2016: Pflanze des Monats

Januar 2016: Sand-Binse

Januar 2016: Sand-Binse

Sand-Binse – Juncus tenageia Ehrh.

Sie ist ziemlich unscheinbar, doch ihr Wiederfund 2013 in Berlin war eine kleine Sensation. Die Sand-Binse galt in der Hauptstadt als ausgestorben und wurde hier zuletzt vor 37 Jahren gesehen. Dass sie jetzt wieder zur Berlinerin wurde, verdanken wir einer wegweisenden Naturschutzmaßnahme im Landschaftspark Rudow-Altglienicke.

Im 19. Jahrhundert war die Sand-Binse in Berlin vor allem in Wiesen- und Ackersenken sowie an eiszeitlichen Pfuhlen im Süden der Stadt anzutreffen. Hier konnte sie bis 1976 nachgewiesen werden. Doch schon lange vorher begann das langsame Aussterben. Jeder Teich, der zugeschüttet wurde, war ein Lebensraum weniger. Hinzu kam, dass durch die Unterschutzstellung von Pfuhlen auch deren traditionelle Nutzung, wie gelegentliches Pflügen in Trockenperioden, endete. In der Folge wuchsen die Pfuhle mit konkurrenzstarken Röhrichten, Wiesengesellschaften und Gehölzen zu. Die Sand-Binse und weitere seltene Arten hatten keine Chance mehr.

Im Rahmen des Baus der Autobahn 113 ergab sich die Gelegenheit, die Sand-Binse mit Hilfe einer kreativen Naturschutzmaßnahme wieder in Berlin anzusiedeln. Von 2006 bis 2009 entstand als Ausgleichsmaßnahme auf Acker- und Brachflächen in Rudow und Treptow der Landschaftspark Rudow-Altglienicke. Hierbei wurden der zugeschüttete Massantepfuhl teilweise freigelegt und sechs weitere flache Kleingewässer geschaffen. An den Gewässerrändern wurde zudem Substrat aus dem Juncus-Pfuhl in Mariendorf, dem letzten Fundort der Sand-Binse, ausgebracht. Dann hieß es warten. Es wurde nichts angesät, nichts angepflanzt, sondern man überließ der Natur ihr Werk.

Der Erfolg dieser Strategie war beeindruckend: 2013 wurde im Landschaftspark Rudow-Altglienicke nicht nur die Sand-Binse, sondern auch das Kleine Flohkraut, bis dahin ebenfalls seit langem ausgestorben, entdeckt. Die Reaktivierung dieser Arten aus Samen, die über 30 Jahre im Boden schlummerten, zeigt, dass durch das Freilegen von Ufern und Böden von Kleingewässern und die Übertragung von Bodensubstrat auch an vielen anderen Stellen in Berlin Arten der Zwergbinsen-Gesellschaften etabliert werden könnten.

Nun ist die Sand-Binse also wieder da. Schauen wir sie uns doch einmal näher an. Es handelt sich um eine einjährige, nur 5 bis 30 cm hohe Pflanze, die an periodisch nassen bis zeitweilig überfluteten Sandstellen, wie z.B. an Gewässerufern, in Ackersenken und an Wegrändern, vorkommt. Die von Juni bis August ausgebildeten Blüten werden durch den Wind bestäubt. Die Samen haften an den Füßen und am Gefieder von Wat- und Wasservögeln und können so über weite Strecken verbreitet werden. Einmal in der Erde verborgen, sind die Samen sehr langlebig und können vermutlich noch nach 75 Jahren keimen, sobald sie durch Bodenstörungen ans Licht gelangen.

Ihren Verbreitungsschwerpunkt hat die Sand-Binse in der mediterran-gemäßigten Zone Europas und erreicht in Norddeutschland die Nordgrenze ihres Areals. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Art in Mitteleuropa stark zurückgegangen, was auf einen tiefgreifenden Nutzungswandel der Landschaft zurückzuführen ist. Intensive Landwirtschaft, Flurbereinigungen, Meliorationen, die Versiegelungen von Böden und die Verstädterung von Dörfern haben dazu geführt, dass offene, periodisch vernässte Bodenstellen eine Rarität geworden sind. Damit wurden der Sand-Binse und vielen weiteren Arten der Zwergbinsen-Gesellschaften (Isoëto-Nanojuncetea) die Lebensgrundlage entzogen.

Um den offenen Charakter und die Schlammstellen der seichten Gewässerlandschaft im Landschaftspark Rudow-Altglienicke zu erhalten, weiden hier seit 2014 den Sommer über Wasserbüffel. Im Winterhalbjahr übernehmen Zugvögel die Fernausbreitung der Sand-Binse. Machen Sie sich bei einem Spaziergang im Landschaftspark Rudow-Altglienicke von der „Arbeit“ der tierischen Naturschutzhelfer selbst ein Bild! Ein Ausflug lohnt sich.

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Februar 2016: Glanz-Ehrenpreis

Februar 2016: Glanz-Ehrenpreis

Glanz-Ehrenpreis – Veronica polita Fr.

Mit den ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne kommt in Berlin ein kleiner Frühblüher zur Entfaltung, der sich ganz ohne Knollen und Zwiebeln behauptet: der Glanz-Ehrenpreis. 

Die kleinen, tiefblauen Blüten der einjährigen Pflanze gehören zu den ersten Frühlingsboten im Jahr. Die mit ihren 10-25 cm langen Stängeln an den Boden geschmiegte Art nutzt hierzu einen Trick. Die Samen keimen bereits im Herbst und entwickeln sich zu Jungpflanzen, welche in diesem Stadium überwintern. Bei steigenden Temperaturen können diese dann in kürzester Zeit Blüten hervorbringen.

Der Glanz-Ehrenpreis ist an das schnelllebige Leben auf  Äckern angepasst und nach Mitteleuropa mit der Einführung des Ackerbaus eingewandert (Archäophyt). Er hat seinen Schwerpunkt in Äckern, an Feldrainen und Wegrändern, ist jedoch durch die intensive Landwirtschaft mit Herbizideinsatz, frühem Stoppelumbruch, der  Beseitigung von Feldrainen sowie durch die Asphaltierung von Feldwegen vielerorts selten geworden. Es reichen schon wenige Jahre intensiver Ackernutzung aus, um einen Bestand zum Erlöschen zu bringen.

In Berlin ist der Glanz-Ehrenpreis heute vom Aussterben bedroht und durch die Expansion der Stadt und Verdichtung der Bebauung auf wenige Äcker und Ersatzlebensräume, wie z.B. Grünanlagen, Baumscheiben, Innenhöfe und sogar Mauerritzen, zurückgedrängt worden. Seit dem Jahr 2000 wurden nur noch fünf Fundorte gezählt. Eines der größten Vorkommen liegt auf dem Tempelhofer Parkfriedhof, der 1900 eröffnet wurde. Viele Berliner Friedhöfe wurden zu dieser Zeit auf ehemaligen Ackerflächen angelegt. Durch die extensive Pflege konnten sich hier Relikte der Ackerwildflora erhalten. Somit bieten Friedhöfe heute nicht nur vielen Tieren, sondern auch seltenen Pflanzenarten der historischen Kulturlandschaft eine Zuflucht. Neben dem Glanz-Ehrenpreis ist z.B. als weiterer Frühjahrsblüher der gefährdete Acker-Goldstern auf Friedhöfen zu finden.

Halten Sie bei Ihrem nächsten Spaziergang doch einmal nach dem Glanz-Ehrenpreis Ausschau. Vielleicht entdecken Sie den kleinen Frühjahrsboten ganz unverhofft am Wegrand, denn die Samen können im Boden mehr als 40 Jahre überdauern. Wir freuen uns über jeden Fundhinweis. Vielen Dank!

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März 2016: Wald-Schachtelhalm

März 2016: Wald-Schachtelhalm

Wald-Schachtelhalm – Equisetum sylvaticum L.

Um der Urzeit ganz nahe zu sein, können die Berliner T-Rex, Brachiosaurus und Archaeopteryx im Naturkundemuseum besuchen – oder einen Waldspaziergang in alten, feuchten Laubmisch- und Auenwäldern in Spandau, Pankow und Köpenick unternehmen. Hier ist der Wald-Schachtelhalm zu finden, ein „lebendes Fossil“, das seit über 2,5 Millionen Jahren in unveränderter Form existiert. Kaum zu glauben, dass die zierliche, mit fein verzweigten Ästen ausgestattete und maximal 50 cm hohe Art zudem vor 250 bis 359 Millionen Jahren im Karbon und Perm baumstarke Verwandte hatte, die bis zu 30 m Höhe und einen Meter Durchmesser erreichten! 

Der Wald-Schachtelhalm ist eine Sporenpflanze, die ab März mit gelbbraunen, astlosen generativen Sprossen und grünen, verzweigten vegetativen Sprossen aus einem ausgedehnten und tiefreichenden Wurzelsystem (Rhizom) austreibt. Die Sporenreife erfolgt von April bis Mai, danach bilden sich die sporentragenden Sprossen zu grünen Laubsprossen um. Das Rhizom ist jedoch das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Pflanze. Es kann die oberirdische Biomasse um das 100fache übersteigen und widersteht selbst Waldbränden. Seine maximale Lebensdauer wird auf mehrere tausend Jahre geschätzt. 

So unzerstörbar die Pflanze auch wirkt, so empfindlich reagiert sie jedoch auf eine dauerhafte Austrocknung des Bodens. Der Wald-Schachtelhalm ist auf der Nordhalbkugel in gemäßigtem bis nordischem Klima heimisch und hat seinen Schwerpunkt in ausgedehnten, feuchten bis nassen Laub- und Nadelwäldern. Diese bieten ein störungsarmes Waldinnenklima und können Trockenperioden abpuffern, sodass Rhizom und Jungpflanzen geschützt sind.

In Deutschland gilt der Wald-Schachtelhalm als Zeigerart „historisch alter Wälder“, d.h. seine Wuchsorte sind ganz überwiegend seit mindestens 200 Jahre kontinuierlich mit Wald bedeckt. Vergleichbare Waldgebiete sind in Mitteleuropa und insbesondere in einer Großstadt wie Berlin sehr selten geworden. Gefährdungen bestehen innerhalb der Wälder auch durch künstliche Grundwasserabsenkung und in der Nähe von Wegen durch die Ablagerung von Müll, Gartenabfällen und Holzstapeln.

Der Wald-Schachtelhalm ist in Berlin vom Aussterben bedroht und kommt nur noch in drei weit auseinanderliegenden Waldgebieten in Spandau, Pankow und Köpenick sowie mit einem Reliktbestand in Reinickendorf vor. Um die letzten Vorkommen zu schützen und die Neuansiedlung durch Sporen zu unterstützen, sollten der Grundwasserspiegel stabilisiert, in der Nähe der Vorkommen nasse Offenstellen geschaffen und die Bestände bei Forstarbeiten geschont werden. Dann haben Sie und ihre Enkel gute Chancen, dem Wald-Schachtelhalm in Berlin auch in den nächsten Jahrhunderten zu begegnen.

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April 2016: Rauhhaar-Veilchen

April 2016: Rauhhaar-Veilchen

Rauhhaar-Veilchen – Viola hirta L.

Bei Schmetterlingsraupen ist es wie bei anderen Tierkindern - die richtige Nahrung ist wichtig für die weitere Entwicklung. Für sechs Arten der in Berlin bereits ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Perlmutterfalter ist beispielsweise das Rauhhaar-Veilchen eine wichtige Futterpflanze. Mit dem Rückgang dieser und anderer wilder Veilchenarten verlieren die Schmetterlinge somit ihre Lebensgrundlage. Der Schutz wilder Veilchen und ihrer Lebensräume ist daher auch ein wichtiger Beitrag zum Schutz von Schmetterlingen.

Wie alle seine Verwandten ist das Rauhhaar-Veilchen klein und eher unauffällig, doch es lässt sich trotzdem gut von anderen Veilchenarten unterscheiden. Es hat dicht behaarte Blätter, weist keine Ausläufer auf und bildet von April bis Mai blau-violette, geruchlose Blüten aus. Diese Blüten werden von Insekten bestäubt, und darüber hinaus finden sich im Sommer an der Pflanze weitere unscheinbare, geschlossene Blüten, in denen Selbstbestäubung stattfindet (Kleistogamie). Die Samen fallen unmittelbar neben der Mutterpflanze nieder, werden ihrer nahrhaften Anhänge wegen jedoch auch gern von Ameisen verschleppt. Dabei können Distanzen von bis zu 70 Metern zurückgelegt werden.

Das Rauhhaar-Veilchen ist in der gemäßigten Klimazone Europas und Asiens heimisch und in Deutschland vor allem in Mittel-, Süd- und Nordostdeutschland verbreitet. Die Art fühlt sich an sonnigen, nährstoffarmen Standorten wohl. Dazu gehören  lichte Eichen- und Kiefern-Trockenwälder, deren Waldsäume, Trockengebüsche und auch Halbtrockenrasen.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Art in Berlin stark zurückgegangen. Dies ist auf die zunehmende Eutrophierung aus der Luft, eine veränderte Waldnutzung (z.B. Aufgabe des Reisigsammelns, Förderung von Laubhölzern) und das Brachfallen von Trockenrasen zurückzuführen. Konkurrenzstarke Gräser, Kräuter und Gehölze breiteten sich aus, wodurch die Standorte zu schattig wurden und eine immer dichtere Laubauflage die Keimung der Samen behinderte. Kleine Reliktvorkommen sind zudem durch das Wühlen von Wildschweinen bedroht.

Das Rauhhaar-Veilchen konnte in Berlin nach 2000 nur noch im Grunewald (Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf) mit zwei kleinen Beständen bestätigt werden. In den 1990er Jahren waren auch noch Vorkommen in den heutigen Bezirken Mitte, Pankow und Steglitz-Zehlendorf bekannt. Sollten Sie die Art in Berlin entdecken, so würden wir uns über eine Fundmeldung – am besten mit Fotobeleg – sehr freuen. Vielen Dank!

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Mai 2016: Kriech-Günsel

Mai 2016: Kriech-Günsel

Kriech-Günsel – Ajuga reptans L.

Viele denken sich nichts Böses dabei, wenn sie Gartenabfälle in die Natur schütten – aber es handelt sich hierbei nicht um eine umweltfreundliche Entsorgung, sondern um illegale Abfallbeseitigung. Für viele heimische Pflanzenarten werden diese nämlich zu einem großen Problem. Ihre Wuchsorte werden überschüttet, durch Nährstoffe eutrophiert und die mit entsorgten Zierpflanzen nutzen die Gelegenheit, um sich als Konkurrenten in Parks, auf Friedhöfen und in Wäldern auszubreiten. Besonders gefährdet sind hierbei Wildpflanzen wie der Kriech-Günsel, bei denen es zum Pollenaustausch zwischen der Wildform und verwilderten Zierformen kommt. Hierdurch entstehen genetisch veränderte Hybriden, die nicht dieselben Anpassungen an herrschende Umwelteinflüsse, wie Klima, Boden und Krankheiten besitzen wie die Wildpflanzen. Indigene Vorkommen können dadurch erlöschen, und ihre besondere genetische Ausstattung geht für immer verloren.

Heute wird der Kriech-Günsel vor allem wegen seiner Schönheit vom Menschen geschätzt. Doch er enthält auch antibakterielle, schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkstoffe, die als Tee oder Tinktur zur Linderung vieler Beschwerden angewandt werden können. Daneben ist die Art eine wichtige Nektarpflanze für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge.

Der wilde Kriech-Günsel ist eine 10-30 cm hohe, ausdauernde Pflanze, die sich durch oberirdische Ausläufer verbreitet. Sie bildet von Mai bis August längliche Blütenstände mit einer Fülle blauer (selten auch weißer oder rosa) Blüten aus. Manchmal sind zudem die oberen Blätter des Blütenstandes, doch nie die Grundblätter, rotviolett überlaufen. Hierdurch unterscheidet sich die Wildpflanze von der in Berlin häufig verwilderten Zielform Ajuga reptans `Atropurpurea`, die schwach bis kräftig weinrot gefärbte Blätter besitzt.

Der Kriech-Günsel ist in Europa und Westasien heimisch und hier an feuchte bis frische Standorte wie Wiesen, Gebüsche, Wälder und ihre Säume gebunden. Während die Art in West- und Süddeutschland häufig ist, kommt sie im trockeneren, kontinentaleren Nordosten deutlich seltener vor. In Berlin ist sie vom Aussterben bedroht, denn ihre klimatisch begünstigten Standorte sind durch die Nutzungsaufgabe von extensivem Feuchtgrünland, die Ausbreitung konkurrenzstarker Gehölze, das Befahren von Wegrändern sowie die Ablagerung von Holz und Gartenabfällen stark beeinträchtigt. Seit 2010 konnte der wilde Kriech-Günsel nur noch im NSG Gosener Wiesen, nahe dem Fredersdorfer Mühlenfließ und in den Müggelbergen bestätigt werden. Frühere Funde sind aus Pankow, Reinickendorf und Spandau bekannt, Reliktbestände könnten dort heute noch vorkommen.

Tragen Sie zum Erhalt des wilden Kriech-Günsels in Berlin bei. Kompostieren Sie bitte ihre Gartenabfälle oder entsorgen Sie diese über Biogut-Tonnen und die Laubsäcke der BSR. Gartenabfälle niemals in der Natur ablagern! Verzichten Sie bitte auch auf Zierformen der Art in ihrem Garten. Vielleicht haben sie ja Glück und entdecken den wilden Kriech-Günsel bei einem Spaziergang am Wald- und Wiesenrand? Über eine Fundmeldung – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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Juni 2016: Ohrlöffel-Leimkraut

Juni 2016: Ohrlöffel-Leimkraut

Ohrlöffel-Leimkraut – Silene otites (L.) WIBEL

Wenn im Frühsommer die Temperaturen steigen, fühlen sich nicht nur die großen und kleinen Berliner am Ufer des Wannsee wohl. Seit 2008 ist das dortige Strandbad die Heimat des in der Hauptstadt vom Aussterben bedrohten Ohrlöffel-Leimkrauts. Diesem konnte hier durch eine kreative Naturschutzmaßnahme ein neuer Standort geschaffen werden.

In der Hauptstadt war das Ohrlöffel-Leimkraut noch im 18. und 19. Jahrhundert sehr häufig anzutreffen. Es sind viele Fundmeldungen von den Dünen Spandaus, Charlottenburgs und Köpenicks bis in die heutige Innenstadt (Jungfernheide, Tiergarten, Schöneberg, Hasenheide) überliefert. Im 20. Jahrhundert setzte jedoch ein starker Rückgang des Ohrlöffel-Leimkrauts ein, dessen Ursachen im Grunewald besonders gut sichtbar wurden. 

Fand die Art einst in den vielen Offenbereichen und lichten Eichen- und Kiefernwäldern des Grunewalds gute Wuchsbedingungen, führten zunehmender Kronenschluss, Stickoxideinträge und wachsender Erholungsdruck (Spaziergänger, Hunde) zu gravierenden Standortveränderungen. Die Ausbreitung von Neophyten, wie Robinie oder Spätblühende Traubenkirsche, verändert ebenfalls die krautige Vegetation erheblich. Schattbaumarten, Eutrophierung und konkurrenzstarke Arten verdrängten die lichtliebenden, an magere Standortverhältnisse angepassten konkurrenzschwachen Arten großräumig. Restbestände werden durch Trittbelastung und wühlende Wildschweine stark geschädigt oder vernichtet.

Die bis zu 60 cm hohe und von Mai bis August mit filigranen weißen Blüten geschmückte Art, die von Westeuropa über Mittel- und Osteuropa bis in die Steppen Zentralasiens vorkommt, wurde zur Jahrtausendwende in Berlin nur noch an wenigen Reliktstandorten gefunden. Dazu gehörten z.B. Staaken, Gatow, die Pfaueninsel und ein Havelhang des Grunewalds. Zum Problem wird bei diesen Reliktpopulationen auch die Zweihäusigkeit der Art (das heißt, es existieren männliche und weibliche Pflanzen): In diesen sehr kleinen Populationen entscheidet der Zufall darüber, ob noch weibliche Pflanzen vorhanden sind und somit Samen für eine neue Generation gebildet werden können.

Die unverändert kritischen Umweltbedingungen am letzten Reliktstandort des Ohrlöffel-Leimkrauts im Grunewald gaben 2008 den Ausschlag, etwas Neues zu versuchen. Von 2008 bis 2010 wurden Einzelexemplare und Samen aus dem Bestand der Lieper Bucht auf einem neu angelegten Trockenhang im Strandbad Wannsee ausgebracht. Seitdem hat sich die Art hier prächtig vermehrt, so dass 2014 bereits über 300 Exemplare gezählt werden konnten. Damit ist es der zweitgrößte Bestand Berlins. Die Maßnahme verdeutlicht eindrucksvoll das Potential offener, einmal jährlich gemähter Sandflächen für den Erhalt bedrohter Trockenrasenarten.

Sie können sich bei ihrem nächsten Besuch im Strandbad Wannsee gern von der Erfolgsgeschichte des Ohrlöffel-Leimkrauts überzeugen. Daneben besteht die Chance, die Art womöglich auch an anderen Stellen im Stadtgebiet wiederzufinden, denn die Samen bleiben im Boden über Jahrzehnte keimfähig. Über eine Fundmeldung würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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Juli 2016: Südlicher Wasserschlauch

Juli 2016: Südlicher Wasserschlauch

Südlicher Wasserschlauch – Utricularia australis R. Br

Wasserflöhe haben es schwer! Sie schwimmen fleißig filtrierend durch alle Berliner Gewässer und die Liste ihrer Fressfeinde ist, gerade wenn man so klein ist, lang. Eine der raffiniertesten Fangmethoden zeigt hierbei der Südliche Wasserschlauch, eine in Berlin vom Aussterben bedrohte Schwimmpflanze, die mit ihren fein zerteilten Blättern unter der Wasseroberfläche treibt. 

Berührt nämlich ein Wasserfloh die Fühler jener vermeintlichen „Wasserflöhe“, die an den Ästen des Südlichen Wasserschlauchs sitzen, so wird er durch einen plötzlichen, heftigen Sog in eine perfekt getarnte Fangblase hineingerissen. Diese schließt sich sofort wieder und ist nach dem Auspumpen des Wassers bereits 15 Minuten später wieder einsatzbereit. Auf diese Weise können nacheinander viele verschiedene Beutetiere gefangen werden, die im Innern der Falle in einigen Tagen verdaut werden.

Der Südliche Wasserschlauch besiedelt ein stark zerteiltes Areal mit Schwerpunkt in Europa und weiteren Vorkommen in Asien, Afrika, Australien und Neuseeland. In Europa bevorzugt die Art mediterranes und gemäßigtes Klima und tritt in stehenden oder langsam fließenden, nährstoffarmen bis etwas nährstoffreicheren Gewässern auf. Die Pflanze hat keine Wurzeln, denn sie wird durch ihre Fangblasen mit den Mineral- und Nährstoffen gefangener Wasserkleintiere versorgt. 

Von Juni bis August bildet der Südliche Wasserschlauch kleine, gelbe Blüten aus, die sich an langen Stängeln aus dem Wasser erheben und so auf die versteckt lebende Art hinweisen. Die Blüten werden durch Insekten bestäubt, aber auch Selbstbestäubung ist möglich. Am Ende des Sommers entwickeln sich an der Pflanze Dauerknospen, sogenannte Turionen, die sich von der absterbenden Mutterpflanze lösen und den Winter am Gewässergrund überdauern. Im Frühjahr steigen die Turionen dann wieder zur Wasseroberfläche auf und bilden eine neue Pflanze aus.

Als Lichtkeimer ist der Südliche Wasserschlauch insbesondere in gut besonnten Gewässern ohne ausgeprägte Ufergehölze, wie z.B. in Wiesengräben, Moorgewässern oder Röhrichten zu finden. Die Art ist durch Beschattung, Austrocknung, Wasserverschmutzung und Nährstoffeintrag durch Landwirtschaft oder Laubfall gefährdet. Laub und Schlamm behindern zudem auch das Austreiben und Aufsteigen der Turionen. 

Auflichtungen von Gewässerufern, Entschlammungen oder die Neuanlage von Teichen fördern hingegen den Südlichen Wasserschlauch, denn seine Samen können durch den Wind verweht oder angeheftet an Wasservögel auch weithin isolierte Gewässer erreichen.

Seit 1950 ist der Südliche Wasserschlauch in Deutschland deutlich zurückgegangen, in Berlin gilt er heute als vom Aussterben bedroht. Nach 2000 wurde die Art nur noch in sechs Berliner Gewässern mit z.T. sehr kleinen Beständen nachgewiesen. Achten Sie bei Ihrem nächsten Ausflug doch einmal auf die charakteristischen gelben Blüten des Südlichen Wasserschlauchs und seiner nahen Verwandten Gemeiner Wasserschlauch und Kleiner Wasserschlauch, welche ebenfalls Zielarten des Berliner Florenschutzes sind. Über Fundmeldungen mit Fotobeleg würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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August 2016: Zwerg-Filzkraut

August 2016: Zwerg-Filzkraut

Zwerg-Filzkraut – Filago minima (SM.) PERS.

Wenn im Sommer die Sonne hoch am Himmel steht und lange scheint, gibt es ein Pflänzchen, dem dies alles nur wenig ausmacht. Die dichte, silbrige Behaarung des Zwerg-Filzkrauts reflektiert nämlich die Sonnenstrahlen und schützt es so vor einer zu hohen Verdunstung. Dadurch kann die kleine, nur 5-20 cm hohe Art selbst an Extremstandorten wie auf offenen Sandflächen existieren, wo an der Erdoberfläche sommerliche Temperaturen von über 60 °C erreicht werden.

Das Zwerg-Filzkraut ist in Europa heimisch und kommt mit einzelnen Vorposten auch in Nordafrika und in der Türkei vor. Die Art ist in Mitteleuropa auf offenen Dünen, in Trockenrasen, an trockenen Wegsäumen und auf Äckern zu finden. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Art in Berlin und Umgebung häufig. Heute ist sie hier vom Aussterben bedroht und hat seit 1950 deutschlandweit ca. ein Viertel aller Standorte verloren.

Ursachen für den starken Rückgang sind Nährstoffeintrag, Nutzungsaufgabe, Überbauung und zunehmende Beschattung von Waldsäumen und Lichtungen. Ganz wesentlich für das Überleben des Zwerg-Filzkrautes sind gelegentliche Bodenstörungen, die Offenflächen für die Keimung der Samen schaffen, denn die Art ist einjährig und vermag sich nicht vegetativ zu vermehren. Im Boden vergrabene Samen bilden jedoch eine langlebige Samenbank aus und können noch nach über 40 Jahren keimen. Daher könnte die Art bei Bodenstörungen potenziell überall dort in Berlin wieder auftauchen, wo ehemals Sandäcker existierten.

Das Zwerg-Filzkraut wurde seit 2000 in 12 Fundgebieten in den Bezirken Pankow, Spandau, Reinickendorf, Mitte, Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und Treptow-Köpenick nachgewiesen. Die Art ist in Berlin vom Aussterben bedroht, lässt sich jedoch schon mit kleinen Schritten fördern. So sollten Vorkommen des Zwerg-Filzkrautes nicht vor der Fruchtreife im Juli gemäht werden. Kleinflächige Offenstellen können durch Beweidung oder eine verträgliche Freizeitnutzung entstehen. Über Fundmeldungen mit Fotobelegen der Art würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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September 2016: Sumpf-Brenndolde

September 2016: Sumpf-Brenndolde

Sumpf-Brenndolde – Selinum dubium (Schkuhr) Leute

Der Schwalbenschwanz ist einer unserer schönsten und farbenfrohesten Schmetterlinge. Als Nahrungsgrundlage für seine Raupen dienen die eher unscheinbaren Doldenblütengewächse (Apiaceae). Die für den Schwalbenschwanz so wichtigen Futterpflanzen sind häufig in gefährdeten, extensiv genutzten Lebensräumen wie Trockenrasen und Feuchtwiesen zu finden. Möchte man sich in Berlin weiterhin am Anblick des Schwalbenschwanzes erfreuen, dann müssen wir diese Lebensräume erhalten. Davon würde auch eine Vielzahl anderer gefährdeter Tier- und Pflanzenarten profitieren.

Eine in Berlin vom Aussterben bedrohte Raupenfutterpflanze des Schwalbenschwanzes ist die Sumpf-Brenndolde. Die 30-90 cm hohe Art ähnelt in Gestalt und Blüte einer Wilden Möhre und ist die meiste Zeit des Jahres gut in Feuchtwiesen versteckt. Erst von August bis September bildet die Pflanze ihre weißen Blütendolden aus, die im Unterschied zu den Blüten Wilder Möhren jedoch keine gefiederten Hüllblätter besitzen.

Die Sumpf-Brenndolde ist ein kontinentales Florenelement, dessen Verbreitungsschwerpunkt in Osteuropa und Westsibirien liegt. Von hier aus dringt die Art in den Stromtälern großer Flüsse wie Oder, Elbe und Donau bis nach Mitteleuropa vor und erreicht in Deutschland ihre westlichsten Vorposten. Die Sumpf-Brenndolde ist hierbei für die weitläufigen, ein- bis zweimal jährlich gemähten Überschwemmungswiesen Mittel- und Osteuropas so charakteristisch, dass sie ihnen ihren Namen gegeben hat: Brenndolden-Auenwiesen (Cnidion dubii). Die ausdauernde Art kann daneben aber auch in weiteren extensiv genutzten Wiesen mit wechselnden Wasserständen, wie z.B. Pfeifengraswiesen, vorkommen und einige Zeit in daraus hervorgegangenen Brachen und Gehölzen überdauern.

In Berlin war die Sumpf-Brenndolde noch im 19. Jahrhundert entlang der Spree und im 20. Jahrhundert entlang der Havel verbreitet. Extensiv genutzte, saisonal überschwemmte Uferwiesen sind im Stadtgebiet heute jedoch sehr selten geworden, da die Ufer vielfach verbaut sind und die Spree ihre natürliche Gewässerdynamik weitestgehend verloren hat. Nach 2000 konnte die Sumpf-Brenndolde nur noch in der Wuhlheide (Köpenick), im Eiskeller und östlich des Laßzinssees (beide Spandau) nachgewiesen werden. Alle diese Standorte sind Relikte ehemaliger Feuchtwiesen, die im Verlauf des 20. Jh. durch Grundwasserabsenkung beeinträchtigt wurden. Dadurch konnten sich konkurrenzstarke Stauden und Gehölze ausbreiten, die die Art verdrängen oder so stark beschatten, dass sie kaum noch Blüten ausbildet.

Um die Sumpf-Brenndolde in Berlin zu erhalten und ihre Ausbreitung zu fördern, sind im Bereich der letzten Bestände Pflegemaßnahmen erforderlich. Durch ehrenamtliche Arbeitseinsätze in der Wuhlheide konnten in den vergangenen Jahren erste Erfolge erzielt und wieder blühende Exemplare und Jungpflanzen der Sumpf-Brenndolde nachgewiesen werden. Sie sind herzlich eingeladen, an einem der nächsten Arbeitseinsätze in der Wuhlheide zum Schutz dieser und weiterer in Berlin vom Aussterben bedrohter Zielarten des Florenschutzes teilzunehmen – beispielsweise am 17. September. Weitere Informationen zu diesem Arbeitseinsatz finden Sie im Umweltkalender BerlinOpens external link in new window.

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Oktober 2016: Röhricht-Brennnessel

Oktober 2016: Röhricht-Brennnessel

Röhricht-Brennnessel – Urtica kioviensis Rogow.

Haben Sie auch schon einmal (schmerzhafte) Bekanntschaft mit der Großen Brennnessel gemacht? Sicherlich, denn die Pflanze ist in allen Stadtteilen Berlins anzutreffen. An Gewässerufern, in Röhrichten und Auenwäldern lohnt sich jedoch ein zweiter Blick – denn hier könnte auch die sehr seltene Röhricht-Brennnessel vorkommen. 

Sie ist mit einer Höhe von bis zu zwei Metern stattlicher als die Große Brennnessel und ihre Blätter weisen eine glänzende Oberseite auf. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal sind aber die Blüten: Während die Große Brennnessel zweihäusig ist, d.h. männliche und weibliche Blüten an verschiedenen Exemplaren vorkommen, ist die Röhricht-Brennnessel einhäusig und vereint somit beide Blütentypen an einer Pflanze.

Die Röhricht-Brennnessel ist ein subkontinentales Florenelement mit Schwerpunkt in Zentral- und Osteuropa. Darauf deutet schon ihr lateinischer Name Urtica kioviensis – Kiewer Brennnessel – hin. Sie erreicht in Deutschland ihre westlichsten Vorposten. Vorkommen sind so zum Beispiel aus den Auen der Elbe, Havel, Spree und Peene bekannt. Die Pflanze ist dabei ein echter „Ur-Berliner“, wie Funde ihrer Samen in Sedimenten aus dem 10. Jh. n. Chr. am slawischen Burgwall in Spandau bezeugen.

Geeignete Wuchsorte für die Röhricht-Brennnessel sind im heutigen Berlin durch Uferverbauung, Beschattung und das illegale Abschütten von Gartenabfällen in Röhrichten sehr selten geworden. Seit 2010 wurde die Art nur noch im Gebiet der Unteren Havel in den Naturschutzgebieten Pfaueninsel und Bäkewiese (beide im Bezirk Steglitz-Zehlendorf) nachgewiesen. Durch Renaturierung und Offenhaltung von Flussufern und eine extensive Nutzung von Uferwiesen können bestehende Wuchsorte verbessert und Möglichkeiten für eine Wiederausbreitung der Art geschaffen werden. Gartenabfälle gehören zudem grundsätzlich nicht in die freie Landschaft, sondern sind auf dem Komposthaufen, in der Biotonne oder in Laubsäcken der BSR zu entsorgen. 

Vielleicht haben Sie Glück und können die Röhricht-Brennnessel entlang der Havel oder am Kleinen Müggelsee, ihrem letzten Fundort in Treptow-Köpenick, entdecken. Über eine Fundmeldung – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

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November 2016: Schlamm-Segge

November 2016: Schlamm-Segge

Schlamm-Segge – Carex limosa L.

Dort, wo einst der Sage nach Irrlichter nächtliche Wanderer ins Verderben lockten, ist die Schlamm-Segge zu Hause. Sie lebt in der Kernzone von Hoch- und Zwischenmooren am Rand von Schwingrasen und in flach überstauten Schlenken. Die zierliche Art ist an diesen für Menschen schwer zugänglichen, geheimnisumwitterten Lebensraum perfekt angepasst. Mit ihren kleinen, Laternen ähnelnden Fruchtständen ist sie zugleich eine seiner hübschesten Bewohnerinnen.

Die Schlamm-Segge gilt in Mitteleuropa als Eiszeitrelikt, denn ihr eigentliches Reich sind die ausgedehnten Moore des nordischen Nadelwaldgebietes. Sie ist ein Indikator intakter Torfmoore und zeigt zahlreiche Anpassungen an das Leben mit der wachsenden Torfmoosdecke. So vermehrt sich die Schlamm-Segge vegetativ durch Ausläufer und vermag auch noch aus Samen zu keimen, die 15 cm tief im Torfmoos versunken sind. Die Verbreitung der Samen übernehmen Wind, Wasser und vorbeistreifende Säugetiere und Vögel.

Diese Anpassungen und auch ein hohes mögliches Alter von mehreren Jahrzehnten bieten jedoch keinen Schutz bei einer dauerhaften Austrocknung der Moore. In Berlin stellt die seit dem 19. Jahrhundert wirksame großflächige Grundwasserabsenkung die größte Gefährdung der Art dar. Durch die Grundwasserabsenkung kommt es in den Torfmooren zur Torfzersetzung und zur Freisetzung von Nährstoffen. Dies fördert die Ausbreitung konkurrenzstarker Seggen, Gräser und Gehölze. Bei fortschreitender Degeneration der Moore hat die kleine Schlamm-Segge kaum eine Chance. Deshalb ist sie heute, nach einer zehntausend Jahre währenden Besiedelung, fast gänzlich aus den Berliner Mooren verschwunden.

In den letzten 16 Jahren wurde die Schlamm-Segge nur noch in einem Wilmersdorfer und in einem Köpenicker Moor nachgewiesen. Um diese letzten Berliner Vorkommen zu erhalten, sind Maßnahmen zur Moorrenaturierung erforderlich. Hierzu zählen die Entfernung des Baum- und Strauchwuchses auf den Moorflächen sowie die Stabilisierung des Moorwasserstandes, wodurch die Moore wieder in einen wachsenden Zustand zurückversetzt werden sollen. So wird der Gehölzaufwuchs eingedämmt, klimaschädliches CO2 gebunden und der Schlamm-Segge neuer Lebensraum geboten.

Die Stiftung Naturschutz Berlin hat 2011-2016 bereits zwei Projekte zur Moorrenaturierung mit Mitteln der Berliner KlimaschutzabgabeOpens internal link in current window durchgeführt und ein drittes Projekt begonnen. Weitere Moorrenaturierungsprojekte sind geplant.

Helfen Sie uns beim Schutz der Schlamm-Segge und weiterer Zielarten des Florenschutzes! Über Fundmeldungen von Zielarten – am besten mit Fotobeleg – würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

Stiftung Naturschutz Berlin
Koordinierungsstelle Florenschutz
Potsdamer Straße 68
10785 Berlin
Tel: (030) 26 39 4-188

Dezember 2016: Falsche Filzrose

Dezember 2016: Falsche Filzrose

Falsche Filzrose – Rosa pseudoscabriuscula (R. Keller) Henker & G. Schulze

Wenn es draußen so richtig kalt ist, wärmt ein Becher Hagebuttentee nicht nur, sondern stärkt auch die Abwehrkräfte. Doch auch für Wildtiere sind Hagebutten im Winter eine wichtige Energie- und Vitamin C-Quelle. Besonders Vögel fühlen sich von den leuchtend roten und den gesamten Winter hindurch am Strauch verbleibenden Früchten der Wildrosen magisch angezogen. 

In Berlin haben sich 14 Wildrosen-Arten etabliert, deren rosa Blüten sich im Laufe des Sommers in kugelige rote Hagebutten verwandeln. Eine davon ist die Falsche Filzrose. Ihr Name deutet bereits an, dass ihre Bestimmung selbst für erfahrene Botaniker eine knifflige Sache ist. Tatsächlich wurde die Falsche Filzrose erst 1993 als eigenständige Art erkannt. Die gewöhnlich beiderseits behaarten, graufilzigen, weichen und beim Zerreiben nach Harz riechenden Blätter führen auf die Spur der Filzrosen. Welche Art der Filzrosen man vor sich hat, müssen dann weitere Merkmale wie Stachelform, Länge der Fruchtstiele und an der reifen Frucht verbleibende oder abfallende Kelchblätter entscheiden.

Die Falsche Filzrose kommt nur in Europa vor. Ihr Arealzentrum liegt in Mitteleuropa, ihre Vorkommen reichen aber bis nach Frankreich, Italien und Norwegen. Der bis zu 3 m hohe Strauch bevorzugt als Lebensraum mäßig trockene Waldsäume, Hecken, lichte Gebüsche, Wegränder, Steinbrüche und Halbtrockenrasen. Gefährdet ist die Art überall dort, wo Freiflächen mit Gehölzen zuwachsen oder sie als stachliger „Wildwuchs“ gestalteten Parkanlagen im Weg ist. Nicht selten sind es auch nicht-einheimische Pflanzen (Neophyten) wie die Robinie, die die Art durch Beschattung und Nährstoffanreicherung von ihren Wuchsplätzen verdrängen.

In Berlin wurde die Falsche Filzrose seit 2000 nur noch an drei Stellen in den Bezirken Reinickendorf, Lichtenberg und Spandau nachgewiesen. Ein schöner Strauch wächst im Innenraum des Forts Hahneberg. Hier blüht und fruchtet die Art reichlich, denn Schafe halten ihren Wuchsort frei und unsere ehrenamtliche Florenschutzpatin Sandra Schwarze achtet darauf, dass der Strauch bei Pflegearbeiten geschont wird. Möchten Sie ebenfalls Florenschutzpate für eine unserer Zielarten oder ein Gebiet mit Zielartenvorkommen werden? Sprechen Sie uns an! 

Stiftung Naturschutz Berlin
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