2017: Pflanze des Monats

Januar 2017: Sumpf-Wolfsmilch

Januar 2017: Sumpf-Wolfsmilch

Sumpf-Wolfsmilch – Euphorbia palustris L.

Wer sie einmal in voller Blüte gesehen hat, vergisst den Anblick nicht! Die Sumpf-Wolfsmilch ist mit einer Höhe von bis zu 1,50 m der Gigant unter den einheimischen Wolfsmilchgewächsen. Zur Blütezeit von Mai bis Juni entfalten sich an den Stängelspitzen üppige, leuchtend gelbe Blütenstände, die in periodisch überfluteten Süßgrasröhrichten, Feuchtwiesen und an Grabenränden wie Leuchttürme die Blicke auf sich ziehen. Aber auch im Herbst ist die Sumpf-Wolfsmilch mit ihren sich rötlich färbenden Stängeln und Blättern unverwechselbar.

Der Name der in Europa und Asien heimischen Sumpf-Wolfsmilch leitet sich vom giftigen, scharf schmeckenden Milchsaft her, der allen Vertretern der Gattung Euphorbia eigen ist. Er tritt bei Verletzungen der Pflanze zu Tage und wehrt sehr wirkungsvoll Fraßfeinde wie z.B. Weidevieh, Schnecken und Insekten ab. Die Sumpf-Wolfsmilch verträgt daher eine extensive Beweidung ihres Wuchsortes gut und wird durch das Abweiden konkurrierender Arten sogar gefördert.

Das reiche, zuckerhaltige Nektarangebot der leicht zugänglichen Blüten der Sumpf-Wolfsmilch lockt hingegen eine ganze Armada von Insekten an. Die Liste der Bestäuber ist lang und umfasst Fliegen, Schwebfliegen, Käfer, Solitärwespen, Ameisen und Bienen. Die Sumpf-Wolfsmilch setzt hierbei alles auf die Karte der Fremdbestäubung und bildet nur Samen aus, wenn Pollen zwischen verschiedenen Blütenständen übertragen werden. Für die durch Überschwemmungen geförderte und verbreitete Stromtalpflanze erwuchs daraus mit zunehmender Isolierung und Verkleinerung der Vorkommen durch Eindeichung, Uferverbau, Nutzungswandel und Gehölzaufwuchs in Feuchtwiesen ein großes Problem. Wenn die Bestäuber die Pflanze in hohem Gebüsch nämlich nicht finden oder die Distanzen zwischen verschiedenen Exemplaren nicht überwinden können, so bleiben Samen und Jungpflanzen aus. Das Aussterben der sich nur selten vegetativ vermehrenden Sumpf-Wolfsmilch rückt an diesen Standorten damit Schritt für Schritt näher. Die Langlebigkeit erwachsener Pflanzen kann dieses Schicksal jedoch über Jahrzehnte maskieren, so dass die Bedrohung der Art in weiten Teilen Mitteleuropas erst sehr spät erkannt wurde.

Die Sumpf-Wolfsmilch wurde in den 1980er Jahren von ihren letzten Berliner Standorten in die Erhaltungskultur des Botanischen Gartens Berlin-Dahlem übernommen, dort vermehrt und 1990-1992 am Ufer der Havel, im Spandauer Forst und am Tegeler Fließ ausgebracht. Zwei Populationen haben bis heute überlebt, hinzu kam 2010 ein Neufund in der Botanischen Anlage Blankenfelde (Pankow), dessen Herkunft aber noch geklärt werden muss. Um die Sumpf-Wolfsmilch in Berlin zu erhalten, sind Auflichtungen von Ufergehölzen und weitere Ansiedlungen von Pflanzen aus der Erhaltungskultur in extensiv genutzten Feuchtwiesen der Havel und in großflächig beweideten Feuchtgebieten sinnvoll.

Möchten Sie die Sumpf-Wolfsmilch bei ihrer Wiederausbreitung in Berlin unterstützen? Halten Sie entlang der Havel und des Tegeler Fließes nach der Art Ausschau und melden Sie uns ihre Funde, am besten mit einem Fotobeleg. Daneben ist ihre Mithilfe als ehrenamtlicher Florenschutzpate bei Pflege- und Ausbringungsmaßnahmen für Zielarten des Florenschutzes jederzeit herzlich willkommen. Sprechen Sie uns an!

Stiftung Naturschutz Berlin
Koordinierungsstelle Florenschutz
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Februar 2017: Blaugrünes Schillergras

Februar 2017: Blaugrünes Schillergras

Blaugrünes Schillergras – Koeleria glauca (Spreng.) DC.

Sommerdürre oder Winterfröste bis -40 °C: Wir Menschen benötigen sehr viel Ausrüstung, um unter diesen Bedingungen zu überleben. Nicht so das Blaugrüne Schillergras. Es übersteht all diese extremen Witterungsbedingungen problemlos, ist jedoch trotzdem inzwischen bei uns sehr selten geworden.

Das bis 60 cm hohe, mit den blaugrünen Horsten recht auffällige Blaugrüne Schillergras besiedelt ein ausgedehntes kontinentales Verbreitungsgebiet von Mitteleuropa bis ins östliche Westsibirien. Mit etwas Glück können Sie es in Berlin auf eiszeitlichen Dünen und in lichten, trockenen Kiefernwäldern antreffen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts kam die robuste Art, die in Deutschland die Westgrenze ihres Areals erreicht, sogar noch nahe der Berliner Innenstadt vor. Das Blaugrüne Schillergras benötigt zum Überleben offene, basenreiche Sandstellen, die den Pflanzen genügend Licht und den Samen gute Keimungsmöglichkeiten bieten. Doch lückige Trockenrasen sind in Berlin inzwischen kaum noch vorhanden. Das sah im 19. Jahrhundert ganz anders aus. Dünen und wenig produktive Sandtrockenrasen wurden seinerzeit häufig durch Schafe beweidet. Die Schafhufe sorgten hierbei regelmäßig für viele kleine Offenstellen. Wandernde Schafherden zogen zudem von Düne zu Düne und transportierten in ihren Fellen die Samen der typischen Dünenpflanzen mit und verbreiteten diese so über große Distanzen.

Heute sind die meisten Berliner Dünen bebaut oder wurden aufgeforstet. Eine großflächige Schafbeweidung gehört, ebenso wie weitere Nutzungen, die von Zeit zu Zeit offene Sandstellen schufen (z.B. militärischer Übungsbetrieb und Wintersport), der Vergangenheit an. Begünstigt durch die derzeit erheblichen Stickstoff-Einträge aus der Luft wachsen lückige Trockenrasen innerhalb weniger Jahre mit konkurrenzstarken Gräsern und Gehölzen zu. Eine dichte Streuschicht verhindert das Keimen der Samen des Blaugrünen Schillergrases und die Beschattung durch Gehölze führt zur Verdrängung der lichtliebenden Art. Illegal entsorgte Gartenabfälle oder Müll sowie Nährstoffeinträge durch Hundekot sorgen zusätzlich für das Verschwinden der Art.

In den letzten zehn Jahren konnten größere Bestände des Blaugrünen Schillergrases nur noch in zwei geschützten Dünengebieten in Reinickendorf und Köpenick bestätigt werden. In Köpenick existieren zudem zwei weitere kleine Vorkommen. Im optimalen Fall tritt das Blaugrüne Schillergras in der nach ihm benannten, in Deutschland stark gefährdeten Pflanzengesellschaft der Blauschillergras-Rasen auf. Diese gehören zum europaweit geschützten prioritären FFH-Lebensraumtyp „Trockene, kalkreiche Sandrasen“. In den als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Berliner Dünengebieten werden die Blauschillergras-Rasen durch die oberste Naturschutzbehörde gepflegt und erhalten.

Die Koordinierungsstelle Florenschutz organisiert darüber hinaus ehrenamtliche Pflegeeinsätze in diesen und weiteren Berliner Gebieten mit bedeutenden Zielarten-Vorkommen. Helfer sind hierbei herzlich willkommen. Auch über Fundmeldungen – am besten mit Fotobeleg – freuen wir uns sehr. Vielen Dank! 

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März 2017: Wiesen-Schlüsselblume

März 2017: Wiesen-Schlüsselblume

Wiesen-Schlüsselblume – Primula veris L.

Wenn in Sagen und Märchen eine Wunderblume geheimnisvolle Türen, Truhen und manchmal sogar Berge öffnen kann und dem Glücklichen damit zu einem Schatz verhilft, dann ist nicht selten die Wiesen-Schlüsselblume gemeint. Die ungewöhnliche Form der Blütenstände dieser Pflanze, die von der Seite gesehen an einen aufgerichteten Schlüssel mit mehreren Schlüsselbärten erinnert, hat ihr den seit dem 16. Jahrhundert bekannten Namen „Schlüsselblume“ gegeben. Noch älter ist der Name „Himmelschlüssel“, der sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Die eigentliche Bedeutung der Wiesen-Schlüsselblume für den Menschen lag jedoch seit alters her in der Heilkunde. In den Blüten, Blättern und Wurzeln der Wiesen-Schlüsselblume sind heilkräftige Inhaltsstoffe enthalten, die noch heute zur Behandlung von Erkältungen, Husten und Bronchitis eingesetzt werden. Traditionell wurde die Art auch zur Linderung vieler weiterer Beschwerden, wie z.B. Gicht, Rheuma, Schlaflosigkeit und Migräne, verwandt.

Die Wiesen-Schlüsselblume ist in Europa und Asien heimisch und erscheint hier als einer der ersten Frühblüher in kalkhaltigen Halbtrockenrasen und wechselfeuchten Wiesen. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts war es vor allem der Lebensraumverlust durch Nutzungsaufgabe, der ihre Bestände in Deutschland zusammenschrumpfen ließ. Als Lichtkeimer benötigt die Wiesen-Schlüsselblume einen lückigen, nicht zu hohen Bewuchs, um zu überleben. Diese Bedingungen werden am besten durch eine ein- bis zweimalige Mahd oder Beweidung im Jahr erhalten. Eine weitere Gefährdung stellt das Pflücken oder Ausgraben der geschützten Pflanze dar. Kleine Bestände der Wiesen-Schlüsselblume unterliegen einem besonderen Aussterberisiko, weil sich die Blüten einer Pflanze nicht selbst bestäuben können. Bleibt nur noch eine Pflanze zurück, so ist an diesem Standort keine Samenbildung mehr möglich.

In Berlin kommt die wilde Wiesen-Schlüsselblume nur noch im Eiskeller (Spandau) und auf der Pfaueninsel (Zehlendorf) vor. Bedeutend häufiger sind hingegen in Gärten und Parks angepflanzte oder aus Anpflanzungen verwilderte Exemplare. Um die in Berlin vom Aussterben bedrohte wilde Wiesen-Schlüsselblume nicht durch Einkreuzung von Gartenpflanzen zu gefährden, sollten letztere nicht in die freie Landschaft ausgebracht und Gartenabfälle unbedingt ordnungsgemäß auf dem Kompost, in Biotonnen oder in Laubsäcken entsorgt werden. Hierdurch wird auch eine Nährstoffanreicherung in den naturnahen Biotopen vermieden.

Vielleicht können Sie die Wiesen-Schlüsselblume auf einem Ihrer nächsten Spaziergänge in Berlin an Waldrändern oder auf Wiesen fern der nächsten Siedlung entdecken? Die Art lässt sich von ähnlichen, in Berlin manchmal aus Zierpflanzungen verwildernden Schlüsselblumen durch den langen Blütenstengel, die intensiv gelbe Färbung der Blütenblätter und die fünf orangenen Flecken im Blütenschlund gut unterscheiden. Über eine Fundmeldung – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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April 2017: Kelch-Steinkraut

April 2017: Kelch-Steinkraut

Kelch-Steinkraut – Alyssum alyssoides (L.) L.

Zu den Sonnenanbetern unter den Berliner Pflanzen gehört das Kelch-Steinkraut: sonnenüberflutete, offene Sandstellen an Bahndämmen, Kanalböschungen, auf Brachen und auf ehemaligen Militärflächen sind seine Heimat. Gegen Trockenheit und Hitze ist die 7 bis 30 cm hohe Pflanze dabei gut gewappnet. Ihre schmalen Blätter und eine dichten Behaarung aus Sternhaaren ermöglichen ihr einen „Platz an der Sonne“ und lassen die kleine und eher unscheinbare Pflanze von weitem graugrün erscheinen. 

Wer würde vermuten, dass man diesem Pflänzchen und seinen Verwandten früher Großes zutraute? Sein lateinischer Name „Alyssum“ leitet sich vom altgriechischen „alysson“ ab, das soviel wie „ohne Wut“ bedeutet. Tatsächlich versuchte man in der Antike, mit Pflanzen der Gattung Alyssum Tollwut zu heilen. Leider waren alle Versuche mit diesen und vielen weiteren Heilmitteln erfolglos. Erst 1885 führte Louis Pasteur eine Impfung ein, die den Ausbruch der durch den Biss warmblütiger Tiere übertragenen und fast immer tödlich endenden Virus-Erkrankung verhindern konnte.

Das licht- und wärmeliebende Kelch-Steinkraut ist in Europa und in der Kaukasusregion heimisch. Deutschland gehört zu seinem Hauptareal, wobei die Art hier seit den 1950er Jahren stark zurückgegangen ist. In Berlin sind seine oft durch den Menschen geschaffenen und durch das Stadtklima wärmebegünstigten Wuchsplätze durch Bebauung, Eutrophierung, Nutzungsaufgabe und Sukzession gefährdet. Stellenweise haben zudem Neophyten wie Robinie und Topinambur die Art verdrängt.

Noch im 19. Jahrhundert war das Kelch-Steinkraut in Berlin weit verbreitet. Seit 2009 wurde die Art jedoch nur noch an zwei Fundorten in Köpenick nachgewiesen, sie ist damit in Berlin vom Aussterben bedroht. Die Pflanze kann jedoch an ihren Standorten durch Auflichtungen, Mahd und Bodenverwundungen gefördert werden. Ebenso besteht aufgrund der langlebigen Samen die Chance, die Art nach Bodenstörungen an früheren Fundorten wiederzufinden.

Sie können uns beim Schutz des Kelch-Steinkrauts in Berlin unterstützen. Achten Sie doch einmal bei einem Spaziergang entlang des Teltowkanals in Zehlendorf auf den Bewuchs sonniger Sandflächen. Hier konnte das Pflänzchen früher auch gefunden werden, und mit etwas Glück können Sie hier auch weitere Zielarten entdecken, die ebenfalls offene, nährstoffarme Wuchsbedingungen benötigen. Über eine Fundmeldung – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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Mai 2017: Violette Schwarzwurzel

Mai 2017: Violette Schwarzwurzel

Violette Schwarzwurzel – Scorzonera purpurea L.

Jedes Jahr im Mai zaubern die wärmenden Sonnenstrahlen auf einer nacheiszeitlichen Düne im Forst Rahnsdorf eine echte Rarität hervor: die zarten, hellvioletten Blütensterne der Violetten Schwarzwurzel. Die Art ist in Berlin nur noch an dieser Stelle zu finden und gilt zudem deutschlandweit als stark gefährdet. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt in den Steppengebieten Osteuropas und Westsibiriens, weit zerstreute Vorposten existieren zudem in Südosteuropa, Mitteleuropa und Südfrankreich. In Deutschland erreicht die Art ihren nordwestlichen Arealrand.

Die meiste Zeit des Jahres lebt die Violette Schwarzwurzel versteckt in kontinentalen Trocken- und Halbtrockenrasen und lichten Kiefernwäldern auf basenreichen Dünenstandorten – gut getarnt durch ihre grasähnlichen Laubblätter. Nur wenn ihre Blüten erstrahlen, ist sie leicht zu finden. Aber um diese zu sehen, muss man schon früh aus dem Bett, denn mittags schließen sie sich wieder. Der größte Teil der Pflanze lebt unterirdisch: eine lange, kräftige Pfahlwurzel holt Wasser aus über einem Meter Tiefe und speichert es für schlechte Zeiten. Mit dieser Anpassung an trockenes, kontinentales Steppenklima übersteht die Pflanze auch mehrere Wochen Dürre oder Frost problemlos.

Ist der Standort offen und sonnig, bildet die Violette Schwarzwurzel an 25 bis 50 cm langen Stängeln 1-5 Blüten aus. Diese locken über zwei Wochen bis in den Juni hinein mit Schokoladenduft Insekten an, die die Bestäubung übernehmen. Je Blüte werden danach bis zu 25 flugfähige, aber relativ schwere Samen gebildet, die im Umkreis von etwa 100 m um die Mutterpflanze niedergehen. Sind hier lockere Sandflächen vorhanden, können die etwa ein Jahr lebensfähigen Samen bei Regen sofort keimen und Jungpflanzen ausbilden. 

Die Violette Schwarzwurzel kann sehr alt werden und so auch viele Jahre ungünstiger Umweltbedingungen, wie z. B. Beschattung, Nährstoffeintrag und eine dichte Streuschicht, überdauern. Kritisch wird es jedoch, wenn die Wuchsorte dauerhaft zuwachsen und nicht von Zeit zu Zeit aufgelichtet werden. Bei starker Beschattung bildet die Art nämlich keine Blüten aus, wodurch eine Samenbildung nicht mehr möglich ist. Zugleich sind gelegentliche offene Sandstellen in der Umgebung der Pflanze wichtig, damit die Samen ein geeignetes Keimbett finden.

Noch im 20. Jahrhundert kam die Violette Schwarzwurzel auf mehreren Berliner Dünen vor, z. B. auf den Baumbergen und auf einem „Sandberg“ am Tegeler See. Das kleine Vorkommen im Forst Rahnsdorf ist sehr wahrscheinlich ein Relikt eines ehemals viel größeren Bestandes im Bereich des Wilhelmshagen-Woltersdorfer Dünenzuges. Seine Erhaltung gestaltet sich schwierig, da es nicht im Naturschutzgebiet liegt. Die Eutrophierung durch Stickstoffimmissionen, die starke Ausbreitung der neophytischen Späten Traubenkirsche und die vermehrte Förderung und Anpflanzung von stark beschattenden Laubbäumen in den Forsten haben den Standort und seine Umgebung für die lichtliebende Art sehr nachteilig verändert.

Zum Schutz des letzten Berliner Vorkommens der Violetten Schwarzwurzel soll der Standort licht gehalten werden. Es ist außerdem geplant, von den Pflanzen Samen zu gewinnen und mit diesen im Botanischen Garten Potsdam im Rahmen des Projektes „Urbanität und Vielfalt“ eine Vermehrungskultur aufzubauen. Später können die herangezogenen Jungpflanzen an früheren Fundorten oder auch an anderen gesicherten, offen gehaltenen Berliner Dünenstandorten ausgebracht werden. 

Helfen Sie uns beim Schutz der Violetten Schwarzwurzel und weiterer Zielarten des Florenschutzes! Über Fundmeldungen von Zielarten – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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Juni 2017: Europäischer Siebenstern

Juni 2017: Europäischer Siebenstern

Europäischer Siebenstern – Trientalis europaea L.

Tief im Spandauer Forst, in einer ehemaligen Moorrinne unter alten Erlen und Moorbirken, lebt der Europäische Siebenstern. Er ist benannt nach seinen von Mai bis Juli geöffneten, durch sieben leuchtend weiße Blütenblätter unverkennbaren Blüten. Bis sich die Pflanze jedoch über Samen vermehren kann, dauert es mitunter eine lange Zeit. Die dicht neben der Mutterpflanze niederfallenden Samen werden zum Teil von Tieren gefressen und unverdaut wieder ausgeschiedenen. Im Boden bleiben sie mehr als zehn Jahre keimfähig. Sie benötigen zur Keimung Feuchtigkeit und Licht. Letzteres ist jedoch am Boden im Waldesinnern rar und wird erst durch zufällige Störungen wie Windwurf, Insektenfraß oder Forstarbeiten in größerem Maße verfügbar. Ist der Europäische Siebenstern aber erst einmal zum Leben erwacht, hält er sich sehr lange. Eine skandinavische Kolonie der Pflanze weist ein Alter von über 400 Jahren auf. 

Die kleine, nur 5 bis 20 cm hohe Pflanze ist in den Tundren und Nadelwäldern der Nordhalbkugel verbreitet. In Deutschland fühlt sich die Art im feuchteren Nordwestdeutschland, nahe der Ostseeküste und in den Mittelgebirgen Mittel- und Ostdeutschlands wohl. Vorkommen in Brandenburg und Berlin wurden am Ende der letzten Eiszeit begründet, als einige Bestände dem zurückweichenden Eisschild nicht nach Skandinavien folgten, sondern stattdessen in einzelnen Waldmooren mit feuchterem und kälterem Mikroklima zurückblieben. 

Der Europäische Siebenstern ist im Laufe seines Lebens stets auf feuchten, sauren Boden, jedoch auf verschiedene Waldstadien angewiesen. Neben Licht kann auch lang anhaltender Frost die Samenruhe brechen. Sobald sich eine Pflanze des Europäischen Siebensterns etabliert hat, beginnen ein bis fünf unterirdische Ausläufer dicht unter der Oberfläche in alle Richtungen zu wachsen. Sie legen durchschnittlich 17 bis maximal 100 cm im Jahr zurück und bilden an ihren Enden im Herbst jeweils eine Überwinterungsknospe aus, aus der im nächsten Jahr eine Tochterpflanze entsteht. Diese ist mit der schließlich absterbenden Mutterpflanze genetisch identisch, stellt also einen Klon dar. Das unvorhersehbare, schnelle Auftreten der Tochterpflanzen und Verschwinden der Mutterpflanzen am Waldboden hat dieser Form der vegetativen Vermehrung ihren Namen gegeben: „Guerillastrategie“. Eine Kolonie des Europäischen Siebensterns kann sich auf diese Weise vegetativ über eine große Fläche ausbreiten. Nach vielen Jahrzehnten vegetativer Vermehrung bietet dann schließlich eine plötzlich entstehende Lichtung erneut die Chance auf eine Vermehrung durch Samen.

Der Europäischen Siebenstern wurde seit dem Jahr 2000 in Berlin nur noch im Spandauer Forst mit einem kleinen Bestand nachgewiesen. Die größten Gefährdungen der vom Aussterben bedrohten Art stellen künstliche Grundwasserabsenkung, starke Beschattung und Ausbreitung konkurrenzstarker Arten dar. Bei dauerhaft niedrigen Wasserständen können die Rhizome austrocknen und auch eine Keimung der Samen und damit die Verjüngung der Bestände wird unmöglich. Um den Europäischen Siebenstern in Berlin zu erhalten, sollten die Grundwasserstände im Spandauer Forst stabilisiert werden. Möchten Sie mehr zu den in Berlin möglichen Erhaltungsmaßnahmen erfahren? Sprechen Sie uns an!

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Juli 2017: Färber-Scharte

Juli 2017: Färber-Scharte

Färber-Scharte – Serratula tinctoria L. subsp. tinctoria

Wenige Pflanzen tragen ihren Nutzen für den Menschen so auffällig im Namen wie die Färber-Scharte. Diese in Europa heimische Pflanze ähnelt mit ihren violetten Blüten aus der Entfernung einer Distel, trägt jedoch keine Stacheln. Dafür hat sie an den Blatträndern winzige Sägezähnchen, die beim Entlangfahren mit den Fingern rauh wirken. Das bis zu einem Meter hohe Gewächs wurde früher zum Färben verwandt. Bis ins 19. Jahrhundert kam die Färber-Scharte viel häufiger vor als heute, denn sie wurde gern gepflanzt und durch Siedler aus Europa auch in die Kolonien der amerikanischen Ostküste mitgenommen.

Zum Färben wurden jedoch nicht ihre leuchtend violetten Blüten, sondern ihre Laubblätter und Stengel verwandt. Beim Trocknen und anschließenden Kochen in alkalischen Laugen verwandelt sich die in der Pflanze enthaltene farblose Substanz Serratulan in den gelben Farbstoff Serratulin, auch „Schüttgelb“ genannt. Dieser Stoff wurde bis ins 19. Jahrhundert zum Färben von Wolle, Baumwolle, Seide, Leinen und Leder, aber auch in der Malerei genutzt. Behandelt mit verschiedenen Chemikalien konnte man aus Serratulin zudem Gelbgrün und Olivbraun gewinnen. Gemischt mit Indigo ergaben sich auch leuchtende Grüntöne. Serratulin ist wie die meisten Pflanzenfarbstoffe jedoch nicht lichtecht, sodass die damit gefärbten Materialien verblassen, wenn sie längere Zeit dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Mit der Entwicklung billig herzustellender, synthetischer, lichtbeständigerer Farbstoffe gerieten die meisten Färbepflanzen, und damit auch die Färber-Scharte, Ende des 19. Jh. schnell in Vergessenheit.

Heute ist die Färber-Scharte kaum noch in Gärten zu finden und auch an ihren Wildstandorten sehr selten geworden. Die Pflanze kommt in Europa wild in extensiv genutzten, nur einmal jährlich gemähten, wechselfeuchten bis wechseltrockenen Feuchtwiesen, in lichten Laubmischwäldern und an ihren Säumen vor. Da der Aufwuchs sogenannter Pfeifengraswiesen vom Vieh ungern gefressen wird und Einstreu aus der modernen Viehhaltung verdrängt wurde, ist der Lebensraum der Färber-Scharte durch zwei Extreme gefährdet: Nutzungsintensivierung mit Düngung und häufiger Mahd oder Brachfallen mit allmählicher Bewaldung. In Berlin sind die letzten Standorte der Pflanze zudem durch künstliche Grundwasserabsenkung und Ausbreitung von Neophyten, wie z.B. der Spätblühenden Traubenkirsche, Robinie und Kanadischen Goldrute, sehr beeinträchtigt.

Die Färber-Scharte gilt in Berlin als stark gefährdet. Sie wurde seit dem Jahr 2000 nur noch in drei Fundgebieten festgestellt, und zwar im Eiskeller (Bezirk Spandau), in der Wuhlheide (Bezirk Treptow-Köpenick) und im NSG Idehorst (Bezirk Pankow). Zur Förderung der Färber-Scharte und weiterer stark gefährdeter Wildpflanzen werden in der Wuhlheide jedes Jahr ehrenamtliche Pflegeeinsätze durchgeführt. Der nächste Pflegeeinsatz findet am 16. September 2017 statt. Möchten Sie uns dabei unterstützen? Sprechen Sie uns an!

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August 2017: Wasserschierling

August 2017: Wasserschierling

Wasserschierling – Cicuta virosa L.

Wäre eine preußische Verordnung von 1818 gründlich umgesetzt worden, so gäbe es den Wasserschierling heute in Berlin und Brandenburg nicht mehr. In diesem Jahr wurde durch die Königliche Regierung zu Potsdam die Ausrottung der Pflanze angeordnet. Grund hierfür waren wiederholt tödliche Vergiftungen von Menschen, welche die durch Vieh losgetretenen und im Wasser treibenden Wurzeln der Pflanze mit Gemüse wie Kerbel, Pastinaken, Sellerie- und Petersilienwurzeln verwechselten und verspeisten.

In den Wurzeln des Wasserschierlings ist der Anteil des in der gesamten Pflanze enthaltenen hochwirksamen Giftes Cicutoxin am höchsten. Menschen, Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine - alle Säugetiere, die von dieser Pflanze kosten, erleiden bei kleinen Dosen Benommenheit, Schwindel und Krampfanfälle, höhere Dosen führen zum Tod. Das Gift bleibt auch im Heu wirksam, 500 g getrocknete Blätter und ein nur walnußgroßes Stück der Wurzel sind beispielsweise für Pferde tödlich. Der Wasserschierling ist damit eine der giftigsten Pflanzen Mitteleuropas, was sich in sehr plastischen Volksnamen wie „Wüterich“ oder „Kuhtod“ wiederspiegelt.

Der Wasserschierling ist jedoch auch eine alte Heilpflanze, die äußerlich als Salbe oder Wickel aufgebracht zur Schmerzstillung und zur Linderung von Rheuma, Gicht und Krämpfen verwandt wurde. Noch heute wird die Art in der Homöopathie zur Behandlung von Schwindel, Kopfschmerzen, Hautausschlägen und Krämpfen eingesetzt. Daneben stellen die von Juli bis September erscheinenden weißen Doldenblüten des Wasserschierlings für Bienen und Fliegen eine reichhaltige Nahrungsquelle dar. Es gibt sogar Tiere, die sich unbeschadet ausschließlich von seinen Blättern ernähren können. Hierzu zählt die Raupe des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon), einer der größten und elegantesten Schmetterlinge unserer Heimat.

Sonnige Ufer stehender, mäßig nährstoffreicher Gewässer sowie halbschattige Erlenbrüche sind die bevorzugten Wuchsplätze des Wasserschierlings. Die majestätische, bis zu 1,20 m hohe Pflanze ist perfekt an ein Leben in der Uferzone angepasst. So ist die kräftige Wurzel durch Luftkammern gegliedert, wodurch Sauerstoff in die Wurzelspitzen geleitet wird. Die Pflanze kann somit auch zeitweilig im Wasser stehend bzw. überflutet überleben. Ausgegrabene Wurzeln schwimmen dank der Luftkammern an der Wasseroberfläche und können mit der Strömung neue Wuchsorte erreichen. Die Verbreitung der Samen erfolgt durch das Wasser, den Wind oder vorbeistreifende Säugetiere oder Vögel.

Der Wasserschierling ist heute in ganz Mitteleuropa selten und gilt in Deutschland und Berlin als gefährdet. Die Art konnte seit 2010 nur noch vereinzelt in den Bezirken Spandau, Reinickendorf, Charlottenburg-Wilmersdorf und Treptow-Köpenick nachgewiesen werden. Weniger eine gezielte Ausrottung als vielmehr Uferverbauung, Melioration, die zunehmende Beschattung von Ufern durch Gehölzaufwuchs sowie Wellenschlag durch Bootsverkehr  sind in Berlin die Hauptgründe seines Verschwindens. Durch eine verbesserte Wasserqualität, Uferrenaturierungen und Auslichtungen an Gewässerufern könnte man den Wasserschierling und eine Vielzahl weiterer gefährdeter Sumpf- und Wasserpflanzen in Berlin fördern. Beherzigt man den Grundsatz, nur gut bekannte Wildkräuter in der Küche zu verwenden, ist die Gefahr einer Vergiftung mit dem Wasserschierling heute sehr gering. Auf den ersten Blick ähnliche, ebenfalls aus der Familie der Doldengewächse (Apiaceae) stammende Gemüsepflanzen wachsen nicht an Gewässerufern und haben insbesondere keine gekammerten Wurzeln. Weidetiere lernen zudem, den Wasserschierling zu meiden, so dass in großflächigen, dauerhaften Beweidungsprojekten bisher keine tödlichen Vergiftungsfälle beobachtet wurden. Aus neu angelegten Weidekoppeln sollte die Art jedoch zur Sicherheit ausgezäunt werden. Unter diesen Bedingungen steht einer friedlichen Koexistenz von Wasserschierling und Mensch nichts im Wege.

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September 2017: Pracht-Nelke

September 2017: Pracht-Nelke

Pracht-Nelke – Dianthus superbus L.

Sie begeisterte schon Carl von Linné mit ihren grazilen, federgleichen Blütenblättern. Er gab ihr den wissenschaftlichen Namen „Dianthus superbus“ – stolze, prächtige Nelke. Der Schönheit nicht genug, senden die Blüten zudem während der Nacht einen betörenden Duft aus, der sie für Nachtfalter unwiderstehlich macht. Schmetterlinge sind auch die einzigen Insekten, die mit ihren langen Saugrüsseln den in einer etwa 3,5 cm tiefen, schmalen Blütenröhre verborgenen Nektar erreichen können. Sie übernehmen damit auch die Bestäubung.

Die Schönheit der in Europa und Asien heimischen Pracht-Nelke hat ihr seit Jahrhunderten einen Platz in Bauerngärten und auf Künstlerleinwänden gesichert. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gingen hingegen ihre natürlichen Wuchsorte in wechselfeuchten bis nassen Wiesen und feuchten, lichten Eichenwäldern stark zurück. Die Heugewinnung auf Feuchtwiesen ist unrentabel geworden, da sie mit Mähmaschinen jahreszeitlich z.T. unbefahrbar sind, ihr Futterwert den Ansprüchen moderner Hochleistungskühe nicht mehr genügt sowie Heu und Streu in der heutigen Tierhaltung weitgehend eingespart wurden. Nährstoffeinträge aus der Luft, Entwässerungen und Grundwasserabsenkungen führten ebenso zu deutlichen Veränderungen der Artgemeinschaften. Pfeifengraswiesen und kalkreichen Niedermoore, in denen die Pracht-Nelke bevorzugt vorkommt, gehören daher heute in Europa zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen (EU-weiter Schutz als prioritäre FFH-Lebensraumtypen 6410 und 7230).

Die Pracht-Nelke konnte in Berlin seit 2010 nur noch im Eiskeller (Bezirk Spandau), im NSG Kalktuffgelände am Tegeler Fließ und im NSG Idehorst (beide im Bezirk Pankow) nachgewiesen werden. Insgesamt existieren in Berlin weniger als 100 Pflanzen, die sich zumeist auf kleine, hunderte Meter voneinander entfernte Bestände verteilen. Hierdurch ist es für ihre Bestäuber schwer geworden, benachbarte Pracht-Nelken zu erreichen, wodurch der Pollenaustausch zwischen den Pflanzen stark eingeschränkt ist. So kommt es, dass immer weniger Samen gebildet werden, denn die Fruchtbarkeit von Nelken ist bei Selbstbestäubung oft geringer als bei Fremdbestäubung. Um diese Abwärtsspirale zu stoppen und neben der Blüte auch die vegetative Vermehrung der Pracht-Nelke zu fördern, müssen die Wasserstände in den Gebieten stabilisiert und ihre Wuchsorte gezielt gepflegt werden. Bei geeigneten Standortverhältnissen könnten zudem Jungpflanzen in einer Vermehrungskultur herangezogen und im Bereich der Reliktvorkommen und an weiteren Standorten ausgebracht werden.

Helfen Sie uns beim Schutz der Pracht-Nelke und weiterer Zielarten des Florenschutzes! Über Fundmeldungen von Zielarten – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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Oktober 2017: Verwandter Frauenmantel

Oktober 2017: Verwandter Frauenmantel

Verwandter Frauenmantel – Alchemilla propinqua H. Lindb. ex Juz.

Berlin ist ein Eldorado für Fashionistas und Modedesigner/innen. Der „Verwandte Frauenmantel“ kommt zwar in Berlin vor, ist aber dennoch kein Must-have der neuesten Herbstkollektion. Vielmehr handelt es sich um ein kleines Pflänzchen, das versteckt in Wiesen und lichten Wäldern lebt. 

Der Name „Frauenmantel“ leitet sich von den fächerförmigen Blättern ab. Die Ähnlichkeit zu dem schweren, faltenreichen Kleid der Jungfrau Maria in mittelalterlichen Darstellungen brachte ihm diesen Namen ein. Er weist zudem auf eine bis zu den Germanen zurückreichende Tradition als Heilpflanze für Frauenleiden hin. Pflanzen dieser Gattung wurden beispielsweise zur Linderung von Unterleibskrämpfen, zur Stillung von Blutungen und zur Behandlung von Wunden und Geschwüren genutzt. Auch als Zauberpflanzen waren die Frauenmantelarten sehr begehrt. Bei Nacht oder hoher Luftfeuchtigkeit sondert die Pflanze Wassertropfen an den Blatträndern ab. In der Mitte der trichterförmigen Blätter sammeln sich zusätzlich Tau und Regenwasser. Dieses „Himmelswasser“ wurde früher für rituelle Waschungen und für Experimente zur Goldherstellung genutzt, was sich im wissenschaftlichen Gattungsnamen „Alchemilla“ –  „kleine Alchemistin“ – widerspiegelt.

So spektakulär die frühere Verwendung, so selten und wenig bekannt sind die heute noch in Berlin wildlebenden Frauenmantel-Arten. Am stärksten gefährdet ist der Verwandte Frauenmantel, eine nordische Art, deren Verbreitungsgebiet von Mitteleuropa bis in den Norden Skandinaviens und in den Nordwesten Russlands reicht. In Berlin konnte sie bisher nur mit einem einzigen Vorkommen im Naturschutzgebiet Wilhelmshagen-Woltersdorfer Dünenzug (Bezirk Treptow-Köpenick) nachgewiesen werden. Dieser Bestand hier bei uns im Flachland stellt eine große Rarität dar, denn er gehört zu einem Vorposten, der über 150 Kilometer von den übrigen Vorkommen nahe der Ostseeküste und in den ostdeutschen Mittelgebirgen entfernt ist. 

Das einzige Berliner Vorkommen des Verwandten Frauenmantels existiert auf einer Wegschneise in einem lichten Kiefernforst. 1998 zählte es noch mehr als 250 Pflanzen, 2017 waren es weniger als 30, von denen nur noch wenige blühten. Der stetige Rückgang und das Ausbleiben der Blüte sind auf eine zunehmende Nährstoffanreicherung und Beschattung der Wegränder, insbesondere durch das illegale Abladen von Gartenabfällen, zurückzuführen. Hierdurch gelangen auch Zierpflanzen in die Natur, die in wenigen Jahren dichte Bestände ausbilden können. Die Liste der nicht-einheimischen Arten (Neophyten) an diesem Standort ist bereits jetzt erschreckend: Pfeifenstrauch, Kleines Immergrün, Kleinblütiges Springkraut, Efeu, Mahonie, Spätblühende Traubenkirsche, Eschen-Ahorn – mit fatalen Folgen für den Verwandten Frauenmantel und viele weitere lichtliebende einheimische Arten. 

Bitte werfen Sie keine Gartenabfälle in die Landschaft! Sie können Gartenabfälle auf ihrem eigenen Komposthaufen oder über die BSR entsorgen.

Zum Schutz des Verwandten Frauenmantels in Berlin wurden 2017 durch die Koordinierungsstelle Florenschutz einige Pflanzen vom Fundort entnommen und in den Botanischen Garten Potsdam gebracht. Hier werden sie in einer Erhaltungskultur vermehrt. Mit neu herangezogenen Jungpflanzen können dann in Zukunft an geeigneten Standorten neue Populationen begründet werden.

Auch Sie können uns beim Schutz des Verwandten Frauenmantels und vieler weiterer Zielarten unterstützen. Senden Sie uns Fundhinweise zu wilden Frauenmantelarten in Berlins Wiesen und Wäldern. Daneben freuen wir uns jederzeit über tatkräftige Mithilfe bei ehrenamtlichen Pflegeeinsätzen. 

Stiftung Naturschutz Berlin
Koordinierungsstelle Florenschutz
Potsdamer Straße 68
10785 Berlin
Tel: 030 26394 -188

November 2017: Kleines Flohkraut

November 2017: Kleines Flohkraut

Kleines Flohkraut – Pulicaria vulgaris GAERTN.

Klein, aber oho! Das Kleine Flohkraut hat ebenso wie sein großer Bruder, das Große Flohkraut, seine ganz eigene Stärke: Einen Duft, der Flöhe vertreiben soll. Bis vor einigen Jahrzehnten zählten lästige Menschenflöhe auch hierzulande noch zum Alltag vieler Menschen. Umso begehrter waren Mittelchen, die hier Abhilfe versprachen. Noch heute wird das Kraut bei Kleintieren gegen Zecken- und Flohbefall verwendet. Ihr Nutzen als Flohrepellent hat den Flohkräutern ihren Namen gegeben. Auch der wissenschaftliche Gattungsname Pulicaria leitet sich vom lateinischen „pulex“ für „Floh“ ab. 

Leider besteht die Gefahr, dass das Kleine Flohkraut ausstirbt. Heute ist die Art in Deutschland fast nur noch in den großen Stromtälern von Oder, Elbe, Weser und Rhein zu finden. In den Flussauen besiedelt sie Ufer und Schlammflächen sowie feuchtnasse Wiesen und Weiden. In Folge von Flussregulierungen, Entwässerung und Versiegelung verringert sich die Zahl geeigneter Lebensräume weiterhin fortlaufend.

Früher war das Kleine Flohkraut auch außerhalb der Flussauen regelmäßig in der Kulturlandschaft anzutreffen. Extensive Landnutzungen bescherten ihm einst ideale Standorte, wie z. B. Gänseanger und Schweineweiden. Mit dem Verschwinden dieser Nutzungen sind auch die für das Flohkraut geeigneten Standorte heute äußerst selten geworden. Ideale Wuchsorte sind offene Bodenstellen bzw. Bodenverwundungen an feuchten Standorten, die z. B. durch Tritt von Weidetieren an Ufern von Kleingewässern entstehen können. Nur dort kann sich die einjährige konkurrenzschwache, aber stresstolerante Pflanzenart gegen konkurrierende Pflanzen durchsetzen.

Diese Vorlieben und Lebensraumveränderungen des Kleinen Flohkrautes können an der Entwicklung des Berliner Bestandes gut nachvollzogen werden. Im 19. Jahrhundert wurde die Art zerstreut in Berlin an Ufern, feuchten Triften, Wiesen und Wegen gefunden, u. a. in Spandau, Tegel, Reinickendorf, Malchow, Schmargendorf und Mariendorf sowie an der Spree. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Art kaum noch in Berlin zu finden. Die zunächst letzten Nachweise gelangen Anfang der 1960er Jahre in Lichtenrade, danach galt die Art über mehrere Jahrzehnte in Berlin als verschollen.

Erst im Sommer 2013 wurde das Kleine Flohkraut bei einer Suchexkursion der Koordinierungsstelle Florenschutz und des Botanischen Vereins von Berlin und Brandenburg an neu angelegten Kleingewässern innerhalb des Landschaftsparks Rudow-Altglienicke wiedergefunden. Seitdem ist es eine Zielart des Florenschutzes mit hoher Schutzpriorität. Während 2013 auf den offenen, wechselnassen Pionierstandorten dichte Massenbestände mit über 1.000 Exemplaren vorgefunden wurden, konnten bei einer Überprüfung 2015 nur noch maximal 100 Exemplare bestätigt werden. Durch fortschreitende Sukzession breiteten sich konkurrenzstarke Gräser, wie Schilf und Rohrkolben, aus. Zudem waren 2015 aufgrund relativ hoher Wasserstände in den Kleingewässern kaum offene Schlammflächen vorhanden, zu Ungunsten des Kleinen Flohkrautes. 

Um den offenen Charakter und die Schlammstellen der seichten Gewässerlandschaft im Landschaftspark Rudow-Altglienicke zu erhalten, weiden hier seit 2014 im Sommerhalbjahr Wasserbüffel. Über diese Pflege der Pfuhle freut sich nicht nur das Kleine Flohkraut, sondern auch alle anderen pflanzlichen und tierischen Bewohner offener Flachwasserbereiche, Schlammfluren und Zwergbinsen-Gesellschaften. 

Stiftung Naturschutz Berlin
Koordinierungsstelle Florenschutz
Potsdamer Straße 68
10785 Berlin
Tel: (030) 26 39 4-188

Dezember 2017: Ruprechtsfarn

Dezember 2017: Ruprechtsfarn

Ruprechtsfarn – Gymnocarpium robertianum (HOFFM.) NEWMAN

Warum der Ruprechtsfarn den Namen des berühmten Knechts vom St. Nikolaus trägt, ist nicht bekannt. Der Name Ruprecht aber leitet sich vom Althochdeutschen hruod ab, was man mit Ruhm und Glanz übersetzen kann. Durchaus passend, hatte sich der Farn in Berlin im 19. Jahrhundert an einer Mauer des Charlottenburger Schlossgartens angesiedelt. Auch im restlichen Berlin siedelt die eigentlich auf Felsen und Gestein angewiesene Pflanze fast ausschließlich an kalkhaltigen Mauern und in deren Fugen. Außerdem bevorzugt er eine hohe Luftfeuchtigkeit und nordexponierte, feuchte Standorte. Geeignete Stellen findet der Ruprechtsfarn vor allem an historischen Bauten oder auf alten Friedhöfen. 

Da der Ruprechtsfarn auf kalkhaltige Gesteine angewiesen ist, weist sein Vorkommen auf einen basenhaltigen Untergrund hin. Sein Verbreitungsschwerpunkt befindet sich in Gebirgen und im Bergland. Auf der Nordhalbkugel ist er rund um den Erdball vertreten. Von seinen südlichsten Vorposten in Gebirgen im Mittelmeerraum reicht sein Areal in Europa bis zu seinen nördlichsten Fundorten in Norwegen. In Mitteleuropa ist er vorrangig in den Kalkgebieten der Alpen und der Mittelgebirge zu finden. Nördlich der deutschen Mittelgebirge kommt der Ruprechtsfarn nur vereinzelt vor, v. a. in Brandenburg. 

Der ausdauernde, sommergrüne Ruprechtsfarn ist ein typischer Vertreter der Schuttflurvegetation. Als solcher ist er darauf spezialisiert, Felsen, Geröll und Schuttwälder zu besiedeln. Zu diesem Zweck bildet der 15-60 cm hohe Farn ein lang kriechendes Rhizom aus, mit dem er Nischen mit Feinerde im Gestein erreichen kann. Dieses Rhizom ist verhältnismäßig dick und nur gering verzweigt, um die Scherkräfte etwaiger Geröllrutsche zu überstehen. 

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind die Bestände des Ruprechtsfarnes im gesamten deutschen Raum rückläufig. Dieser Negativtrend hat sich seit den 1980er Jahren leider noch verstärkt. In Berlin sind die auf historische Gebäude und Mauern angewiesenen Bestände insbesondere durch Sanierungs- oder Abrissarbeiten akut vom Aussterben bedroht. Alte Gebäude werden neu gedämmt, verputzt oder gar abgerissen, alte Mauerwerke gereinigt und neuverfugt. Einer seiner letzten bestätigten Fundorte in Berlin befindet sich an der Spreemauer in der Nähe des S-Bahnhofs Friedrichstraße. Diesen durchaus populären Standort teilt er sich mit weiteren Mauerfarnen, die ebenfalls gefährdet sind. 

Finden sich Vorkommen des Ruprechtsfarnes oder anderer seltener Mauerpflanzen auf zu sanierenden Mauern und Gebäudeteilen, so sollten diese nicht beseitigt werden. Die bewachsenen Stellen können einfach von Reinigung und Sanierung ausgespart werden. Komplette Neuverfugungen gilt es in diesem Falle unbedingt zu vermeiden. Bei Abrissarbeiten bleibt jedoch nur die Umsiedelung der Pflanzen an einen geeigneten geschützten Ort als letzte Alternative. Es sollten möglichst große Mauerteile mitsamt den Farnbeständen umgesiedelt werden. Wir beraten Sie in solchen Fällen gerne.

Halten Sie die Augen offen, vielleicht erblicken Sie den Ruprechtsfarn beim nächsten Spaziergang durch die Stadt oder sogar in Ihrem Hinterhof. Melden Sie uns bitte Ihren Fund – am besten mit Fotobeleg! Vielen Dank!

Stiftung Naturschutz Berlin
Koordinierungsstelle Florenschutz
Potsdamer Straße 68
10785 Berlin
Tel: 030 26394 -188