 |
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gäste,
ich begrüße Sie im Namen der Stiftung Naturschutz
Berlin herzlich auf unserer Verleihung des Dr. Victor-Wendland-Ringes,
mit der wir in jedem Jahr Persönlichkeiten ehren, die sich
um Natur und Umwelt verdient gemacht haben.
Das Land hat sich seit unserem letzten Zusammentreffen
verändert und wir uns auch. Deutschland liegt nicht mehr am
Rande der Europäischen Union, sondern mitten drin. Noch schreiben
wir den ersten Monat einer auf 25 Mitglieder erweiterten EU. Die
Feiern sind noch in guter Erinnerung und in manchem neuen und alten
Mitgliedsstaat beginnen Fehlentscheidungen der letzten Monate und
Jahre zu drücken; besonders Polen macht eine schwere Zeit durch.
Der konstitutionelle Prozess ist noch nicht abgeschlossen und manche
bezweifeln, dass es überhaupt zu einer europäischen Verfassung
kommt. Eines aber ist klar: der Rückweg zu einer bloßen
Wirtschaftsunion, die alle anderen Bereiche wie früher den
nationalen Kompetenzen überlässt, ist versperrt. Bei unserer
letzten Preisverleihung stand – sowohl durch den Preisträger
wie auch durch die Bundesministerin – der Verbraucherschutz
im Mittelpunkt unseres Interesses, - und der Verbraucherschutz ist
nur eines von vielen Gliedern, die Natur- und Umweltschutz mit den
Rahmenbedingungen des Wirtschaftens in Europa verbinden.
Warum sage ich das? Wir sind als Stiftung Naturschutz Berlin zwar lokal begrenzt, entfalten aber auch Aktivitäten, die weit über die Grenzen unserer Stadt hinausgreifen und Teil des europäischen Prozesses sind.
Und mit dem Ökologischen Freiwilligendienst in
Osteuropa waren wir einmal schneller als die Politik. Schon im Jahr
2000, die EU-Mitgliedsstaaten diskutierten gerade das ob und wie
der Osterweiterung, schickten wir acht junge Menschen als Freiwillige
nach Polen. Gleichzeitig kamen acht Jugendliche aus Polen zu uns
und leisteten hier ein freiwilliges Jahr in Sachen Naturschutz.
Mittlerweile wurde der Jugendaustausch ausgeweitet auf Tschechien,
Ungarn, Lettland, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Mazedonien
und die Slowakei.
Diese jungen Menschen gehören einer Generation
an, die einen schwierigen Auftrag hat: Sie sollen die Versühnung
vorantreiben, die ökologischen Probleme lösen und dafür
Sorge tragen, dass wir irgendwann nicht nur politisch, sondern auch
in den Herzen der Menschen, ein geeintes Europa werden. Wahrlich
keine einfache Aufgabe. Daher ist es wichtig, dass wir diesen jungen
Menschen das passende Rüstzeug mit auf den Weg geben. Hierzu
leistet die Stiftung mit dem Ökologischen Freiwilligendienst
für Osteuropa einen Beitrag. Der Freiwilligendienst verändert
die jungen Menschen, die an ihm teilnehmen: Vorurteile werden abgebaut,
Freundschaften geschlossen, Umweltprobleme erörtert, der gesellschaftliche
Diskurs begonnen. Insgesamt sind in den letzten Jahren über
60 junge Menschen im jeweils anderen Land gewesen, haben davon ihren
Freunden, ihrer Familie, ihren Lehrern erzählt. Und wir hoffen
auf den Schneeballeffekt, dass aus bescheidenen Anfängen eine
Lawine erwächst, die irgendwann auch die Vorbehalte und Vorurteile
hinwegfegt, die jetzt noch in manchen Köpfen hüben und
drüben stecken.
Zur Zeit verstärken wir unsere Anstrengungen in
diesem Bereich: 2004 erhält die Stiftung die Anerkennung als
Trägerin für das Freiwillige Ökologische Jahr im
Ausland. In diesem Jahr bereits werden ca. 10 Jugendliche ein solches
FÖJ im europäischen Ausland beginnen künnen.
Doch auch im Inland ist das Freiwillige Ökologische
Jahr ein erfolgreiches Projekt: Seit dem Jahr 2002 bemüht sich
die Stiftung verstärkt darum, Einsatzstellen für Jugendliche
in Betrieben anzubieten. Im ersten Jahr waren bereits 20 im Umweltschutz
tätige Betriebe bereit, einen FÖJ-Teilnehmer zu beschäftigen.
Mittlerweile kooperieren wir mit 43 Unternehmen. Diese rundum erfreuliche
Koalition der Willigen in einem Ökologischen Jahr bringt Vorteile
für alle: Die jungen Erwachsenen machen erste direkte Berufserfahrungen,
die Betriebe profitieren davon und natürlich der Umweltschutz.
Darüber hinaus gibt aber noch einen Effekt, den wir anfangs
selbst nicht ahnten: In einer Zeit, in der Lehrstellen ein äußerst
knappes Gut sind, ließen sich Betriebsleiter zur Einrichtung
von Ausbildungsplätzen bewegen. Das ist ein gemeinsamer Erfolg
der Stiftung und der Jugendlichen selbst: wir haben die passenden
Betriebe gefunden und die Teilnehmer haben sich während ihres
ökologischen Jahres in den Einsatzstellen unverzichtbar gemacht.
Selbst Firmen, die zuvor noch nicht ausgebildet hatten, waren von
den jungen Freiwilligen so angetan, dass man auf die neuen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter nach einem Jahr nicht mehr verzichten wollte. Einer
dieser Betriebe ist übrigens die Firma EINHORN, von deren Qualität
Sie sich nachher an unserem Buffet überzeugen künnen.
Unsere Erfahrungen zeigen darüber hinaus, dass die Zeugnisse,
die die Stiftung und die Unternehmen des jungen Freiwilligen ausstellen,
Türöffner für das weitere berufliche Leben sind.
Kaum einer unserer Teilnehmer ist hinterher arbeitslos oder ohne
Ausbildungsplatz.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
lassen Sie mich noch ein paar Worte zu einem sehr ernsten Thema
hinzufügen, dass uns im letzten Jahr stark beschäftigt
hat. Erst seit kurzem beschäftigt sich der Naturschutz intensiver
mit seiner Rolle im Dritten Reich. Mitte 2002 fand ein viel beachteter
Kongress statt, die Stiftung Naturschutzgeschichte nimmt sich dieses
Themas an, und in der Tat muss es angesichts der biologistischen
Terminologie und darwinistischen Anleihen der nationalsozialistischen
Ideologie erstaunen, dass dies in breiterem Umfange erst jetzt geschieht.
Offensichtlich angestoßen durch diesen Prozess, wurden wir
bereits unmittelbar vor der Verleihung des Wendland-Ehrenringes
im vergangenen Jahr auf eine mögliche Verstrickung von Dr.
Victor Wendland – dem Namensgeber dieses größten
Berliner Naturschutzpreises – in NS-Unrecht hingewiesen. Beweise
enthielten diese Hinweise nicht. Sie basierten vielmehr auf der
Tatsache, dass Dr. Wendland in den Jahren 1933 bis 1943 ehrenamtlicher
Vorsitzender der Ortsgruppe Berlin des Reichsbundes für Vogelschutz
war. Der Bund für Vogelschutz war vor und nach dem 1. Weltkrieg
so etwas wie die Keimzelle des verbandlichen Naturschutzes in Deutschland
und der Vorgänger des heutigen NABU.
Für Vorstand und Rat der Stiftung Naturschutz Berlin war klar, dass wir die mügliche Verstrickung des Namensgebers unseres Preises in NS-Unrecht aufzuklären hatten. Wir wollten herausfinden, ob Victor Wendland müglicherweise kein gutes Vorbild für demokratische, moderne Naturschützer in unserer Zeit ist.
Unsere Nachforschungen bei einer Vielzahl von Institutionen und Privatpersonen ergaben, dass Victor Wendland weder Mitglied der NSDAP noch einer ihrer Untergliederungen war. Es existiert auch keine Entnazifizierungsakte.
Wir hätten an dieser Stelle die Recherchen einstellen und zur Tagesordnung übergehen künnen. Das taten wir nicht. Wir wollten es genauer wissen. Wir recherchierten auch die berufliche Laufbahn von Dr. Wendland, der als bersetzer für slawische Sprachen tätig war. Unsere Nachforschungen ergaben folgendes:
Im Jahre 1939 (vor Kriegsbeginn) erhielt Dr. Wendland einen königlich-ungarischen
Orden. Über den Orden war lediglich herauszufinden, dass er
ziviler Natur war und sehr häufig vergeben wurde. Beruflich
war Wendland ab 1936 im Reichskriegsministerium und ab 1939 beim
Oberkommando der Wehrmacht (OKW) beschäftigt. Über die
Tätigkeit von Wendland am OKW waren keine weiterführenden
Auskünfte zu erhalten. Ob der Slawist Wendland wegen seiner
Sprachkenntnisse zum OKW rekrutiert wurde oder ob er aus anderem
Grund dort tätig war, ist heute nicht mehr festzustellen. Auch
eine Beschreibung seiner dortigen Tätigkeit war nicht ermittelbar.
Da Wendland jedoch weder Mitglied der NSDAP noch einer ihrer Untergliederungen
war, gehen wir nicht von einer nationalsozialistischen Gesinnung
Wendlands aus. In den uns vom NABU zur Verfügung gestellten
Unterlagen aus der Zeit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim
Reichsbund für Vogelschutz fanden wir auch keine sprachliche
Anbiederung an das NS-System. Ein vorliegender Text weist Wendland
als modernen und engagierten Vogel- und Naturschützer aus,
lässt aber keinen Rückschluss auf seine politische Gesinnung
zu.
Was sollten wir also tun? Man hätte – quasi
um ganz sicher zu gehen – den Preis umbenennen künnen.
Dies lehnten die Gremien der Stiftung ab, denn was wäre dieses
Vorgehen anderes, als eine Verurteilung Wendlands? Eine Verurteilung
ohne Beweise auf ein persönlich schuldhaftes Verhalten.
Wir haben es auch abgelehnt, allein das Engagement eines Naturschützers während der NS-Zeit als derart systemstützend zu verstehen, dass daraus eine persünliche Schuld abgeleitet werden müsste. Ein Mensch kann nicht allein auf Grund des Zeitpunktes seiner Geburt und der daraus resultierenden Tatsache, dass er in einem verbrecherischen System lebte, moralisch verurteilt werden. Soweit wir wissen, hat Dr. Wendland allen Widrigkeiten zum Trotz auch während der Kriegszeit engagierten Vogelschutz betrieben. Anderes kann nicht nachgewiesen werden.
Der nun wahrlich pluralistisch zusammengesetzte Rat
der Stiftung Naturschutz hat daher in seiner Sitzung am 24.03.2004
einstimmig beschlossen, die Nachforschungen einzustellen und den
Namen des größten Berliner Naturschutzpreis beizubehalten.
Wendland bleibt der Nestor des Berliner Naturschutzes. Seine Verdienste
um den Verbandsnaturschutz in der Nachkriegszeit, seine umfangreichen
ornithologischen Studien und die von ihm geleistete Aufklärungsarbeit
sind unangefochten und stehen weiterhin für vorbildliches Wirken
im Sinne des Naturschutzes.
Und in diesem Sinne wird auch der diesjährige Wendland-Ehrenring verliehen.
Doch bevor es dazu kommt, möchten ich mich bei
den Verantwortlichen des Umweltforums und der Auferstehungskirche
bedanken, die uns diese wunderschünen Räume heute Abend
zur Verfügung stellen. Es ist zwar ein kleiner Bruch mit unserer
Tradition, die an Natur- und Umweltschutz interessierten Berliner
in Räume zu locken, die sie bisher noch nicht kannten. Denn
hier haben die meisten von uns schon an Tagungen und Kongressen
teilgenommen. Aber der heutige Tagungsort schließt wieder
den Bogen zu Europa: Die Eröffnung dieses Umweltzentrums in
der Friedrichshainer Auferstehungskirche in Anwesenheit der damaligen
EU-Kommissarin Wulff-Matthies gehürt zu den angenehmen Erinnerungen
an meine Mitgliedschaft im Senat von Berlin. Es gab weiß Gott
auch andere!
Ein weiterer Dank geht an die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft
Naturschutz und dem Arbeitskreis "Naturschutz auf Friedhöfen".
Mit diesen beiden Partnern ist es gelungen, eine bundesweit bislang
einzigartige Publikation herauszubringen: Das GRÜNSTIFT-special
"Naturschutz auf Friedhöfen", dass die Mitarbeiter
der Stiftung Ihnen bereits am Eingang gegeben haben.
In der Galerie diese Hauses im ersten Stock künnen Sie sich heute zudem die Ausstellung "Friedhof natürlich" ansehen, die von demselben Team produziert wurde.
Ich müchte Sie natürlich nicht dem weiteren
Programm überlassen, ohne darauf hinzuweisen, dass unsere Arbeit
und auch die erreichten Erfolge nur müglich sind, wenn der
Stiftung für Ihre Arbeit genügend finanzielle Mittel zur
Verfügung stehen. Wer nach meinen Ausführungen die Stiftung
nun persünlich unterstützen müchte, den fordere ich
herzlich auf, Förderer zu werden. Wer sich heute dazu entschließt,
einen eigenen Beitrag für unsere Arbeit zu leisten, hat auch
die Möglichkeit an einer Verlosung mit einer Vielzahl von Preisen
teilzunehmen.
Ich wünsche Ihnen einen schünen Abend, viele interessante Gespräche und für Ihre Arbeit zu Gunsten des Natur- und Umweltschutzes viel Erfolg.
|