Pflanze des Monats Juni 2016

Ohrlöffel-Leimkraut – Silene otites (L.) WIBEL

Wenn im Frühsommer die Temperaturen steigen, fühlen sich nicht nur die großen und kleinen Berliner am Ufer des Wannsee wohl. Seit 2008 ist das dortige Strandbad die Heimat des in der Hauptstadt vom Aussterben bedrohten Ohrlöffel-Leimkrauts. Diesem konnte hier durch eine kreative Naturschutzmaßnahme ein neuer Standort geschaffen werden.

In der Hauptstadt war das Ohrlöffel-Leimkraut noch im 18. und 19. Jahrhundert sehr häufig anzutreffen. Es sind viele Fundmeldungen von den Dünen Spandaus, Charlottenburgs und Köpenicks bis in die heutige Innenstadt (Jungfernheide, Tiergarten, Schöneberg, Hasenheide) überliefert. Im 20. Jahrhundert setzte jedoch ein starker Rückgang des Ohrlöffel-Leimkrauts ein, dessen Ursachen im Grunewald besonders gut sichtbar wurden. 

Fand die Art einst in den vielen Offenbereichen und lichten Eichen- und Kiefernwäldern des Grunewalds gute Wuchsbedingungen, führten zunehmender Kronenschluss, Stickoxideinträge und wachsender Erholungsdruck (Spaziergänger, Hunde) zu gravierenden Standortveränderungen. Die Ausbreitung von Neophyten, wie Robinie oder Spätblühende Traubenkirsche, verändert ebenfalls die krautige Vegetation erheblich. Schattbaumarten, Eutrophierung und konkurrenzstarke Arten verdrängten die lichtliebenden, an magere Standortverhältnisse angepassten konkurrenzschwachen Arten großräumig. Restbestände werden durch Trittbelastung und wühlende Wildschweine stark geschädigt oder vernichtet.

Die bis zu 60 cm hohe und von Mai bis August mit filigranen weißen Blüten geschmückte Art, die von Westeuropa über Mittel- und Osteuropa bis in die Steppen Zentralasiens vorkommt, wurde zur Jahrtausendwende in Berlin nur noch an wenigen Reliktstandorten gefunden. Dazu gehörten z.B. Staaken, Gatow, die Pfaueninsel und ein Havelhang des Grunewalds. Zum Problem wird bei diesen Reliktpopulationen auch die Zweihäusigkeit der Art (das heißt, es existieren männliche und weibliche Pflanzen): In diesen sehr kleinen Populationen entscheidet der Zufall darüber, ob noch weibliche Pflanzen vorhanden sind und somit Samen für eine neue Generation gebildet werden können.

Die unverändert kritischen Umweltbedingungen am letzten Reliktstandort des Ohrlöffel-Leimkrauts im Grunewald gaben 2008 den Ausschlag, etwas Neues zu versuchen. Von 2008 bis 2010 wurden Einzelexemplare und Samen aus dem Bestand der Lieper Bucht auf einem neu angelegten Trockenhang im Strandbad Wannsee ausgebracht. Seitdem hat sich die Art hier prächtig vermehrt, so dass 2014 bereits über 300 Exemplare gezählt werden konnten. Damit ist es der zweitgrößte Bestand Berlins. Die Maßnahme verdeutlicht eindrucksvoll das Potential offener, einmal jährlich gemähter Sandflächen für den Erhalt bedrohter Trockenrasenarten.

Sie können sich bei ihrem nächsten Besuch im Strandbad Wannsee gern von der Erfolgsgeschichte des Ohrlöffel-Leimkrauts überzeugen. Daneben besteht die Chance, die Art womöglich auch an anderen Stellen im Stadtgebiet wiederzufinden, denn die Samen bleiben im Boden über Jahrzehnte keimfähig. Über eine Fundmeldung würden wir uns sehr freuen. Vielen Dank!

Stiftung Naturschutz Berlin
Koordinierungsstelle Florenschutz
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