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STIFTUNG EHRENRING 2004: GRUSSWORT DR. NORBERT MEISNER

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,

ich begrüße Sie im Namen der Stiftung Naturschutz Berlin herzlich auf unserer Verleihung des Dr. Victor-Wendland-Ringes, mit der wir in jedem Jahr Persönlichkeiten ehren, die sich um Natur und Umwelt verdient gemacht haben.

Das Land hat sich seit unserem letzten Zusammentreffen verändert und wir uns auch. Deutschland liegt nicht mehr am Rande der Europäischen Union, sondern mitten drin. Noch schreiben wir den ersten Monat einer auf 25 Mitglieder erweiterten EU. Die Feiern sind noch in guter Erinnerung und in manchem neuen und alten Mitgliedsstaat beginnen Fehlentscheidungen der letzten Monate und Jahre zu drücken; besonders Polen macht eine schwere Zeit durch. Der konstitutionelle Prozess ist noch nicht abgeschlossen und manche bezweifeln, dass es überhaupt zu einer europäischen Verfassung kommt. Eines aber ist klar: der Rückweg zu einer bloßen Wirtschaftsunion, die alle anderen Bereiche wie früher den nationalen Kompetenzen überlässt, ist versperrt. Bei unserer letzten Preisverleihung stand – sowohl durch den Preisträger wie auch durch die Bundesministerin – der Verbraucherschutz im Mittelpunkt unseres Interesses, - und der Verbraucherschutz ist nur eines von vielen Gliedern, die Natur- und Umweltschutz mit den Rahmenbedingungen des Wirtschaftens in Europa verbinden.

Warum sage ich das? Wir sind als Stiftung Naturschutz Berlin zwar lokal begrenzt, entfalten aber auch Aktivitäten, die weit über die Grenzen unserer Stadt hinausgreifen und Teil des europäischen Prozesses sind.

Und mit dem Ökologischen Freiwilligendienst in Osteuropa waren wir einmal schneller als die Politik. Schon im Jahr 2000, die EU-Mitgliedsstaaten diskutierten gerade das ob und wie der Osterweiterung, schickten wir acht junge Menschen als Freiwillige nach Polen. Gleichzeitig kamen acht Jugendliche aus Polen zu uns und leisteten hier ein freiwilliges Jahr in Sachen Naturschutz. Mittlerweile wurde der Jugendaustausch ausgeweitet auf Tschechien, Ungarn, Lettland, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Mazedonien und die Slowakei.

Diese jungen Menschen gehören einer Generation an, die einen schwierigen Auftrag hat: Sie sollen die Versühnung vorantreiben, die ökologischen Probleme lösen und dafür Sorge tragen, dass wir irgendwann nicht nur politisch, sondern auch in den Herzen der Menschen, ein geeintes Europa werden. Wahrlich keine einfache Aufgabe. Daher ist es wichtig, dass wir diesen jungen Menschen das passende Rüstzeug mit auf den Weg geben. Hierzu leistet die Stiftung mit dem Ökologischen Freiwilligendienst für Osteuropa einen Beitrag. Der Freiwilligendienst verändert die jungen Menschen, die an ihm teilnehmen: Vorurteile werden abgebaut, Freundschaften geschlossen, Umweltprobleme erörtert, der gesellschaftliche Diskurs begonnen. Insgesamt sind in den letzten Jahren über 60 junge Menschen im jeweils anderen Land gewesen, haben davon ihren Freunden, ihrer Familie, ihren Lehrern erzählt. Und wir hoffen auf den Schneeballeffekt, dass aus bescheidenen Anfängen eine Lawine erwächst, die irgendwann auch die Vorbehalte und Vorurteile hinwegfegt, die jetzt noch in manchen Köpfen hüben und drüben stecken.

Zur Zeit verstärken wir unsere Anstrengungen in diesem Bereich: 2004 erhält die Stiftung die Anerkennung als Trägerin für das Freiwillige Ökologische Jahr im Ausland. In diesem Jahr bereits werden ca. 10 Jugendliche ein solches FÖJ im europäischen Ausland beginnen künnen.

Doch auch im Inland ist das Freiwillige Ökologische Jahr ein erfolgreiches Projekt: Seit dem Jahr 2002 bemüht sich die Stiftung verstärkt darum, Einsatzstellen für Jugendliche in Betrieben anzubieten. Im ersten Jahr waren bereits 20 im Umweltschutz tätige Betriebe bereit, einen FÖJ-Teilnehmer zu beschäftigen. Mittlerweile kooperieren wir mit 43 Unternehmen. Diese rundum erfreuliche Koalition der Willigen in einem Ökologischen Jahr bringt Vorteile für alle: Die jungen Erwachsenen machen erste direkte Berufserfahrungen, die Betriebe profitieren davon und natürlich der Umweltschutz. Darüber hinaus gibt aber noch einen Effekt, den wir anfangs selbst nicht ahnten: In einer Zeit, in der Lehrstellen ein äußerst knappes Gut sind, ließen sich Betriebsleiter zur Einrichtung von Ausbildungsplätzen bewegen. Das ist ein gemeinsamer Erfolg der Stiftung und der Jugendlichen selbst: wir haben die passenden Betriebe gefunden und die Teilnehmer haben sich während ihres ökologischen Jahres in den Einsatzstellen unverzichtbar gemacht. Selbst Firmen, die zuvor noch nicht ausgebildet hatten, waren von den jungen Freiwilligen so angetan, dass man auf die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach einem Jahr nicht mehr verzichten wollte. Einer dieser Betriebe ist übrigens die Firma EINHORN, von deren Qualität Sie sich nachher an unserem Buffet überzeugen künnen. Unsere Erfahrungen zeigen darüber hinaus, dass die Zeugnisse, die die Stiftung und die Unternehmen des jungen Freiwilligen ausstellen, Türöffner für das weitere berufliche Leben sind. Kaum einer unserer Teilnehmer ist hinterher arbeitslos oder ohne Ausbildungsplatz.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
lassen Sie mich noch ein paar Worte zu einem sehr ernsten Thema hinzufügen, dass uns im letzten Jahr stark beschäftigt hat. Erst seit kurzem beschäftigt sich der Naturschutz intensiver mit seiner Rolle im Dritten Reich. Mitte 2002 fand ein viel beachteter Kongress statt, die Stiftung Naturschutzgeschichte nimmt sich dieses Themas an, und in der Tat muss es angesichts der biologistischen Terminologie und darwinistischen Anleihen der nationalsozialistischen Ideologie erstaunen, dass dies in breiterem Umfange erst jetzt geschieht. Offensichtlich angestoßen durch diesen Prozess, wurden wir bereits unmittelbar vor der Verleihung des Wendland-Ehrenringes im vergangenen Jahr auf eine mögliche Verstrickung von Dr. Victor Wendland – dem Namensgeber dieses größten Berliner Naturschutzpreises – in NS-Unrecht hingewiesen. Beweise enthielten diese Hinweise nicht. Sie basierten vielmehr auf der Tatsache, dass Dr. Wendland in den Jahren 1933 bis 1943 ehrenamtlicher Vorsitzender der Ortsgruppe Berlin des Reichsbundes für Vogelschutz war. Der Bund für Vogelschutz war vor und nach dem 1. Weltkrieg so etwas wie die Keimzelle des verbandlichen Naturschutzes in Deutschland und der Vorgänger des heutigen NABU.

Für Vorstand und Rat der Stiftung Naturschutz Berlin war klar, dass wir die mügliche Verstrickung des Namensgebers unseres Preises in NS-Unrecht aufzuklären hatten. Wir wollten herausfinden, ob Victor Wendland müglicherweise kein gutes Vorbild für demokratische, moderne Naturschützer in unserer Zeit ist.

Unsere Nachforschungen bei einer Vielzahl von Institutionen und Privatpersonen ergaben, dass Victor Wendland weder Mitglied der NSDAP noch einer ihrer Untergliederungen war. Es existiert auch keine Entnazifizierungsakte.

Wir hätten an dieser Stelle die Recherchen einstellen und zur Tagesordnung übergehen künnen. Das taten wir nicht. Wir wollten es genauer wissen. Wir recherchierten auch die berufliche Laufbahn von Dr. Wendland, der als  bersetzer für slawische Sprachen tätig war. Unsere Nachforschungen ergaben folgendes:
Im Jahre 1939 (vor Kriegsbeginn) erhielt Dr. Wendland einen königlich-ungarischen Orden. Über den Orden war lediglich herauszufinden, dass er ziviler Natur war und sehr häufig vergeben wurde. Beruflich war Wendland ab 1936 im Reichskriegsministerium und ab 1939 beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW) beschäftigt. Über die Tätigkeit von Wendland am OKW waren keine weiterführenden Auskünfte zu erhalten. Ob der Slawist Wendland wegen seiner Sprachkenntnisse zum OKW rekrutiert wurde oder ob er aus anderem Grund dort tätig war, ist heute nicht mehr festzustellen. Auch eine Beschreibung seiner dortigen Tätigkeit war nicht ermittelbar. Da Wendland jedoch weder Mitglied der NSDAP noch einer ihrer Untergliederungen war, gehen wir nicht von einer nationalsozialistischen Gesinnung Wendlands aus. In den uns vom NABU zur Verfügung gestellten Unterlagen aus der Zeit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Reichsbund für Vogelschutz fanden wir auch keine sprachliche Anbiederung an das NS-System. Ein vorliegender Text weist Wendland als modernen und engagierten Vogel- und Naturschützer aus, lässt aber keinen Rückschluss auf seine politische Gesinnung zu.

Was sollten wir also tun? Man hätte – quasi um ganz sicher zu gehen – den Preis umbenennen künnen. Dies lehnten die Gremien der Stiftung ab, denn was wäre dieses Vorgehen anderes, als eine Verurteilung Wendlands? Eine Verurteilung ohne Beweise auf ein persönlich schuldhaftes Verhalten.
Wir haben es auch abgelehnt, allein das Engagement eines Naturschützers während der NS-Zeit als derart systemstützend zu verstehen, dass daraus eine persünliche Schuld abgeleitet werden müsste. Ein Mensch kann nicht allein auf Grund des Zeitpunktes seiner Geburt und der daraus resultierenden Tatsache, dass er in einem verbrecherischen System lebte, moralisch verurteilt werden. Soweit wir wissen, hat Dr. Wendland allen Widrigkeiten zum Trotz auch während der Kriegszeit engagierten Vogelschutz betrieben. Anderes kann nicht nachgewiesen werden.

Der nun wahrlich pluralistisch zusammengesetzte Rat der Stiftung Naturschutz hat daher in seiner Sitzung am 24.03.2004 einstimmig beschlossen, die Nachforschungen einzustellen und den Namen des größten Berliner Naturschutzpreis beizubehalten. Wendland bleibt der Nestor des Berliner Naturschutzes. Seine Verdienste um den Verbandsnaturschutz in der Nachkriegszeit, seine umfangreichen ornithologischen Studien und die von ihm geleistete Aufklärungsarbeit sind unangefochten und stehen weiterhin für vorbildliches Wirken im Sinne des Naturschutzes.

Und in diesem Sinne wird auch der diesjährige Wendland-Ehrenring verliehen.

Doch bevor es dazu kommt, möchten ich mich bei den Verantwortlichen des Umweltforums und der Auferstehungskirche bedanken, die uns diese wunderschünen Räume heute Abend zur Verfügung stellen. Es ist zwar ein kleiner Bruch mit unserer Tradition, die an Natur- und Umweltschutz interessierten Berliner in Räume zu locken, die sie bisher noch nicht kannten. Denn hier haben die meisten von uns schon an Tagungen und Kongressen teilgenommen. Aber der heutige Tagungsort schließt wieder den Bogen zu Europa: Die Eröffnung dieses Umweltzentrums in der Friedrichshainer Auferstehungskirche in Anwesenheit der damaligen EU-Kommissarin Wulff-Matthies gehürt zu den angenehmen Erinnerungen an meine Mitgliedschaft im Senat von Berlin. Es gab weiß Gott auch andere!

Ein weiterer Dank geht an die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz und dem Arbeitskreis "Naturschutz auf Friedhöfen". Mit diesen beiden Partnern ist es gelungen, eine bundesweit bislang einzigartige Publikation herauszubringen: Das GRÜNSTIFT-special "Naturschutz auf Friedhöfen", dass die Mitarbeiter der Stiftung Ihnen bereits am Eingang gegeben haben.

In der Galerie diese Hauses im ersten Stock künnen Sie sich heute zudem die Ausstellung "Friedhof natürlich" ansehen, die von demselben Team produziert wurde.

Ich müchte Sie natürlich nicht dem weiteren Programm überlassen, ohne darauf hinzuweisen, dass unsere Arbeit und auch die erreichten Erfolge nur müglich sind, wenn der Stiftung für Ihre Arbeit genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Wer nach meinen Ausführungen die Stiftung nun persünlich unterstützen müchte, den fordere ich herzlich auf, Förderer zu werden. Wer sich heute dazu entschließt, einen eigenen Beitrag für unsere Arbeit zu leisten, hat auch die Möglichkeit an einer Verlosung mit einer Vielzahl von Preisen teilzunehmen.

Ich wünsche Ihnen einen schünen Abend, viele interessante Gespräche und für Ihre Arbeit zu Gunsten des Natur- und Umweltschutzes viel Erfolg.