sie sich neu für Vögel und Insekten begeistern. Für die elfte Klasse werden im Fach Erdkunde Exkursionen zum Thema Stadtökologie vorgeschlagen. Aber der volle Stundenplan und die Fülle des Lehrstoffes erlauben allzu selten zusätzliche, freiwillige Aktivitäten. Das Fach Biologie lässt sich auch mit „gut“ abschließen, wenn man eine Ulme nicht von einer Buche unterscheiden kann.

Von den Zielen, die das Naturschutzgesetz nennt, sind wir weit entfernt. So lange Umweltkunde nicht selbstverständlich und überprüfbar in die verschiedenen Fächer integriert ist, wird nur ein Bruchteil der Großstadtkinder frühzeitig mit den drängenden Themen vertraut werden, und allen wird der Eindruck vermittelt, dass der Schutz der Umwelt ein untergeordnetes Thema ist.

Marianne Weno

Dezember 2006: Naturschutz stört

Dezember 2006: Naturschutz stört

Naturschutz stört

Naturschutz kann ganz schön lästig sein. Da möchte ein Investor eine exklusive Wohnsiedlung in die Landschaft bauen und darf es nicht – Landschaftsschutzgebiet.
Da beschweren sich Landwirte, Jäger oder Sportler – alles Wähler – über Einschränkungen im Nationalpark. Da klagen Politiker über die Kosten, die durch die Pflege geschützter Biotope entstehen. Da gerät der Bau einer Straße oder einer Fabrik in Gefahr, weil er den Lebensraum einer bedrohten Art zerstören würde. Als Beispiel muss immer der Feldhamster herhalten, wenn irgendwo über den „übertriebenen Naturschutz“ geschimpft wird.

Das unvermeidliche Minimum
In letzter Zeit hören wir immer öfter Zauberworte, wie „Bürokratieabbau“ oder „Deregulierung“. Mit dieser eleganten Begründung versuchen einige Bundesländer, sich auf das unvermeidliche Minimum zu beschränken, das das europäische und bundespolitische Naturschutzrecht vorschreibt. So heißt es in der Koalitionsvereinbarung der neuen Großen Koalition in Schwerin: „ ...wird die im Rahmen von Vertragsverletzungsverfahren unabweisbare Nachmeldung von Vogelschutzgebieten sowie die ausstehende Nachmeldung von Special Protection Areas ... und marinen FFH-Gebieten ... nur in dem unabweisbaren Umfang erfolgen ...“ Natürlich streben die Partner „keine weitere Ausweitung von Großschutzgebieten an.“ Betont wird, dass das Freiwilligkeitsprinzip im Naturschutz Vorrang haben soll und nur im Notfall ordnungsrechtliche Maßnahmen greifen sollen. Und „die Managementplanung für die Natura 2000 Gebiete ... wird konsequent mit den Erfordernissen der wirtschaftlichen Entwicklung ... koordiniert.“ Ins Deutsche übersetzt: Naturschutz nur, wo er sich nicht vermeiden lässt, und das ausgerechnet in einem Land, in dem der Naturtourismus der einzige florierende Wirtschaftszweig ist.

Hessen probt den Kahlschlag
Was in Schwerin nur angedroht wird, ist in Wiesbaden schon Gesetz: ein Kahlschlag im Naturschutz. „Brutalstmöglich“, die Unwort-Schöpfung des hessischen Ministerpräsidenten, passt haargenau zu dieser legalisierten Naturzerstörung. Seit die Pläne für die Novelle des Landesnaturschutzgesetzes bekannt wurden, sind alle großen Naturschutzverbände dagegen Sturm gelaufen, gemeinsam mit einer Reihe anderer Vereine und den Forstleuten in der IG Bau. „Hessen schafft Naturschutz ab“, titelte die taz.

Nach dem nun verabschiedeten Gesetz werden 15 Landschaftsschutzgebiete von 600 000 Hektar in den hessischen Mittelgebirgen aufgehoben. Die Verbände fürchten eine Baulawine in den schönsten Landschaften.

Nicht ganz so spektakulär, aber ebenso bedrohlich sind andere Punkte. Im Gesetz heißt es nur, dass die zuständigen Behörden für Naturschutzgebiete „Pflegepläne zur Bestandssicherung“ aufstellen. Von einer Pflegepflicht des Staates ist nicht mehr die Rede. Das kann dazu führen, dass seltene Arten in kurzer Zeit verdrängt werden und die jahrelange Arbeit zum Schutz wertvoller Biotope vergebens war.

Rettung für die Streuobstwiesen

Eigentlich sollte nach dem ursprünglichen Entwurf auch der Schutz der hessischen Streuobstwiesen mit 700 000 Obstbäumen aufgegeben werden. Erst als klar wurde, dass damit nicht nur der Steinkauz, sondern auch das hessische Nationalgetränk „Ebbelwoi“ in Gefahr käme, wurde dieser Punkt gestrichen.

Der naturschutzpolitischen Sprecherin der CDU-Fraktion im hessischen Landtag, Elisabeth Apel, war es offenbar nicht peinlich, den Gesetzentwurf so zu kommentieren: „Mit der Novelle ... leistet die hessische Landesregierung einen entscheidenden Beitrag zu echtem Naturschutz anstelle von überzogener Bürokratie“. Das Beispiel könnte in anderen Ländern Schule machen.

Marianne Weno

  • Hessisches Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege (Hessisches Naturschutzgesetz – HENNatG)
  • Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und CDU in Mecklenburg-Vorpommern
  • Klaus-Peter Klingelschmitt: Hessen schafft Naturschutz ab.
  • die tageszeitung vom 6.11.2006
  • Gemeinsame Presseerklärung von HGON (Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz), BUND, NABU, SDW, IG BAU, HVNL (Hessische Vereinigung für Naturschutz und Landschaftspflege) und DGWV (Deutsche Gebirgs- und Wandervereine).

Dezember 2007: Unterm Pilz

Dezember 2007: Unterm Pilz

Unterm Pilz

Was denkt sich wohl eine Familie, die ihr Haus für viel Geld klimafreundlich umrüstet, wenn das Restaurant gegenüber mit „Heizpilzen“ im Vorgarten die Straße heizt?

Heißen die Dinger so ihrer Form wegen, oder weil sie zurzeit wie Pilze aus dem Boden schießen? 5000 bis 8000 Stück sollen es in Berlin inzwischen sein, und es werden immer mehr. Da fallen einem eher Giftpilze als Pfifferlinge ein. Ein paar Dinge gibt es, auf die wir dem Klima zuliebe gut verzichten könnten, ohne als miesepetrige Asketen durch die Welt zu laufen: Tropenparks im Winter, Eislaufen im Sommer, Skipisten in der Halle und als Krönung des Unfugs – Heizpilze.

Sicher, es hat seinen Reiz, im Winter im Freien und Warmen seinen Kaffee zu trinken und den frierenden Spaziergängern zuzusehen. Das Nichtraucherschutzgesetz hat dem Trend einen zusätzlichen Schub gegeben, weil Leute, die ihre Lunge teeren, sich dabei keinen Schnupfen holen wollen. Also stellen die Wirte ein paar Gasbrenner in den Vorgarten, damit die Gäste in aller Gemütlichkeit draußen qualmen können. Ob sich das lohnt, ist die Frage, denn wenn alle draußen sitzen, bleibt der gut geheizte Innenraum leer, und die Rechnung für das Propangas könnte zur bösen Überraschung werden. Mit dem Verbrauch zweier Heizstrahler pro Saison könnte man bequem ein Einfamilienhaus heizen. Ein solches Exemplar setzt im Jahr 4 Tonnen CO2 frei, wenn es 36 Stunden pro Woche in Betrieb ist. Das entspricht ungefähr den Emissionen eines Autos, das 12.000 km fährt.

Unsinn verbieten?
Wägt man den zweifelhaften Nutzen ab gegen die düsteren Aussichten für das Klima, wie sie gerade der Welt-Klimarat wieder bestätigt hat, dann ist klar: Man müsste diese und ähnliche Energieverschwender sofort verbieten. Auf Antrag der Grünen wurde im Senat darüber diskutiert und am Ende verkündet, ein Verbot sei aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Umweltsenatorin Katrin Lompscher war anfangs dafür, erklärte dann aber: „Man muss nicht jeden Unsinn verbieten“. Da hört man doch im Hintergrund die Tourismus-Lobby flüstern. Stefan Klinski, Professor für Umweltrecht, meint, man könne ohne Weiteres ins Energiespargesetz schreiben: „Die Beheizung von Freiflächen ist verboten“. Das würde dann auch für Privatleute gelten, die immer häufiger auf ihren Terrassen „Frühlingserwachen“ spielen.

Verbieten – das klingt in manchen Ohren gleich nach Öko-Diktatur. Sicher, besser wäre es, wenn man erfolgreich an die Einsicht der Menschen appellieren könnte. Dazu gehören aber auch die Vorbilder im öffentlichen Raum. Wem kommen nicht Zweifel am Nutzen der eigenen Energiesparlampen, wenn er die immer maßlosere Adventsbeleuchtung in den Geschäftsstraßen sieht?

Gibt es einen Mittelweg? Können und müssen Staat und Kommunen nicht wenigstens den größten Unsinn verhindern? In der Kölner Altstadt sind Heizpilze schon verboten, allerdings eher aus ästhetischen Gründen. In der Stuttgarter Innenstadt gilt seit dem 1. November ein Verbot, seltsamerweise jedoch nur von November bis März. An kühlen Sommerabenden darf weiter geheizt werden. In Tübingen will der Oberbürgermeister die Gastwirte aufrufen, freiwillig auf die Klimakiller zu verzichten.

Marianne Weno

März 2008: Nicht in die Tüte

März 2008: Nicht in die Tüte

Nicht in die Tüte

„Jute statt Plastik“ – das war gestern. Genauer gesagt, nach der Ölkrise in den siebziger Jahren. Damals verkaufte die Fair-Handelsorganisation GEPA in zehn Jahren fünf Millionen in Bangladesh genähte Jutetaschen. Heute sind sie verschwunden. Irgendwann hatte das Umweltbundesamt erklärt, Tüten aus Kunststoff seien energetisch besser als solche aus Papier. Vom Naturschutz war in dem Zusammenhang noch kaum die Rede. Heute gehen noch ein paar umweltbewusste Leute mit Baumwollbeuteln oder Körben zum Einkaufen, aber die Flut der Plastiktüten wächst und wächst. Mit den praktischen, bunt bedruckten Dingern tragen die Kunden kostenlos Werbung für die Händler durch die Stadt.

Aber plötzlich sind sie wieder im Gespräch. Kürzlich kündigte die australische Regierung an, nach den Glühlampen nun auch die Plastiktüten verbieten zu wollen. Wir hörten von dem Städtchen Modbury in Südwest-England, das nach einer Probezeit von sechs Monaten praktisch tütenfrei ist, und von mehreren ostafrikanischen Ländern, in denen man Strafe zahlen muss, wenn man mit einer Plastiktüte erwischt wird. San Francisco hat sie seit November vorigen Jahres aus den Supermärkten verbannt. China plant ein Verbot ab Juni, Frankreich ab 2010.

Das Meer als Müllkippe
Der amerikanische Autor Alan Weisman hatte in seinem 2007 erschienenen Bestseller „Die Welt ohne uns“ ein langes Kapitel der „Unvergänglichkeit der Polymere“ gewidmet. Darin beschreibt er eindrucksvoll, was die 125 Millionen Tonnen Kunststoffe anrichten, die wir Jahr für Jahr produzieren, und die, wenn sie nicht verbrannt werden, wohl ein halbes Jahrtausend oder länger erhalten bleiben. Weisman berichtet über die Forschungen des Briten Richard Thompson, der sich mit den Auswirkungen der Müllberge in den Ozeanen beschäftigt. Er beschreibt den Nordpazifikwirbel, auch „großer pazifischer Müllstrudel“ genannt, der sich zwischen Kalifornien und Hawaii gebildet hat. In einem Gebiet von der Größe Mitteleuropas kreist im Uhrzeigersinn ein rund drei Millionen Tonnen schwerer Plastikteppich, der sich ständig vergrößert. Auch in anderen Bereichen der Ozeane gibt es solche Wirbel, aber dieser ist der größte.

Der Zivilisationsmüll wird von Schiffen ins Meer geworfen, vom Wind und von den Flüssen hineingetragen und von den vermüllten Stränden ins Wasser gespült. Recycling und die Verbrennung an Land spielen im Weltmaßstab kaum eine Rolle – in vielen Ländern kennt man so etwas nicht. Das meiste endet in der Landschaft oder eben im Meer – mit schlimmen Folgen für die Natur. Fische, Vögel und Meeressäuger verfangen sich in den Plastikteilen oder fressen sie und verenden daran, nach Schätzungen der World Conservation Union (IUCN) jährlich eine Million Seevögel, 100 000 Meeressäugetiere und ungezählte Fische. Eine weitere Gefahr liegt darin, dass das Plastik Giftstoffe wie DDT, PCBs und andere Chemikalien anlagert. Die größeren Stücke werden nicht biologisch abgebaut, aber allmählich zu kleinsten Teilchen zerrieben und vom tierischen Plankton aufgenommen. So gelangen sie in die Nahrungskette und enden schließlich, samt ihrer Giftfracht, auf unseren Tellern.

Endstation Natur
Was müsste also geschehen? Die Menschen haben manche Geister gerufen, die sie nicht mehr los werden. Eine Welt ohne Kunststoffe – bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts Realität – ist heute nicht mehr denkbar. Wir sind umgeben von billigen Wegwerfartikeln, von Flaschen, Tuben, Folien, Schaumstoffen, Gefrierbeuteln, Spielsachen und – von Weisman extra erwähnt – den allgegenwärtigen Plastikstielen der Wattestäbchen. Das alles endet – wenn nicht im gelben Sack – in der Natur, hässlich, schädlich und unzerstörbar. Die Einkaufstüte ist ein Teil des Problems, und sicher ein entbehrliches. Ein Verbot wäre auch bei uns möglich. Der grüne Umweltsenator von Bremen, Reinhard Loske, hat es vorgeschlagen, aber aus dem Hause von Umweltminister Gabriel wurde ihm gleich Aktionismus vorgeworfen. In diesem Jahr stünden ganz andere ökologische Themen auf der Agenda. Auch seien nicht alle Plastiktüten gleich. Einige könnten wiederverwertet werden. Ja, wenn sie nicht in der Landschaft herumfliegen würden ... Wie wäre es, Herr Minister, mit einer kleinen Dienstreise zum großen pazifischen Müllstrudel?

Marianne Weno

  • Alan Weisman: „Die Welt ohne uns“, Piper, München, Zürich, 2007

September 2009: Wie man den Souverän entsorgt

September 2009: Wie man den Souverän entsorgt

Wie man den Souverän entsorgt

Entsorgung" ist eine Wortschöpfung des Atomzeitalters. Das Epizentrum, von dem aus sich der Begriff verbreitete, war vermutlich das Niedersachsen des Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Er wollte 1977 zum Retter der Atomindustrie aufsteigen und plante bei Gorleben ein Atommüll-Endlager mit Wiederaufarbeitungsanlage. Das Ganze nannte er Entsorgungspark". Ein schönes Wort, das idyllische Vorstellungen weckt: Man lustwandelt in einem blühenden Park und alle Sorgen entschwinden. Leider wollten die Bürger ihre Sorgen lieber behalten und protestierten so lange, bis der Ministerpräsident schweren Herzens erklären musste, das schöne Projekt sei politisch nicht durchsetzbar". Übrig blieb bis heute der Dauerstreit um das Endlager im Salzstock Gorleben.

Wenn man einen Fisch entgrätet, befreit man ihn von seinen Gräten. Wenn man ein Auto entrostet, befreit man es vom Rost. Wenn wir heute davon reden, dass wir Altpapier und Plastikmüll entsorgen, ist das gegen alle Sprachlogik, denn in Wahrheit entsorgen wir uns selbst, das heißt, wir befreien uns von unseren Sorgen. Die halten sich allerdings in Grenzen, wenn es um Altpapier geht.

Flugzeug ohne Landebahn

Ganz anders beim Atommüll. Nachdem es mit dem schönen Park nicht geklappt hat, konnte die Politik bisher weder sich selbst noch uns durch ein schlüssiges Konzept  von den Sorgen befreien. Das kann bis heute niemand auf der Welt. Die Ratlosigkeit in dieser Frage führte zu absurden Vorschlägen. Mal wollte man das strahlende Zeug ins Weltall schießen, dann in der Antarktis lagern. Der Vergleich der Atomenergie mit einem Flugzeug, das losfliegt, obwohl es weit und breit keine Landebahn gibt, stimmt immer noch. Wer kann sich einbilden, dass sich hochradioaktiver Müll eine Million Jahre sicher aufbewahren lässt, obwohl die Erde immer in Bewegung ist, und dass die dann lebenden Menschen - falls es sie noch gibt - über unsere Hinterlassenschaften informiert werden können? Eine Million Jahre - so lange ist es her, dass unser Vorfahr, der Homo erectus, lebte - und was wissen wir von ihm? Vorläufig steht das Zeug, das niemand in seiner Nähe haben will, in oberirdischen Zwischenlagern herum. Auch kein schöner Gedanke.

Tricks und Täuschungen

Also versucht man, uns zu entsorgen, indem man verschweigt, was uns Sorgen machen könnte. Das Volk ist zwar der Souverän, aber der muss nicht alles wissen. Er musste nicht wissen, dass das Salzbergwerk Asse, offiziell zum Versuchslager erklärt, inoffiziell längst als Endlager genutzt wurde - mit den bekannten Folgen. Er musste nicht wissen, dass in das von der DDR übernommene Endlager Morsleben Wasser eindringt. Er musste nicht wissen, dass Gorleben nicht nur erkundet, sondern dass dort klammheimlich mit dem Ausbau zum Endlager begonnen wurde. Er musste nicht wissen, dass 1983 die Regierung Kohl die physikalisch-technische Bundesanstalt anwies, ein Gutachten zu ändern, in dem Bedenken gegen Gorleben geäußert wurden. 50 Jahre lang wurde in Deutschland Atommüll produziert, ohne eine Ahnung, wohin damit. Zurzeit kommen immer noch 500 Tonnen pro Jahr hinzu.

Jetzt gibt es fast täglich neue Enthüllungen: über Morsleben und die einsturzgefährdete Asse II, wo dreimal so viel Plutonium lagert, wie bisher zugegeben. Wir erfahren von Tricks und Täuschungen im Zusammenhang mit Gorleben und einer verheerenden Kumpanei von Politikern einiger Parteien mit der Atomwirtschaft. Das Magazin Kontraste berichtete, dass Bundeskanzlerin Merkel in den neunziger Jahren, damals als Umweltministerin, schon über die Risiken der Asse Bescheid wusste - ohne zu reagieren. Jetzt zeigt sich, was wir lange geahnt haben: dass die Atomkraft-Befürworter in all den Jahren ein riesiges Lügengebäude aufgebaut haben, um uns und damit sich selbst zu entsorgen".

Das Problem ist nur: Je munterer sich unsere Politiker entsorgen, umso mehr Sorgen müssen wir uns machen. Wer also entsorgt uns? Das müssen wir wohl selbst tun.

Vielleicht ist Wahltag auch Entsorgungstag.

Marianne Weno

Juni 2010: Ein grünes Mäntelchen?

Juni 2010: Ein grünes Mäntelchen?

Ein grünes Mäntelchen?

Schweden gilt  als Vorreiter in der Umweltpolitik, aber der Staatskonzern Vattenfall, der 18 schmutzige Kohlekraftwerke in Europa betreibt und jedes Jahr Milliarden Kronen in die Staatskasse spült, entlässt pro Jahr fast doppelt so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, wie ganz Schweden emittiert. Nachdem der Konzern auch noch NUON gekauft hat, könnte es bald noch sehr viel mehr werden. Die Zeitung „Aftonbladet“ zitiert den Vorsitzenden eines Naturschutzverbandes: „Vattenfall beschmutzt das Bild Schwedens dramatisch“. Einen kräftigen Beitrag dazu leisten die Braunkohlekraftwerke in Brandenburg, die unausgegorene CCS-Technik und  zwei marode Kernkraftwerke in Deutschland.
Der Konzern braucht also dringend ein grünes Image. Und was könnte da besser aussehen als der Umstieg auf erneuerbare Energien?

Also setzt Vattenfall seit einigen Jahren auf Holzkraftwerke. In Berlin, wo der Konzern ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen verursacht,  hat man den Plan für ein Kohlekraftwerk an der Rummelsburger Bucht aufgegeben und will stattdessen  Holz verfeuern. Auch in Spandau und Moabit soll künftig die Kohle zum Teil durch Holz ersetzt werden. Aber wo soll der Brennstoff herkommen? Holz in jeder Form ist ein zunehmend gefragter und teurer Rohstoff: für die Bauindustrie, die Zellstoffproduktion und für Heizungsanlagen. Auch kann man nur von Nachhaltigkeit  reden, wenn weltweit mehr nachwächst als verbrannt wird. Das ist aber schon lange nicht mehr der Fall.

Die schlechteste Lösung

Vattenfall will Restholz aus Wäldern und Parks nutzen: Baumkronen, Stümpfe und Äste – obwohl sich Forstfachleute längst  einig sind, dass diese Teile als Biotopholz, Humusbildner  und Nährstoffreserve im Wald bleiben sollten. Gerade die nährstoffarmen  Sandböden in Brandenburg sind besonders darauf angewiesen, dass ihnen bei der Verrottung von Holz Mineralien und Spurenelemente zurückgegeben werden, in dem richtigen Mischungsverhältnis, so, wie die Bäume sie zuvor aufgenommen hatten. Auch ist das Totholz wichtig für Insekten, Pilze und insektenfressende Tiere. Es könnte sein, dass mit dem zunehmenden Hunger nach Holz eine neue Phase des Waldsterbens beginnt. Bekannt ist ein skandalöser Fall aus dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. 2008 wurden hier in der Kernzone massenhaft Bäume gefällt und Totholz aus dem Wald geschafft, um das Holzkraftwerk Eberswalde zu beliefern. Aber selbst wenn Wälder und Parks überall wieder gründlich „aufgeräumt“ würden, kämen in Brandenburg höchstens 100 000 Tonnen zusammen. Gebraucht werden aber in naher Zukunft eine Million Tonnen.

Einen Beitrag können „Energiewälder“ mit schnell wachsenden Baumarten wie Pappeln und Weiden leisten. Auf den sogenannten Kurzumtriebsflächen kann das Holz alle sieben bis acht Jahre geerntet werden. Die Landschaft und die Artenvielfalt bereichern solche Monokulturen nicht. In Brandenburg hat Vattenfall ein Auge auf ehemalige Tagebaue und Brachflächen geworfen, aber hier konkurriert man mit anderen Nutzungsmöglichkeiten - mit Erholungslandschaften, Naturschutzflächen und den Wildnis-Plänen der Landesregierung.

Gummibäume aus Afrika

Die Lösung scheint ein Vertrag mit Liberia zu sein.  Das westafrikanische Land wird ab 2015  eine Million Tonnen Gummibaumholz an Vattenfall liefern. Die Bäume, die nach 20 Jahren keinen Kautschuk mehr liefern, wurden bisher nutzlos auf den Feldern verbrannt. Also die ideale Lösung? Wohl kaum. In die Energiebilanz müssen die Emissionen des Schiffstransportes eingehen, die nach einem UN-Bericht von 2008 sogar die des Flugverkehrs um das Doppelte übersteigen. Auch wissen wir nicht, was in Liberia geschieht, wenn sich der Handel als lukrativ erweist. Es könnte sein, dass dann Regenwald gerodet wird oder Felder aufgegeben werden, auf denen bisher Nahrung angebaut wird, um neue Gummibaumplantagen anzulegen. Umweltsenatorin Lompscher schließt sich den Forderungen der Umwelt- und Entwicklungsorganisationen an, die verbindliche Richtlinien für den Import von Brennholz fordern. Vattenfall verspricht, solche Kriterien zu entwickeln.
Beim Vertragsabschluss mit Liberia war davon noch keine Rede.
Ein „grüner Riese“ ist der Konzern damit noch lange nicht.

Marianne Weno

Mehr zum Thema: Peter Wohlleben, "HOLZRAUSCH Der Bioenergieboom und seine Folgen", adatia Verlag, € 14,90

Kolumne im Dezember 2011: Gedankenspiele

Kolumne im Dezember 2011: Gedankenspiele

Gedankenspiele

Würde die Menschheit plötzlich verschwinden, dann würden nur Kopf- und Kleiderläuse uns vermissen, meint Alan Weisman, Autor des Buches „Die Welt ohne uns“*. Alle anderen, Tiere und Pflanzen, soweit sie noch nicht ganz ausgestorben sind, würden sofort daran gehen, sich die Erde zurückzuerobern, von der wir sie Schritt für Schritt verdrängt haben. Es würde allerdings dauern, bis die zugebauten Lebensräume wieder frei würden, die zerschnittenen Landschaften zusammenwüchsen, bis sich wieder Moore bildeten und in die leergefischten Meere das Leben zurückkehrte – aber von uns Menschen ungestört könnten sich bedrohte Arten erholen und vermehren. 

Das alles sind Gedankenspiele, und niemand wird sich das Ende der Menschheit herbeiwünschen, aber sicher ist: Seit wir auf der Erde die Macht übernommen haben, verläuft das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten rasant und immer schneller. Daran ändern alle schönen Absichtserklärungen nichts, weder das „Internationale Jahr der Biodiversität“ 2010, das die Generalversammlung der UNO ausgerufen hat, noch der geplante „Tag der Artenvielfalt“ in Mannheim im Juni 2012 oder die FFH-Richtlinie und die Vogelschutz-Richtlinie der EU. Nach der Statistik der Weltnaturschutzunion ist heute ein Viertel der Säugetiere, ein Drittel der Amphibienarten und ein Achtel der Vogelarten vom Aussterben bedroht. Auch immer mehr Pflanzenarten verschwinden.

Umwelt nach Bedarf

Das große Aussterben findet bei uns statt wie in aller Welt. Wir haben große Teile der Erdoberfläche nach unseren Bedürfnissen verändert und damit vielen Arten ihre Lebensräume genommen. Hier bei uns haben wir Flüsse verbaut und Moore entwässert, und täglich versiegeln wir Landschaften, bauen sie zu mit Häusern, Autobahnen und Flughäfen, obwohl die Bevölkerung abnimmt. Was Wirtschaftswachstum verspricht, wird realisiert.

Eine andere Gefahr ist die übermäßige Nutzung bestimmter Arten. Denken wir an den Roten Thunfisch, der bald endgültig aus dem Mittelmeer verschwinden wird, und die Bedrohungen durch den industriellen Fischfang allgemein. 

Wohl am schlimmsten schädigt die Agrarwirtschaft mit ihren Monokulturen die Naturressourcen: Wo Mais oder Raps wächst, darf nichts anderes wachsen, also werden flächendeckend Herbizide und Insektizide verteilt. Nicht nur einzelne Arten verschwinden, sondern die Glieder ganzer Nahrungsketten. Und die Gülle aus den Massenställen, die überall in der Landschaft versickert, lässt den Pflanzen, die nitratarme Böden brauchen, keine Chance. Auf Wiesen und an Feldrainen wachsen deshalb kaum mehr die bunten „Feldblumen“, die früher allgegenwärtig waren.

Reden oder handeln

Bundeskanzlerin Merkel hatte das Jahr der Biodiversität mit schönen Worten eröffnet. Sie nannte das Thema Artenverlust „beängstigend“ und verlangte eine „sofortige Trendwende“. Nicht weniger beängstigend ist seitdem die Untätigkeit ihrer Regierung. 
Weder wurde die Zubetonierung und Zerschneidung der Landschaft gestoppt, noch jene Pestizide verboten, die die meisten Opfer kosten, wie die Neonikotinoide, die Bienen und Vögel töten, oder das Herbizid Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat, das vor allem Fische und Amphibien vernichtet, aber auch für Missbildungen beim Menschen verantwortlich gemacht wird. 

Zugegeben, es wäre keine leichte Aufgabe für die zuständigen Ministerien, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen und zum Beispiel die konventionelle Landwirtschaft 
wieder an ihre Wurzeln zurückzuführen oder entbehrliche Bauprojekte zu stoppen. Aber mit schönen Ankündigungen ist noch kein Tier und keine Pflanze vor dem Aussterben bewahrt worden. 

Wenn die „Trendwende“ ausbleibt, dann sollte jemand ein Buch schreiben mit dem Titel „Die Welt ohne sie“ – und darin ausmalen, wie unsere Nachkommen mit den armseligen Resten von Fauna und Flora zurechtkommen, die wir ihnen hinterlassen.

Marianne Weno

*Alan Weisman: „Die Welt ohne uns“, Verlag Piper