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Marianne WenoMarianne Wenoundefined greift monatlich aktuelle Ent- wicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.

Kolumne Archiv

Kolumne im September 2010

Der Sündenbock

Die Geschichte wiederholt sich: Tiere, die durch unsere Wirtschaftsweise bedroht oder schon ganz verschwunden sind, werden wieder angesiedelt und geschützt. Wenn sie sich dann wunschgemäß vermehren, kommen sie bald einigen Leuten in die Quere, und schon hört man die ersten Rufe nach Abschussgenehmigungen. Schließlich wollen  wir Menschen selbst entscheiden, welches Tier in unsere Umgebung passt und bleiben darf. So ging es mit Bruno, dem „Problembären“. So ergeht es dem Kormoran, der fast ausgestorben war, streng geschützt wurde und heute Fischer und Teichwirte in Rage bringt. Und so ergeht es den Wölfen in der Schorfheide: erst freudig begrüßt, dann heimlich verfolgt, weil sie schon gelegentlich ein Schaf reißen, und vielleicht bald ganz offen zum  „bösen Wolf“ erklärt, wie wir ihn aus dem Märchen kennen.

Ein Tier, das sich Biber nennt

Es war fast ausgestorben, aber heute leben in Brandenburg wieder rund 2300 Biber, davon etwa zehn Prozent im Oderbruch. Und dort – wie auch in anderen Bundesländern – beginnt jetzt der Ärger. Als das diesjährige Hochwasser das Weichselgebiet überschwemmte und die Oder bedrohte, da wusste Polens Innenminister Jerzy Miller genau, wer Schuld hatte. „Der größte Feind der Deiche ist ein Tier, das sich Biber nennt“, soll er gesagt haben. Von Tieren, die sich Nutria und Bisam nennen, hat er nichts gesagt. Die wurden einst von Menschen wegen ihres schönen Fells importiert und haben seitdem kräftig mitgeholfen, Deiche und Uferbefestigungen zu durchlöchern. Aber ein Innenminister muss schließlich kein Zoologe sein. Immerhin weiß er, wo der Sündenbock zu finden ist.

Wohnungssuche

Bestreiten lässt sich nicht, dass der Biber seine Bauten in den Deichen anlegt und auch sonst allerlei Schäden anrichtet. Aber man muss Ursache und Wirkung trennen. Der Biber reagiert auf das Hochwasser, er verursacht es nicht. Wenn der Pegel steigt und der Biberbau in der Uferböschung überschwemmt wird, muss er eine neue Unterkunft für sich und seine Jungen suchen. Dann kann es sein, dass er Löcher in den Deich gräbt, allerdings nur da, wo dieser direkt an das Wasser grenzt, denn der Eingang zum Biberbau muss immer dicht unter der Wasseroberfläche liegen, der eigentliche trockene  Bau darüber.

Den Schäden durch die Biber kann man vorbeugen, zum Beispiel durch eingebaute Schutzgitter und andere Tricks. In Hochwasserzeiten müssen die Deiche ohnehin ständig beobachtet und die Schäden ausgebessert werden. Aber Landwirte, Förster und Politiker wie Gernot Schmidt, Landrat von Märkisch-Oderland, sind sich einig: Die Biber sollen weg. Sie ruinieren nicht nur die Deiche, sondern fällen Bäume und fressen gern den Mais, den die Bauern dicht am Ufer als Biomasse anbauen. Volkes Stimme ruft: „Abschießen!“ Dabei ließen sich die Tiere dadurch gar nicht dezimieren. Wie Wildschweine und Füchse regulieren auch sie ihren Bestand selbst. Werden sie verfolgt, dann bekommen sie mehr Junge. Verlassene Reviere werden schnell wieder besetzt.

Von dem Nutzen, den die geschickten Wasserbauer dem Land bringen, reden ihre Gegner nicht. Obwohl der unbestreitbar ist. „Den Kampf gegen den sinkenden Grundwasserspiegel... erledigt der Biber für uns“, sagt Wolfgang Mädlow vom Naturschutzbund NABU. „Kostenlos, indem er Dämme baut.“

Nicht viel gelernt?

Schuld am Hochwasser ist kein Tier, sondern der Mensch, der Flüsse verbaut und Auwälder zerstört hat und nicht aus Erfahrung klug wird. Nach der Oderflut 1997 hatte die Landesregierung angekündigt, neue Überflutungsflächen schaffen zu wollen. Geschehen ist  wenig.  Einzelne Deiche wurden zurückverlegt, aber Bebauung und Äcker reichen nach wie vor bis dicht an die Ufer heran. 

Es geht aber gar nicht um die Frage, ob Biber eher schädlich oder nützlich sind. Wenn wir wollen, dass es in unserer verödeten Kulturlandschaft noch einen Rest von Artenvielfalt gibt, dann müssen wir es ertragen, dass die Tiere ihren Lebensraum besiedeln und ihn auf ihre Weise nutzen. Und wir müssen einen Preis dafür zahlen. Oder wollen wir nur noch Tiere haben, die brav an der Leine gehen und aufs Wort gehorchen?

Marianne Weno