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Marianne WenoMarianne Wenoundefined greift monatlich aktuelle Ent- wicklungen im Umwelt- und Naturschutz auf und kommentiert sie.

Kolumne Archiv

Kolumne im Juni 2010

Ein grünes Mäntelchen?

Schweden gilt  als Vorreiter in der Umweltpolitik, aber der Staatskonzern Vattenfall, der 18 schmutzige Kohlekraftwerke in Europa betreibt und jedes Jahr Milliarden Kronen in die Staatskasse spült, entlässt pro Jahr fast doppelt so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, wie ganz Schweden emittiert. Nachdem der Konzern auch noch NUON gekauft hat, könnte es bald noch sehr viel mehr werden. Die Zeitung „Aftonbladet“ zitiert den Vorsitzenden eines Naturschutzverbandes: „Vattenfall beschmutzt das Bild Schwedens dramatisch“. Einen kräftigen Beitrag dazu leisten die Braunkohlekraftwerke in Brandenburg, die unausgegorene CCS-Technik und  zwei marode Kernkraftwerke in Deutschland.
Der Konzern braucht also dringend ein grünes Image. Und was könnte da besser aussehen als der Umstieg auf erneuerbare Energien?

Also setzt Vattenfall seit einigen Jahren auf Holzkraftwerke. In Berlin, wo der Konzern ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen verursacht,  hat man den Plan für ein Kohlekraftwerk an der Rummelsburger Bucht aufgegeben und will stattdessen  Holz verfeuern. Auch in Spandau und Moabit soll künftig die Kohle zum Teil durch Holz ersetzt werden. Aber wo soll der Brennstoff herkommen? Holz in jeder Form ist ein zunehmend gefragter und teurer Rohstoff: für die Bauindustrie, die Zellstoffproduktion und für Heizungsanlagen. Auch kann man nur von Nachhaltigkeit  reden, wenn weltweit mehr nachwächst als verbrannt wird. Das ist aber schon lange nicht mehr der Fall.

Die schlechteste Lösung

Vattenfall will Restholz aus Wäldern und Parks nutzen: Baumkronen, Stümpfe und Äste – obwohl sich Forstfachleute längst  einig sind, dass diese Teile als Biotopholz, Humusbildner  und Nährstoffreserve im Wald bleiben sollten. Gerade die nährstoffarmen  Sandböden in Brandenburg sind besonders darauf angewiesen, dass ihnen bei der Verrottung von Holz Mineralien und Spurenelemente zurückgegeben werden, in dem richtigen Mischungsverhältnis, so, wie die Bäume sie zuvor aufgenommen hatten. Auch ist das Totholz wichtig für Insekten, Pilze und insektenfressende Tiere. Es könnte sein, dass mit dem zunehmenden Hunger nach Holz eine neue Phase des Waldsterbens beginnt. Bekannt ist ein skandalöser Fall aus dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. 2008 wurden hier in der Kernzone massenhaft Bäume gefällt und Totholz aus dem Wald geschafft, um das Holzkraftwerk Eberswalde zu beliefern. Aber selbst wenn Wälder und Parks überall wieder gründlich „aufgeräumt“ würden, kämen in Brandenburg höchstens 100 000 Tonnen zusammen. Gebraucht werden aber in naher Zukunft eine Million Tonnen.

Einen Beitrag können „Energiewälder“ mit schnell wachsenden Baumarten wie Pappeln und Weiden leisten. Auf den sogenannten Kurzumtriebsflächen kann das Holz alle sieben bis acht Jahre geerntet werden. Die Landschaft und die Artenvielfalt bereichern solche Monokulturen nicht. In Brandenburg hat Vattenfall ein Auge auf ehemalige Tagebaue und Brachflächen geworfen, aber hier konkurriert man mit anderen Nutzungsmöglichkeiten - mit Erholungslandschaften, Naturschutzflächen und den Wildnis-Plänen der Landesregierung.

Gummibäume aus Afrika

Die Lösung scheint ein Vertrag mit Liberia zu sein.  Das westafrikanische Land wird ab 2015  eine Million Tonnen Gummibaumholz an Vattenfall liefern. Die Bäume, die nach 20 Jahren keinen Kautschuk mehr liefern, wurden bisher nutzlos auf den Feldern verbrannt. Also die ideale Lösung? Wohl kaum. In die Energiebilanz müssen die Emissionen des Schiffstransportes eingehen, die nach einem UN-Bericht von 2008 sogar die des Flugverkehrs um das Doppelte übersteigen. Auch wissen wir nicht, was in Liberia geschieht, wenn sich der Handel als lukrativ erweist. Es könnte sein, dass dann Regenwald gerodet wird oder Felder aufgegeben werden, auf denen bisher Nahrung angebaut wird, um neue Gummibaumplantagen anzulegen. Umweltsenatorin Lompscher schließt sich den Forderungen der Umwelt- und Entwicklungsorganisationen an, die verbindliche Richtlinien für den Import von Brennholz fordern. Vattenfall verspricht, solche Kriterien zu entwickeln.
Beim Vertragsabschluss mit Liberia war davon noch keine Rede.
Ein „grüner Riese“ ist der Konzern damit noch lange nicht.

Marianne Weno

Mehr zum Thema: Peter Wohlleben, "HOLZRAUSCH Der Bioenergieboom und seine Folgen", adatia Verlag, € 14,90