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Marianne Weno
greift monatlich aktuelle Ent- wicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.
Kolumne Archiv
- August 2010
Bäume stören
- Juli 2010
Wild, wilder, Wildnis?
- Juni 2010
Ein grünes Mäntelchen?
- Mai 2010
Steigflug
- April 2010
Seitenwechsel
- März 2010
Freunde und Feinde
- Februar 2010
Alpträume
- Januar 2010
Die Wände hochgehen
- Dezember 2009
Schluss mit Sushi
- Oktober 2009
König ohne Land
- September 2009
Wie man den Souverän entsorgt
- August 2009
Weg mit den Gänseblümchen?
- Juli 2009
Wer hat das Schwein erfunden?
- Juni 2009
Artenschutz - wo sitzen die Bremser?
- Mai 2009
Halali mit Nebenwirkung

Kolumne im Oktober 2009
König ohne Land
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden,
dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.
Rainer Maria Rilke: „Der Panther“
Panther gibt es im Zirkus Krone nicht, aber King Tonga, den weißen Löwen. In seinem kleinen Gehege an der Clayallee läuft er monoton hin und her. Er ist das „Zugpferd“ des Zirkus Krone, der zurzeit in Berlin gastiert und heftigen Streit ausgelöst hat. Der Berliner Tierschutzbeauftragte Dr. Klaus Lüdcke möchte Wildtiere ganz aus dem Zirkus verbannen; Umweltsenatorin Katrin Lompscher unterstützt ihn darin, aber die rechtlichen Möglichkeiten sind begrenzt, solange es keine bundesweite Regelung gibt. Allenfalls könnten die Bezirke sich weigern, ihre Plätze an einen Zirkus zu vermieten. Für den Fall eines Verbotes droht Krone Berlin mit rechtlichen Schritten, wie schon zuvor gegen andere Städte. Gegen die Tierschutzorganisation Peta, die dem Unternehmen Tierquälerei vorgeworfen hat, läuft bereits eine Klage wegen „übler Nachrede“.
„Artgerecht“ ist unmöglich
Dabei geht es nicht um schlechte oder etwas bessere Haltungs-bedingungen. Sicher hat Krone, der größte Zirkus Deutschlands, andere Möglichkeiten, die Tiere vergleichsweise ordentlich zu behandeln als ein kleiner Familienzirkus. Vielmehr geht es darum, dass es überhaupt nicht möglich ist, Wildtiere in einem Zirkus artgerecht zu halten. Tiere, die in Freiheit täglich große Strecken laufen würden, verbringen viel Zeit ihres Lebens unterwegs in kleinen Transportfahrzeugen. An den wechselnden Standorten vegetieren sie oft in engen Käfigen. Bären leiden schwer unter der Sommerhitze, Löwen unter der Kälte im Winter. Tiere, die von Natur aus in Rudeln leben, werden einzeln gehalten. Die Dressurmethoden mögen heute nicht mehr so brutal sein wie früher – aber nach wie vor werden die Tiere mit zweifelhaften Mitteln gezwungen, Dinge zu tun, die ihrem Wesen fremd sind.
Überholte Tradition
Wilde, exotische Tiere im Zirkus vorzuführen, zur Belustigung oder zum Nervenkitzel – das ist ein Erbe der Kolonialzeit. Die Vorstellung, man dürfe sich ohne Rücksicht am natürlichen Reichtum anderer Kontinente bedienen, sollte Vergangenheit sein wie die „Kolonialwarenläden“. Damals wussten die Menschen in Europa wenig darüber, wie Löwen und Elefanten in Freiheit leben. Spätestens Bernhard Grzimeks Film „Serengeti darf nicht sterben“ aus dem Jahr 1959 dürfte einen Bewusstseinswandel eingeleitet haben. Einem breiten Publikum wurde allmählich klar, dass jenseits unseres Horizontes eine fremde, faszinierende Tierwelt existiert. Immer mehr Fernreisende können heute Elefanten, Löwen und Giraffen in freier Wildbahn beobachten. Kann es sein, dass jemand, der so etwas mit offenen Augen erlebt hat, in einer Manege noch Elefanten sehen möchte, die Kopfstand machen, Affen, die Fahrrad fahren, oder Löwen, die durch brennende Reifen springen? Wollen wir wirklich den Kindern ein so verzerrtes Bild vermitteln: große, starke Tiere, die den Menschen wie Sklaven gehorchen?
Tatsächlich sehen viele Menschen heute die Tierdressuren kritisch. Die Erfolge von Zirkusunternehmen, wie dem Cirque du Soleil, Flic Flac und dem chinesischen Staatszirkus, die auf Tiere verzichten, sprechen dafür ebenso wie die heftigen Diskussionen, die Demonstrationen und Proteste gegen das Krone-Gastspiel in Berlin.
Andere Länder sind uns voraus
Eigentlich sollten wir schon weiter sein. Seit 2002 steht der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz. Geholfen hat das den Zirkustieren genauso wenig wie Schweinen in den Massenställen. 2003 hatte der Bundesrat das Verbraucherschutzministerium aufgefordert, einen Gesetzentwurf zum Verbot von Wildtieren im Zirkus vorzubereiten. Solche Gesetze gibt es schon in Österreich, Dänemark, Schweden und Finnland, das konsequenteste neuerdings in Bolivien. Bei uns hat der Antrag die rot-grüne und die schwarz-rote Regierung überdauert. Bis auf ein paar Anhörungen ist nichts passiert. In dem zuständigen Ministerium sieht man das Grundrecht auf Berufsfreiheit gefährdet. Bisher haben nur einige Städte, wie Heidelberg und Chemnitz, die Auftrittsmöglichkeiten für Wildtiere eingeschränkt.
Solange die Politik nichts weiter tut, um das absurde Treiben unter den Zirkuskuppeln zu beenden, kann nur der Appell an ein aufgeklärtes Publikum helfen. Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel sagt, mit jeder Karte für einen Zirkus, der Wildtiere vorführt, finanziere man Tierqual. Mehr noch: Die Tiere, die hier gezeigt werden, sind in der Freiheit fast alle bedroht. Wir brauchen Wissen über sie, ihre Lebensräume und die Möglichkeiten, sie zu schützen – und kein Naturverständnis von vorgestern.
Marianne Weno
